gleiten. Eine wohlriechende Zunge. Sie forschte hartn.ckig
nach einem dort verborgenen geheimen Code, Worten, die
nicht zu Worten wurden. Tengos Zunge reagierte
unbewusst auf ihre Bewegungen. Wie zwei gerade aus dem
Winterschlaf erwachte junge Schlangen auf einer
Frühlingswiese, die einander züngelnd beschnupperten,
sich ineinander verflochten und gierig verschlangen.
Fukaeri streckte ihre rechte Hand aus und umschloss
Tengos linke. Sie drückte sie fest, und ihre kleinen N.gel
gruben sich in seine Handfl.che. Sie beendete den
leidenschaftlichen Kuss und richtete sich auf. .Mach die
Augen zu..
Tengo gehorchte. Als er die Augen geschlossen hatte,
befand er sich in einem halbdunklen Raum von gro.er
Tiefe. Extremer Tiefe. Er schien sich bis zum Mittelpunkt
der Erde zu erstrecken. Es herrschte ein diffuses Licht, das
ihn an eine Abendd.mmerung erinnerte. Die liebevolle,
wehmütige D.mmerung am Ende eines langen Tages.
Zahllose feine Teilchen schwebten in ihrem Schein.
Vielleicht war es Staub. Oder Blütenstaub. Oder
irgendetwas anderes. Kurz darauf begann der Raum zu
schrumpfen. Das Licht wurde heller, und seine Umgebung
nahm zunehmend sichtbare Gestalt an.
Unversehens war Tengo wieder zehn Jahre alt und stand
in dem alten Klassenzimmer. Alles war ganz real – die Zeit,
der Ort, sein zehnj.hriges Ich und das Licht. Er atmete die
authentische Luft mit ihrem Geruch nach gebeiztem Holz
und kreidegetr.nktem Tafelschwamm. Nur er und das
M.dchen waren noch im Raum. Kein anderes Kind war in
der N.he. Rasch und kühn nutzte sie die günstige
Gelegenheit. Vielleicht hatte sie schon die ganze Zeit auf
eine Chance wie diese gewartet. Jedenfalls stand sie
pl.tzlich vor ihm, streckte ihre rechte Hand aus und ergriff
seine linke. Dabei sah sie ihm die ganze Zeit direkt in die
Augen.
Sein Mund wurde trocken. Jede Feuchtigkeit schien
daraus verschwunden zu sein. Alles ging so schnell, dass er
keine Ahnung hatte, was er tun oder sagen sollte. Er stand
einfach da, seine Hand in der des M.dchens. Bald verspürte
er ein sanftes, aber intensives Pochen in der Lendengegend.
Es war ein ihm bisher unbekanntes Gefühl, das eine gewisse
.hnlichkeit mit fernem Meeresrauschen hatte. Zugleich
drangen auch reale Ger.usche durch das offene Fenster zu
ihm. Das Geschrei der spielenden Kinder, die dumpfen
Bolzt.ne vom Fu.ball, der Abschlag beim Baseball oder
Softball. Das schrille, emp.rte Kreischen eines M.dchens
aus den unteren Klassen und das unbeholfene Fiepen des
Blockfl.tenorchesters, das gerade das Lied von den
.Pflanzen im Garten. probte. Der normale Unterricht war
beendet.
Tengo h.tte den Druck ihrer Hand gern mit gleicher
St.rke erwidert. Aber er war nicht imstande dazu. Die Kraft
in ihrer Hand war zu gro.. Au.erdem konnte er sich nicht
mehr bewegen. Vermochte aus unerfindlichen Gründen
keinen Finger zu rühren. Er war wie gebannt.
Tengo hatte das Gefühl, dass die Zeit stillstand. Er
lauschte dem ruhigen Fluss seines eigenen Atems. Das
Meeresrauschen dauerte an. Unversehens verstummten alle
realen Ger.usche. Das Pochen in seinen Lenden ging in
eine andere, bestimmendere Form über, war nun von einer
gewissen Taubheit begleitet. Diese wurde zu einer Art
Puder, der sich in das rote warme Blut mischte und von
seinem Herzen durch die Blutbahnen gepumpt und
gründlich in seinem ganzen K.rper verteilt wurde. In seiner
Brust ballte sich etwas zu einer dichten kleinen Wolke
zusammen, die den Rhythmus seines Atems ver.nderte und
sein Herz h.mmern lie..
