»Ich weiß nicht, ob die Herren wissen...« – »Die Herren«, sagte er! –, »daß sowohl Shell als auch Standard-Oil um neue Ölfelder kämpfen wie im Mittelalter der Teufel und der liebe Gott um eine arme Seele... So daß allen menschlichen Berechnungen zufolge die von Herrn Cleman erworbenen Petroleumfelder wahrscheinlich das Drei- oder Vierfache wert sind... Nicht zwei Millionen – nein, sechs oder acht... Und zwar Schweizerfranken... Das brächte dem Kanton Bern drei bis vier Millionen ein... Und da der Kanton als Testamentsvollstrecker vorgesehen ist, so wird diese Summe noch erhöht durch die Provision, die der Kanton verlangen kann... Viereinhalb Millionen... Nicht übel? Was?«
»Und das Testament ist rechtsgültig?« fragte Kommissär Gisler.
»Nach französischem Recht so rechtsgültig als möglich. Es ist olograph. Von der Hand des Testators geschrieben, datiert, signiert. Und da es sich, vom Standpunkt des internationalen Rechtes, besonders um die Haltung Frankreichs handeln wird, so brauchen wir uns keinen Kummer zu machen. Ich glaube, der Kanton wird das Geld brauchen können.«
»Deich wou!« sagte Murmann trocken und zündete seine Pfeife an.
Der kleine Reinhard meinte, mit diesem Dokument werde man den »Alten« schon zur Vernunft bringen.
Studer schwieg. Er dachte verschwommen an viele Dinge. An Marie, die nun reich sein würde, an ein Sprichwort, das von einem Esel handelte, der aufs Eis tanzen ging, weil es ihm zu wohl war – und er verglich sich mit diesem Esel; er dachte weiter an die Bankgeschichte, die ihm den Kragen gekostet hatte: wie schön wäre das, wenn er nun seine Revanche nehmen und dem Staat Bern ein Vermögen zuschanzen könnte... Dann würden die bösen Mäuler plötzlich verstummen, und seine Ernennung zum Polizeileutnant wäre sicher. Aber bis dahin floß noch viel Wasser d'Aare-n-ab. Es war keine einfache Sache...
Ein hartes Pochen an der Tür schreckte ihn aus seinem Grübeln. Der Polizeirekrut meldete sich zurück. Er war in Studers Wohnung gewesen, so berichtete er, und Frau Studer habe ihm gesagt, Pater Matthias sei schon um halb drei Uhr fortgegangen. Sein Fieberanfall sei vorbei gewesen.
Dies alles rapportierte der Polizeirekrut mit geschlossenen Absätzen, in tadelloser Achtungstellung, und die Mittelfinger seiner beiden Hände hatte er an die blauen Passepoils seiner Uniformhose gepreßt.
»Abtreten!« sagte Kommissär Gisler bloß. Aber Studer stand auf. An der Türe sagte er:
»Gisler, du bringst die Sache mit dem ›Alten‹ ins reine. Ich möcht' morgen früh mit ihm sprechen. Sag ihm das. Ich hab' heut noch viel zu tun. Und dann Gisler, schau, daß mir der Polizeihauptmann sein Bureau und sein Telephon um sechs Uhr überläßt. Ich werd' eine Stunde zu telephonieren haben. Du stehst ja ganz gut mit ihm.«
Dann fiel die Tür zu. Der Stadtkommissär betrachtete nachdenklich seine empfindlichen Füße. Er studierte, studierte... Es war das erstemal, daß der Wachtmeister ihn duzte, und Gisler überlegte sich, ob er diese Familiarität als Schmeichelei oder als Beleidigung werten solle. Er entschloß sich zu ersterem: das Duzen war sicher ein Zeichen der Anerkennung für sein diplomatisches Geschick; daß aber der Held des »Großen Falles« so brüderlich zu ihm gesprochen hatte, erfüllte Gislers Herz mit Stolz und verdrängte auf fünf Minuten den anderen Stolz, den Stolz auf die aristokratische Empfindlichkeit seiner Füße...
Kanalraeumen
»Sicuro«, sagte Dr. Malapelle vom Gerichtsmedizinischen. »Barbitursäure. Kein Zweifel! Massive Dosis. Somnifen. Ja ja, ich glaube, obwohl das nicht genau festzustellen ist. Mir schien es, als rieche der Mageninhalt stark nach Anis. Und da ich kein barbitursäurehaltiges Schlafmittel mit Anisgeruch kenne – außer Somnifen –, so ist es erlaubt, den Schluß zu ziehen. Übrigens, die Frau hätte nicht mehr lange gelebt. Schwere Endocarditis – oder, wenn Ihr Laienverstand, Inspektor, dies besser begreift, das Herz der alten Dame war schwach, schwächer, am schwächsten. Eine Aufregung – e poi... ja... Ob sie es freiwillig geschluckt hat?... Vielleicht, wahrscheinlich. Selbstmord ist wirklich nicht ausgeschlossen. Aber Sie glauben an einen Mord? Romantiker! Wenn's Ihnen Freude macht!«
Da erzählte Studer von der Schnur und von den Spuren an der Kante des Schlüsselloches.
