»Hat dir jemand gesagt, dass der Pokal ein Portschlüsselist?«, fragte er.
»Ne«, sagte Harry. Er ließ die Augen über den Friedhofwandern. Es war vollkommen still hier und ein wenig un-heimlich. »Soll das hier vielleicht zur Aufgabe gehören?«»Keine Ahnung«, antwortete Cedric. Er klang leicht ner-vös. »Zauberstäbe raus, meinst du nicht?«
»Ja«, sagte Harry, froh, dass Cedric den Vorschlag gemachthatte und nicht er.
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Sie zogen ihre Zauberstäbe. Harry schaute umher. Wiedereinmal hatte er das merkwürdige Gefühl, beobachtet zuwerden.
»Da kommt jemand«, sagte er plötzlich.
Angestrengt durch die Dunkelheit spähend, sahen sie eineGestalt, die zwischen den Gräbern hindurch geradewegs aufsie zukam. Harry konnte ihr Gesicht nicht erkennen; dochnach dem Gang und der Haltung der Arme zu schließen,musste die Gestalt etwas mit sich tragen. Wer immer es war, erwar klein und hatte die Kapuze des Umhangs tief über denKopf gezogen, um das Gesicht zu verbergen. Die Ge-stalt war nun schon deutlicher zu erkennen und kam immernoch näher – und jetzt erkannte Harry, dass das, was die Ge-stalt in den Armen trug, wie ein Baby aussah ... oder war esnur ein zusammengerollter Umhang?
Harry ließ den Zauberstab sinken und sah Cedric aus denAugenwinkeln an.
Cedric versetzte ihm einen kurzen, ratlosen Blick. Dannwandten sie sich wieder der näher kommenden Gestalt zu.Sie blieb neben einem übermannshohen marmornenGrabstein stehen, nur zwei Meter von ihnen entfernt. EineSekunde lang sahen sich Harry, Cedric und die kleine Ge-stalt an.
Und dann, ohne Vorwarnung, loderte Harrys Narbe vorSchmerz auf. Eine solche Höllenqual hatte er noch niedurchlitten; der Zauberstab glitt Harry aus den Fingern und erschlug die Hände vors Gesicht; seine Knie gaben nach, erstürzte zu Boden, schwarze Nacht umhüllte ihn, und seinKopf schien im nächsten Augenblick platzen zu wollen.Von weit oben hörte er eine hohe, kalte Stimme: »Töte denÜberflüssigen.«
Harry hörte ein Sirren, und eine zweite Stimme kreischte indie Nacht: »Avada Kedavra!«
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Ein gleißender Strahl grünen Lichts drang durch HarrysAugenlider und er hörte etwas Schweres neben sich zu Bo-den stürzen; der Schmerz seiner Narbe wurde so unerträg-lich, dass er würgen musste, und dann ließ er nach; es grauteihm vor dem, was er gleich sehen würde, und er öffnete seineschmerzenden Augen.
Cedric lag neben ihm auf der Erde, Arme und Beine vonsich gestreckt. Er war tot.
Eine Sekunde, die eine Ewigkeit umfasste, starrte Harry inCedrics Gesicht, in seine offenen grauen Augen, leer undausdruckslos wie die Fenster eines verlassenen Hauses, aufCedrics wie in leichter Überraschung geöffneten Mund. Unddann, noch bevor Harry aufgenommen hatte, was er da sah,bevor er mehr fühlen konnte als dumpfes Erstaunen, spürte er,wie er auf die Beine gezogen wurde.
Der kleine Mann mit dem Kapuzenumhang hatte seinStoffbündel auf die Erde gelegt, seinen Zauberstab erstrah-len lassen und schleifte Harry jetzt auf den marmornenGrabstein zu. Im flackernden Licht des Zauberstabs sah Harryden Namen auf dem Stein, dann wurde er herumge-zerrt undmit dem Rücken gegen den Stein geschmettert.
TOM RIDDLE
Der Mann im Kapuzenmantel beschwor Seile herauf, dieHarry vom Hals bis zu den Fußgelenken an den Grabsteinzurrten. Harry hörte flache, schnelle Atemzüge aus der Tiefeder Kapuze; er zerrte und zog an seinen Fesseln, und der Mannschlug ihn – schlug ihn mit einer Hand, an der ein Fingerfehlte. Jetzt wusste Harry, wer sich unter der Kapuze verbarg.Es war Wurmschwanz.
»Du!«, keuchte er.
