Ankunft: das gestreifte M.nnerhemd und die engen Blue
Jeans. Dennoch wirkte sie v.llig anders auf ihn als am
Morgen, was daran lag – Tengo brauchte einen Moment,
bis er es bemerkte –, dass sie ihre Haare
zusammengebunden und aufgesteckt hatte. Daher lagen
ihre Ohren und ihr Nacken nun ganz frei. Sie hatte
zierliche rosafarbene Ohren, die aussahen, als seien sie
gerade erst geformt und mit einer weichen Quaste gepudert
worden. Sie schienen eher aus .sthetischen Motiven
geschaffen zu sein, als dass sie der Aufnahme von
Ger.uschen dienten. Zumindest sahen sie in Tengos Augen
so aus. Der wohlgestaltete schlanke Hals darunter
schimmerte verlockend wie eine in verschwenderischem
Sonnenschein gereifte Frucht. Er war von einer
unendlichen Reinheit, wie gemacht für Marienk.fer und
Morgentau. Es war das erste Mal, dass er Fukaeri mit
aufgestecktem Haar sah, aber es war ein ans Wunderbare
grenzender Anblick, vertraut und sch.n zugleich. Tengo
blieb, obwohl er die Tür bereits hinter sich geschlossen
hatte, eine Weile im Flur stehen. Ihr entbl..ter Nacken
und ihre Ohren berührten ihn ebenso stark wie die
Nacktheit anderer Frauen, und das verwirrte ihn zutiefst.
Wie einem Forscher, der eine verborgene Quelle des Nils
entdeckt hat, verschlug es Tengo einen Moment lang die
Sprache. Die Hand noch immer am Türknauf, starrte er
Fukaeri mit halbgeschlossenen Augen an.
.Ich war gerade unter der Dusche., sagte sie zu Tengo,
der wie angewurzelt an der Tür stand. Sie sprach mit
ernster Stimme, als sei ihr gerade etwas sehr Wichtiges
eingefallen. .Ich habe Ihr Shampoo und Ihre Spülung
benutzt..
Tengo nickte. Dann riss er sich mit einer gewissen
Anstrengung endlich vom Türknauf los und schloss ab.
Shampoo? Spülung? Er betrat den Raum.
.Hat jemand von denen angerufen?., fragte Tengo.
.Niemand., sagte Fukaeri und schüttelte leicht den Kopf.
Tengo trat ans Fenster, schob den Vorhang ein wenig zur
Seite und sah nach drau.en. An der Szenerie vor seinem
Fenster war nichts Auff.lliges zu entdecken. Keine
verd.chtigen Personen, keine verd.chtigen parkenden
Autos. Nur der übliche langweilige Blick auf seine
langweilige Wohngegend. Die verkrüppelten B.ume am
Stra.enrand waren von grauem Staub bedeckt, die
Leitplanke war v.llig verbeult, und mehrere rostige
Fahrr.der, die niemand mehr abholen würde, standen
herum. An einem Zaun hing ein Schild mit einem Slogan
der Polizei: .Alkohol am Steuer ist eine Einbahnstra.e und
kommt teuer.. (Ob es bei der Polizei besondere Experten
für diese Sprüche gab?) Ein b.sartig aussehender alter
Mann führte einen b.sartig aussehenden Mischlingshund
spazieren. Eine dumm aussehende Frau fuhr in einem
h.sslichen Kleinwagen vorbei. übel aussehende
Stromleitungen hingen zwischen h.sslichen Strommasten.
Der Blick aus dem Fenster belegte einen Zustand der Welt,
der durch die ungehinderte Ausbreitung kleiner Welten,
von denen jede einzelne ihre eigene dezidierte Form hatte,
irgendwo zwischen .tragisch. und .freudlos. angesiedelt
war.
Andererseits existierten auf dieser Welt auch unleugbar
sch.ne Ansichten, wie Fukaeris Ohren und ihr Hals. Es war
nicht leicht zu entscheiden, auf was man mehr vertrauen
sollte. Tengo knurrte leise und tief wie ein gro.er
verwirrter Hund. Dann schloss er den Vorhang, um in seine
eigene kleine Welt zurückzukehren.
.Wei. Professor Ebisuno, dass du hier bist?., fragte
Tengo.
Fukaeri schüttelte den Kopf. Der Professor wusste nichts.
.Willst du ihm nicht Bescheid sagen?.
Fukaeri schüttelte den Kopf. .Kann nicht..