»Fantasmagoria!« meinte Dr. Malapelle ärgerlich. »Sie haben Einbildungskraft, und die Einbildungskraft geht mit Ihnen durch! Nehmen Sie sich zusammen!«
Da zog Studer die Fieberkurve aus der Tasche, das Testament hatte er dem Kommissär gegeben, und zeigte sie dem Arzte. Der runzelte die Stirn und sagte:
»Was ist das? Entweder stimmt die Diagnose nicht, oder... Das ist doch keine Malariakurve! Weder Tertiana noch... Und dann, vedi, ispettore! – entweder hat die Schwester mangelhaft gemessen, oder... Statt die Zehntelsgrade anzugeben, gibt sie überall nur die Viertel-, Halb- und Ganz-Grade an: Sehen Sie selbst: 36,75, 39,5, 38,0. Das gibt es nicht. Auch wenn man in Betracht zieht, daß diese Fieberkurve aus einem Kolonialspital stammt, das außerdem noch von französischen Ärzten betreut wurde... Immerhin... pure... Merkwürdig... singolare... Es gibt doch nicht mehr Arbeit, die Zehntelsgrade zu notieren...«
Dem Wachtmeister Studer stak ein verstohlenes Lächeln in den Mundwinkeln.
»Danke, dottore«, sagte er, »mille grazie... Darf ich noch die Leiche der Sophie Hornuss sehen?«
... Ein faltiges Gesicht – und es drückte Schrecken aus. Es war aufgedunsen... und neben dem linken Nasenflügel saß keine Warze...
Hotel zum Wilden Mann. Studer fragte den Portier, ob er Pater Matthias sprechen könne. Hochwürden sei noch nicht heimgekehrt, hieß es. Da sah man wieder einmal, wie wohlerzogen Hotelportiers waren! Natürlich! Einen Priester nannte man Hochwürden. Aber das Hedy sagte: »Herr Mönch!«
Ob er das Zimmer, das der Pater belegt habe, einmal sehen könne, wollte Studer wissen und zeigte seine Legitimation. Sie erwies sich als unnötig. Man kannte ihn. Der Chef de Réception, der in der Halle mit Nichtstun beschäftigt war, wurde herbeigerufen und hatte nichts dagegen, daß Studer das Zimmer des Paters in Augenschein nahm.
Erster Stock, zweiter Stock, dritter Stock... So ein Lift war doch etwas Kommodes. Man brauchte keine Stiegen zu steigen, man brauchte seinen Schnauf nicht unnütz zu verschwenden.
Nummer 63. Der Liftboy kam mit, er wartete, und Studer wäre so gerne allein geblieben! Aber ein Zweifrankenstück wirkte Wunder. Plötzlich war der Gröggu verschwunden.
Auf der Glasplatte über dem weißen Porzellanbecken lehnte eine einsame Zahnbürste im Wasserglas. Daneben lag ein Stück billige Seife. Ein Handtuch war gebraucht worden. Und auf einem Stuhl stand ein mäßig großer Koffer aus brauner Vulkanfiber. Als Studer ihn öffnete, lagen darin, sorgfältig zusammengelegt:
Ein blauer Regenmantel, ein ordinärer grauer Konfektionsanzug, ein gebrauchtes, weißes Hemd mit weichem Kragen, eine billige Krawatte und ein Paar schwarze Halbschuhe...
Ausgebreitet auf dem Bette war ein blauer Pyjama, wie man ihn für fünf Franken in der Epa kaufen konnte.
Ganz leise pfiff Studer den Bernermarsch. Und dann verließ er das Zimmer. Er warf noch einen Blick zurück und da fiel ihm etwas auf. Ein braunes Etwas lugte aus der Falte heraus, die von der Lehne und vom Sitz des Fauteuils gebildet wurde. Der Wachtmeister trat näher. Das Ding war fest eingeklemmt. Studer zog es mit einiger Mühe heraus.
Ein Fläschlein. Somnifen. Leer. Er ließ es in seiner Rocktasche verschwinden...