Tengo dachte, dass er den Sinn und Zweck dieses
Ereignisses sicher sp.ter einmal verstehen würde. Deshalb
musste er diesen Moment so genau und deutlich wie
m.glich in seinem Bewusstsein festhalten. Im Augenblick
war er nur ein zehnj.hriger Junge, der gut in Mathematik
war. Er stand an der Schwelle zu etwas Neuem, aber was
genau ihn erwartete, wusste er nicht. Er war unsicher,
ahnungslos, verst.rt und fürchtete sich nicht wenig. Das
war ihm sogar selbst klar. Auch das M.dchen erwartete
nicht, hier und jetzt verstanden zu werden. Alles, was sie
wollte, war, Tengo ihre Gefühle zu übermitteln. Sie hatte
sie in eine kleine solide Schachtel gepackt, die sie nun, in
Geschenkpapier gewickelt und mit einer Kordel verschnürt,
Tengo überreichte.
Du musst das P.ckchen nicht gleich .ffnen, erkl.rte sie
ihm wortlos. Mach es auf, wenn die Zeit dazu gekommen
ist. Vorl.ufig sollst du es einfach annehmen.
Sie wei. schon so vieles, dachte Tengo. Vieles, was er
nicht wusste. Auf diesem unbekannten Terrain hatte sie die
Führung inne. Es gab neue Regeln hier, neue Ziele und eine
neue Dynamik. Tengo wusste nichts. Sie wusste.
Wenig sp.ter gab die rechte Hand des M.dchens Tengos
linke wieder frei, und es lief wortlos und ohne sich
umzudrehen aus dem Klassenzimmer. Tengo blieb allein in
dem gro.en Raum zurück. Durch das ge.ffnete Fenster
ert.nten Kinderstimmen.
Im n.chsten Augenblick merkte Tengo, dass er
ejakulierte. Heftig und lange. Eine gro.e Menge
Samenflüssigkeit wurde aus ihm herausgeschleudert. Was
mache ich hier eigentlich, fragte sich Tengo verwirrt. Nach
Schulschluss in einem Klassenzimmer zu ejakulieren,
geh.rte sich ja nun wirklich nicht. Wie peinlich w.re es,
ertappt zu werden. Doch er war ja gar nicht mehr in seinem
Klassenzimmer. Unversehens war er wieder zu Hause und
ejakulierte in Fukaeris Geb.rmutter. Er wollte es nicht, aber
zurückhalten konnte er sich auch nicht. Die Situation war
ihm v.llig entglitten.
.Mach dir keine Sorgen., sagte Fukaeri kurz darauf mit
ihrer üblichen tonlosen Stimme. .Ich werde nicht
schwanger. Weil ich keine Periode habe..
Tengo .ffnete die Augen und sah sie an. Sie sa. noch auf
ihm und schaute auf ihn herunter. Ihre ideal geformten
Brüste hoben und senkten sich regelm..ig im Rhythmus
ihrer Atmung. Direkt vor seinen Augen.
War das die Reise in die Stadt der Katzen?, wollte Tengo
fragen. Was ist das überhaupt – die Stadt der Katzen? Er
wollte die Frage aussprechen, aber die Muskeln seines
Mundes versagten ihm den Dienst.
.Das war etwas, das getan werden musste., sagte Fukaeri,
als habe sie seine Gedanken gelesen. Ihre Antwort war kurz
und bündig, beantwortete jedoch nichts. Wie immer.
Tengo schloss wieder die Augen. Er war dort gewesen,
hatte ejakuliert und war wieder hierher zurückgekehrt. Es
war eine echte Ejakulation gewesen, auch das Sperma war
echt. Und wenn Fukaeri es sagte, hatte es wohl so sein
müssen. Das Gefühl von Taubheit war noch nicht von ihm
gewichen. Die Ejakulation hatte eine Mattigkeit
hinterlassen, die ihn umgab wie ein dünner Film.
