Donnerschl.ge krachten vom pechschwarzen Himmel. Es
sah auch nicht so aus, als würde es bald anfangen zu
regnen. Offenbar herrschte hier ein Ungleichgewicht.
.Sie sehen uns., sagte Fukaeri.
.Die Little People?., fragte Tengo.
Fukaeri antwortete nicht.
.Sie wissen, dass wir hier sind., sagte Tengo.
.Natürlich wissen sie das., sagte Fukaeri.
.Haben sie etwas mit uns vor?.
.Sie k.nnen uns nichts tun..
.Da bin ich froh., sagte Tengo.
.Im Moment..
.Sie k.nnen uns also im Moment nichts anhaben.,
wiederholte Tengo mit kraftloser Stimme. .Aber wir wissen
nicht, wie lange das so bleibt..
.Das wei. niemand., erkl.rte Fukaeri entschieden.
.K.nnten sie stattdessen jemandem in unserer
Umgebung etwas antun?., fragte Tengo.
.Das k.nnte sein..
.Etwas Schreckliches?.
Fukaeri kniff angestrengt die Augen zusammen, wie ein
Seemann, der den Gesang von Schiffsgeistern zu h.ren
versucht. .Es kommt darauf an., sagte sie dann.
.Vielleicht haben die Little People ihre Macht gegen
meine Freundin eingesetzt. Als Warnung für mich..
Fukaeri zog ruhig eine Hand unter der Bettdecke hervor
und kratzte sich mehrmals an ihrem taufrischen Ohr. Dann
schob sie die Hand ebenso ruhig wieder unter die Decke.
.Ihre Macht hat Grenzen..
Tengo biss sich auf die Lippen. .Was k.nnen sie denn
zum Beispiel konkret?., fragte er.
Fukaeri schien etwas dazu sagen zu wollen, überlegte es
sich jedoch anders und zog sich, ohne eine Meinung zu
.u.ern, allein an ihren Ursprung zurück. Wo dieser sich
befand, wusste er nicht, aber er war tief und dunkel.
.Du hast gesagt, die Little People verfügen über Weisheit
und Macht..
Fukaeri nickte.
.Aber weil sie im Wald leben, k.nnen sie ihre F.higkeiten
nicht mehr richtig einsetzen, wenn sie ihn verlassen. Und
es gibt auf dieser Welt irgendwelche Werte, die man ihrer
Weisheit und Macht entgegensetzen kann. Ist es so?.
Fukaeri antwortete nicht. Wahrscheinlich war die Frage
zu lang gewesen.
.Du bist den Little People schon einmal begegnet?.,
fragte Tengo.
Fukaeri starrte ihm vage ins Gesicht, als k.nne sie die
Bedeutung seiner Frage nicht erfassen.
.Du hast sie tats.chlich schon mit eigenen Augen
gesehen., fragte Tengo noch einmal.
.Ja., sagte Fukaeri.
.Wie viele von ihnen hast du gesehen?.
.Ich wei. nicht. Man kann sie nicht an den Fingern
abz.hlen..
.Aber es war nicht nur einer..
.Es waren mal mehr, mal weniger. Aber nicht nur einer..
.Sie sind, wie du sie in deiner Geschichte beschrieben
hast..
Fukaeri nickte.
Spontan stellte Tengo die Frage, die er ihr schon immer
hatte stellen wollen. .Inwieweit haben die Geschehnisse in
Die Puppe aus Luft wirklich stattgefunden?.
.Was hei.t wirklich., fragte Fukaeri ohne fragende
Intonation.
Darauf wusste Tengo natürlich keine Antwort.
Donnerschl.ge krachten vom Himmel. Die
Fensterscheiben zitterten. Aber noch immer blitzte es
nicht. Auch kein Regen rauschte nieder. Tengo fühlte sich
an einen U-Boot-Film erinnert, den er vor l.ngerer Zeit
einmal gesehen hatte. Darin detonierte eine Seemine nach
der anderen und brachte das Boot heftig ins Schwanken.
Aber die M.nner waren in dem stockdunklen st.hlernen
Geh.use eingeschlossen, ohne etwas sehen zu k.nnen. Es
gab nur unabl.ssiges Dr.hnen und Vibrieren.
.K.nnen Sie mir vorlesen oder sich mit mir unterhalten.,
fragte Fukaeri.
