Er schwamm, wie es ihm vorkam, mindestens zwanzigMinuten lang. Weite Ebenen schwarzen Schlamms, von sei-nen Flossen trüb aufgewirbelt, zogen unter ihm hinweg.Dann endlich hörte er einen Fetzenjenes Wassermenschen-liedes, das er nicht mehr vergessen würde:
»In einer Stunde musst du es finden
und es uns dann auch wieder entwinden ...«
Nach ein paar raschen Zügen sah Harry vor sich einengroßen Fels aus dem trüben Wasser auftauchen. Auf denStein waren Wassermenschen gemalt; sie trugen Speere undwaren offenbar auf der Jagd nach Riesenkraken. Harryschwamm weiter, am Fels vorbei, und folgte dem Wasser-menschenlied.
»... die Zeit ist halb um, so zaudre nicht,
sonst sieht, was du suchst, nie mehr das Licht.«
Aus der Dunkelheit ragten plötzlich einige primitive und mitAlgen bewachsene steinerne Behausungen ins trübe Licht.Durch die dunklen Fenster sah Harry hie und da ein paarGesichter ... Gesichter, die nicht entfernt der Nixe auf jenemBadezimmergemälde ähnelten ...
Die Wassermenschen hatten gräuliche Haut und langes,wildes, dunkelgrünes Haar. Ihre Augen waren gelb, wie ihresplittrigen Zähne, und sie trugen dicke Perlenschnüre umden Hals. Mit scheelen Blicken verfolgten sie grinsend, wieHarry vorbeischwamm; einige wenige kamen aus ihrenHöhlen, um ihn besser betrachten zu können; sie trugen
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Speere in den Händen und durchpeitschten das Wasser mitihren kräftigen silbernen Schwanzflossen.
Harry schwamm rasch weiter, spähte umher und sah baldnoch weitere Behausungen auftauchen; um. manche davonwaren Tanggärten angelegt, und vor einer Tür, an einem Pfahlangeleint, sah er sogar einen Hausgrindeloh. Von allen Seitenerschienen jetzt Wassermenschen und betrachteten ihnneugierig, deuteten auf seine Flossenhände und Kie-men und tuschelten hinter vorgehaltenen Händen miteinan-der. Schnell bog Harry um einen Felsen, doch dahinter tat sichein sonderbares Schauspiel vor ihm auf. Eine ganze ScharWassermenschen schwebte vor einer Häuserreihe, die eine ArtDorfplatz bildete, nur dass dieser Platz unter Wasser errichtetwar. Ein Wassermenschenchor in der Mitte des Platzes sangjenes Lied, das die Champions anlo-cken sollte, und hinter dem Chor ragte eine Statue auf: eingigantischer Wassermensch, mit groben Schlägen aus einemmächtigen Geröllblock gehauen. An die Schwanzflosse dessteinernen Wassermenschen waren vier Menschen gefes-selt.
Ron hatten sie zwischen Hermine und Cho Chang ange-bunden. Mit dabei war auch ein Mädchen, das nicht älter alsacht schien. Die silbrige Haarwolke, die um es her im Was-ser schwebte, ließ Harry sicher sein, dass es Fleur DelacoursSchwester war. Alle vier schienen in einen sehr tiefen Schlafversunken. Die Köpfe hingen schlaff herunter und Strömefeiner Blasen quollen aus ihren Mündern.
Harry schwamm mit raschen Zügen auf die Geiseln zu, inder Furcht, dass die Wassermenschen ihre Speere senken undgegen ihn schleudern würden, doch nichts geschah. DieGefangenen waren mit dicken, glibberigen und sehr zähenTangschlingen an die Statue gefesselt. Einen kurzen Augen-blick lang dachte er an das Messer, das ihm Sirius zu Weih-
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nachten geschenkt hatte – aber es lag sicher verwahrt undvöllig nutzlos in seinem Koffer im Schloss.
Er sah sich um. Viele der Wassermenschen, die ihn und dievier Geiseln umkreisten, trugen Speere. Er schwamm aufeinen über zwei Meter großen Wassermann mit langemgrauem Bart und einer Halskette aus Haifischzähnen zu undversuchte ihm grimassierend und fuchtelnd verständlich zumachen, dass er sich seinen Speer ausleihen wolle. Der Was-sermann lachte und schüttelte den Kopf. »Wir helfen nicht«,sagte er mit knirschender und krächzender Stimme.
»Nun mach schon!«, sagte Harry wütend (doch nur Bla-sen kamen aus seinem Mund) und versuchte dem Wasser-mann den Speer zu entwinden, doch er riss ihn an sich,schüttelte wieder den Kopf und lachte.
