Und umgekehrt. Es ist diese Beschaffenheit der Welt, die
Dostojewski in Die Brüder Karamasow beschreibt.
Entscheidend ist, das Gleichgewicht zwischen den sich in
unabl.ssiger Bewegung befindlichen Kategorien von Gut
und B.se zu erhalten. Bekommt eine Seite das
übergewicht, wird es schwierig, eine realistische Moral
aufrechtzuerhalten. Ja, das Gleichgewicht an sich ist das
Gute. Und ich muss sterben, um dieses Gleichgewicht
herzustellen..
.Ich sehe keine Notwendigkeit mehr, Sie hier und jetzt zu
t.ten., sagte Aomame aufrichtig. .Sie wissen es
wahrscheinlich: Ich bin in der Absicht gekommen, Sie
umzubringen. Ein Mensch wie Sie darf nicht leben. Ich
hatte vor, Sie unter allen Umst.nden vom Angesicht dieser
Erde zu tilgen. Doch jetzt habe ich diese Absicht nicht
mehr. Sie leiden fürchterliche Schmerzen, und ich wei.
das. Von mir aus k.nnen Sie jetzt unter Qualen elendiglich
zugrunde gehen. Es liegt nicht in meinem Interesse, Ihnen
den Tod zu erleichtern..
Der Mann, der noch immer auf dem Bauch lag, nickte.
.Wenn du mich t.test, werden meine Leute dich so lange
jagen, bis sie dich finden.. Er duzte Aomame jetzt. .Sie
sind ein fanatischer Haufen, z.h und engstirnig. Mit mir
würde die Gemeinschaft ihre treibende, einigende Kraft
verlieren. Aber hat sich ein System wie dieses einmal
herausgebildet, beginnt es ein Eigenleben zu führen..
Aomame h.rte zu.
.Schlimm, was deiner Freundin passiert ist., sagte der
Mann.
.Meiner Freundin?.
.Die mit den Handschellen. Wie hie. sie noch?.
In Aomame kehrte pl.tzlich Ruhe ein. Sie hatte keine
widerstreitenden Gefühle mehr. Nur eine bleierne Stille
senkte sich über sie.
.Ayumi Nakano., sagte Aomame.
.Eine unglückselige Angelegenheit..
.Haben Sie das getan?., fragte Aomame kalt. .Haben Sie
Ayumi umgebracht?.
.Aber nein. Ich hatte keinen Grund, sie zu t.ten..
.Aber Sie wissen davon. Wer hat Ayumi umgebracht?.
.Unsere Kundschafter sind der Sache nachgegangen.,
sagte der Mann. .Wer es war, wissen wir noch nicht. Nur,
dass deine Freundin, die Polizistin, in einem Hotel von
jemandem erdrosselt wurde..
Aomame ballte ihre Rechte zu einer harten Faust. .Aber
Sie haben gesagt, .schlimm, was deiner Freundin passiert
ist...
.Ich konnte es nicht verhindern. Wer sie auch get.tet
haben mag, es ist immer das schw.chste Glied, auf das sie
als Erstes zielen. Wie W.lfe aus einer Herde Schafe das
schw.chste Tier ausw.hlen..
.Hei.t das, Ayumi war mein schw.chster Teil?.
Der Mann antwortete nicht.
Aomame schloss die Augen. .Aber warum mussten sie sie
t.ten? Sie war ein liebes M.dchen. Sie hat niemandem
etwas zuleide getan. Warum? Weil ich in diese
Sache verwickelt bin? Da h.tte es doch gereicht, mich aus
dem Weg zu r.umen..
.Dich k.nnen sie nicht vernichten..
.Warum nicht?., fragte Aomame. .Warum k.nnen die
mich nicht vernichten?.
.Weil du bereits zu einem besonderen Wesen geworden
bist..
.Ich bin ein besonderes Wesen?., sagte Aomame. .In
welcher Hinsicht?.
.Das wirst du bald herausfinden..
.Bald?.
.Wenn die Zeit dazu gekommen ist..
Aomame zog wieder eine Grimasse. .Ich verstehe nicht,
wovon Sie reden..
.Du wirst es verstehen..
Aomame schüttelte den Kopf. .Wie dem auch sei, an
mich kommen sie nicht heran. Also haben sie sich eine
Schwachstelle in meinem Umfeld gesucht. Um mich zu
warnen. Damit ich Sie nicht umbringe..
