ungew.hnliche Reaktion dabei empfunden, die sie nicht
wenig verst.rt hatte. Sie breitete ihre Handfl.chen aus und
betrachtete sie. Irgendetwas war anders. Ganz anders als
sonst. Doch was es war, konnte sie nicht herausfinden.
Wenn sie den Worten des Mannes Glauben schenkte,
hatte sie einen Propheten get.tet. Einen Hüter g.ttlicher
Stimmen. Aber der Bewahrer dieser Stimmen war selbst
kein Gott. Wahrscheinlich war er ein Werkzeug der Little
People. Der Prophet war zugleich ein K.nig gewesen, und
K.nigen war es bestimmt, get.tet zu werden. Und sie, die
Attent.terin, war die Hand des Schicksals. Und indem sie
dieses Wesen, das K.nig und Prophet zugleich gewesen
war, gewaltsam ausgel.scht hatte, hatte sie für ein
Gleichgewicht von Gut und B.se auf der Welt gesorgt. Und
musste ebenfalls sterben. Aber sie hatte einen
Tauschhandel abgeschlossen. Dadurch, dass sie den Mann
t.tete und damit praktisch ihr Leben aufgab, rettete sie
Tengo. Das war die Abmachung. Wenn sie an das glaubte,
was der Mann gesagt hatte.
Aber letzten Endes musste Aomame ihm glauben. Er war
kein Betrüger, und Menschen, die den Tod vor Augen
haben, lügen nicht. Vor allem seine Worte hatten sie
überzeugt. Ihre überzeugungskraft wog schwer wie ein
gro.er Anker. Jedes Schiff hatte einen Anker, der seiner
Gr..e und seinem Gewicht entsprach. Welche schaurigen
Taten der Mann auch begangen haben mochte, er war ein
sehr gro.es Schiff gewesen. Das musste Aomame ihm
zugestehen.
Sie zog die Heckler & Koch unsichtbar für den Fahrer aus
dem Hosenbund, sicherte sie und verstaute sie in dem
Beutel. Eine massive, ungef.hr 500 Gramm schwere,
t.dliche Last fiel von ihr ab.
.Das war ja ein schlimmes Unwetter. Es hat in Str.men
gegossen., sagte der Fahrer.
.Das Gewitter?., sagte Aomame. Es schien ihr sehr lange
zurückzuliegen, obwohl es nicht mehr als drei.ig Minuten
sein konnten. .Ja, wirklich. Ein unglaubliches Gewitter..
.Der Wetterbericht hatte es überhaupt nicht
angekündigt. Es hie. sogar, es würde den ganzen Tag die
Sonne scheinen..
Aomame überlegte hektisch. Sie musste etwas sagen.
Aber ihr fiel nichts Passendes ein. Anscheinend arbeitete
ihr Verstand nur noch sehr langsam. .Die
Wettervorhersage war falsch., sagte sie.
Der Fahrer streifte Aomame mit einem Blick in den
Rückspiegel. Vielleicht wirkte ihre Art zu sprechen
irgendwie unnatürlich auf ihn. .Das Wasser soll bei
Akasaka-mitsuke von der Stra.e in die U-Bahn-Station
geflossen sein und die Schienen überflutet haben., erz.hlte
der Fahrer. .Weil die Regenmenge an engen Stellen nicht
ablaufen konnte. Die Ginza- und die Marunouchi-Linie
wurden zeitweise eingestellt. Sie haben es gerade in den
Nachrichten gebracht..
Wegen der starken Regenf.lle fuhren bestimmte U-Bahn-
Linien nicht mehr. Würde das ihre Pl.ne beeintr.chtigen?
Aomame überlegte hastig. Ich fahre zum Bahnhof Shinjuku
und hole meine Reise- und meine Umh.ngetasche aus dem
Schlie.fach. Dann rufe ich Tamaru an und erhalte
Anweisungen. Falls ich von Shinjuku aus die Marunouchi-
Linie nehmen soll, k.nnte es problematisch werden. In
sp.testens zwei Stunden muss ich über alle Berge sein.
Denn dann werden die beiden sich wundern, dass der
Leader nicht aufwacht, und wahrscheinlich im
Nebenzimmer nachschauen. Sobald sie entdecken, dass er
seinen letzten Schnaufer getan hat, werden sie loslegen.
.F.hrt die Marunouchi-Linie noch immer nicht?., fragte
Aomame den Fahrer.