»Wann ist der Pater angekommen?«
Der Portier konnte keine Auskunft geben. Wahrscheinlich in der Nacht, meinte er. Sein Kollege werde Bescheid wissen, aber der schlafe jetzt. Ob es nicht Zeit habe bis später?
Studer nickte und verließ das Hotel, begleitet vom Chef de Réception, der ihm den tuusig Gottswille anhing, doch nur ja nichts verlauten zu lassen, wenn das Hotel in irgendeine Kriminalsache verwickelt sei. Er werde sich erkenntlich zeigen, sagte der Chef, der scharf nach Brillantine roch, aber der Herr Wachtmeister müsse begreifen, wie sehr die Geschichte dem Hotel schaden könne...
Studer bremste den Redefluß, indem er noch einmal umkehrte und das Gästebuch zu sehen verlangte.
»Koller Max Wilhelm, geb. 17. März 1876. Missionar.«
Missionar... Studer stand da, die Fäuste unter dem Raglan in die Seiten gestemmt, und blickte auf den Namen, den er heute früh, schon einmal, in einem Paß gesehen hatte.
Pater Matthias alias Koller Max Wilhelm besaß einen Bruder, Cleman Alois Victor, der sich als Geologe und Denunziant betätigt hatte – Schweizer war er auch gewesen – und dann war er an einem malignen Tropenfieber zu Fez gestorben und in einem Massengrab verscharrt worden. Dieser Cleman betätigte sich nun, nach Angaben seines Bruders, als Gespenst. Er sprach durch den Mund eines Hellseherkorporals, er drohte, drei Monate im voraus, seine beiden Frauen zu ermorden – und er beging die Morde auch. Pfeifende Morde, wenn man so sagen durfte. Das Gas pfiff aus den geöffneten Brennern und der Haupthahn war halb geöffnet, er bildete einen Winkel von fünfundvierzig Grad...
Eine alte Frau in Basel, eine alte Frau in Bern... Die Sophie war reich gewesen, warum hatte der Geologe der »G'schydene«, mehr Geld gegeben als der Rechtmäßigen? Warum hatte die Rechtmäßige mit ihrer Tochter Not leiden müssen in einer Einzimmerwohnung mit einer winzigen Küche, die eigentlich gar keine Küche war, sondern nur ein Durchgangskorridor, während die »G'schydene« in guten Verhältnissen gelebt hatte – Zweizimmerwohnung, verschnörkelte Möbel, Gasofen mit Grill und Backröhre?...
In Basel war nur ein zweiflammiges Réchaud vorhanden gewesen und über ihm hatte ein windschiefes Gestell gehangen mit alten Blechbüchsen, an denen das Email abgebröckelt war: »Salz«, »Kaffee«, »Mehl«. Gutmütige Menschen haben es schwer auf der Welt. Sie werden stets übertölpelt. Während die anderen, mit den schmalen Mündern, mit den höhnischen Augen, ihr Wissen verwerten.
Die Josepha hatte ihren Mann sicher nie geplagt. Aber die Sophie? Warum die Scheidung nach einem Jahr schon? Wissen ist nicht nur Macht, wie der beliebte Gemeinplatz lautet, Wissen bringt auch Geld ein. Wissen ist die Grundlage für eine schlau angelegte Erpressung. Kann die Grundlage sein...
Jede Handlung läßt sich begründen – und wenn der Grund nicht im Bewußten gefunden werden kann, so muß man ihn im Unbewußten suchen. Dies hatte der Wachtmeister von der Berner Fahndungspolizei einmal gelernt, als er einen Fall hatte aufklären müssen, der in einem Irrenhaus spielte. Ein Psychiater hatte es auf sich genommen, ihm den Unterschied zwischen bewußt und unbewußt recht drastisch einzubleuen.
Der Portier des Hotels zum Wilden Mann wunderte sich über den schweigsamen Fahnder, der sich an dem Gästebuch festgesehen hatte...
»Koller Max Wilhelm, geb. 13. März 1876 in Freiburg, Missionar, von Paris nach Paris...«
Geboren am 13 . März 1876, somit sechsundfünfzig Jahre alt, – er sah älter aus, der Pater Matthias mit dem Schneiderbärtchen. Am 13. März. Der Dreizehnte war ein Unglückstag. Mit achtzehn Jahren war er in den Orden der »Weißen Väter« eingetreten, ein Orden, der vom Kardinal Lavigerie gegründet worden war, um die Mohammedaner zu bekehren. Eine hoffnungslose Angelegenheit, wie der Pater selbst sagte. Im Jahre 1917 war der Pater mithin einundvierzig Jahre alt gewesen. Und er stammte aus Freiburg...