Doch Wurmschwanz antwortete nicht; er prüfte jetzt, ob
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die Seile straff genug saßen. Mit fahrig zitternden Fingernbetastete er die Knoten. Als er sich vergewissert hatte, dassHarry so straff an den Grabstein gefesselt war, dass er sichnicht mehr rühren konnte, zog er ein Stück schwarzen Stof-fes aus dem Umhang und stopfte es grob in Harrys Mund;dann, ohne ein Wort zu sagen, wandte er sich ab und eiltedavon. Harry brachte keinen Laut hervor, noch konnte er se-hen, wo Wurmschwanz hingegangen war; er konnte den Kopfnicht drehen und hinter den Grabstein blicken; er sah nur, wasdirekt vor ihm war.
Einige Meter von ihm entfernt lag Cedrics Leiche. Nichtweit dahinter leuchtete der Trimagische Pokal im Sternen-licht. Harrys Zauberstab lag auf der Erde zu seinen Füßen. DasUmhangbündel, das Harry für ein Baby gehalten hatte, lagganz in der Nähe, am Fuß des Grabes. Etwas regte sich darin,gereizt und ungeduldig, wie es schien. Noch während Harry esbeobachtete, jagte erneut der brennende Schmerz durch seineNarbe ... und plötzlich wusste er: Er wollte nicht sehen, was indiesem Umhang war ... er wollte nicht, dass sich das Bündelöffnete ...
Zu seinen Füßen raschelte es. Er blickte hinunter und saheine riesige Schlange durch das Gras gleiten und einen Kreisum den Grabstein ziehen, an den er gefesselt war. Wiederdrang Wurmschwanz' hastiges, pfeifendes Atmen an seineOhren. Es klang, als würde er etwas Schweres über den Bo-den schleifen. Er tauchte in Harrys Gesichtskreis auf, und nunsah Harry, dass er einen Kessel an den Fuß des Grabes schob.Er schien mit Wasser gefüllt zu sein – Harry konnte esschwappen hören – und war größer als irgendein Kessel, denHarry je benutzt hatte; das bauchig ausladende Gefäß war sogroß, dass ein Mann darin sitzen konnte.
Das Etwas in dem Umhangbündel regte sich nun heftiger,als wollte es sich daraus befreien. Wurmschwanz machte
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sich jetzt mit dem Zauberstab am Fuß des Kessels zu schaf-fen. Plötzlich züngelten knisternde Flammen vom Kessel-boden her auf. Die große Schlange glitt in die Dunkelheitdavon.
Das Wasser im Kessel schien rasch heiß zu werden. An derOberfläche begann es zu brodeln, und prasselnde Fun-ken stoben in die Höhe, als ob der ganze Kessel in Flammenstünde. Dichter Dampf wallte auf und ließ Wurmschwanz'über das Feuer gebeugte Gestalt verschwimmen. Das Etwasunter dem Umhang schien erregt zu zappeln. Und wieder hörteHarry die hohe, kalte Stimme.
»Beeil dich!«
Das Wasser leuchtete im Licht der Funken, als wäre dieganze Oberfläche mit Diamanten gesprenkelt.
»Es ist bereit, Meister.«
»Nun ...«, sagte die kalte Stimme.
Wurmschwanz bückte sich nach dem Bündel auf der Erdeund begann es aufzuwickeln, enthüllte, was in ihm ver-borgen war. Harry stieß einen Schrei aus, der in dem Stoff-fetzen in seinem Mund erstickte.
Es war, als hätte Wurmschwanz einen Stein umgedreht;etwas Hässliches, Schleimiges und Blindes war zum Vor-schein gekommen – doch schlimmer noch, hundertmalschlimmer. Was Wurmschwanz mit sich getragen hatte,hatte die Gestalt eines zusammengekauerten menschlichenKindes, allerdings hatte er noch nie etwas gesehen, daseinem Kind so Wenig ähnelte. Es hatte keine Haare undseine Haut schien geschuppt und von einem dunklen,schrundigen Rotschwarz. Die Arme und Beine waren dünnund zerbrechlich, und das Gesicht – kein lebendes Kindhatte je so ein Gesicht gehabt – war flach und schlangen-gleich, mit rot schimmernden Augen.
Das Wesen schien fast gänzlich hilflos; es hob seine dür-
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ren Arme, schlang sie um Wurmschwanz' Hals, und Wurm-schwanz hob es hoch. Dabei rutschte ihm die Kapuze vomKopf, und Harry sah im Licht des Feuers den Ausdruck desAbscheus in seinem schlaffen, bleichen Gesicht, als er dasGeschöpf zum Kesselrand trug. Einen Moment lang sah Harrydas böse, flache Gesicht des Wesens im Licht der Fun-ken, die über dem Gebrodel tanzten. Und dann tauchteWurmschwanz das Geschöpf in den Kessel ein; ein Zischen,und es versank; Harry hörte den zerbrechlichen Körper leiseund dumpf auf dem Kesselboden aufschlagen.