.Klar., sagte Tengo. .Zum Vorlesen f.llt mir nichts
Passendes ein. Aber wenn du mit der Geschichte von der
.Stadt der Katzen. einverstanden bist, kann ich sie dir
erz.hlen. Ich habe das Buch nicht zur Hand..
.Stadt der Katzen..
.Es geht um eine Stadt, in der Katzen herrschen..
.Die Geschichte will ich h.ren..
.Vielleicht ist sie ein bisschen zu unheimlich vor dem
Schlafengehen..
.Macht nichts. Ich kann bei jeder Geschichte
einschlafen..
Tengo zog sich einen Stuhl ans Bett, setzte sich, faltete
die H.nde im Scho. und begann, begleitet von
Donnerschl.gen, von der .Stadt der Katzen. zu erz.hlen. Er
hatte die Geschichte zweimal im Zug gelesen und noch
einmal bei seinem Vater. Daher hatte er die Handlung
einigerma.en im Kopf. Die Geschichte war weder
kompliziert noch in einem besonders raffinierten Stil
verfasst. So hatte Tengo keine gro.en Hemmungen, sie
etwas abzuwandeln, indem er langatmige Passagen
abkürzte und ein paar Erkl.rungen erg.nzte.
Eigentlich war sie nicht sehr umfangreich, aber sie zu
erz.hlen dauerte l.nger, als er gedacht hatte. Was auch
daran lag, dass er sich unterbrach, sooft Fukaeri eine Frage
stellte, um sie ausführlich zu beantworten. Er beschrieb die
Stadt, das Verhalten der Katzen und den Charakter des
Helden sehr eingehend. Wo das Buch keine Erkl.rung
bereithielt – was meistens der Fall war –, dachte er sich
etwas Passendes aus. Genauso, wie er es bei seiner
überarbeitung ihres Manuskripts getan hatte. Fukaeri
schien v.llig gefesselt von der Geschichte. Alle Schl.frigkeit
war aus ihrem Blick verschwunden. Mitunter schloss sie die
Augen, um sich Szenen aus der Stadt der Katzen
vorzustellen. Doch sie schlug sie gleich wieder auf und
dr.ngte Tengo, weiterzuerz.hlen.
Als er fertig war, starrte sie ihn eine Weile aus weit
ge.ffneten Augen an. Ihre Pupillen waren erweitert wie die
einer Katze im Dunkeln.
.Sie waren in der Stadt der Katzen., sagte sie fast
herausfordernd.
.Ich?.
.Sie waren in Ihrer Stadt der Katzen. Und sind in den Zug
gestiegen und zurückgekommen..
.Meinst du?.
Fukaeri nickte, die Sommerdecke bis unter das Kinn
gezogen.
.Da magst du recht haben., sagte Tengo. .Ich bin in die
Stadt der Katzen gefahren und mit dem Zug
zurückgekommen..
.Gab es eine Reinigung., fragte sie.
.Eine Reinigung?. Ach so, ob er eine innere Reinigung
erfahren hatte. .Nein, noch nicht..
.Das muss aber sein..
.Wovon sollte ich mich denn reinigen?.
Fukaeri antwortete nicht. .Es ist nicht gut, in die Stadt
der Katzen zu fahren und sich nicht zu ver.ndern..
Ein gewaltiger Donnerschlag zerriss die Luft. Das Krachen
war immer heftiger geworden. Fukaeri duckte sich unter
die Bettdecke.
.Kommen Sie, und nehmen Sie mich in den Arm., sagte
Fukaeri. .Wir müssen zusammen in die Stadt der Katzen
fahren..
.Warum?.
.Vielleicht entdecken die Little People den Eingang..
.Weil ich nicht gereinigt bin?.
.Weil wir beide eins sind..
KAPITEL 13
Aomame
Ohne deine Liebe
.1Q84., sagte Aomame. .Das Jahr, in dem ich jetzt lebe
und das wir 1Q84 nennen, ist also nicht das wirkliche Jahr
1984?.
.Die Frage nach der Wirklichkeit ist eine sehr
schwierige., sagte der Mann, den seine Anh.nger .Leader.
nannten. Er lag noch immer auf dem Bauch. .Im Grunde ist
sie metaphysischer Natur. Trotz allem besteht kein Zweifel
daran, dass wir uns hier in der wirklichen Welt befinden.
