und ihr ins Gesicht.
.Ist das normal?.
.Viele Menschen fallen nach dem Lockern stark
verspannter Muskulatur erst einmal in einen tiefen Schlaf.
Daran ist nichts Ungew.hnliches..
Der Kahlkopf ging zur Tür, die den Wohnraum vom
Schlafzimmer trennte, drehte leise den Türknauf, .ffnete
die Tür einen Spalt und sp.hte hinein. Aomame legte die
rechte Hand an die Seite ihrer Trainingshose, um notfalls
sofort die Pistole ziehen zu k.nnen. Nachdem der Mann
etwa zehn Sekunden gewartet hatte, zog er den Kopf
zurück und schloss die Tür.
.Wie lange wird er schlafen?., fragte er. .Wir k.nnen ihn
ja nicht ewig da auf dem Boden liegen lassen..
.Er wird in etwa zwei Stunden aufwachen. Bis dahin
lassen Sie ihn bitte m.glichst in dieser Haltung ausruhen..
Der Kahle sah auf die Uhr. Dann nickte er kurz.
.In Ordnung. Wir lassen ihn eine Weile in Ruhe., sagte
er. .M.chten Sie vielleicht duschen?.
.Nein, danke, nicht n.tig, aber ich würde mich gern
wieder umziehen..
.Selbstverst.ndlich. Bitte, das k.nnen Sie im Bad tun..
Aomame h.tte sich am liebsten so schnell wie m.glich
und so wie sie war aus dem Staub gemacht. Aber sie durfte
keinen Argwohn erwecken. Auch für den Rückweg musste
sie die Sachen anziehen, in denen sie gekommen war. Also
ging sie ins Bad und zog ihr Trikot aus. Sie entledigte sich
ihrer schwei.feuchten Unterw.sche, trocknete sich mit
ihrem Badehandtuch ab und zog frische an. Dann schlüpfte
sie in die blaue Baumwollhose und die wei.e Bluse, die sie
ursprünglich getragen hatte. Sie schob sich die Pistole so in
den Hosenbund, dass sie von au.en unsichtbar war, und
machte verschiedene Bewegungen, um sich zu
vergewissern, dass sie nicht unnatürlich wirkten. Sie wusch
sich das Gesicht mit Seife und bürstete sich die Haare. Um
ihre verkrampften Gesichtsmuskeln zu lockern, zog sie vor
dem gro.en Spiegel über dem Waschbecken die wildesten
Grimassen. Als sie nach einer Weile wieder eine normale
Miene aufsetzen wollte, dauerte es einen Moment, bis ihr
einfiel, wie das aussah. Erst nach einigen Fehlschl.gen
gelang ihr ein einigerma.en entspannter Ausdruck.
Prüfend starrte sie in den Spiegel. Kein Problem. Ihr
Gesicht wirkte ganz allt.glich. Sie brachte sogar ein L.cheln
zustande. Ihre H.nde zitterten nicht, und auch ihr Blick
war fest. Aomame war cool wie immer.
Aber als sie aus dem Schlafzimmer gekommen war, hatte
der Kahle ihr Gesicht genau in Augenschein genommen.
Vielleicht hatte er gesehen, dass sie zuvor geweint hatte. Sie
hatte l.nger geweint, das musste Spuren hinterlassen
haben. Dieser Gedanke beunruhigte Aomame. Wom.glich
hatte der Mann sich gefragt, warum jemand bei einem
Muskelstretching in Tr.nen ausbrechen sollte und ob nicht
doch etwas Au.ergew.hnliches vorgefallen war. Hatte die
Tür zum Schlafzimmer ge.ffnet, war an die Gestalt des
Leaders herangetreten und hatte festgestellt, dass sein Herz
nicht mehr schlug …
Aomame fasste sich an den Rücken, um sich zu
vergewissern, dass die Pistole griffbereit war. Ich darf mich
nicht in Sicherheit wiegen, dachte sie. Und ich darf keine
Angst haben. Denn Angst zeigt sich im Gesicht und erregt
Verdacht.
