170
Bill und Charlie kamen überein, die anderen nach King'sCross zu begleiten und sich dort zu verabschieden. Percyjedoch entschuldigte sich wortreich, weil er unbedingt zurArbeit müsse.
»Ich kann es einfach nicht verantworten, noch länger frei-zunehmen«, verkündete er. »Mr Crouch verlässt sich inzwi-schen ganz und gar auf mich.«
»Ja, und weißt du was, Percy?«, sagte George mit erns-ter Miene. »Ich denke, bald wird er sogar deinen Namenkennen.«
Mrs Weasley hatte sich ans Telefon im Dorfpostamt gewagtund drei gewöhnliche Muggeltaxis bestellt, die sie nach Lon-don fahren sollten.
»Arthur hat versucht Wagen aus dem Ministerium zu be-sorgen«, flüsterte Mrs Weasley Harry zu, als sie auf dem re-gennassen Hof standen und zusahen, wie die Taxifahrer sechsschwere Hogwarts-Schrankkoffer in ihre Autos luden. »Abersie konnten keinen erübrigen ... meine Güte, die sehen nichtgerade fröhlich aus, oder?«
Harry mochte Mrs Weasley ungern sagen, dass Muggel-taxifahrer selten überdrehte Eulen transportierten, und Pig-widgeon machte einen trommelfellzerfetzenden Lärm. Auchwar es nicht besonders hilfreich, dass Freds Koffer aufsprangund überraschend eine Anzahl Dr. Filibusters hitzefreier,nass zündender Feuerwerksknaller losging. Woraufhin derFahrer, dem Krummbein in Panik auch noch die Krallenin die Waden schlug, vor Schreck und Schmerz laut auf-schrie.
Mitsamt ihren Koffern auf die Rückbänke der Taxis ge-quetscht, hatten sie eine unbequeme Fahrt. Krummbeinbrauchte eine ganze Weile, um sich von den Knallern zu er-holen, und als sie endlich London erreichten, waren Harry,Ron und Hermine furchtbar zerkratzt. Erleichtert aufatmend
171
stiegen sie vor King's Cross aus, auch wenn es jetzt aus Kü-beln goss und sie pitschnass wurden, als sie ihre Koffer überdie belebte Straße in den Bahnhof trugen.
Harry fand es inzwischen recht einfach, auf Gleis neundrei-viertel zu gelangen. Man musste nur ganz lässig durch diescheinbar solide Absperrung zwischen den Gleisen neun undzehn gehen. Das einzig Schwierige war, möglichst nicht auf-zufallen, damit die Muggel nicht misstrauisch wurden.Heute gingen sie in Gruppen; Harry, Ron und Hermine (dieAuffälligsten, da sie Pigwidgeon und Krummbein bei sichhatten) waren als Erste dran; kaum hatten sie sich ganz ent-spannt und munter schwatzend gegen die Absperrung ge-lehnt, als sie auch schon seitlich hindurchglitten ... und Gleisneundreiviertel vor ihren Augen auftauchte.
Der Hogwarts-Express mit seiner scharlachrot leuchtendenDampflok stand schon bereit, und im Nebel der Dampf-schwaden, die aus dem Schornstein zischten, wirkten die vie-len Hogwarts-Schüler und ihre Eltern auf dem Bahnsteig wiedahingleitende Schatten. Pigwidgeon erwiderte die vielstim-migen Eulenschreie, die durch den Nebel drangen, mit be-sonders lautem und schrillem Gelärme. Harry, Ron und Her-mine machten sich auf die Suche nach Sitzplätzen und konntenihr Gepäck auch bald in einem Abteil ungefähr in der Mittedes Zuges verstauen. Dann sprangen sie noch ein-mal auf den Bahnsteig, um Mrs Weasley, Bill und Charlie aufWiedersehen zu sagen.
»Vielleicht seht ihr mich schneller wieder, als ihr denkt«,grinste Charlie, während er Ginny zum Abschied umarmte.»Warum?«, fragte Fred neugierig.
»Ihr werdet ja sehen«, sagte Charlie. »Aber sagt bloß Percynicht, dass ich was erwähnt hab ... es ist ja >eine geheime Infor-mation, bis das Ministerium beschließt, sie freizugeben<.«»Ja, ich wünschte, ich könnte dieses Jahr noch mal in Hog-
172
warts sein«, sagte Bill, der mit den Händen in den Taschen da-stand und beinahe neidisch den Zug betrachtete.
»Warum?«, fragte George ungeduldig.
»Ihr werdet jedenfalls ein spannendes Jahr erleben«, sagteBill augenzwinkernd. »Vielleicht nehm ich mir sogar mal frei,um es mir selbst kurz anzuschauen ...«
»Was denn?«, fragte Ron.
