591
Schnabel von der nächtlichen Jagd durch eines der Fenstergesegelt.
»Wenn Snape mich nur nicht aufgehalten hätte«, sagteHarry erbittert, »dann wären wir vielleicht noch rechtzei-tig gekommen. >Der Direktor ist beschäftigt, Potter ... was solldieser Unsinn, Potter?< Warum konnte er nicht einfach ver-duften?«
»Vielleicht wollte er gar nicht, dass du dorthin zurück-gehst!«, sagte Ron hastig. »Vielleicht – wart mal kurz – wieschnell, glaubst du, hätte er in den Wald kommen kön-nen? Denkst du, er hätte es vor dir und Dumbledore ge-schafft?«
»Nur dann, wenn er sich in eine Fledermaus verwandelnkonnte«, sagte Harry.
»Das würd ich ihm glatt zutrauen«, brummte Ron.»Wir müssen zu Professor Moody«, schlug Hermine vor,»und ihn fragen, ob er Mr Crouch gefunden hat.«
»Wenn er die Karte des Rumtreibers mithatte, war es si-cher einfach«, sagte Harry.
»Oder Crouch war schon außerhalb des Geländes«, sagteRon, »weil sie ja nur bis zur Grenze –«
»Schhh!«, machte Hermine plötzlich.
Jemand stieg die Treppe zur Eulerei hoch. Harry konntezwei streitende Stimmen hören, die immer näher kamen.»– das ist Erpressung, sag ich dir, das kann uns 'ne MengeÄrger einbringen –«
»– wir haben es lange genug auf die nette Tour versucht,wird allmählich Zeit, dass wir die harte Gangart einschlagen,tut er ja auch. Es wäre ihm sicher unangenehm, wenn man imZaubereiministerium erfährt, was er getan hat –«
»Ich sag dir, wenn du das schreibst, ist es Erpressung!«»Jaah, und ausgerechnet du wirst dich beklagen, wenn 'nehübsche Summe dabei rausspringt?«
592
Die Eulereitür schlug auf. Fred und George traten über dieSchwelle und blieben beim Anblick von Harry, Ron undHermine wie angewurzelt stehen.
»Was macht ihr denn hier?«, fragten Ron und Fred gleich-zeitig.
»Post verschicken«, antworteten Harry und George wie aufKommando.
»Wie, so früh?«, sagten Hermine und Fred.
Fred grinste. »Schön – wir fragen euch nicht, was ihr hier zusuchen habt, wenn ihr uns nicht fragt, was wir hier trei-ben«, sagte er.
Er hielt einen versiegelten Umschlag in der Hand. Harrywarf einen Blick darauf, doch Fred, ob zufällig oder absicht-lich, verschob die Hand, so dass der Namenszug nicht mehr zulesen war.
»Lasst euch von uns nicht aufhalten«, sagte er und deutetemit einer übertriebenen Verbeugung zur Tür.
Ron rührte sich nicht vom Fleck. »Wen wollt ihr erpres-sen?«, fragte er.
Das Grinsen auf Freds Gesicht erstarb. George warf Fredeinen kurzen Blick zu, dann lächelte er Ron an.
»Mach dich nicht lächerlich, ich hab nur Witze gemacht«,sagte er gelassen.
»Klang aber gar nicht danach«, sagte Ron.
Fred und George wechselten einen Blick.
Dann sagte Fred barsch: »Ich hab's dir doch schon malgesagt, Ron, steck deine Nase nicht da rein, wenn du siehübsch findest, so wie sie ist. Weiß zwar nicht, warum das sosein sollte, aber ...«
»Es ist auch meine Angelegenheit, wenn ihr jemanden er-presst«, sagte Ron. »George hat Recht, ihr könntet ernsthaftÄrger kriegen.«
»Ich hab dir doch gesagt, dass ich einen Witz gemacht
593
hab«, entgegnete George. Er ging auf Fred zu, nahm ihm denBrief aus der Hand und band ihn an das Bein der nächst-besten Schleiereule. »Du klingst allmählich wie unser lieberälterer Bruder, muss ich sagen. Mach so weiter, und sie er-nennen dich noch zum Schulsprecher.«
»Was für ein Blödsinn«, sagte Ron entrüstet.
George trug die Schleiereule hinüber zum Fenster und ließsie davonflattern. Dann wandte er sich grinsend zu Ron um.»Na dann hör auf, den Leuten vorzuschreiben, was sie tunsollen. Bis später.«
Die beiden verschwanden Harry. Ron und Hermine starrtensich verdutzt an.