Aomame machte sich auf das Schlimmste gefasst und
verlie. unter .u.erster Wachsamkeit das Bad. Die
Sporttasche trug sie in der linken Hand, um mit der
rechten sofort die Pistole ziehen zu k.nnen. Doch im
Zimmer hatte sich nichts ver.ndert. In der Mitte stand mit
verschr.nkten Armen und nachdenklichem Blick der
Kahlkopf. Der mit dem Pferdeschwanz sa. noch immer auf
dem Stuhl neben der Tür und schaute gelassen in den
Raum. Seine Augen wirkten ruhig, wie die eines
Maschinengewehrschützen in einem Jagdbomber. Er war
daran gew.hnt, allein zu sein und in den blauen Himmel
zu blicken. Seine Augen waren mit der Farbe dieses
Himmels getr.nkt.
.Sie müssen ersch.pft sein., sagte der Kahle. .M.chten
Sie vielleicht einen Kaffee? Wir haben auch Sandwiches..
.Danke., sagte Aomame. .Aber nein danke. Direkt nach
der Arbeit habe ich keinen Appetit. Der Hunger kommt
erst in etwa einer Stunde..
Der Kahle nickte und zog einen dicken Umschlag aus
einer Tasche seines Jacketts. Er wog ihn kurz in der Hand
und reichte ihn Aomame.
.Entschuldigen Sie, aber es ist etwas mehr als das
vereinbarte Honorar. Wie ich bereits sagte, bitten wir Sie,
absolutes Stillschweigen über die heutigen Ereignisse zu
bewahren..
.Aha, Schweigegeld also?., sagte Aomame scherzhaft.
.Es ist für besondere Aufwendungen., erkl.rte der Mann,
ohne zu l.cheln.
.Meine Diskretion hat nichts mit Geld zu tun. Sie ist Teil
meines Berufs. Es wird nichts nach au.en dringen., sagte
Aomame und schob den Umschlag, so wie sie ihn
bekommen hatte, in die Sporttasche. .Brauchen Sie eine
Quittung?.
Der Kahle schüttelte den Kopf. .Nein. Das bleibt unter
uns. Sie brauchen es nicht zu versteuern..
Aomame nickte schweigend.
.Sie haben sicher viel Kraft gebraucht., erkundigte sich
der Kahle lauernd.
.Mehr als sonst., sagte sie.
.Das liegt daran, dass er kein gew.hnlicher Mensch ist..
.Es scheint so..
.Er ist unersetzlich., sagte er. .Und er leidet seit langem
unter diesen starken Schmerzen. Er nimmt sozusagen
unsere Leiden und Schmerzen auf sich. Ich hoffe, dass Sie
sie zumindest ein wenig lindern konnten..
.Da ich die Ursache für seine Beschwerden nicht kenne,
kann ich nichts Genaues sagen., antwortete Aomame
vorsichtig. .Aber ich glaube schon, dass ich sie ein
bisschen lindern konnte..
Der Kahle nickte. .Wenn ich Sie mir so ansehe, wirken
Sie auch recht ersch.pft..
.Das ist gut m.glich., sagte Aomame.
Der Pferdeschwanz sa. w.hrend der ganzen
Unterhaltung weiter an der Tür und behielt wortlos das
Zimmer im Auge. Seine Miene war v.llig unbewegt, nur
sein Blick wanderte hierhin und dorthin. Er zeigte keinerlei
Regung. Es war nicht zu erkennen, ob er dem Gespr.ch der
beiden folgte oder nicht. Einsam, stumm und unendlich
wachsam. Er suchte nach dem kleinsten Hinweis auf einen
feindlichen Jagdbomber zwischen den Wolken. Und sei er
nur stecknadelkopfgro..
Nach kurzem Z.gern wandte Aomame sich an den
Kahlkopf. .Entschuldigen Sie, vielleicht ist das eine sehr
dumme Frage, aber versto.en Sie nicht gegen die Gebote
Ihrer Gemeinschaft, wenn sie Kaffee trinken und
Schinkensandwiches essen?.
Der Kahle drehte sich um und warf einen Blick auf das
Tablett mit der Kaffeekanne und den Sandwiches auf dem
Tisch. Dann stahl sich so etwas wie ein kleines L.cheln auf
seine Lippen.
.In unserer Gemeinschaft existieren keine derartig
strengen Vorschriften. Alkohol und Zigaretten sollen
eigentlich nicht sein, und es gibt auch ein paar Verbote, die
sexuelle Dinge betreffen. Aber was Nahrungsmittel angeht,
sind wir vergleichsweise frei. Normalerweise essen wir sehr
einfach, aber Kaffee und Schinkensandwiches gelten nicht
als besonders verwerflich..
Aomame nickte nur, ohne eine Meinung zu .u.ern.