Doch in diesem Moment hörten sie einen gellenden Pfiffund Mrs Weasley schubste sie zur Waggontür.
Sie stiegen ein, schlössen die Tür und lehnten sich aus demFenster. »Danke, dass wir bei Ihnen wohnen durften«, sagteHermine.
»Es war mir ein Vergnügen, meine Lieben«, entgegnete MrsWeasley. »Ich würde euch ja gerne zu Weihnachten ein-laden, aber ... nun, ich denke, ihr wollt sicher alle in Hog-warts bleiben, wo doch so viel los sein wird ...«
»Mum!«, sagte Ron gereizt. »Nun sagt uns schon, worum esgeht!«
»Das werdet ihr wohl heute Abend erfahren«, sagte MrsWeasley lächelnd. »Es wird sicher ganz spannend – ihr wisstjanicht, wie froh ich bin, dass sie die Regeln geändert haben –«»Welche Regeln?«, kam es von Harry, Ron, Fred undGeorge wie aus einem Munde.
Doch jetzt begannen die Kolben laut zu zischen und der Zugsetzte sich in Bewegung.
»Sag uns, was in Hogwarts passieren soll!«, schrie Fred ausdem Fenster, doch Mrs Weasley, Bill und Charlie entferntensich rasch. »Welche Regeln haben sie denn geändert?«Aber Mrs Weasley lächelte nur und winkte. Noch bevor derZug um die Kurve gebogen war, war sie mit Bill und Charliedisappariert.
Harry, Ron und Hermine gingen zurück in ihr Abteil.Dichter Regen klatschte gegen das Fenster und draußen war
173
kaum etwas zu sehen. Ron öffnete seinen Koffer, zog seinenkastanienbraunen Festumhang hervor und warf ihn über Pig-widgeons Käfig, um sein Geschrei zu dämpfen.
»Bagman wollte uns verraten, was in Hogwarts passiert«,grummelte er und setzte sich neben Harry. »Bei der Weltmeis-terschaft, weißt du noch? Aber meine Mutter, meine eigeneMutter will es mir nicht sagen. Ich frag mich, was –«»Schhh!«, flüsterte Hermine plötzlich, drückte einen Fin-ger auf die Lippen und deutete auf das Nachbarabteil. Harryund Ron lauschten und hörten durch die offene Tür eine ver-traute schnarrende Stimme.
»... Vater hat tatsächlich überlegt, ob er mich nach Durm-strang schicken soll und nicht nach Hogwarts. Er kennt näm-lich den Schulleiter dort. Tja, ihr wisst ja, was er über Dum-bledore denkt – der Kerl ist ein unglaublicher Liebhaber vonSchlammblütern – und Durmstrang nimmt solches Gesindelgar nicht erst auf. Aber Mutter wollte nicht, dass ich so weitweg in die Schule gehe. Vater sagt, in Durmstrang haben sieeine viel vernünftigere Einstellung zu den dunklen Künsten alsin Hogwarts. Durmstrang-Schüler lernen sie sogar und unsbringen sie nur diesen Verteidigungskram bei ...«
Hermine stand auf, ging auf Zehenspitzen zur Abteiltür undschob sie zu; Malfoy war jetzt nicht mehr zu hören.
»Also denkt er, Durmstrang hätte besser zu ihm gepasst«,sagte sie wütend. »Ich wünschte, er wäre tatsächlich dorthingegangen, dann müssten wir uns nicht mit ihm rumschlagen.«»Durmstrang ist auch eine Zaubererschule?«, fragte Harry.»Ja«, sagte Hermine naserümpfend, »und sie hat einenfürchterlichen Ruf. Dem Handbuch der europäischen Magieraus-bildung zufolge legen sie dort großen Wert auf die dunklenKünste.«
»Ich glaub, ich hab schon davon gehört«, sagte Ron ver-schwommen. »Wo ist sie? In welchem Land?«
174
»Tja, das weiß keiner, ist doch klar«, sagte Hermine undhob die Augenbrauen.
»Hmm – wieso?«, fragte Harry.