Wenn es doch ersaufen würde, dachte Harry, und seineNarbe brannte fast unerträglich, bitte ... wenn es doch er-saufen würde ...
Wurmschwanz sprach. Seine Stimme bebte, die Angstschien ihn um den Verstand zu bringen. Er hob den Zauber-stab, schloss die Augen und sprach in die Nacht hinein:»Knochen des Vaters, unwissentlich gegeben, Au wirst deinen Sohnerneuern!«
Die Grabplatte unter Harrys Füßen knackte. Von Grauenerfüllt sah Harry, wie ein schmaler Staubwirbel auf Wurm-schwanz' Befehl hin aus dem Grab aufstieg und dann sanft inden Kessel fiel. Die diamantene Oberfläche des Wassers teiltesich unter scharfem Zischen; Funken stoben kreuz und queraus dem Kessel und nahmen ein lebhaftes, giftig wir-kendes Blau an.
Und jetzt konnte er Wurmschwanz wimmern hören. Er zogeinen langen, silbern schimmernden Dolch aus seinem Mantel.Seine Stimme war ein abgehacktes, vor Angst ver-steinertes Schluchzen. »Fleisch – des Dieners – w-willentlich ge-geben – du wirst – deinen Meister – wieder beleben.«
Er streckte die rechte Hand aus – die Hand mit dem feh-lenden Finger. Er packte den Dolch fest mit der Linken undschwang ihn nach oben.
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Harry wurde erst in letzter Sekunde klar, was Wurm-schwanz da tat – er schloss die Augen, so fest er konnte, dochden Schrei, der die nächtliche Stille zerriss, musste er hören,und er durchstach Harry, als ob der Dolch in ihn eingedrun-gen wäre. Er hörte etwas zu Boden fallen, hörte das angstge-quälte Keuchen von Wurmschwanz, dann ein Brechreiz er-regendes Platschen von etwas, das in den Kessel fiel. Harrykonnte es nicht ertragen hinzusehen ... doch das Gebräu hatteein brennendes Rot angenommen, so hell, dass es durchHarrys geschlossene Augenlider leuchtete ...
Wurmschwanz keuchte und stöhnte unter seinen Qua-len. Erst als Harry seinen angsterfüllten Atem auf seinemGesicht spürte, wurde ihm jäh bewusst, dass er direkt vor ihmstand.
»B-Blut des Feindes – mit Gewalt genommen – du wirst – deinenGegner wieder erstarken lassen.«
Harry konnte nichts tun, um es zu verhindern, die Seilewaren zu straff um ihn gespannt ... er blickte hinunter, sträubtesich verzweifelt gegen die Fesseln, und dann sah er densilbernen Dolch in Wurmschwanz' verbliebener Hand zittern.Er spürte, wie sich die Spitze durch die Beuge seines rechtenArmes bohrte und Blut den Ärmel seines zerrisse-nen Umhangs hinabsickerte. Wurmschwanz, vor Schmerzimmer noch keuchend, stöberte in seiner Tasche nach einerPhiole und hielt sie unter Harrys Wunde; ein dünnes Blut-rinnsal tröpfelte in das Glas.
Mit Harrys Blut stolperte Wurmschwanz zurück zumKessel. Er schüttete es hinein. Sofort nahm das Gebräu imKessel ein blendend helles Weiß an. Nun, da er seine Arbeitgetan hatte, fiel Wurmschwanz neben dem Kessel auf dieKnie, sackte zur Seite und blieb auf der Erde liegen, keu-chend und schluchzend, und verbarg den blutenden Arm-stumpf unter seinem Körper.
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Der Kessel brodelte und versprühte seine diamantenenFunken so blendend hell, dass alles andere in samtene Dun-kelheit getaucht wurde. Nichts geschah ...
Lass es ertrunken sein, dachte Harry, lass es misslungensein ...
Und dann, ganz plötzlich, erlosch das Funkengestiebe überdem Kessel. Weißer Dampf quoll in dicken Schwaden ausdem Kessel und tauchte alles vor Harry in weißes Nichts, sodass er weder Wurmschwanz noch Cedric noch sonst etwassehen konnte, nur den Dampf, der in der Luft hing ... es istfehlgeschlagen, dachte er ... es ist ertrunken ... bitte ... bitte,lass es tot sein ...