.Wo viele Menschen zusammenkommen, braucht man
natürlich ein paar Regeln. Aber wenn man den Blick zu
stark auf Rituale richtet, verliert man rasch das eigentliche
Ziel aus den Augen. Disziplin und Dogmen sind
letztendlich nur Hilfskonstruktionen. Das Wichtige ist
nicht der Rahmen, sondern das, was darin ist..
.Und der Leader liefert den Inhalt, nicht wahr?.
.Ja. Er kann Dinge h.ren, die unsere Ohren nicht
erreichen. Er ist ein besonderer Mensch.. Der Kahle sah
Aomame noch einmal in die Augen. .Also, für heute vielen
Dank. Der Regen scheint auch gerade aufgeh.rt zu haben..
.Das war ein schlimmes Gewitter., sagte Aomame.
.Ja, wirklich., sagte der Kahle, wirkte aber nicht
besonders interessiert an dem Gewitter oder dem Regen.
Aomame verabschiedete sich, nahm ihre Sporttasche und
wandte sich zum Gehen.
.Moment mal., rief der Kahle mit scharfer Stimme.
Aomame blieb mitten im Raum stehen und drehte sich
um. Ihr Herz h.mmerte. Sie lie. ihre rechte Hand beil.ufig
nach hinten gleiten.
.Ihre Yogamatte., sagte der junge Mann. .Sie haben sie
vergessen. Sie liegt noch im Schlafzimmer..
Aomame l.chelte. .Er ist darauf eingeschlafen. Wir
k.nnen ihn schlecht herumrollen und sie unter ihm
hervorziehen. Am besten, ich lasse sie einfach hier. Sie war
nicht teuer und ist auch nicht mehr die neuste. Wenn Sie
sie nicht mehr ben.tigen, werfen Sie sie bitte weg..
Der Kahle überlegte kurz, aber dann nickte er. .Vielen
Dank., sagte er.
Als Aomame sich der Tür n.herte, erhob sich der
Pferdeschwanz und machte ihr die Tür auf. Er
verabschiedete sich leise. Jetzt hat er ja doch noch was
gesagt, dachte Aomame. Sie grü.te zurück und wollte an
ihm vorbeischlüpfen.
Doch im selben Augenblick durchfuhr sie wie ein starker
Stromsto. der Gedanke an einen gewaltsamen übergriff.
Die Hand des Pferdeschwanzes schoss nach vorn, um ihren
rechten Arm zu packen. Seine Bewegung war pfeilschnell
und pr.zise. Von einer Geschwindigkeit, mit der man eine
Fliege aus der Luft h.tte fangen k.nnen. So lebendig war
die Vorstellung dieses Augenblicks, dass Aomames ganzer
K.rper erstarrte. Sie bekam eine G.nsehaut, und ihr
Herzschlag setzte für einen Moment aus. Ihr Atem stockte,
und eisige Insekten krochen über ihren Rücken. Die
Erkenntnis durchzuckte sie wie ein wei.glühender Blitz.
Würde der Mann ihren rechten Arm festhalten, w.re sie
nicht imstande, ihre Pistole zu ziehen. Ich h.tte keine
Chance, dachte sie. Er spürt, dass ich etwas gemacht habe.
Er wei. intuitiv, dass im Schlafzimmer
irgendetwas geschehen ist. Er wei. nicht, was, aber etwas
ist hier ganz schrecklich verkehrt. Sein Instinkt sagt ihm,
.greif dir die Frau.. Befiehlt ihm, mich zu Boden zu
schleudern, sich mit seinem ganzen Gewicht auf mich zu
werfen und mir fürs Erste das Schultergelenk auszukugeln.
Aber letztendlich war es eben doch nur ein Gefühl. Einen
Beweis hatte er nicht. Sollte er sich irren, würde er sich in
gro.e Schwierigkeiten bringen. Der Pferdeschwanz geriet
heftig ins Wanken und gab am Ende auf. Schlie.lich war es
der Kahlkopf, der die Entscheidungen traf und die
Anweisungen gab. Er hatte gar nicht die Kompetenz. Also
unterdrückte er gewaltsam den Impuls in seiner rechten
Hand und entspannte seine Schultern. Aomame hatte
genau verfolgen k.nnen, was sich in diesen wenigen
Sekunden im Kopf des jungen Leibw.chters mit dem
Pferdeschwanz abgespielt hatte.