»Es gibt seit jeher viel Rivalität zwischen den Zauberer-schulen. Durmstrang und Beauxbatons ziehen es vor, sich zuverbergen, damit niemand ihre Geheimnisse stehlen kann«,sagte Hermine, als sei dies das Natürlichste von der Welt.»Hör auf«, sagte Ron und fing an zu lachen. »Durmstrangmuss ungefähr so groß sein wie Hogwarts, und wie willst dudenn so ein irre großes Schloss verstecken?«
»Aber Hogwarts ist auch versteckt«, entgegnete Hermineüberrascht, »jeder weiß es ... nun ja, jeder, der die Geschichtevon Hogwarts gelesen hat.«
»Also nur du«, sagte Ron. »Dann erklär mir mal – wie ver-steckt man ein Schloss wie Hogwarts?«
»Es ist verhext«, sagte Hermine. »Wenn die Muggel es an-schauen, dann sehen sie nur eine vermoderte alte Ruine miteinem Schild über dem Eingang, auf dem steht: ACHTUNG,REIN ZUTRITT, EINSTURZGEFAHR.«
»Und Durmstrang sieht dann für Außenstehende auch auswie eine Ruine?«
»Vielleicht«, sagte Hermine achselzuckend, »oder es hatMuggelabwehr-Zauber an den Mauern, wie das Weltmeis-terschaftsstadion. Und damit fremde Zauberer es nicht fin-den, haben sie es sicher unortbar gemacht –«
»Wie bitte?«
»Nun, man kann ein Gebäude so verzaubern, dass es aufeiner Karte nicht zu orten ist, oder?«
»Ähm – wenn du meinst«, sagte Harry.
»Aber ich glaube, Durmstrang muss irgendwo im hohenNorden sein«, sagte Hermine nachdenklich. »Wo es ganz kaltist – bei denen gehören nämlich Pelzmützen zur Schuluni-form.«
175
»Aah, denkt doch mal an die Möglichkeiten«, sagte Ronträumerisch. »Es wäre so einfach gewesen, Malfoy voneinem Gletscher zu stoßen und die Sache wie einen Unfallaussehen zu lassen ... jammerschade, dass seine Mutter ihnmag ...«
Weiter nach Norden fuhr der Zug und der Regen wurdeimmer stärker. Der Himmel war dunkel und die Fenster wa-ren beschlagen und deshalb gingen bereits gegen Mittag dieLampen an. Der Karren mit Speisen und Getränken kam denGang entlanggerattert und Harry kaufte einen großen StapelKesselkuchen für alle.
Einige ihrer Freunde schauten im Laufe des Nachmittags beiihnen vorbei, darunter Seamus Finnigan, Dean Thomas undNeville Longbottom, ein rundgesichtiger Junge, der von seinerGroßmutter, einer stattlichen Hexe, erzogen worden und fürseine Vergesslichkeit berüchtigt war. Seamus trug im-mer noch seine Irland-Rosette. Ihr Zauber schien nun ein we-nig nachzulassen; zwar piepste sie noch »Troy! Mullet! Mo-ran!«, doch es klang recht schwachbrüstig und erschöpft. Nacheiner guten halben Stunde hatte Hermine das endloseQuidditch-Gerede satt, sie vergrub sich in das Lehrbuch derZaubersprüche, Band 4, und versuchte sich einen Sammelzauberbeizubringen.
Neville lauschte neiderfüllt, wie die anderen das Endspielnoch einmal Zug um Zug durchsprachen.
»Oma wollte nicht hingehen«, sagte er niedergeschlagen.»Und hat mir keine Karte gekauft. Klingt aber toll, was ihr er-zählt.«
»War es auch«, sagte Ron. »Schau dir das an, Neville ...«Er stöberte in seinem Koffer auf der Gepäckablage und zogdie kleine Nachbildung von Viktor Krum hervor.
»Wahnsinn«, sagte Neville neidisch, als Ron Krum einenkleinen Klaps auf den dicken Kopf gab.
176
»Wir haben ihn ganz aus der Nähe gesehen«, sagte Ron.»Wir waren in der Ehrenloge.«
»Zum ersten und letzten Mal in deinem Leben, Weasley.«Draco Malfoy war in der Tür erschienen. Hinter ihm stan-den Crabbe und Goyle, seine fiesen bulligen Kumpels, diebeide im Sommer offenbar um mehr als einen Kopf gewach-sen waren. Wie es schien, hatten sie das Gespräch durch dieAbteiltür, die Dean und Seamus offen gelassen hatten, be-lauscht.
»Ich erinnere mich nicht, dich eingeladen zu haben, Mal-foy«, sagte Harry kühl.
»Hör mal, Weasley ... was ist das denn?«, sagte Malfoy unddeutete auf Pigwidgeons Käfig. Ein Ärmel von Rons Festum-hang, der darüber hing, schwang im Fahrtrhythmus des Zugeshin und her, so dass der vergammelte Spitzenbesatz gut zurGeltung kam.
Ron wollte den Umhang rasch verschwinden lassen, dochMalfoy war schneller; er packte den Ärmel und zog ihn ansich.
»Seht euch das an!«, rief er ganz entzückt und hob RonsFestumhang hoch, damit Crabbe und Goyle ihn begutachtenkonnten. »Weasley, du hast doch nicht etwa die Absicht, denwirklich zu tragen? Immerhin – um 1890 herum war es sicherder letzte Schrei ...«
»Friss Mist, Malfoy!«, sagte Ron, und sein Gesicht hatte, alser ihn Malfoy entriss, längst die Farbe des Umhangs ange-nommen. Malfoy wieherte hämisch und Crabbe und Goyleglotzten blöde.