Der Schmerz, den wir hier fühlen, ist echter Schmerz. Der
Tod, der uns ereilt, ein echter Tod. Das Blut, das flie.t,
echtes Blut. Diese Welt ist weder eine Imitation, noch ist
sie fiktiv oder metaphysisch. Das kann ich dir garantieren.
Aber das Jahr 1984, wie du es kennst, ist sie nicht..
.Ist sie so etwas wie eine Parallelwelt?.
Der Mann lachte, und seine Schultern bebten leicht. .Du
hast offenbar zu viele Science-Fiction-Romane gelesen.
Nein, es handelt sich hier keineswegs um eine Parallelwelt
oder etwas .hnliches. Dort ist das Jahr 1984, und hier
haben wir die Abzweigung, das Jahr 1Q84. Eine parallele
Entwicklung findet nicht statt. 1984 existiert für uns einfach
nicht mehr. Für dich und auch für mich gibt es keine
andere Zeit als das Jahr 1Q84..
.Wir sind also v.llig in diese Zeit eingedrungen..
.Genau. Beziehungsweise sie in uns. Wir befinden uns
ganz und gar in ihr. Und soweit ich es verstehe, .ffnet sich
die Tür nur in eine Richtung. Einen Weg zurück gibt es
nicht..
.Es ist passiert, als ich diese Fluchttreppe an der
Stadtautobahn hinuntergestiegen bin, oder?.
.Was für eine Stadtautobahn?.
.In der Gegend von Sangenjaya., sagte Aomame.
.Der Ort spielt keine Rolle., sagte der Mann. .Bei dir war
es eben Sangenjaya. Aber auf den konkreten Ort kommt es
nicht an. Hier geht es letzten Endes um die Zeit. An einem
gewissen Punkt einer zeitlichen Schiene wurde eine Weiche
umgestellt, so k.nnte man sagen, und die Welt wurde auf
das Gleis des Jahres 1Q84 verschoben..
Aomame sah vor sich, wie ein paar Little People mit
vereinten Kr.ften an einer Stellvorrichtung zogen. Mitten
in der Nacht im bleichen Mondlicht.
.Und im Jahr 1Q84 stehen zwei Monde am Himmel, nicht
wahr?., fragte sie.
.Genau. Zwei Monde. Sie sind das Zeichen, dass die
Weiche umgestellt wurde. Daran kann man die beiden
Welten unterscheiden. Doch nicht alle Menschen k.nnen
die beiden Monde sehen. Eigentlich bemerkt sie kaum
jemand. Mit anderen Worten, die Zahl der Menschen, die
wissen, dass wir uns im Jahr 1Q84 befinden, ist begrenzt..
.Die meisten Menschen auf der Welt haben gar nicht
gemerkt, dass die Zeit umgestellt wurde?.
.So ist es. Für die Mehrheit ist die Welt unver.ndert, sie
ist wie immer. Wenn ich sage, .dies ist die wirkliche Welt.,
meine ich es vor allem in diesem Sinn..
.Es wurde also eine Weiche umgestellt., sagte Aomame.
.Das hei.t, andernfalls w.ren Sie und ich uns gar nicht
begegnet?.
.Das kann niemand wissen. Es ist eine Frage der
Wahrscheinlichkeit. Aber vermutlich haben Sie recht..
.Sprechen Sie von Fakten, oder ist das alles rein
hypothetisch?.
.Gute Frage. Aber das voneinander zu unterscheiden ist
nahezu unm.glich. In einem alten Schlager gibt es die
Zeile: Without your love, it’s a honkey-tonk parade.. Der
Mann sang leise die Melodie. .Ohne deine Liebe ist alles
Tingeltangel. Kennen Sie das Lied?.
..It’s Only a Paper Moon...
.1984 und 1Q84 sind im Prinzip genauso aufgebaut.
Wenn du nicht an sie glauben würdest und diese Liebe
nicht h.ttest, w.re alles nichts als billiger Tand. Ganz
gleich in welcher Welt man sich befindet – die Grenze, die
Fakt und Vermutung voneinander trennt, ist meist nicht
sichtbar. Man erkennt sie nur mit dem Herzen..
.Wer hat die Weiche umgestellt?.
.Tja, wer nur? Auch das ist schwer zu beantworten. Das
Gesetz von Ursache und Wirkung hat hier so gut wie keine
Macht..