»Ihr glaubt doch nicht, dass sie etwas von alldem mitbe-kommen haben?«, flüsterte Hermine. »Von Crouch und soweiter?«
»Nein«, sagte Harry. »Wenn es etwas so Ernstes wäre, dannwürden sie es jemandem sagen. Zumindest Dumble-dore.«
Ron jedoch schien sich in seiner Haut nicht recht wohl zufühlen.
»Was ist los mit dir?«, fragte Hermine.
»Na ja ...«, setzte Ron an, »ich bin mir da nicht so sicher.Sie ... sie sind in letzter Zeit ganz scharf darauf, Geld zu ma-chen, das ist mir aufgefallen, als ich öfter mit ihnen rumge-hangen bin, – als – ihr wisst schon –«
»Als wir nicht miteinander redeten«, beendete Harry denSatz für ihn. »Sicher, aber Erpressung ...«
»Sie haben sich diese Sache mit dem Zauberscherzladen inden Kopf gesetzt«, sagte Ron. »Ich dachte zuerst, sie woll-ten damit nur Mum ärgern, aber sie meinen es ernst, sie wolleneinen Laden aufmachen. Sie haben nur noch ein Jahr inHogwarts, ständig reden sie davon, es sei an der Zeit, über dieZukunft nachzudenken, und dass Dad ihnen nicht hel-
594
fen könne und dass sie Gold brauchten, um überhaupt an-fangen zu können.«
Jetzt schien sich Hermine unbehaglich zu fühlen. »Schon,aber ... sie würden nichts Ungesetzliches tun, oder doch?«»Oder doch?«, wiederholte Ron mit skeptischer Miene.»Keine Ahnung ... jedenfalls haben sie keine großen Prob-leme damit, Regeln zu verletzen.«
»Ja, aber hier geht's um das Gesetz«, sagte Hermine mitbesorgtem Blick. »Und nicht um eine alberne Vorschrift in derHausordnung ... bei Erpressung kommen sie mit Nach-sitzen nicht davon! Ron ... vielleicht solltest du es Percy sagen...«
»Bist du verrückt?«, entgegnete Ron. »Percy? Er würdewahrscheinlich einen auf Crouch machen und sie einbuch-ten lassen!« Er starrte zum Fenster hinaus, durch das die Eulevon Fred und George verschwunden war, dann sagte er:»Kommt, lasst uns was frühstücken.«
»Glaubt ihr, es ist noch zu früh, um zu Professor Moody zugehen?«, fragte Hermine, während sie die Wendeltreppehinunterstiegen.
»Ja«, sagte Harry. »Wenn wir ihn im Morgengrauen we-cken, wird er wahrscheinlich glauben, wir wollten ihn an-greifen, und dann sprengt er uns glattweg durch die Tür.Warten wir lieber bis zur großen Pause.«
Geschichte der Zauberei war lange nicht mehr so furcht-bar zäh dahingeflossen. Harry sah andauernd auf Rons Uhr, daer seine eigene nun doch weggeworfen hatte, aber Rons gingso langsam, dass er gewettet hätte, auch die sei kaputt. Alledrei waren dermaßen müde, dass sie am liebsten die Köpfe aufden Tisch gelegt und geschlafen hätten; selbst Herminemachte sich ausnahmsweise keine Notizen, son-dern saß da, den Kopf auf die Hände gestützt, und sah Pro-fessor Binns mit trüben Augen an.
595
Als es endlich läutete, hasteten sie hinaus in den Gang undhinüber zum Klassenraum, in dem sie Verteidigung gegen diedunklen Künste hatten; Moody kam gerade aus der Tür. Er sahso müde aus, wie sie sich fühlten. Das Lid seines nor-malen Auges hing schlaff herab und verlieh seinem Gesichteinen noch schieferen Ausdruck als sonst.
»Professor Moody?«, rief Harry, und sie drängelten sichdurch die Scharen auf dem Korridor zu ihm hinüber.»Hallo, Potter«, knurrte Moody. Sein magisches Augefolgte ein paar vorbeigehenden Erstklässlern, die verängstigtihre Schritte beschleunigten; es kippte zurück ins Innere sei-nes Kopfes und beobachtete, wie sie um die Ecke ver-schwanden, bevor er wieder ein Wort sagte. »Kommt hierrein.«
Er trat zur Seite, ließ sie in sein leeres Klassenzimmer tre-ten, hinkte ihnen nach und schloss die Tür.
»Haben Sie ihn gefunden?«, fragte Harry ohne Um-schweife. »Mr Crouch?«
»Nein«, sagte Moody. Er humpelte hinüber zu seinemTisch, setzte sich, streckte leise grunzend das Holzbein ausund zog seinen Flachmann hervor.
»Haben Sie die Karte benutzt?«, sagte Harry.