Freiburg... In Freiburg hatte auch die Ulrike Neumann gelebt. Die Ulrike Neumann, die mit einem Unbekannten in Bern ein Verhältnis gehabt hatte und dann gestorben war, nach dem Genuß von KCN, von Cyankalium. Und getroffen hatte sie sich mit ihrem Liebsten im Hotel zum Wilden Mann...
Der Portier mit dem tadellosen Scheitel, der so streng nach Brillantine roch, fuhr zusammen, als der stumme Mann plötzlich den Mund auftat und ein wenig heiser befahl:
»Rufen Sie mir den Direktor!«
»Ich weiß nicht, ob der Herr Direktor augenblicklich zu...«
»Rufen Sie mir den Direktor!« Ein Widerspruch ließ sich nicht gut anbringen.
»Ich werde sehen, ob es möglich...«
»Ich erwarte den Direktor in drei Minuten. Führen Sie mich in sein Bureau!« Wachtmeister Studer sprach Schriftdeutsch. Der Portier verschwand. Und Studer marschierte ruhigen Schrittes auf eine Türe zu; eine Milchglasscheibe im oberen Teil; darauf in schwarzen Buchstaben: »Direktionsbureau«.
Zwei Minuten und dreißig Sekunden. Dann stand vor ihm ein O-beiniges Männchen mit einem Spitzbauch, das sich unaufhörlich die Hände rieb.
»Ich möchte«, sagte Studer und erwiderte die freundliche Begrüßung mit einem zerstreuten Kopfnicken, »die Gästebücher der Jahre 1902 und 1903 sehen.«
»Ich weiß nicht«, sagte das spitzbäuchige Männchen, »Ob mir dies möglich sein wird. Ich habe das Hotel erst 1920 übernommen und da wird es...« Weiter kam er nicht.
»Wenn die verlangten Bücher nicht innerhalb einer Viertelstunde hier auf dem Tisch liegen«, sagte Studer und klopfte mit der Hand auf eine rote Plüschdecke, die den Tisch inmitten des Direktionsbureaus überdeckte, »so telephoniere ich an die Stadtpolizei. Sechs Fahnder übernehmen dann die Suche – und ich garantiere Ihnen, daß meine Leute die Bücher finden werden. Nur wird das einen kleinen Skandal geben, es wird unmöglich sein, Ihre Gäste in Unwissenheit darüber zu lassen, daß bei Ihnen eine polizeiliche Untersuchung vorgenommen wird. Inwieweit«, »Inwieweit«, sagte Studer, »dies Ihrem Kredit nützen oder schaden wird, dies festzustellen überlasse ich Ihnen. Vielleicht wird es eine ausgezeichnete Reklame für Ihr Hotel sein...« Und schwieg.
Das O-beinige Männlein jammerte, jammerte herzerweichend. Studer hatte seine dicke Silberuhr auf den Tisch gelegt. Nach einer Weile sagte er: »Sie haben noch zehn Minuten.« Das Männchen begann Flüche zu murmeln und Verwünschungen, Drohungen auch mit Großräten und Nationalräten und Ständeräten und Bundes...
»Sieben Minuten«, sagte Studer. Da fiel die Glastüre schmetternd ins Schloß hinter dem O-Beinigen.
Nach fünf Minuten lagen drei verstaubte Bücher vor Studer. Der Wachtmeister zog einen Stuhl heran und begann zu blättern. Jänner 1902 – nichts. Horner – nichts. März – erster, zweiter, dritter... Am zehnten: Neumann Ulrike, 21.Juni 1883, Freiburg... Eine Nacht. Kein Männername in der Nähe.
Und im April tauchte die Ulrike Neumann wieder auf, im Mai, im Juni, im Juli... Immer allein.
Endlich: am 23. September stand gerade unter dem Namen der Ulrike Neumann ein Männername: Koller Victor Alois, 27.Juli 1880, stud. phil., Freiburg...
Oktober das gleiche, November auch. Im Dezember zwischen dem Namen der Ulrike Neumann und dem Namen des Koller Victor Alois die Namen dreier Gäste. Im Dezember auch. Im Januar 1903 die gleiche Schrift.
Dann, in den folgenden Monaten, fehlte der Name des Mannes. Er tauchte nicht mehr auf. Auch seine Schrift... eine eigenwillige Schrift, mit einem deutlich eingerollten Schnörkel – fehlte. Das ganze Jahr 1903 war die Schrift sowohl als auch der Name nicht mehr zu finden. Aber regelmäßig, alle vierzehn Tage, tauchte der Name der Ulrike Neumann auf. Zum letztenmal am 27.Juni. Dann nicht mehr.