Fukaeri verharrte lange in der gleichen Haltung und
nahm Tengos Samenflüssigkeit vollst.ndig in sich auf, wie
ein Insekt, das Nektar saugt. Buchst.blich bis zum letzten
Tropfen. Erst dann entlie. sie behutsam seinen Penis, stieg
wortlos aus dem Bett und ging ins Bad. Das Unwetter hatte
sich verzogen, ohne dass er es gemerkt hatte. Auch der
heftige Regen hatte aufgeh.rt. Die schwarzen Wolken, die
sich so hartn.ckig über seinem Haus gehalten hatten,
waren spurlos verschwunden. Es herrschte eine fast
unwirkliche Stille. Nur aus dem Bad war leise zu h.ren, wie
Fukaeri duschte. Den Blick an die Decke gerichtet, wartete
Tengo, dass sein ursprüngliches K.rpergefühl
zurückkehrte. Die Erektion bestand noch, doch ihre H.rte
schien, wie zu erwarten war, allm.hlich abzunehmen.
Mit einem Teil seines Herzens war Tengo noch in dem
Klassenzimmer seiner Grundschule. An seiner linken Hand
spürte er noch immer lebhaft den Druck der Finger des
M.dchens. Zwar konnte er die Hand nicht heben, um sie zu
betrachten, aber bestimmt hatten ihre N.gel rote Male
darin hinterlassen. Auch sein Herzschlag bewahrte noch
etwas von der erlebten Aufregung. Obwohl die kompakte
Wolke aus seiner Brust verschwunden war, meldete sich
stattdessen in einem imagin.ren Teil nahe seinem Herzen
ein angenehm dumpfer Schmerz.
Aomame, dachte Tengo. Ich muss Aomame wiedersehen.
Ich muss endlich anfangen, sie zu suchen. Es ist so
offensichtlich. Wieso bin ich nicht schon vorher darauf
gekommen? Sie hat mir dieses P.ckchen gegeben. Warum
habe ich es so vernachl.ssigt und nie ge.ffnet? Tengo
wollte den Kopf schütteln, aber es ging nicht. Sein K.rper
hatte sich noch nicht wieder von der L.hmung erholt.
Kurze Zeit sp.ter kehrte Fukaeri, in ein Badehandtuch
gewickelt, ins Schlafzimmer zurück und setzte sich auf die
Bettkante.
.Die Little People haben das Toben eingestellt., erkl.rte
sie wie ein abgebrühter, aufmerksamer
Frontberichterstatter. Und beschrieb mit dem Finger rasch
einen kleinen Kreis in der Luft. Es war ein sch.ner
vollendeter Kreis, wie ihn vielleicht ein italienischer
Renaissancemaler an die Wand einer Kirche gemalt h.tte.
Ein Kreis ohne Anfang und ohne Ende, der einen Moment
lang in der Luft schwebte. .Sie haben aufgeh.rt..
Mit diesen Worten nahm sie das Badehandtuch ab und
blieb, ohne Anstalten zu machen, sich etwas anzuziehen,
eine Weile nackt vor dem Bett stehen. Als würde sie ihren
noch feuchten K.rper in aller Ruhe ganz natürlich an der
reglosen Luft trocknen lassen. Mit ihren straffen Brüsten
und ihrem haarlosen Unterleib bot sie einen
wundersch.nen Anblick.
Schlie.lich bückte sie sich nach dem zu Boden gefallenen
Schlafanzug und zog ihn ohne Unterw.sche wieder an.
Kn.pfte ihn zu und verknotete die Schnur am Bauch.
Gedankenverloren schaute Tengo ihr im Halbdunkel zu, als
würde er ein Insekt bei der Metamorphose beobachten. Der
Pyjama war ihr viel zu gro., aber gerade deshalb stand er
ihr ausnehmend gut. Sie schlüpfte zu ihm in das schmale
Bett, rückte sich zurecht und legte den Kopf an seine
nackte Schulter, wo er ihr kleines Ohr spüren konnte. Ihr
warmer Atem streifte seinen Hals. W.hrenddessen wich
allm.hlich die L.hmung aus seinem K.rper, wie die Flut
sich zurückzieht, wenn es Zeit dazu ist.
Die Luft war noch feucht, aber nicht klebrig oder stickig.
Drau.en vor dem Fenster begannen Insekten zu zirpen.
Tengos Erektion war nun v.llig abgeebbt, und sein Penis
versank wieder in seinem friedlichen Schlummer. Die
Dinge hatten eine entsprechende Stufe erreicht, waren ins
Rollen gekommen, und der Kreis schien sich endlich
geschlossen zu haben. Ein vollkommener Kreis war in die
Luft gezeichnet worden. Die Tiere verlie.en die Arche und
breiteten sich auf der guten alten Erde aus. Jedes
P.rchen kehrte an seinen angestammten Ort zurück.