Doch dann – und eine eisige Woge des Grauens über-kam ihn -, dann sah er durch den Nebel hindurch, wie derdunkle Umriss eines Mannes, groß und dürr wie ein Skelett,langsam aus dem Innern des Kessels aufstieg.
»Meinen Umhang«, sagte die hohe, kalte Stimme hin-ter der Nebelwand, und Wurmschwanz, schluchzend undwimmernd, den verstümmelten Arm noch immer schüt-zend an den Leib gepresst, stolperte hinüber und griff nachdem schwarzen Umhang auf der Erde, richtete sich auf,streckte seine verbliebene Hand aus und zog den Umhang überdie Schultern seines Gebieters.
Der dürre Mann stieg langsam aus dem Kessel und starrteHarry an ... und Harry starrte zurück in dieses Gesicht, das ihndrei Jahre lang in seinen Alpträumen verfolgt hatte. Wei-ßer als ein Schädel, mit weiten, scharlachrot lodernden Augenund einer Nase, die so platt war wie die einer Schlan-ge, mit Schlitzen als Nüstern ...
Lord Voldemort war wieder erstanden.
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Die Todesser
Voldemort wandte die Augen von Harry ab und begann sei-nen Körper zu untersuchen. Seine Hände waren wie große,bleiche Spinnen; mit den langen Fingern streichelte er seineBrust, die Arme, das Gesicht; die roten Pupillen, katzen-gleich zu Schlitzen verengt, glommen noch heller durch dieNacht. Er hob die Hände hoch und krümmte mit verzückttriumphierendem Blick die Finger. Von Wurmschwanz, derzuckend und blutend am Boden lag, nahm er nicht die ge-ringste Notiz, noch von der großen Schlange, die herbeige-glitten war und erneut ihren zischelnden Kreis um Harryzog. Voldemort schob eine der unnatürlich langfingrigenHände tief in die Tasche und zog einen Zauberstab hervor.Auch ihn streichelte er sanft; und dann richtete er ihn aufWurmschwanz, der in die Höhe gerissen und gegen denGrabstein geschleudert wurde, an den Harry gefesselt war;Wurmschwanz fiel zurück auf die Erde und blieb zusam-mengekrümmt und weinend am Fuß des Grabsteins liegen.Voldemort wandte seine scharlachroten Augen wiederHarry zu und ließ sein hohes, kaltes, freudloses Lachenhören.
Wurmschwanz' Umhang glänzte vor Blut; er hatte seinenArmstumpf darin eingewickelt. »Herr ...«, würgte er hervor,»Herr ... Ihr habt versprochen ... Ihr habt versprochen ...«»Streck deinen Arm aus«, sagte Voldemort träge.
»Oh, Herr ... ich danke Euch, Herr ...«
Er schob den blutigen Stumpf unter seinem Körper her-
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vor, doch Voldemort lachte nur. »Den anderen Arm, Wurm-schwanz.«
»Herr, bitte ... bitte ...«
Voldemort bückte sich und zog Wurmschwanz' linken Armunter ihm hervor; dann schob er den Ärmel des Um-hangs über Wurmschwanz' Ellbogen, und Harry konnte jetztetwas auf der Haut des Unterarms erkennen, das aus-sah wie eine brennend rote Tätowierung – ein Totenschä-del, aus dessen Mund eine Schlange drang –, das Zeichen, dasbei der Quidditch-Weltmeisterschaft am Himmel er-schienen war: das Dunkle Mal. Voldemort untersuchte essorgfältig, ohne auf Wurmschwanz' krampfartiges Schluch-zen zu achten.
»Es ist wieder da«, sagte er leise, »sie werden es alle be-merkt haben ... und jetzt werden wir sehen ... jetzt werden wirerfahren ...«
Er drückte seinen langen weißen Zeigefinger auf dasBrandmal an Wurmschwanz' Arm.
Erneut loderte ein brennender Schmerz durch HarrysStirnnarbe, und Wurmschwanz stieß einen markerschüt-ternden Schrei aus. Voldemort löste den Finger von Wurm-schwanz' Mal, und Harry sah, dass es sich pechschwarz ver-färbt hatte.
Mit einem Ausdruck grausamer Genugtuung richtete sichVoldemort auf, warf den Kopf zurück und blickte auf demdunklen Friedhof umher.
»Wie viele werden wohl den Mut haben zurückzukeh-ren, wenn sie es spüren?«, flüsterte er, die glimmenden rotenAugen auf die Sterne gerichtet. »Und wie viele werden dummgenug sein, nicht zu kommen?«