»Natürlich«, entgegnete Moody und genehmigte sich einenSchluck aus der Flasche. »Hab mir ein Beispiel an dir ge-nommen, Potter. Hab sie aus meinem Büro in den Waldgerufen. Auf der Karte war er jedenfalls nicht.«
»Also ist er tatsächlich disappariert?«, fragte Ron.»Du kannst auf dem Gelände nicht disapparieren, Ron!«,entgegnete Hermine. »Es gibt andere Wege, auf denen erhätte verschwinden können, nicht wahr, Professor Moody?«Moodys magisches Auge blieb leicht zitternd auf Her-mine ruhen.
»Du bist auch so eine, die mal über eine Laufbahn als Au-
596
ror nachdenken sollte«, erklärte er. »Tickst genau richtig da-für, Granger.«
Hermine lief vor Stolz rosarot an.
»Jedenfalls war er nicht unsichtbar«, sagte Harry. »DieKarte zeigt auch Unsichtbare. Also muss er das Gelände ver-lassen haben.«
»Aber aus eigener Kraft?«, sagte Hermine eifrig. »Oderweil ihn jemand gezwungen hat?«
»Ja, jemand hätte – hätte ihn auf einen Besen zerren und mitihm fortfliegen können, oder?«, sagte Ron hastig undsah Moody hoffnungsvoll an, ganz als ob auch er hörenwollte, dass er das Zeug zum Auroren habe.
»Auch eine Entführung können wir nicht ausschließen«,brummte Moody.
»Und?«, fragte Ron, »vermuten Sie, dass er irgendwo inHogsmeade ist?«
»Könnte überall sein«, sagte Moody kopfschüttelnd. »Si-cher wissen wir nur, dass er nicht hier ist.«
Er gähnte so ausgiebig, dass sich seine Narben spannten undsein schräger Mund einige Zahnlücken offenbarte.
Dann sagte er: »Nun, Dumbledore meint zwar, ihr dreispielt gern Detektive, aber für Crouch könnt ihr nichts tun.Das Ministerium wird inzwischen nach ihm suchen, Dum-bledore hat sie unterrichtet. Potter, du musst jetzt über diedritte Aufgabe nachdenken.«
»Wie bitte?«, sagte Harry. »Ach ja ...«
Er hatte keinen einzigen Gedanken an den Irrgarten ver-schwendet, seit er ihn letzte Nacht mit Krum verlassenhatte.
»Sollte dir diesmal wirklich liegen«, sagte Moody, sah zuHarry auf und kratzte sein vernarbtes und stoppliges Kinn.»Dumbledore meint jedenfalls, dass du schon einschlägigbewandert bist. Hast im ersten Schuljahr ein paar Hinder-
597
nisse auf dem Weg zum Stein der Weisen abgeräumt, nichtwahr?«
»Wir haben ihm dabei geholfen«, warf Ron hastig ein. »Ichund Hermine haben ihm geholfen.«
Moody grinste. »Schön, wenn ihr ihm auch helft, sich aufdiese Runde vorzubereiten, dann würd's mich sehr überra-schen, wenn er nicht gewinnt«, sagte er. »Und bis dahin ... im-mer wachsam, Potter. Immer wachsam.« Er nahm noch einenkräftigen Zug aus seinem Flachmann und ließ sein magischesAuge zum Fenster hinüberschwenken. Von seinem Platz auswar die oberste Spiere des Durmstrang-Schiffes zu sehen.»Ihr beide« – sein normales Auge musterte Ron und Her-mine – »ihr passt auf Potter auf, klar? Ich behalt zwar imAuge, was hier so vorgeht, aber trotzdem ... man kann niegenug Augen offen haben.«
Sirius schickte ihre Eule schon am nächsten Morgen zurück.Sie flatterte vor Harry auf den Tisch, genau in dem Moment,als ein Waldkauz mit einem Tagespropheten im Schnabel vorHermine landete. Sie nahm ihm die Zeitung ab, überflog dieersten Seiten, sagte: »Ha! Sie hat nichts von Crouch erfah-ren!«, und beugte sich dann zu Ron und Harry hinüber, dielasen, was Sirius über die mysteriösen Ereignisse der vorletz-ten Nacht zu sagen hatte.
Harry – wie konntest du dich darauf einlassen, mit ViktorKrum in den Wald zu gehen? Schwöre mir bitte eulenwen-dend, dass du mit niemandem mehr nachts spazieren gehst. InHogwarts ist jemand, der höchst gefährlich ist. Für mich istoffensichtlich, dass sie nicht wollten, dass Crouch mitDumbledore spricht, und sie waren vermutlich nur ein paarMeter von dir entfernt in der Dunkelheit. Sie hätten dichumbringen können.