.Tja, das wei. ich nicht. Soll ich die Nachrichten
einschalten?.
.Ja, bitte..
Nach Aussage des Leaders hatten die Little People das
Unwetter herbeigeführt. Sie hatten den Regen an einem
Engpass in Akasaka-mitsuke zusammenstr.men lassen und
so die U-Bahn gestoppt. Aomame schüttelte den Kopf.
Vielleicht steckte dahinter eine Absicht. Die Dinge liefen
nicht so glatt wie geplant.
Der Fahrer schaltete NHK ein. Musik ert.nte. Eine
Sondersendung mit japanischen Volksliedern, gesungen
von japanischen Interpreten, die Mitte der sechziger Jahre
popul.r gewesen waren. Aomame erinnerte sich
verschwommen, dass sie diese Lieder als Kind im Radio
geh.rt hatte. Sie empfand keinerlei Nostalgie. Eher stellten
sich unangenehme Gedanken ein. Diese Melodien weckten
Erinnerungen an Dinge, an die sie sich nicht erinnern
wollte. Eine Weile lie. sie die Sendung geduldig über sich
ergehen, aber alles Warten half nichts, es kam keine
Meldung zur Lage in den U-Bahn-Stationen.
.Entschuldigen Sie, es ist nicht so wichtig, würden Sie das
Radio wieder ausschalten?., sagte sie. .Ich fahre auf alle
F.lle mal zum Bahnhof Shinjuku und schaue mir an, wie es
dort aussieht..
Der Fahrer drehte das Radio ab. .Da ist bestimmt die
H.lle los., sagte er.
Er sollte recht behalten. Im und um den Bahnhof
Shinjuku herum wimmelte es nur so von Menschen. Da die
Bahnen der Marunouchi-Linie nicht fuhren, kamen die mit
der Staatsbahn eintreffenden Umsteiger nicht weiter, und
es herrschte ein unglaubliches Gedr.nge. Alle liefen
aufgeregt in alle Richtungen durcheinander. Der
Berufsverkehr war zwar vorbei, dennoch war es kein
leichtes Unterfangen, sich durch die Menschenmassen zu
k.mpfen.
Endlich erreichte Aomame ihr Schlie.fach und nahm ihre
Umh.ngetasche und die schwarze kunstlederne
Reisetasche heraus, in der sich das Bargeld aus ihrem
Bankschlie.fach befand. Sie holte ein paar Sachen aus ihrer
Sporttasche und verteilte sie auf Reise- und
Umh.ngetasche: den Umschlag mit dem Geld, den der
Kahle ihr gegeben hatte, den Plastikbeutel mit der Pistole
und das Hartschalenetui mit dem Eispick. Die überflüssig
gewordene Nike-Sporttasche packte sie in ein nahes
Schlie.fach, warf eine Hundert-Yen-Münze ein und schloss
ab. Sie hatte nicht die Absicht, sie wieder abzuholen. Es war
nichts mehr darin, aus dem man ihre Identit.t h.tte
ableiten k.nnen.
Die Reisetasche in der Hand, machte sie sich auf die
Suche nach einem .ffentlichen Telefon. S.mtliche Telefone
im Bahnhof waren belagert. Lange Schlangen von Leuten,
die ihren Angeh.rigen ihre wegen der nicht verkehrenden
Bahnen versp.tete Heimkehr ankündigen wollten, reihten
sich vor den Apparaten. Aomame verzog leicht das Gesicht.
Anscheinend wollen die Little People mich nicht so leicht
davonkommen lassen, dachte sie. Wenn es stimmt, was der
Leader gesagt hat, haben sie nicht die Macht, direkt Hand
an mich zu legen. Aber sie k.nnen meine Pl.ne mit
anderen Mitteln durchkreuzen.
Aomame gab das Warten in der Telefonschlange auf,
verlie. den Bahnhof, lief ein wenig herum, entdeckte ein
Café, ging hinein und bestellte einen Eiskaffee. Das
rosafarbene Telefon war zwar besetzt, aber wenigstens
stand sonst niemand an. Aomame stellte sich hinter die
Frau in mittleren Jahren und wartete, dass diese ihr langes
Gespr.ch beendete. Die Frau warf ihr einen gereizten und
pikierten Blick zu, legte aber, nachdem sie noch weitere
fünf Minuten geredet hatte, ergeben auf.