.Weil es gef.hrlich w.re?.
.Vielleicht geht das Telefon nicht und die Post auch
nicht..
.Also bin ich der Einzige, der wei., dass du hier bist..
Fukaeri nickte.
.Hast du Kleidung zum Wechseln und so was dabei?.
.Nur ein bisschen., sagte Fukaeri mit einem Blick auf ihre
Umh.ngetasche aus Segeltuch. Viel konnte nicht darin
sein.
.Aber das macht mir nichts aus., sagte das junge
M.dchen.
.Wenn es dir nichts ausmacht, macht es mir natürlich
auch nichts aus., sagte Tengo.
Tengo ging in die Küche und setzte einen Kessel mit
Wasser auf. Er füllte Teebl.tter in eine Teekanne.
.Kommt die Frau, mit der Sie befreundet sind., fragte
Fukaeri.
.Sie kommt nicht mehr., erwiderte Tengo kurz.
Fukaeri schwieg und sah Tengo ins Gesicht.
.Vorl.ufig nicht., fügte er hinzu.
.Das ist meine Schuld., fragte Fukaeri.
Tengo schüttelte den Kopf. .Wessen Schuld das ist, wei.
ich nicht. Aber deine ist es, glaube ich, nicht.
Wahrscheinlich meine. Und vielleicht auch ein bisschen
ihre eigene..
.Aber jedenfalls kommt sie nicht mehr..
.So ist es. Sie kommt nicht mehr. Wahrscheinlich.
Deshalb kannst du ruhig bleiben..
Fukaeri dachte eine Weile stumm darüber nach. .Sie ist
verheiratet., fragte sie dann.
.Ja, und sie hat zwei Kinder..
.Aber das sind nicht Ihre Kinder..
.Natürlich nicht. Sie hatte sie schon, bevor sie mich
kennenlernte..
.Sie haben sie geliebt..
.Vielleicht., sagte Tengo. Mit gewissen
Einschr.nkungen, fügte er bei sich hinzu.
.Sie hat Sie auch geliebt..
.Vielleicht. Bis zu einem gewissen Grad..
.Sie hatten Verkehr..
Tengo brauchte einen Moment, bis ihm einfiel, dass sie
mit diesem Wort wohl .Geschlechtsverkehr. meinte. Es
war kein Wort, das er aus Fukaeris Mund erwartet h.tte.
.Natürlich. Sie ist bestimmt nicht jede Woche
hergekommen, um mit mir Monopoly zu spielen..
.Monopoly., fragte Fukaeri.
.Ach, nichts., sagte Tengo.
.Aber jetzt kommt sie nicht mehr..
.Zumindest hat ihr Mann mir das gesagt. Sie sei
verlorengegangen und k.nne nicht mehr zu mir kommen..
.Verlorengegangen..
.Was das konkret bedeutet, wei. ich nicht. Ich habe ihn
gefragt, aber er hat es mir nicht gesagt. Im Leben gibt es
meist mehr Fragen als Antworten. Es ist ein ungleicher
Handel. M.chtest du Tee?.
Fukaeri nickte.
Tengo goss das kochende Wasser in die Kanne. Er setzte
den Deckel darauf und lie. den Tee ziehen.
.Da kann man nichts machen., sagte Fukaeri.
.Dagegen, dass es zu wenig Antworten gibt? Oder dass sie
verlorengegangen ist?.
Fukaeri gab keine Antwort.
Resigniert goss Tengo den schwarzen Tee in zwei
Teetassen. .Zucker?.
.Einen L.ffel., sagte Fukaeri.
.Zitrone oder Milch?.
Fukaeri schüttelte den Kopf. Tengo gab einen Teel.ffel
Zucker in ihre Tasse, rührte langsam um und stellte sie der
jungen Frau hin. Dann setzte er sich mit seinem Tee – er
trank ihn schwarz – ihr gegenüber an den Tisch.
.Der Verkehr hat Ihnen gefallen., fragte Fukaeri.
.Ob es mir gefallen hat, mit meiner Freundin zu
schlafen?. Tengo formulierte ihre Frage sicherheitshalber
noch einmal aus.
Fukaeri nickte.
.Ja, schon., sagte Tengo. .Ich habe eine gewisse Vorliebe
für den Verkehr mit dem anderen Geschlecht. Die meisten
Menschen m.gen das..
Und, dachte er bei sich, sie war sehr gut darin gewesen.
