Der Artikel war vor zehn Tagen erschienen, und noch im-mer brannte Harry vor Scham der Magen, wenn er darandachte. Rita Kimmkorn zufolge hatte er dies und das und jenesgesagt, doch er konnte sich nicht erinnern, solche Wortejemals im Leben gebraucht zu haben, und schon gar nicht indiesem Besenschrank.
»Ich glaube, es sind meine Eltern, die mir Kraft geben, ichweiß, sie würden sehr stolz auf mich sein, wenn sie mich jetztsehen könnten ... ja, nachts weine ich manchmal noch, wennich an sie denke, ich schäme mich nicht, das zuzu-geben ... Ich weiß, dass mir im Turnier nichts zustoßenkann, denn sie wachen über mich ...«
Doch Rita Kimmkorn hatte nicht nur seine »Ähms« in lange,Übelkeit erregende Sätze verwandelt: Sie hatte auch andereüber ihn ausgefragt:
329
Harry hat in Hogwarts endlich die Liebe gefunden. Sein en-ger Freund, Colin Creevey, berichtet, dass Harry fast ständigin Begleitung Hermine Grangers zu sehen ist, eines umwer-fend hübschen muggelstämmigen Mädchens, das wie Harry zuden besten Schülern des Internats gehört.
Kaum war der Artikel erschienen, musste es Harry über sichergehen lassen, dass seine Mitschüler – vor allem Slytherins -lauthals Sätze daraus vorlasen, wenn er an ihnen vorbeiging,und dazu noch ihre hämischen Kommentare abgaben.»Willst vielleicht 'n Taschentuch, Harry, falls du in Ver-wandlung zu heulen anfängst?«
»Seit wann bist du einer der Spitzenschüler des Internats,Potter? Oder soll das eine Schule sein, die du zusammen mitLongbottom gegründet hast?«
»Hallo – Harry!«, rief jemand im Korridor.
»Ja, ist schon gut«, schrie Harry plötzlich zu seiner eigenenÜberraschung und wirbelte herum. Er hatte es jetzt satt. »Ichhab mir gerade die Augen ausgeheult wegen meiner totenMama und will jetzt gleich noch ein wenig weiterweinen ...«»Nein – ich meinte doch nur – du hast deine Feder ver-loren.«
Es war Cho. Harry spürte, wie er rot anlief.
»Oh – danke – tut mir Leid«, nuschelte er und hob die Fe-der auf.
»Hmmh ... und viel Glück am Dienstag«, sagte sie. »Ichdrück dir die Daumen, dass es gut geht.«
Und Harry stand ziemlich bedröppelt da.
Auch Hermine war nicht zu kurz gekommen und hatteeiniges an Gemeinheiten schlucken müssen, doch noch war esnicht so weit, dass sie völlig unbeteiligte Zuschauer an-schrie; Harry bewunderte sie in Wahrheit zutiefst für ihre Art,mit der schwierigen Situation umzugehen.
330
»Umwerfend hübsch? Die?«, hatte Pansy Parkinson ge-kreischt, als sie Hermine nach dem Erscheinen von RitaKimmkorns Artikel zum ersten Mal begegnet war. »Im Ver-gleich zu was denn – einem Eichhörnchen?«
»Einfach nicht beachten«, sagte Hermine kühl, reckte dasKinn und stapfte an den giggelnden Slytherin-Mädchen vor-bei, als wäre sie taub für deren Worte. »Ist doch schnuppe,Harry.«
Doch Harry war es nicht schnuppe. Ron hatte kein Wortmehr mit ihm geredet, seit er ihm gesagt hatte, wann sie beiSnape nachsitzen mussten. Harry hatte schon halb gehofft,dass sie in den zwei Stunden, in denen sie in Snapes KellerRattenhirne einpökeln mussten, ihren Streit aus der Weltschaffen würden, doch an diesem Tag war Ritas Artikel er-schienen und er schien Rons Glaube bestärkt zu haben, dassHarry all die Aufmerksamkeit so richtig genoss.
Hermine war wütend auf sie beide; sie ging vom einen zumanderen und versuchte sie zu zwingen, wieder mitei-nander zu reden, doch Harry wollte nicht nachgeben: Er würdeerst dann wieder mit Ron reden, wenn Ron zugab, dass Harryseinen Namenszettel nicht in den Feuerkelch ge-worfen hatte, und sich dafür entschuldigte, dass er ihn einenLügner genannt hatte.