»Aha ... du willst dich also bewerben, Weasley? Willst denNamen deiner Familie mit ein wenig Ruhm bekleckern? Geldist auch im Spiel, du weißt ja ... könntest dir ein paar an-ständige Umhänge leisten, wenn du gewinnen würdest ...«»Wovon redest du eigentlich?«, fuhr ihn Ron an.
177
»Machst du mit?«, wiederholte Malfoy. »Du, Potter, auf je-den Fall, schätze ich. Du lässt doch keine Gelegenheit aus, umden Angeber zu markieren, oder?«
»Entweder du erklärst, wovon du redest, oder du ver-schwindest, Malfoy«, sagte Hermine gereizt über den Randihres Lehrbuchs der Zaubersprüche hinweg.
Ein hämisches Grinsen breitete sich auf Malfoys Gesicht aus.»Erzähl mir bloß nicht, dass du keine Ahnung hast, Weas-ley?«, höhnte er genüsslich. »Du hast einen Vater und einenBruder im Ministerium und du weißt es nicht mal? Hör mal,mein Vater hat es mir schon vor einer Ewigkeit erzählt ... hates von Cornelius Fudge erfahren. So ist es eben, Vater hat im-mer mit den Topleuten im Ministerium zu tun ... vielleicht istdeiner ein zu kleines Licht und darf es überhaupt nicht wissen,Weasley ... tja ... wenn er in der Nähe ist, reden siewahrscheinlich nicht über wichtige Dinge ...«
Malfoy lachte laut auf, nickte Crabbe und Goyle zu, und diedrei verschwanden.
Ron erhob sich und knallte die Schiebetür des Abteils sowütend zu, dass die Scheibe zu Bruch ging.
»Ron!«, sagte Hermine vorwurfsvoll, zückte ihren Zauber-stab und murmelte »Reparo!«; die Scherben flogen zu einerScheibe zusammen, die sich wieder in die Tür einfügte.»Das Aas ... tut so, als ob er alles wüsste und wir nicht ...«,knurrte Ron. >Vater hat immer mit den Topleuten im Ministeriumzu tun.< ... Mein Dad hätte sich jederzeit beför-dern lassen können ... ihm gefällt eben die Arbeit, die er jetztmacht ...«
»Natürlich, das wissen wir«, sagte Hermine beschwichti-gend. »Lass dich doch nicht von Malfoy ärgern, Ron –«»Er! Und mich ärgern! Schwachsinn!«, sagte Ron, packteeinen der noch übrig gebliebenen Kesselkuchen und zer-drückte ihn zu Matsch.
178
Rons schlechte Laune hielt die restliche Fahrt über an. Ersprach nicht viel, als sie ihre Umhänge anzogen, und blickteimmer noch finster, als der Hogwarts-Express endlich brems-te und schließlich in pechschwarzer Dunkelheit am Bahnhofvon Hogsmeade Halt machte.
Kaum waren die Waggontüren aufgegangen, hörten sie übersich ein Donnergrollen. Hermine wickelte Krummbein in ihrenUmhang und Ron ließ seinen Festumhang über Pig-widgeonsKäfig hängen. Mit gesenkten Köpfen, nur hin und wieder nachvorne blinzelnd, kämpften sie sich durch den Wolkenbruch. Esregnete so heftig, als würden Eimer um Eimer eiskaltenWassers über ihren Köpfen ausgeschüttet.
»Hallo, Hagrid!«, rief Harry; am Ende des Bahnsteigs hatteer eine hünenhafte Gestalt erspäht.
»Alles klar, Harry?«, brüllte Hagrid und winkte ihnen zu.»Sehn uns beim Festessen, falls wir vorher nicht absaufen!«Wie es der Brauch war, fuhren die neuen Schüler mit Boo-ten über den See hinüber nach Hogwarts.
»Uuuuuh, bei diesem Wetter hätt ich keine Lust, über denSee zu fahren«, sagte Hermine und schüttelte sich ausgiebig.Inmitten der Schülerschar gelangten sie nur mühsam über denBahnsteig und nach draußen vor den Bahnhof, wo bereitshundert pferdelose Kutschen auf sie warteten. Harry, Ron,Hermine und Neville stiegen erleichtert in einen der Wagen,die Tür schlug zu und wenige Augenblicke später setzte sichdie lange Kutschenprozession mit einem kräftigen Ruck inBewegung. Ratternd und Wasser zu allen Seiten verspritzendfuhren sie den Weg zum Schloss Hogwarts empor.