Aomame warf ihr ganzes Kleingeld ein und w.hlte die
auswendig gelernte Nummer. Nach dreimaligem
Rufzeichen ert.nte eine mechanische Tonbandstimme:
.Wir sind leider nicht zu Hause. Bitte hinterlassen Sie nach
dem Signal eine Nachricht..
Das Signal ert.nte, und Aomame sprach in den H.rer:
.Hallo, Tamaru. Wenn du da bist, geh bitte ran..
Es wurde abgehoben. .Hier bin ich., sagte Tamaru.
.Bin ich froh., sagte Aomame.
In Tamarus Stimme schwang eine Anspannung mit, die
sonst nicht da war. .Alles in Ordnung?., fragte er.
.Im Augenblick, ja..
.Ist alles gut gegangen?.
.Er schl.ft jetzt tief. Tiefer geht’s nicht..
.Verstehe., sagte Tamaru. Seine Stimme quoll beinahe
über vor Erleichterung. Für Tamaru, der niemals Gefühle
zeigte, war das eine gro.e Seltenheit. .Ich sage es ihr
lieber. Das wird sie sicher beruhigen..
.Es war allerdings nicht ganz leicht..
.Ich verstehe. Aber du hast es geschafft..
.Ja, kann man so sagen., sagte Aomame. .Ist das Telefon
sicher?.
.Wir benutzen eine spezielle Leitung. Also keine Sorge..
.Ich habe mein Gep.ck aus dem Schlie.fach in Shinjuku
geholt. Und jetzt?.
.Wie viel Zeit hast du?.
.Ungef.hr anderthalb Stunden.. Aomame erkl.rte ihm
kurz, dass die beiden Leibw.chter dann vermutlich
entdecken würden, dass ihr Leader das Zeitliche gesegnet
hatte.
.Anderthalb Stunden genügen., sagte Tamaru.
.Ob sie gleich die Polizei informieren?.
.Keine Ahnung. Die Polizei hat gestern in ihrem
Hauptquartier ermittelt. Man ist nicht so weit gegangen,
eine vollst.ndige Hausdurchsuchung und ein polizeiliches
Verh.r durchzuführen, aber es macht sicher keinen
günstigen Eindruck, wenn ihr Oberhaupt jetzt pl.tzlich
unter ungekl.rten Umst.nden ums Leben kommt..
.Es k.nnte also sein, dass sie es vertuschen und alles
selbst erledigen?.
.Kaltschn.uzig genug sind sie. Wenn wir morgen die
Zeitung lesen, werden wir wissen, ob sie den Tod ihres
Anführers der Polizei gemeldet haben oder nicht. Ich halte
nicht viel vom Glücksspiel, aber ich würde wetten, dass sie
ihn nicht melden..
.Den Gefallen, einen natürlichen Tod anzunehmen,
werden sie uns nicht tun..
.Aber richtig beurteilen k.nnen sie es auch nicht. Man
sieht ja nichts. Ohne Obduktion k.nnen sie nicht wissen,
ob er auf natürliche Weise gestorben ist oder ermordet
wurde. Auf alle F.lle werden sie zuallererst dich befragen
wollen. Schlie.lich bist du diejenige, die den Leader als
Letzte lebend gesehen hat. Und wenn sie merken, dass du
deine Wohnung ger.umt hast und verschwunden bist,
werden sie schon drauf kommen, dass sein Tod nicht ganz
so natürlich war..
.Und sie werden versuchen, mich zu finden. Mit allen
Mitteln..
.Kein Zweifel., sagte Tamaru.
.Ob ich wirklich verschwinden kann?.
.Unser Plan steht. Ein sehr genauer Plan. Wenn wir uns
gewissenhaft und konsequent daran halten, wird niemand
dich finden. Der gr..te Fehler w.re es, jetzt Angst zu
haben..
.Ich werde mich bemühen., sagte Aomame.
.Bleib dabei. Wir müssen schnell handeln, die Zeit zu
unserem Vorteil nutzen. Du bist von Natur aus wachsam
und ausdauernd. Also brauchst du dich nur so zu verhalten
wie immer..
.In Akasaka-mitsuke ist der Regen in die U-Bahn-Station
gelaufen, und die Bahnen fahren nicht., sagte Aomame.
.Ich wei.., sagte Tamaru. .Keine Sorge. Du wirst nicht
die U-Bahn benutzen. Du suchst dir ein Taxi und f.hrst zu
einem sicheren Versteck in der Stadt..