.Wir sollten schlafen., sagte sie. .Tief schlafen..
Tief schlafen, dachte Tengo. Schlafen und wieder
aufwachen. Wie die Welt wohl am n.chsten Morgen
aussehen würde?
.Das wei. niemand., las Fukaeri seine Gedanken.
KAPITEL 15
Aomame
Und jetzt beginnt die Geisterstunde
Aomame nahm eine Decke aus dem Schrank und deckte
den K.rper des gro.en Mannes zu. Noch einmal legte sie
die Finger an seinen Hals, um sich zu vergewissern, dass
sein Herz endgültig aufgeh.rt hatte zu schlagen. Der
Mensch, der für einige der .Leader. gewesen war, befand
sich bereits in einer anderen Welt. In welcher, wusste
Aomame nicht. Sicher war jedoch, dass es sich nicht um die
des Jahres 1Q84 handelte. Hier hatte er sich bereits in etwas
verwandelt, das man gemeinhin als Leiche bezeichnet. Mit
einem leichten Erschauern, als fr.stle ihn ein wenig, und
ohne den leisesten Ton von sich zu geben, hatte der Mann
die Grenze vom Leben zum Tod überschritten. Ohne dass
auch nur ein Tropfen Blut geflossen war. Nun lag er, von
allen Schmerzen befreit, b.uchlings auf der Yogamatte und
war tot. Wie immer hatte Aomame rasch und pr.zise
gearbeitet.
Aomame versenkte die Spitze ihres Eispicks wieder in
dem Korken, legte beides in das Hartschalenetui und
verstaute es in ihrer Sporttasche. Dann nahm sie die
Heckler & Koch aus dem Kunststoffbeutel und steckte sie
hinten in den Bund ihrer Trainingshose. Sie war geladen
und entsichert. Es beruhigte sie, die H.rte des Metalls in
ihrem Rücken zu spüren. Sie ging ans Fenster und zog die
dicken Vorh.nge zu. Es wurde wieder dunkel im Raum.
Sie nahm die Sporttasche und ging zur Tür. Die Hand am
Türknauf, drehte sie sich noch einmal um und warf einen
Blick auf die in der Dunkelheit liegende massige Gestalt des
Mannes. Er sah aus, als schliefe er. Genau wie zu Anfang.
Sie war die Einzige auf der Welt, die wusste, dass er tot war.
Nein, die Little People wussten es wahrscheinlich auch.
Deshalb hatten sie auch das Donnern aufgegeben.
S.mtliche Drohgeb.rden waren nun vergeblich, das
wussten sie. Der Mann, den sie zu ihrem Stellvertreter
auserkoren hatten, war aus dem Leben geschieden.
Aomame .ffnete die Tür und betrat, um sich blickend,
den erleuchteten Nebenraum. Behutsam schloss sie die Tür
hinter sich, tat, als wolle sie keinen L.rm machen. Der
Kahlkopf sa. auf dem Sofa und trank Kaffee. Auf dem Tisch
stand ein gro.es Tablett mit einer Kanne und ein paar
Sandwiches, die etwa zur H.lfte aufgegessen waren.
Offenbar hatte er sie beim Zimmerservice bestellt. Daneben
standen zwei noch unbenutzte Tassen. Sein Kollege mit
dem Pferdeschwanz sa. genau wie zuvor hoch aufgerichtet
auf dem Rokokostuhl an der Tür. Anscheinend hatten sich
die beiden die ganze Zeit kaum von der Stelle gerührt. Eine
Atmosph.re von Vorbehalt lag in der Luft.
Als Aomame eintrat, stellte der Kahle seine Tasse auf dem
Untersetzer ab und erhob sich.
.Ich bin fertig., sagte Aomame. .Er schl.ft jetzt. Ich habe
ziemlich lange gebraucht. Seine Muskulatur war voller
Blockaden. Lassen Sie ihn bitte jetzt schlafen..
.Er schl.ft?.
.Ganz tief., sagte Aomame.
Der Kahlkopf musterte Aomame, sah ihr forschend und
tief in die Augen. Anschlie.end senkte er seinen Blick
langsam auf seine Schuhspitzen, wie um zu überprüfen, ob
sich dort nichts ver.ndert hatte, dann schaute er wieder auf