.Also hat mich irgendein Wille in das Jahr 1Q84 versetzt.,
sagte Aomame. .Und mein eigener war es jedenfalls nicht..
.Genau. Dadurch, dass der Zug, in dem du warst,
umgeleitet wurde, bist du hier gelandet..
.Sind dafür die Little People verantwortlich?.
.Es gibt solche .Little People., wie sie zumindest hier
genannt werden. Doch nicht immer haben sie eine Gestalt
oder einen Namen..
Aomame biss sich nachdenklich auf die Lippen. .Ich finde
das, was Sie sagen, widersprüchlich. Angenommen, die
Little People oder so was haben wirklich eine Weiche
umgestellt und mich damit in das Jahr 1Q84 transportiert.
Wieso sollten sie das tun, wo sie doch gar nicht wollen,
dass ich Sie t.te? Wo es doch eher in ihrem Interesse l.ge,
mich von Ihnen fernzuhalten..
.Das ist nicht leicht zu erkl.ren., sagte der Mann in
unbewegtem Ton. .Aber dein Verstand arbeitet schnell. Ich
versuche es dir verst.ndlich zu machen, auch wenn ich
mich vielleicht etwas unklar ausdrücke. Wie gesagt, für die
Welt, in der wir leben, ist es von gr..ter Bedeutung, dass
das Verh.ltnis von Gut und B.se sich die Waage h.lt. Die
Little People oder irgendein Wille, der ihnen innewohnt,
besitzen gro.e Macht. Doch je mehr sie ihre Macht
einsetzen, desto st.rker reagieren die Gegenkr.fte. Das ist
ein Automatismus. Auf diese Weise erh.lt sich das sensible
Gleichgewicht der Welt. Dieses Prinzip herrscht
unterschiedslos in jeder Welt. Also auch im Jahr 1Q84, in
dem wir uns augenblicklich befinden. Als die Little People
begannen, ihre ungeheure Macht zu demonstrieren, ist also
automatisch eine Gegenbewegung entstanden. Und in
deren Sog bist du wahrscheinlich hierhergelangt..
Der Mann, der mit seinem gewaltigen Leib auf der blauen
Yogamatte lag wie ein gestrandeter Wal, stie. einen tiefen
Seufzer aus.
.Wenn wir bei der Eisenbahn-Analogie bleiben, lie.e sich
Folgendes konstruieren: Die Little People sind also in der
Lage, Weichen zu stellen. Infolge einer Umstellung gelangt
der Zug auf dieses Gleis, das Gleis des Jahres 1Q84. Aber die
F.higkeiten der Little People reichen nicht aus, um die
Fahrg.ste, die in dem Zug sitzen, einzeln zu identifizieren
und zu sortieren. Das hei.t, es bleiben eventuell
unerwünschte Personen im Zug..
.Ungebetene G.ste., sagte Aomame.
.Genau..
Donner grollte. Wesentlich lauter als zuvor. Aber es
blitzte nicht. Nur das Krachen der Donnerschl.ge war zu
h.ren. Wie seltsam, dachte Aomame. Der Donner ist so
nah, aber man sieht keinen Blitz. Es regnet nicht einmal.
.Hast du so weit verstanden?.
Aomame bejahte. Sie hatte ihren Eispick bereits von dem
bewussten Punkt im Nacken zurückgezogen und hielt die
Spitze nun behutsam in die H.he. Sie musste sich jetzt
ganz auf das konzentrieren, was der Mann sagte.
.Wo Licht ist, muss es auch Schatten geben, und wo
Schatten ist, gibt es Licht. Es gibt keinen Schatten ohne
Licht und kein Licht ohne Schatten. C. G. Jung beschreibt
dies in einem seiner Werke:
.Unser Schatten ist so b.se, wie wir gut sind … Je
verzweifelter wir uns bemühen, gut und wunderbar und
vollkommen zu werden, desto st.rker entwickelt der
Schatten den festen Willen, dunkel und b.se und
zerst.rerisch zu sein … Streben wir also über das Ma.
unserer F.higkeiten hinaus nach Vollkommenheit, steigt
der Schatten in die H.lle hinab und wird zum Teufel. Denn
nach den Prinzipien der Natur und der Wahrheit ist es
ebenso frevelhaft, sich über sich selbst zu erheben, wie sich
herabzusetzen..
Ob das, was wir als .Little People. bezeichnen, gut ist oder