Harry wirbelte herum und blickte umher. Etwas Scharfes ...irgendetwas ... Auf dem Boden des Sees lagen Steine ver-streut. Er schwamm hinab, holte sich einen besonders scharfgezackten Stein und kehrte zu der Statue zurück. Dann be-gann er auf die Taue einzuhacken, mit denen Ron gefesseltwar, und nach einigen Minuten harter Arbeit rissen sie. Ronblieb bewusstlos ein paar Zentimeter über dem Seegrundschweben und dümpelte langsam dahin.
Harry sah sich um. Von den anderen Champions war keineSpur zu sehen. Worauf warteten sie? Warum beeilten sie sichnicht? Er wandte sich nun Hermine zu, hob den gezacktenStein und begann auch auf ihre Fesseln einzuhacken –Doch schon packten ihn mehrere Paar starker grauer Hände.Ein halbes Dutzend Wassermänner schüttelten diegrünhaarigen Köpfe und zogen ihn lachend von Hermine fort.»Du nimmst deine eigene Geisel«, sagte einer der Wasser-männer. »Lass die anderen hier ...«
»Unmöglich!«, wollte Harry aufgebracht schreien – dochseinem Mund entwichen nur zwei große Blasen.
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»Deine Aufgabe ist es, deinen Freund zurückzuholen ... lassdie anderen hier ...«
»Mit ihr bin ich auch befreundet!«, rief Harry und gesti-kulierte zu Hermine hinüber, wobei ihm eine riesige sil-berne Blase geräuschlos aus dem Mund trat. »Und die ande-ren sollen auch nicht sterben!«
Chos Kopf lag auf Hermines Schulter; das kleine silber-haarige Mädchen war gespenstisch grün und fahl. Harry mühtesich verzweifelt, die Wassermänner abzuschütteln, doch sielachten nur noch lauter und hielten ihn fest. Harry blicktehektisch um sich. Wo blieben die anderen Champi-ons? Hatte er noch Zeit, Ron nach oben zu bringen unddann zurückzukommen, um Hermine und die anderen zuholen? Würde er sie dann wieder finden? Er sah auf die Uhr,um zu prüfen, wie viel Zeit ihm noch blieb – aber sie warstehen geblieben. Nun jedoch deuteten die Wassermännerum ihn her auf etwas über seinem Kopf. Harry blickte aufund sah Cedric auf sich zuschwimmen. Sein Kopf steckte ineiner mächtigen Blase, die seine Züge merkwürdig weitete undspannte.
»Hab mich verirrt!«, formte er mit den Lippen, die Augenvoller Panik. »Fleur und Krum kommen gleich!«
Harry fiel ein Stein vom Herzen, und er beobachtete, wieCedric ein Messer aus der Tasche zog und Chos Fesselndurchschnitt. Er zog sie in die Höhe und verschwand mit ihr.Harry sah sich angespannt um. Wo blieben Fleur undKrum? Die Zeit wurde allmählich knapp, und dem Lied zu-folge waren die Geiseln nach einer Stunde verloren ...Die Wassermenschen kreischten erregt. Jene, die Harryfesthielten, lockerten ihren Griff und schauten über dieSchultern. Auch Harry wandte sich um und sah etwas Mons-tröses durch das Wasser furchen: ein menschlicher Körper inBadehosen mit dem Kopf eines Hais ... es war Krum. Er
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schien sich selbst verwandelt zu haben – allerdings nicht be-sonders gut.
Der Hai-Mann schwamm geradewegs auf Hermine zu undbegann an ihren Fesseln zu reißen und zu beißen: Das Problemwar nur, dass Krums neue Zähne wenig dazu geeig-net waren, etwas Kleineres als einen Delphin zu zerbeißen,und Harry sah es schon kommen, dass Krum, wenn er nichtvorsichtig war, Hermine in zwei Teile reißen würde. Er schossauf ihn zu, schlug ihm hart auf die Schulter und hielt dengezackten Stein in die Höhe. Krum packte den Stein undbegann Hermine freizuhacken. Nach Sekunden schon war esihm gelungen; er schlang den Arm um Hermines Taille undschwamm ohne einen Blick zurück davon.
Was jetzt?, dachte Harry verzweifelt. Wenn er nur sicherwüsste, dass Fleur auf dem Weg war ... noch war nichts vonihr zu sehen. Es blieb ihm nichts anderes übrig ...