.In der Stadt? Nicht irgendwohin weiter weg?.
.Natürlich gehst du weit weg., erkl.rte Tamaru geduldig.
.Doch zuvor müssen wir noch einige Vorbereitungen
treffen. Du musst dein Gesicht und deinen Namen .ndern.
Au.erdem war dieser Auftrag besonders belastend. Du bist
emotional aufgewühlt. In einem solchen Zustand sollte
man nichts überstürzen, dabei kommt nichts heraus. Du
wirst dich also eine Weile in dem sicheren Apartment
versteckt halten. Keine Sorge, wir kümmern uns um dich..
.Wo ist es?.
.In Koenji., sagte Tamaru.
Koenji, dachte Aomame und klopfte sich leicht mit dem
Fingernagel gegen die Vorderz.hne. Dort kannte sie sich
überhaupt nicht aus.
Tamaru nannte die Adresse des Hauses. Wie immer
machte sich Aomame keine Notizen und pr.gte sich alles
ein.
.Koenji, Südseite. In der N.he der Ringstra.e 7.
Wohnung 303. Das automatische Schloss am Eingang geht
auf, wenn man die Zahlenfolge 2831 eingibt..
Tamaru machte eine Pause.
303 und 2831, wiederholte Aomame im Geist.
.Der Schlüssel ist mit Klebeband unter der Türmatte
befestigt. In der Wohnung steht alles bereit, was du
vorl.ufig zum Leben brauchst. Am besten gehst du eine
Weile nicht aus dem Haus. Ich melde mich bei dir. Ich lasse
es dreimal klingeln, lege auf, und nach zwanzig Sekunden
rufe ich wieder an. Benutz das Telefon bitte m.glichst nicht
von dir aus..
.Verstanden., sagte Aomame.
.Waren es harte Brocken?., fragte Tamaru.
.Die zwei, die er bei sich hatte, machten einen recht
tüchtigen Eindruck. Ziemlich kaltblütig. Aber Profis waren
das nicht. Ein ganz anderes Niveau als du..
.Niemand ist wie ich..
.Es w.re auch ziemlich anstrengend, wenn mehr von
deiner Sorte herumliefen..
.Mag sein., sagte Tamaru.
Aomame nahm ihr Gep.ck und ging zu einem Taxistand.
Auch dort stand eine lange Schlange. Anscheinend war der
Bahnverkehr noch immer nicht wieder aufgenommen
worden. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich
anzustellen und zu warten, bis sie an der Reihe war. Sie
hatte keine Wahl.
W.hrend Aomame zwischen den Gestrandeten – vielen
sah man ihre Ver.rgerung an – auf ein Taxi wartete,
wiederholte sie im Kopf die Adresse und die Nummer der
Wohnung, den Code für die Tür und Tamarus
Telefonnummer. Wie ein Asket, der auf einem Felsen am
Gipfel eines Berges sitzend ein bedeutendes Mantra
rezitiert. Aomame hatte schon immer auf ihr gutes
Ged.chtnis vertraut. Es kostete sie keine Mühe, sich
Angaben wie diese zu merken. Allerdings waren diese
Zahlen lebenswichtig für sie. Sobald sie nur eine davon
verga. oder verwechselte, würde es ihr das überleben
schwer machen. Zu ihrer eigenen Sicherheit musste sie sich
die Nummern fest einpr.gen.
Als sie endlich in ein Taxi stieg, war etwa eine Stunde
vergangen, seit sie das Zimmer mit dem Leichnam des
Leaders verlassen hatte. Bisher hatte sie ann.hernd doppelt
so lange gebraucht wie geplant. Wahrscheinlich hatten die
Little People dadurch Zeit gewonnen. Sie hatten die
Regengüsse in Akasaka herbeigeführt, die U-Bahn gestoppt
und damit die Leute an der Heimfahrt gehindert, sodass
der Bahnhof Shinjuku v.llig überfüllt war, die Taxis nicht
ausreichten und Aomame aufgehalten wurde. Damit sie die
Nerven verlor. Und ihre Gelassenheit. Dennoch konnte
alles auch nur Zufall sein. Vielleicht hatte es sich einfach so
ergeben. Und ich fürchte mich nur vor dem Schatten
irgendwelcher Little People, die es nicht einmal gibt,