Genau wie es in manchen D.rfern einen Bauern gibt, der
ein besonderes H.ndchen für die Bew.sserung seiner
Felder hat, war sie gut in der Liebe gewesen. Wie gern sie
alles M.gliche ausprobiert hatte!
.Sie sind traurig, dass sie jetzt nicht mehr kommt., fragte
Fukaeri.
.Ja, schon, wahrscheinlich., sagte Tengo. Und trank von
seinem Tee.
.Weil es keinen Verkehr mehr gibt..
.Das spielt natürlich auch mit hinein..
Fukaeri blickte Tengo eine Weile direkt ins Gesicht. Es
schien, als würde sie über den Umstand des
Geschlechtsverkehrs nachdenken. Andererseits konnte
niemand je wissen, was Fukaeri wirklich dachte.
.Hast du Hunger?., fragte Tengo.
Fukaeri nickte. .Ich habe seit heute Morgen fast nichts
gegessen..
.Dann lass uns was zu essen machen., sagte Tengo. Auch
er hatte seit dem Morgen kaum etwas zu sich genommen
und spürte seinen leeren Magen. Au.erdem h.tte er auch
nicht gewusst, was sie sonst h.tten tun sollen.
Tengo wusch Reis, schaltete den Reiskocher ein und
bereitete, w.hrend der Reis garte, eine Misosuppe mit
Wakame-Algen und Frühlingszwiebeln, briet eine
getrocknete Rossmakrele, nahm Tofu aus dem
Kühlschrank, hackte Ingwer und rieb Rettich. Er w.rmte
etwas übriggebliebene Gemüsebrühe in einem Topf auf und
richtete eingelegte wei.e Rüben und Salzpflaumen an. Die
kleine, enge Küche wirkte noch enger, wenn der stattliche
Tengo darin herumwirtschaftete. Dennoch fühlte er sich
nicht eingeengt. Er war seit langem daran gew.hnt, mit
dem auszukommen, was er hatte.
.Leider kann ich nur ein paar Kleinigkeiten machen.,
sagte Tengo.
Fukaeri beobachtete, wie er geschickt herumhantierte.
.Sie sind daran gew.hnt zu kochen., sagte sie, nachdem sie
seine auf dem Tisch aneinandergereihten Erzeugnisse
interessiert betrachtet hatte.
.Das kommt, weil ich schon so lange allein lebe. Ich
koche rasch etwas für mich allein und esse es rasch für
mich allein..
.Sie essen immer allein..
.Ja. Ich esse nur ganz selten in Gesellschaft. Bis vor
kurzem habe ich einmal in der Woche mit dieser Frau zu
Mittag gegessen. Aber dass ich mit jemandem zu Abend
gegessen habe, ist schon eine Ewigkeit her..
.Es macht Sie nerv.s., fragte Fukaeri.
Tengo schüttelte den Kopf. .Nein, nicht besonders.
H.chstens beim Abendessen. Es fühlt sich etwas seltsam
an..
.Ich habe immer mit vielen Leuten zusammen gegessen.
Weil ich von klein auf mit so vielen Menschen
zusammengelebt habe. Auch beim Sensei essen wir immer
mit allen m.glichen Leuten. Weil er immer viel Besuch
hat..
Es war das erste Mal, dass Fukaeri mehrere S.tze am
Stück gesprochen hatte.
.Aber in deinem Versteck hast du die ganze Zeit allein
gegessen?., fragte Tengo.
Fukaeri nickte.
.Wo ist denn dieses Versteck, in dem du dich die ganze
Zeit aufgehalten hast?., fragte Tengo.
.Weit weg. Der Sensei hat es für mich besorgt..
.Und was hast du gegessen, als du allein warst?.
.Fertiggerichte. Abgepacktes., sagte Fukaeri. .Ein Essen
wie dieses habe ich schon lange nicht mehr bekommen..
Fukaeri l.ste sich langsam einige Bissen Makrele von den
Gr.ten, steckte sie in den Mund und kaute lange. Als würde
sie eine seltene Spezialit.t essen. Schlie.lich kostete sie
and.chtig von der Misosuppe und kam zu irgendeinem
Urteil. Danach legte sie die St.bchen auf dem Tisch ab und
hing ihren Gedanken nach.
Gegen neun glaubte Tengo, fernes Donnergrollen zu
h.ren. Als er den Vorhang ein wenig zurückschob und nach
drau.en blickte, zogen bedrohlich wirkende Wolken über
den dunklen Himmel heran.