»Ich hab ja nicht damit angefangen«, sagte Harry eisern.»Das ist sein Problem.«
»Du vermisst ihn doch!«, sagte Hermine ungeduldig. »Undich weiß, dass er dich vermisst –«
»Ich und ihn vermissen?«, sagte Harry. »Ich vermisse ihnüberhaupt nicht ...«
Doch das war schlicht gelogen. Harry mochte Hermine sehr,doch mit Ron war es einfach anders. Mit Hermine statt Ron alsbestem Freund gab es viel weniger zu lachen und siesaßen viel länger in der Bibliothek herum. Harry beherrschte
331
die Aufrufezauber immer noch nicht, etwas in ihm schien sichsogar dagegen zu sperren, und Hermine beteuerte unab-lässig, die Anleitungen in den Büchern würden ihm bestimmthelfen. So verbrachten sie fast die ganzen Mittagspausen da-mit, in der Bibliothek über Wälzern zu brüten.
Auch Viktor Krum war auffällig oft in der Bibliothek, undHarry fragte sich, was er im Sinn hatte. Lernte er oder suchteer nach einem Buch, das ihm bei der ersten Aufgabe helfenwürde? Hermine beklagte sich häufig, wenn Krum da war -nicht etwa, weil er sie je gestört hätte, sondern weil immerwieder Scharen kichernder Mädchen auftauchten und ihnhinter Bücherregalen versteckt beobachteten, und Herminefand den ganzen Rummel einfach lästig.
»Er sieht nicht mal gut aus!«, zischelte sie und warf KrumsProfil einen finsteren Blick zu. »Sie stehen doch nur auf ihn,weil er berühmt ist! Sie würden ihn doch keines Blickeswürdigen, wenn er nicht diesen Wanzki-Stuss beherrschenwürde –«
»Wronski-Bluff«, sagte Harry zähneknirschend. Ganz ab-gesehen davon, dass er Wert darauf legte, sorgfältig mitQuidditch-Begriffen umzugehen, gab ihm auch der Ge-danke einen Stich, was für ein Gesicht Ron wohl machenwürde, wenn er Hermine vom Wanzki-Stuss reden hörte.Es ist merkwürdig, doch wenn man schreckliche Angst voretwas hat und alles dafür geben würde, den Lauf der Zeit zuverlangsamen, hat dieses Etwas die lästige Gewohnheit, nochschneller zu kommen. Die Tage bis zur ersten Aufgabe glittendahin, als ob sich jemand an den Uhren zu schaffen gemachthätte und diese jetzt doppelt so schnell liefen. Wo-hin er auch ging, Harry ließ das Gefühl kaum beherrschterPanik nicht los, es begleitete ihn genauso hartnäckig wie derSpott über den Artikel im Tagespropheten.
332
An dem Samstag vor der ersten Aufgabe durften alleSchüler ab der dritten Klasse das Dorf Hogsmeade besu-chen. Hermine erklärte Harry, es würde ihm gut tun, für eineWeile aus dem Schloss zu kommen, und Harry ließ sich nichtlange bitten.
»Aber was ist mit Ron?«, sagte er. »Willst du nicht mit ihmgehen?«
»Oh ... na ja ...« Hermine lief rosa an. »Ich dachte, wirkönnten uns mit ihm in den Drei Besen treffen ...«
»Nein«, sagte Harry nur.
»Ach, Harry, das ist doch bescheuert –«
»Ich komm mit, aber mit Ron treffe ich mich nicht, und ichtrage meinen Tarnurnhang.«
»Na gut, von mir aus ...«, fauchte Hermine, »aber ich kannes nicht ausstehen, mit dir zu reden, wenn du in die-sem Umhang steckst, wo ich doch nie weiß, ob ich dich jetztansehe oder nicht.«
Also zog Harry im Schlafsaal seinen Tarnurnhang an, gingwieder nach unten und machte sich zusammen mit Her-mine auf den Weg nach Hogsmeade.
Unter diesem Umhang fühlte sich Harry wunderbar frei; erbeobachtete, wie die anderen Schüler an ihnen vorbei ins Dorfgingen, die meisten mit CEDRIC DIGGORY-Anste-ckern auf der Brust, doch zur Abwechslung musste er sichkeine hämischen Bemerkungen anhören und niemand las ausdiesem fürchterlichen Artikel vor.
»Mich starren die Leute jetzt ständig an«, sagte Herminemissgelaunt, als sie aus dem Honigtopf kamen und sich überdie großen sahnegefüllten Schokoriegel hermachten. »Sieglauben, ich führe Selbstgespräche.«
»Dann beweg eben deine Lippen nicht.«
»Hör mal zu, ich bitte dich, nimm doch für eine Weilediesen Umhang ab. Hier belästigt dich doch keiner.«
333
»Ach ja?«, sagte Harry. »Dann dreh dich mal um.«Rita Kimmkorn und ihr Freund, der Fotograf, hatten ge-rade den Pub Drei Besen verlassen. In ein gedämpftes Ge-spräch vertieft, gingen sie direkt an Hermine vorbei ohne sieeines Blickes zu würdigen. Harry drückte sich an die Haus-mauer des Honigtopfes, denn er sah es schon kommen, dassihm Rita Kimmkorn mit ihrer Krokodilledertasche einsüberzog.