Sie trat auf den mit Teppichboden ausgelegten Flur
hinaus. Ging, ohne sich umzudrehen, l.ssig den Gang
entlang in Richtung Aufzug. Ihr war, als würde der
Pferdeschwanz den Kopf aus der Tür stecken und ihr mit
den Augen folgen. Aomame spürte seinen messerscharfen
Blick im Rücken. Alle ihre Muskeln kribbelten, aber sie
drehte sich nicht um. Erst als sie um eine Ecke bog, lie.
ihre Anspannung nach. Aber in Sicherheit wiegen konnte
sie sich noch nicht, denn sie hatte keine Ahnung, was als
N.chstes geschehen würde. Sie drückte den Abw.rtsknopf
und hielt, bis der Aufzug da war (was nahezu eine Ewigkeit
dauerte), den Griff der Pistole in ihrem Rücken
umklammert, um sie jederzeit ziehen zu k.nnen, falls der
Pferdeschwanz es sich anders überlegte und ihr
hinterhergerannt kam. Sie musste ihren Gegner mit
eiserner Hand und ohne zu z.gern niederstrecken, bevor er
sie packen konnte. Oder, ebenfalls ohne zu z.gern, sich
selbst erschie.en. Aomame war diesbezüglich noch zu
keiner Entscheidung gelangt. Vielleicht würde sie bis
zuletzt unentschlossen bleiben.
Doch niemand verfolgte sie. Der Hotelflur blieb totenstill.
Die Aufzugtür .ffnete sich mit einem leisen Glockenton,
und Aomame stieg ein. Sie drückte den Knopf für das Foyer
und wartete, dass die Tür sich schloss. Sich auf die Lippe
bei.end, starrte sie auf die Stockwerkanzeige. Sie verlie.
den Aufzug, durchschritt das riesige Foyer und warf sich in
eines der vor dem Eingang wartenden Taxis. Es hatte
aufgeh.rt zu regnen, aber der Wagen war noch ganz nass,
als sei er aus dem Wasser gezogen worden. Bahnhof
Shinjuku, Westseite, sagte Aomame. Nachdem das Taxi
abgefahren war und das Hotel hinter sich gelassen hatte,
stie. sie den lange angehaltenen Atem mit einem tiefen
Seufzer aus. Sie schloss die Augen und verbannte alle
Gedanken aus ihrem Kopf. Sie wollte eine Weile nicht
denken.
Sie verspürte starke übelkeit. Ihr gesamter Mageninhalt
schien ihre Kehle hinaufzudr.ngen. Doch irgendwie gelang
es ihr, ihn nach unten zu pressen. Sie bet.tigte den
Fensterheber, lie. die Scheibe zur H.lfte herunter und sog
die feuchte Nachtluft in ihre Lungen. In den Sitz gelehnt,
atmete sie mehrmals tief durch. Sie hatte einen widerlichen
Geschmack im Mund. Als würde irgendetwas in ihrem
Inneren verfaulen. Pl.tzlich fiel ihr ein, dass sie in einer
Tasche ihrer Baumwollhose zwei Streifen Kaugummi hatte.
Mit leicht zitternden H.nden wickelte sie einen davon aus,
steckte ihn in den Mund und begann langsam zu kauen.
Spearmint. Ein altvertrauter Geschmack. Er schien ihre
Nerven zu beruhigen. Beim Kauen lie. der ekelhafte
Geschmack in ihrem Mund allm.hlich nach. Es verfault
doch nichts in mir, dachte sie. Es ist nur die Angst, die
mich verrückt macht.
Aber jedenfalls ist damit alles erledigt. Ich muss nie
wieder einen Menschen t.ten. Und ich habe das Richtige
getan. Der Tod dieses Mannes war ein v.llig
selbstverst.ndliches Ereignis. Er hat nur seinen gerechten
Lohn erhalten. Au.erdem war es – zuf.llig – sein eigener
innigster Wunsch zu sterben. Ich habe ihm den ersehnten
leichten Tod gew.hrt. Ich habe nichts Falsches getan.
H.chstens gegen das Gesetz versto.en.
Doch sooft sie sich das auch wiederholte, v.llig konnte sie
sich nicht überzeugen. Sie hatte gerade mit blo.en H.nden
einen ungew.hnlichen Menschen get.tet. Sie erinnerte sich
noch deutlich, wie es sich angefühlt hatte, die Spitze der
Nadel in den Nacken des Mannes zu treiben. Sie hatte eine