Er holte den Stein vom Grund, den Krum hatte fallen las-sen, doch die Wassermänner kamen näher, bildeten nun ei-nen Kreis um Ron und das kleine Mädchen und schüttelten dieKöpfe.
Harry zog seinen Zauberstab. »Aus dem Weg!«
Nur Blasen sprudelten ihm aus dem Mund, aber er war sichsicher, dass die Wassermänner ihn verstanden hatten, dennplötzlich hörten sie auf zu lachen. Mit ihren gelblichen Augenblickten sie gebannt und verängstigt auf Harrys Zau-berstab. Harry war allein und sie waren viele, doch nach ihrenMienen zu schließen konnten sie genauso wenig zau-bern wie der Riesenkrake.
»Ich zähle bis drei!«, rief Harry; ein langer Strom aus Bla-sen quoll aus seinem Mund, doch er hielt drei Finger in dieHöhe, damit sie die Botschaft auch sicher verstanden.»Eins ...« (er zog einen Finger ein) – »zwei ...« (er zog denzweiten Finger ein) –
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Sie wichen zurück. Harry schoss auf das kleine Mädchen zuund hieb mit dem Stein auf das Tau ein, mit dem es an die Sta-tue gefesselt war; und endlich war auch sie befreit. Er schlangden Arm um die Taille des Mädchens, packte Ron hinten amUmhang und stieß mit seinen Beinen durchs Wasser.Er kam nur langsam und mühsam voran. Seine Schwimm-hände konnte er nicht mehr benutzen, um sich anzutreiben; erruderte verzweifelt mit seinen Beinen, doch Ron und FleursSchwester waren wie Säcke voll Kartoffeln, die ihnhinabzogen ... er wandte das Gesicht nach oben, obwohl dasWasser über ihm noch dunkel war und er wusste, dass er nochtief unten sein musste ...
Auch Wassermenschen stiegen mit ihm hoch. Sie schlän-gelten völlig mühelos um ihn herum und beobachteten, wie ersich durch das Wasser kämpfte ... würden sie ihn zurück in dieTiefe ziehen, wenn die Zeit um war? Fraßen sie viel-leicht sogar Menschen? Harrys Beine verkrampften sich vorAnstrengung; seine Schultern schmerzten furchtbar unter derLast Rons und des Mädchens, die sie nach oben ziehenmussten ...
Das Luftholen war nun unerträglich schwer geworden.Wieder spürte er Schmerzen an beiden Seiten seines Halses ...jetzt wurde ihm auch bewusst, dass sein Mund voll Wasserwar ... aber die Dunkelheit war jetzt nicht mehr so undurch-dringlich ... über sich konnte er das Tageslicht sehen ...Er stieß mit den Beinen kräftig nach unten und entdeckte,dass er wieder ganz normale Füße hatte ... Wasser drang ihmdurch den Mund in die Lungen ... er fühlte sich schwindligund benommen, doch er wusste, dass nur drei Meter über ihmLicht und Luft waren ... er musste es bis oben schaffen ... ermusste einfach ...
Harry ruderte so verzweifelt mit seinen Beinen, dass essich anfühlte, als würden seine Muskeln vor Empörung
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schreien; sogar sein Kopf schien voll Wasser, er konnte nichtatmen, er brauchte Sauerstoff, er musste weitermachen, erdurfte nicht aufhören –
Und dann spürte er, wie sein Kopf durch die Wasserober-fläche stieß; wunderbare, kalte, klare Luft stach ihm ins nasseGesicht; er sog sie in mächtigen Zügen ein, und es schien ihm,als hätte er in seinem Leben noch nie richtig geatmet.Keuchend zog er Ron und das kleine Mädchen hoch an dieLuft. Überall um ihn her tauchten wilde, grünbehaarte Köpfeaus dem Wasser und lächelten ihm zu.
Die Menge auf der Tribüne machte einigen Lärm; allewaren aufgesprungen und riefen und schrien; Harry hatte denEindruck, dass sie Ron und das Mädchen für tot hielten, dochsie irrten sich ... beide hatten die Augen geöffnet; dasMädchen sah ängstlich und verwirrt aus und Ron spuckte nureinen großen Wasserstrahl aus, blinzelte im hellen Licht,wandte sich Harry zu und sagte: »Nass, oder?« Dann erkannteer Fleurs Schwester. »Warum hast du die mitge-bracht?«
»Fleur ist nicht gekommen. Ich konnte sie nicht da untenlassen«, keuchte Harry.