Als sie vorbei waren, sagte Harry: »Sie hat sich hier im Dorfein Zimmer genommen. Ich wette, sie sieht sich das Turnieran.«
Noch während er sprach, durchflutete die Angst seinenMagen wie ein Strom heißer Lava. Er sagte Hermine keinWort davon; sie hatten kaum darüber gesprochen, was in derersten Aufgabe wohl auf ihn zukommen würde; er hatte denEindruck, dass sie nicht darüber nachdenken wollte.»Sie ist weg«, sagte Hermine und spähte durch Harry hin-durch zum Ende der Hauptstraße. »Wie war's, wenn wir in denDrei Besen ein Butterbier trinken? Es ist doch ziemlich frischhier draußen, oder? Und du musst ja nicht mit Ron re-den!«, fügte sie, sein Schweigen richtig deutend, verärgerthinzu.
Die Drei Besen waren brechend voll, vor allem mit Hog-warts-Schülern, die ihren freien Nachmittag feierten, dochauch mit einem Typ von magischen Menschen, wie sie Harryanderswo kaum zu Gesicht bekam. Da Hogsmeade das einzigenur von Zauberern und Hexen bewohnte Dorf inGroßbritannien war, vermutete Harry, dass es eine ArtZuflucht war für Geschöpfe wie die Sabberhexen, die sichnicht so geschickt tarnen konnten wie Zauberer.
Es war gar nicht einfach, sich mit dem Tarnurnhang durchdie Menge zu bewegen, denn wenn man zufällig jemandemauf die Füße trat, führte dies meist zu peinlichen Fragen.
334
Harry schlängelte sich vorsichtig zu einem freien Tisch in derEcke durch, während Hermine an der Theke etwas zu trinkenholte. Auf dem Weg nach hinten sah Harry Ron an einemTisch mit Fred, George und Lee Jordan sitzen. Er hatte großeLust, Ron einen deftigen Klaps auf den Hinter-kopf zu versetzen, ließ es dann aber doch lieber sein. Endlichschaffte er es zu seinem Tisch und setzte sich.
Hermine kam einen Augenblick später und schob ihmunauffällig ein Butterbier unter den Tarnurnhang.
»Die halten mich sicher für bescheuert, hier ganz alleinrumzusitzen«, murmelte sie. »Ein Glück, dass ich was zumArbeiten mitgebracht habe.«
Sie zog ein Notizbuch heraus, in dem sie eine Liste derB.ELFE.R-Mitglieder führte. Harry sah seinen und Rons Na-men ganz oben auf der sehr kurzen Liste stehen. Es schien sofurchtbar lange her zu sein, dass er mit Ron zusammen an denProphezeiungen gebastelt hatte, bis dann Hermine auf-getaucht war und sie zu Sekretär und Schatzmeister ernannthatte.
»Weißt du, vielleicht sollte ich einfach mal versuchen, einpaar von den Dorfleuten für B-ELFE-R zu gewinnen«, sagteHermine nachdenklich und sah sich im Pub um.
»Ja, schon gut«, sagte Harry. Er trank einen Schluck But-terbier unter seinem Tarnurnhang. »Hermine, wann gibst dudiesen Belfer-Kram endlich auf?«
»Wenn die Hauselfen anständige Löhne und Arbeitsbe-dingungen haben!«, zischelte sie zurück. »Allmählich glaubeich, es ist an der Zeit, etwas Handfestes zu unternehmen.Weißt du zufällig, wie man in die Schulküche kommt?«»Keine Ahnung, frag doch Fred und George«, sagte Harry.Hermine verfiel in nachdenkliches Schweigen; Harry tranksein Butterbier und beobachtete die Leute im Pub.Alle wirkten gut gelaunt und entspannt. Ernie Macmillan
335
und Hannah Abbott, beide mit CEDRIC DIGGORY-An-steckern auf den Umhängen, tauschten an einem Nachbar-tisch Schokofrosch-Karten. Drüben an der Tür sah er Cho undeine größere Schar ihrer Freunde aus Ravenclaw. EinenCEDRIC DIGGORY-Anstecker trug sie allerdings nicht ...und das munterte Harry ein wenig auf ...