598
Dein Name ist nicht zufällig in den Feuerkelch geraten.Wenn dich jemand angreifen will, dann hat er jetzt seineletzte Chance. Bleib immer in der Nähe von Ron und Her-mine, verlass abends nicht mehr den Gryffindor-Turm undwappne dich für die dritte Aufgabe. Übe Schockzaubern undEntwaffnen. Ein paar Hexereien können auch nicht schaden.In dieser Crouch-Sache kannst du nichts tun. Halt dich be-deckt und pass auf dich auf. Ich erwarte deinen Brief mit demVersprechen, dass du dich nicht wieder draußen rumtreibst.Sirius
»Ausgerechnet er will mir was erzählen von wegen draußenrumtreiben?«, entrüstete sich Harry mild, faltete Sirius' Briefzusammen und steckte ihn in den Umhang. »Nach all dem,was er selbst damals in der Schule getrieben hat!«
»Er macht sich Sorgen um dich!«, sagte Hermine scharf.»Genau wie Moody und Hagrid! Also hör auf ihn!«
»Das ganze Jahr über hat keiner versucht, mich anzugrei-fen«, sagte Harry. »Niemand hat mir auch nur ein Haar ge-krümmt –«
»Außer, dass jemand deinen Namen in den Feuerkelchgeworfen hat«, unterbrach ihn Hermine. »Und der oder diemüssen das aus einem bestimmten Grund getan haben, Harry.Schnuffel hat Recht. Vielleicht haben sie nur abge-wartet. Vielleicht ist es genau diese Runde, bei der sie dichkriegen wollen.«
»Pass auf«, sagte Harry ungeduldig, »nehmen wir an,Schnuffel hat Recht und jemand hat Krum einen Schockerverpasst und Crouch entführt. Gut, dann wären sie dochirgendwo hinter den Bäumen um uns her gewesen? Aber siehaben gewartet, bis ich fort war, und dann erst angegriffen.Also sieht's nicht danach aus, als ob sie es auf mich abgese-hen hätten!«
599
»Sie hätten es nicht nach einem Unfall aussehen lassenkönnen, wenn sie dich im Wald ermordet hätten!«, entgeg-nete Hermine. »Aber wenn du während einer Turnierrundestirbst –«
»Aber Krum haben sie doch einfach angegriffen«, sagteHarry. »Warum haben sie mich dann nicht auch gleich weg-geputzt? Sie hätten es zum Beispiel so aussehen lassen kön-nen, als ob Krum und ich uns duelliert hätten.«
»Harry, ich versteh's ja auch nicht«, sagte Hermine ver-zweifelt. »Ich weiß nur, dass eine Menge merkwürdiger Dingepassieren, und mir gefällt das überhaupt nicht ... Moody hatRecht – Schnuffel hat Recht – du musst endlich für die dritteRunde trainieren, und zwar sofort. Und vergiss ja nicht,Schnuffel zu antworten und ihm zu versprechen, dass du dichnicht mehr alleine rumtreibst.«
Das Schlossgelände draußen wirkte immer dann unge-heuer verlockend auf Harry, wenn er nicht rauskonnte.Während der nächsten Tage verbrachte er seine ganze Freizeitentweder in der Bibliothek, wo er zusammen mit Hermine undRon nach brauchbaren Zaubern suchte, oder in leerenKlassenzimmern, in die sie sich schlichen, um in Ruhe zuüben. Harry nahm sich vor allem den Schockzau-ber vor, den er noch nie angewandt hatte. Das Problem warnur, dass Ron und Hermine dafür gewisse Opfer bringenmussten.
»Können wir nicht Mrs Norris kidnappen?«, schlug Ron amMontag in der Mittagspause vor, als er mitten im Zau-berkunstklassenzimmer flach auf dem Rücken lag, soebenzum fünften Mal in Folge von Harry geschockt und wiederbelebt. »Schocken wir doch die mal zur Abwechslung. Oderdu könntest Dobby nehmen, Harry, ich wette, er würde allestun, um dir zu helfen. Ich will mich ja nicht beklagen oder
600
so« – er stand ächzend auf und rieb sich den Hintern – »abermir tut schon alles weh ...«
»Wenn du auch andauernd neben die Kissen fällst!«, sagteHermine unwirsch und warf die Kissen, die sie schon für denVerscheuchezauber benutzt hatten, auf einen Haufen.»Versuch doch einfach mal gerade nach hinten zu fallen!«»Wenn du geschockt bist, geht das nicht mehr, Hermine!«,sagte Ron wütend. »Warum probierst du es nicht selbst?«»Ach weißt du, ich glaube, Harry hat es jetzt ohnehin raus«,erwiderte Hermine hastig. »Und wegen Entwaffnung müssenwir uns keine Sorgen machen, das kann er ja schon ewig ...ich denke, heute Abend sollten wir mit ein paar von diesenHexereien anfangen.«