Der Mann schwieg. Ein zustimmendes Schweigen.
.Das ist furchtbar., sagte Aomame. Sie schüttelte den
Kopf. .Sie haben Ayumi get.tet, obwohl das nichts an der
Realit.t .ndert..
.Nein, sie sind keine M.rder. Sie lassen sich nicht dazu
herab, jemanden eigenh.ndig umzubringen. Was deine
Freundin get.tet hat, war etwas, das in ihr selbst angelegt
war. Früher oder sp.ter w.re es zu einer .hnlichen
Trag.die gekommen. Sie lebte riskant. Die haben nur den
Ansto. gegeben. Quasi die Einstellung des Timers
ge.ndert..
Die Einstellung des Timers?
.Ayumi war kein elektrischer Backofen. Sondern ein
lebendiger Mensch. Riskant oder nicht, sie hat mir viel
bedeutet. Und ihr habt sie mir einfach genommen. Sinnlos
und grausam..
.Dein Zorn ist gerechtfertigt., sagte der Mann. .Du
kannst ihn gern gegen mich richten..
Aomame schüttelte den Kopf. .Auch wenn ich Sie jetzt
erledige, macht das Ayumi nicht wieder lebendig..
.Aber du k.nntest den Little People damit einen Schlag
versetzen. Sozusagen Rache nehmen. Sie wollen nicht, dass
ich schon sterbe. Durch meinen Tod würde eine Lücke
entstehen. Zumindest zeitweilig, bis sie einen Nachfolger
finden. Für sie w.re das ein schwerer Schlag. Und zugleich
ein Vorteil für dich..
.Jemand hat einmal gesagt, nichts sei so kostspielig und
fruchtlos wie Rache..
.Winston Churchill. Allerdings hat er dies, soweit ich
mich erinnere, ge.u.ert, um das Haushaltsdefizit des
Britischen Empire zu entschuldigen. Der Satz hat keine
moralische Bedeutung..
.Moral interessiert mich nicht. Ihr K.rper wird von etwas
R.tselhaftem aufgezehrt, und Sie werden unter Schmerzen
sterben, ohne dass ich einen Finger krumm machen muss.
Warum sollte ich Mitleid haben? Wenn der Welt alle Moral
fl.ten geht und sie zusammenbricht, ist das nicht meine
Schuld..
Der Mann seufzte abermals tief. .Ich verstehe. Ich
verstehe dich sehr gut. Pass auf, ich biete dir eine Art
Gesch.ft an. Wenn du meinem Leben jetzt ein Ende setzt,
werde ich im Gegenzug dafür Tengo Kawanas Leben retten.
So viel Macht bleibt mir noch..
.Tengo., sagte Aomame. Alle Kraft wich aus ihrem
K.rper. .Von ihm wissen Sie auch!.
.Ich wei. alles über dich. Habe ich doch gesagt. Oder
sagen wir fast alles..
.Aber Sie k.nnen nicht meine Gedanken lesen. Nie habe
ich Tengos Namen auch nur einmal nach au.en dringen
lassen. Ich habe ihn immer für mich behalten..
.Aomame., sagte der Mann und stie. einen kurzen
Seufzer aus. .Nichts auf dieser Welt kann man immer für
sich behalten. Au.erdem spielt Herr Tengo Kawana –
zuf.llig, k.nnte ich wohl sagen – im Augenblick eine nicht
geringe Rolle für uns..
Aomame fehlten die Worte.
.Doch offen gestanden., sagte der Mann, .ist es nicht
blo. Zufall. Euer beider Schicksal hat sich nicht einfach nur
so ergeben. Es war euch bestimmt, diese Welt zu betreten.
Und seit ihr hier seid, hat jeder von euch, ob es ihm gef.llt
oder nicht, eine Aufgabe erhalten..
.Wir haben diese Welt betreten?.
.Ja. Das Jahr 1Q84..
.1Q84?., sagte Aomame. Wieder verzerrte sich ihr
Gesicht. Das war doch der Begriff, den sie selbst geschaffen
hatte!
.Genau. Das Wort, das du erfunden hast., sagte der
Mann, als h.tte er ihre Gedanken gelesen. .Ich habe mir
erlaubt, es zu verwenden..
1Q84 – Aomame formte das Wort in ihren Mund.
.Es gibt nichts auf dieser Welt, das man auf ewig für sich
behalten kann., wiederholte der Leader mit ruhiger
Stimme.