.Du hattest recht. Es sieht nach Gewitter aus., sagte
Tengo und schloss den Vorhang.
.Das ist, weil die Little People toben., erkl.rte Fukaeri
mit ernstem Gesicht.
.Wenn die Little People toben, entstehen Unwetter?.
.Je nachdem. Es ist eine Frage, wie das Wetter es
aufnimmt..
.Wie das Wetter es aufnimmt?.
Fukaeri schüttelte den Kopf. .Ich wei. nicht genau..
Auch Tengo war etwas ratlos. Er hatte das Wetter stets für
eine unabh.ngige, objektive Gegebenheit gehalten. Aber
wahrscheinlich würde es zu nichts führen, auch wenn er
dieser Frage jetzt nachging. Also entschloss er sich, eine
andere Frage zu stellen.
.Sind die Little People zornig?.
.Sie wollen, dass etwas passiert., sagte Fukaeri.
.Was denn?.
.Wir werden es bald wissen..
Sie wuschen das Geschirr ab und r.umten es nach dem
Abtrocknen in den Schrank. Anschlie.end setzten sie sich
an den Tisch und tranken grünen Tee. Tengo h.tte sich
gern ein Bier genehmigt, aber er entschied sich, heute
lieber auf Alkohol zu verzichten. Es lag eine vage
Atmosph.re von Gefahr in der Luft. Für den Fall, dass etwas
geschah, sollte er seine Sinne m.glichst beisammen haben.
.Am besten, wir gehen früh schlafen., sagte Fukaeri. Und
legte beide H.nde an die Wangen, wie die schreiende
Person, die auf dem Bild von Edvard Munch auf der Brücke
steht. Nur, dass sie nicht schrie. Sie war blo. müde.
.Gut. Du kannst mein Bett nehmen. Ich schlafe auf dem
Sofa, wie letztes Mal., sagte Tengo. .Mach dir deshalb
keine Gedanken. Ich kann überall schlafen..
Das stimmte. Tengo besa. tats.chlich die F.higkeit,
binnen kürzester Zeit überall einzuschlafen. Man konnte es
fast eine Gabe nennen.
Fukaeri nickte nur und sah Tengo eine Weile
kommentarlos an. Dann berührte sie eines ihrer sch.nen,
taufrischen Ohren. Wie um sich zu vergewissern, dass es
noch richtig an seinem Platz sa.. .K.nnen Sie mir einen
Schlafanzug leihen. Ich habe keinen dabei..
Tengo holte aus einer Schublade in der
Schlafzimmerkommode einen Schlafanzug und reichte ihn
Fukaeri. Es war derselbe, den er ihr beim letzten Mal
gegeben hatte. Ein blauer Schlafanzug ohne Muster. Er
hatte ihn damals gewaschen und zusammengelegt.
Sicherheitshalber hielt er ihn an die Nase, roch aber nichts.
Fukaeri nahm den Pyjama, ging ins Bad, um sich
umzuziehen, und kehrte dann an den Tisch zurück. Sie
trug ihre Haare jetzt wieder offen. Wie damals hatte sie die
.rmel und Hosenbeine aufgekrempelt.
.Es ist noch vor neun., sagte Tengo mit einem Blick auf
die Wanduhr. .Gehst du immer so früh ins Bett?.
Fukaeri schüttelte den Kopf. .Heute ist eine Ausnahme..
.Weil drau.en die Little People toben?.
.Ich wei. nicht. Ich bin eben schon müde..
.Du siehst wirklich müde aus., gab Tengo zu.
.K.nnen Sie sich mit mir unterhalten oder mir vorlesen,
wenn ich im Bett bin., fragte Fukaeri.
.Gut., sagte Tengo. .Ich habe sowieso nichts vor..
Es war ein schwüler Abend, aber als Fukaeri im Bett war,
zog sie sich die Decke bis zum Hals, als wolle sie die .u.ere
Welt streng von ihrer eigenen getrennt halten. Aus
irgendeinem Grund sah sie im Bett wie ein kleines
M.dchen aus. Nicht .lter als zw.lf. Der Donner drau.en
wurde immer lauter. Offenbar war das Gewitter jetzt in
unmittelbarer N.he. Bei jedem Schlag erzitterten klirrend
die Scheiben. Doch seltsamerweise blitzte es nicht. Nur