»Harry, du Trottel!«, sagte Ron, »du hast dieses Lied dochnicht etwa ernst genommen? Dumbledore hätte doch kei-nen von uns im Stich gelassen!«
»Aber in dem Lied heißt es –«
»Nur damit ihr auch ja innerhalb der Zeit wieder zurück-kommt!«, sagte Ron. »Ich hoffe, du hast da unten nicht deineZeit verplempert und den Helden gespielt!«
Harry kam sich dumm vor und war zugleich verärgert. Ronhatte gut reden; er hatte ja geschlafen, er hatte nicht er-lebt, wie schaurig es dort unten im See gewesen war, um-kreist von speertragenden Wassermännern, die durchaus zumTöten bereit schienen.
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»Komm her«, sagte er schroff, »hilf mir mit dem Mäd-chen, ich glaub nicht, dass sie allzu gut schwimmen kann.«Sie zogen Fleurs Schwester durch das Wasser, hinüber zumUfer, wo die Richter standen und sie beobachteten. Be-gleitet wurden sie von einer Art Ehrengarde aus zwanzigWassermenschen, die ihre fürchterlich kreischigen Liedersangen.
Harry sah, wie Madam Pomfrey um Hermine, Krum, Ced-ric und Cho herumwirbelte, die allesamt in dicke Deckeneingewickelt waren. Dumbledore und Ludo Bagman stan-den da und strahlten Harry und Ron entgegen, die jetzt auf dasUfer zuschwammen, doch Percy, der sehr blass undmerkwürdig jünger aussah als sonst, kam ins Wasser ge-patscht, um sie zu begrüßen.
Unterdessen versuchte Madame Maxime Fleur zu bändi-gen, die vollkommen aufgelöst schien und sich mit Zähnenund Klauen kämpfend zurück ins Wasser stürzen wollte.»Gabrielle! Gabrielle! Lebt sie noch! Ist sie verletzt?«»Ihr geht's gut!«, wollte Harry ihr zurufen, doch er war soerschöpft, dass er kaum sprechen und schon gar nicht lautrufen konnte.
Percy schnappte sich Ron und zerrte ihn ans Ufer (»Hau ab,Percy, mir geht's gut!«); Dumbledore und Bagman zogenHarry auf die Beine; Fleur hatte sich Madame Maximes Griffentwunden und umarmte ihre Schwester.
»Es waren die Grindelohs ... sie 'aben misch angegrif-fen ... oh, Gabrielle, isch dachte schon ... isch dachte ...«»Komm hierher zu mir, Junge«, sagte Madam Pomfrey; siepackte Harry am Arm, zog ihn hinüber zu Hermine und denanderen, wickelte ihn so fest in eine Decke, dass er sichvorkam wie in einer Zwangsjacke, und flößte ihm resoluteinen Löffel sehr heißen Zaubertranks ein. Dampf stob ihmaus den Ohren.
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»Gut gemacht, Harry!«, rief Hermine. »Du hast es ge-schafft, du hast es ganz allein rausgefunden!«
»Na ja –«, sagte Harry. Er hätte ihr gerne von Dobby er-zählt, doch soeben war ihm aufgefallen, dass Karkaroff ihnbeobachtete. Er war der einzige Richter, der den Tisch nichtverlassen hatte; der einzige Richter, der nicht erfreut und er-leichtert schien, dass Harry, Ron und Fleurs Schwesterwohlbehalten zurück waren. »Ja, stimmt schon«, sagte Harryund hob ein wenig die Stimme, damit Karkaroff ihn hörenkonnte.
»Du hast eine Wasserkäfer in deine Haar, Erminne«, sagteKrum.
Harry hatte den Eindruck, dass Krum versuchte, ihre Auf-merksamkeit wiederzugewinnen, vielleicht um sie daran zuerinnern, dass er sie gerade aus dem See gerettet hatte, dochHermine wischte den Wasserkäfer unwirsch weg und sagte:»Aber du hast die Zeit weit überschritten, Harry ... hast du solange gebraucht, um uns zu finden?«
»Nein ... gefunden hatte ich euch schon lange ...«
Harry kam sich allmählich ziemlich belämmert vor. Nun,wieder auf dem Trockenen, war er sich sicher, dass Dumble-dore keine Geisel hätte sterben lassen, nur weil ihr Cham-pion nicht zu ihr durchkam. Warum hatte er sich nicht ein-fach Ron geschnappt und war verschwunden? Er wäre derErste gewesen ... Cedric und Krum hatten keine Zeit damitverschwendet, sich um irgendjemanden zu kümmern; siehatten das Wasserlied nicht ernst genommen ...