KAPITEL 12
Tengo
An den Fingern abz.hlen kann man sie nicht
Tengo beeilte sich, vom Bahnhof nach Hause zu kommen,
bevor es zu regnen anfing. Am Abendhimmel war noch
immer keine Wolke zu sehen. Es sah weder nach Regen
noch nach einem Gewitter aus. Er schaute sich um, aber es
war auch niemand mit einem Regenschirm unterwegs. Es
war ein milder Sommerabend, wie geschaffen für ein
Baseballspiel und ein Bier vom Fass. Dennoch war er
vorl.ufig geneigt, Fukaeris Worten Glauben zu schenken.
Das war besser, als ihr nicht zu glauben, fand Tengo. Sich
auf Erfahrung statt auf Logik zu verlassen.
Als Tengo den Briefkasten aufschloss, fand er einen
offiziell wirkenden Umschlag ohne Absender darin, den er
auf der Stelle .ffnete. Man benachrichtigte ihn, dass 1 627
534 Yen auf seinem Bankkonto eingegangen seien.
überwiesen hatte das Geld ein .Office ERI., vielleicht diese
Scheinfirma, die Komatsu gegründet hatte. Oder es
stammte von Professor Ebisuno. Komatsu hatte
irgendwann zu Tengo gesagt: .Er will dir zum Dank einen
Anteil von den Erl.sen aus der Puppe aus Luft zahlen..
Vielleicht war das dieser als Honorar für .Mitarbeit. oder
.Recherche. getarnte .Anteil.. Nachdem Tengo sich noch
einmal von der H.he des Betrags überzeugt hatte, schob er
die Benachrichtigung wieder in den Umschlag und steckte
ihn in die Tasche.
Eine Million und sechshunderttausend Yen waren für
Tengo ziemlich viel Geld (eigentlich sogar die gr..te
Summe, die er in seinem Leben jemals besessen hatte), aber
er war weder überrascht, noch freute er sich besonders.
Geld war im Augenblick für Tengo kein besonderes
Problem. Er hatte ein relativ festes Einkommen und musste
sich nicht sonderlich einschr.nken. Zukunftsangst hatte er
zumindest zum gegenw.rtigen Zeitpunkt auch nicht.
Dennoch schienen ihm alle irgendwelches Geld aufdr.ngen
zu wollen. Verkehrte Welt.
Was die überarbeitung des Textes anging, fand er, dass es
sich für eine Million sechshunderttausend Yen kaum
lohnte, sich in eine derart schwierige Lage zu begeben.
H.tte man ihn jedoch gefragt, was denn ein angemessenes
Honorar gewesen w.re, h.tte er auch keine Antwort
gewusst. Er wusste nicht einmal, ob es für solche
Scherereien überhaupt einen angemessenen Preis gab.
Sicher gab es vieles auf der Welt, dessen Wert sich nicht
ermessen oder mit Geld bezahlen lie.. Da sich Die Puppe
aus Luft weiter gut zu verkaufen schien, würden künftig
vielleicht noch mehr überweisungen erfolgen und dadurch
immer mehr Probleme entstehen. Weitere Honorare
würden das bestehende Ausma. seiner Verstrickung nur
noch weiter verst.rken.
Tengo nahm sich vor, die eine Million
sechshunderttausend Yen sofort am n.chsten Morgen an
Komatsu zurückzuschicken. Damit konnte er eine gewisse
Art von Verantwortung vermeiden. Zumindest hatte er
dann schon einmal formal ein Honorar abgelehnt.
Vielleicht würde ihn das erleichtern. Seiner moralischen
Verantwortung hatte er sich damit allerdings nicht
entledigt. Und das, was er getan hatte, nicht gerechtfertigt.
H.chstens würden ihm daraus mildernde Umst.nde
erwachsen. Oder aber er würde sich noch verd.chtiger
machen. Als würde er das Geld zurückgeben, weil er ein
schlechtes Gewissen hatte.
Er grübelte so sehr, dass er Kopfschmerzen bekam, und
beschloss, sich keine Gedanken mehr wegen der eine
Million sechshunderttausend zu machen. Er konnte sp.ter
noch in Ruhe darüber nachdenken. Geld war nicht lebendig
und lief nicht fort, selbst wenn man es eine Weile liegen
lie.. Wahrscheinlich nicht.