Was hätte er nicht alles gegeben, um zu ihnen zu gehören,die da saßen und lachten und sich unterhielten und keinegrößeren Sorgen kannten als die Erledigung ihrer Hausauf-gaben! Er stellte sich vor, wie er sich hier fühlen würde, wennder Feuerkelch nicht seinen Namen ausgespuckt hätte.Zunächst einmal würde er keinen Tarnurnhang tra-gen. Ron würde bei ihm sitzen. Alle drei würden sie wahr-scheinlich ganz ausgelassen darüber nachdenken, welcheAufgabe die Schul-Champions am Dienstag unter Todes-gefahr zu lösen haben würden. Wie er sich darauf freuenwürde, ihnen zuzusehen ... ungefährdet irgendwo hinten aufden Rängen zu sitzen und Cedric anzufeuern ...
Er fragte sich, wie sich die anderen Champions fühlten.Jedes Mal, wenn er Cedric in letzter Zeit gesehen hatte, war ervon Bewunderern umringt gewesen und hatte zwar ner-vös, aber auch freudig erregt ausgesehen. Fleur Delacour hatteHarry hin und wieder kurz im Vorbeigehen gesehen; sie wirkteso wie immer, hochmütig und nicht die Spur ner-vös. Und Krum saß die ganze Zeit in der Bibliothek undbrütete über irgendwelchen Büchern.
Harry dachte an Sirius und der festgezurrte Knoten in sei-ner Brust schien sich ein wenig zu lockern. In gut zwölfStunden würde er mit ihm sprechen können, denn heute Nachtwollten sie sich am Kamin des Gemeinschaftsraums treffen –vorausgesetzt, dass nichts schief ging, wo doch in letzter Zeitalles schief gegangen war ...
»Sieh mal, da ist Hagrid!«, sagte Hermine.
336
Hagrids gewaltiger zottiger Hinterkopf – die beiden Zöpfehatte er dankenswerterweise wieder aufgelöst -tauchte über derMenge auf. Harry fragte sich, warum er ihn nicht gleichgesehen hatte, da Hagrid so groß war; doch als er vorsichtigaufstand, sah er, dass Hagrid sich hinunterge-beugt und mit Professor Moody gesprochen hatte. Hagrid hatteseinen üblichen mächtigen Humpen vor sich, doch Moodytrank aus seinem Flachmann. Madam Rosmerta, die hübscheWirtin, schien davon nicht viel zu halten; als sie die Gläservon den umstehenden Tischen einsammelte, warf sie Moodyeinen scheelen Blick zu. Vielleicht dachte sie, Moody würdeihren heißen Met verschmähen, doch Harry wusste es besser.Moody hatte ihnen in der letzten Stunde Verteidigung gegendie dunklen Künste erzählt, dass er es vorzog, sich sein Essenund seine Getränke immer selbst zu bereiten, da es für einenschwarzen Magier so einfach war, einen unbewachten Becherzu vergiften. Harry sah jetzt, wie Hagrid und Moody Anstaltenmachten zu gehen. Er winkte ihnen, dann fiel ihm ein, dassHagrid ihn ja gar nicht sehen konnte. Moody jedoch hielt inne,das magische Auge auf die Ecke gerichtet, in der Harry stand.Er stupste Hagrid ins Kreuz (seine Schulter konnte er ja nichterreichen), mur-melte etwas und die beiden kamen durch den Pub auf Har-rys und Hermines Tisch zu.
»Alles klar, Hermine?«, sagte Hagrid laut.
»Hallo«, sagte Hermine und lächelte ihn an.
Moody hinkte um den Tisch herum und beugte sich vor;Harry dachte, er würde das B.ELFE.R-Notizbuch lesen, bisMoody murmelte: »Hübscher Umhang, Potter.«
Harry starrte ihn verdutzt an. Moodys Nase mit dem gro-ßen fehlenden Stück war im Abstand von einigen Zentime-tern besonders eindrucksvoll. Moody grinste.
»Kann Ihr Auge – ich meine, können Sie –?«
337
»Ja, ich kann durch Tarnumhänge sehen«, sagte Moodygedämpft. »Und das war schon einige Male recht nützlich,kann ich dir sagen.«
Auch Hagrid strahlte zu Harry hinunter. Harry wusste, dassHagrid ihn nicht sehen konnte, doch Moody hatte ihmoffenbar erzählt, dass er hier saß. Hagrid beugte sich jetzt überden Tisch, tat so, als würde auch er das B.ELFE.R-No-tizbuchlesen, und flüsterte dann so leise, dass nur Harry ihn hörenkonnte: »Harry, komm heut um Mitternacht runter zu meinerHütte. Trag diesen Umhang.«