Die wichtigste Frage ist, wie ich mein Leben neu
ausrichte, dachte Tengo, w.hrend er zu seiner Wohnung in
den zweiten Stock hinaufstieg. Der Besuch in dem
Sanatorium an der Südspitze der Boso-Halbinsel hatte ihn
so gut wie überzeugt, dass der Mann dort wahrscheinlich
nicht sein richtiger Vater war. Er war an einem neuen
Ausgangspunkt angelangt, der ihm vielleicht genau die
richtige Gelegenheit bot, alle .rgernisse hinter sich zu
lassen und ein neues Leben anzufangen. Ein neuer
Arbeitsplatz, ein Ortswechsel, neue Beziehungen. Auch
wenn er es sich noch nicht v.llig zutraute, stieg in ihm
doch die Ahnung von einem stimmigeren Leben auf.
Allerdings musste er zuvor noch einiges in Ordnung
bringen. Er konnte nicht pl.tzlich verschwinden und
Fukaeri, Komatsu und Professor Ebisuno einfach
zurücklassen, auch wenn er ihnen gegenüber natürlich
keine moralische Verpflichtung oder Verantwortung hatte.
Sie hatten ihm, wie Ushikawa sagte, nur Scherereien
bereitet. Doch obwohl er von dem ganzen Komplott hinter
Die Puppe aus Luft nichts gewusst hatte und beinahe
unfreiwillig in die Sache hineingezogen worden war, hatte
er faktisch doch die ganze Zeit mitgemacht. Er konnte
nicht einfach sagen, ich wei. nicht weiter, seht zu, wo ihr
bleibt. Er wollte unbedingt einen Schlussstrich ziehen und
gereinigt von dannen gehen. Andernfalls w.re sein sch.nes
nagelneues Leben, das fleckenlos sein sollte, von Anfang an
beschmutzt.
Bei .Schmutz. fiel ihm Ushikawa ein. Tengo seufzte. Der
Mann besa. offenbar Informationen über seine Mutter, die
er, wie er behauptet hatte, sogar an Tengo h.tte
weitergeben k.nnen.
FALLS SIE ALSO ETWAS üBER IHRE FRAU MUTTER
ERFAHREN M.CHTEN, KANN ICH IHNEN AUSKUNFT
GEBEN. SOWEIT ICH WEISS, SIND SIE
AUFGEWACHSEN, OHNE SIE ZU KENNEN. ALLERDINGS
SIND AUCH INFORMATIONEN DABEI, DIE NICHT
GERADE ERFREULICH ZU NENNEN SIND.
Tengo hatte ihm nicht einmal geantwortet, denn er
verspürte nicht die geringste Neigung, ausgerechnet aus
Ushikawas Mund etwas über seine Mutter zu erfahren.
Alles, was aus dem Mund dieses Mannes kam, egal was es
war, konnte nur Unrat sein. Nein, Tengo wollte von solchen
Informationen nichts wissen. Erkenntnisse über seine
Mutter durften ihn nicht in Form bruchstückhafter
Hinweise erreichen, sondern mussten ihm als geschlossene
.Offenbarung. zuteil werden. Umfassend und lebendig
mussten sie sein, sozusagen ein Universum, das er sofort in
seiner Gesamtheit zu überblicken vermochte.
Natürlich konnte Tengo nicht wissen, ob ihm eine so
dramatische Er.ffnung eines Tages verg.nnt sein würde.
Vielleicht würde es niemals dazu kommen. Aber er
ben.tigte ein Ereignis von gewaltigen Ausma.en, das
diesen lebendigen .Tagtraum., der ihn seit Jahren stets
aufs Neue verwirrte und emotional aus der Bahn warf,
verdr.ngte und überdeckte. Nur so konnte es zu einer
Reinigung kommen. Stückweise verkaufte Informationen
nutzten ihm überhaupt nichts.
Es war viel, was Tengo durch den Kopf ging, w.hrend er
die Treppe in den zweiten Stock hinaufstieg.
Vor seiner Wohnung angekommen, kramte er den
Schlüssel hervor, steckte ihn ins Schlüsselloch und drehte
ihn um. Er klopfte dreimal und nach einer kurzen Pause
noch zweimal. Erst jetzt .ffnete er leise die Tür.
Fukaeri sa. am Tisch und trank Tomatensaft aus einem
hohen Glas. Sie trug noch die gleichen Sachen wie bei ihrer