Koller Victor Alois... Man brauchte kein Graphologe zu sein, um festzustellen, daß der Mann, der seinen Namen ins Gästebuch eingetragen hatte, auch der Verfasser des Testamentes war... Jenes Testamentes, das ein Vermögen von einigen Millionen zwischen dem Kanton Bern und der Marie Cleman teilte...
Aber – und dies war das Merkwürdigste – weder die Schrift des Testamentes noch die Schrift im Gästebuch hatte auch nur die geringste Ähnlichkeit mit der Schrift auf der Enveloppe, die an »Madame Josepha Cleman-Hornuss, Spalenberg 12, Bâle« adressiert war.
Sie hätte, die eigenwillige, egoistische Schrift, eher noch der Schrift geglichen, die ins Gästebuch geschrieben hatte:
»Koller Max Wilhelm, 13. März 1876 in Freiburg, von Paris nach Paris.« Der Schrift Pater Matthias'!
Außer dieser Ähnlichkeit der Schriften war da noch ein Handkoffer aus Vulkanfiber, enthaltend: einen blauen Regenmantel, einen billigen grauen Konfektionsanzug, ein gebrauchtes weißes Hemd mit weichem Kragen, eine geschmacklose Krawatte, ein Paar Socken, ein Paar schwarze Halbschuhe...
Pater Matthias alias Koller Max Wilhelm aber war verschwunden. Er hatte sich nach Überwindung eines Fieberanfalls verflüchtigt.
Auf der roten Plüschdecke lag noch immer Wachtmeister Studers dicke Silberuhr. Sie zeigte halb fünf. Auf dem Schreibtisch beim Fenster aber stand ein Telephon. Und in einer Ecke des Zimmers, eingeschüchtert, schweigsam, der Direktor des Hotels ›zum Wilden Mann‹.
»Sie erlauben?« fragte Studer, trat zum Schreibtisch und stellte auf der Scheibe eine Nummer ein.
»Du, los einisch«, Studer sprach breites Bärndeutsch. Nach einer Pause fuhr er fort: Ob ein Mönch in einer weißen Kutte sich auf dem Bahnhof gezeigt habe?... Ja?... Wann?... Den Fünf zehn-zweiundzwanzig nach Genf?... Aha... Ganz recht!... Kein Gepäck?... Nur einen Brotsack?... »Märci denn, Fridu!« Der Postenchef vom Bahnhof Bern schien einen Witz gemacht zu haben, denn Studer lachte. Es war ein gezwungenes Lachen und kam nicht von Herzen. Und dann legte der Wachtmeister den Hörer auf die Gabel. Er wandte sich um und teilte dem Direktor trocken mit, ein Gast seines Hotels sei durchgebrannt. Ja, der Missionar. Er habe seine Rechnung nicht bezahlt?... Keine Sorge darum!... Der Betrag werde wohl in den nächsten Tagen eintreffen – per Mandat wahrscheinlich – und mit Trinkgeld. Pater Matthias habe nicht den Eindruck eines Zechprellers gemacht?... Nein, nein, durchaus nicht. Wahrscheinlich habe er ein Telegramm erhalten... Es sei für ihn kein Telegramm im Hotel abgegeben worden?... Das habe gar nichts zu sagen. Sicher habe der Missionar es an einer Privatadresse abgeholt...
Studer schmunzelte über das Gebaren des O-beinigen Männchens. Händereibend trabte es im Zimmer auf und ab, umkreiste den Schreibtisch, zog die Kreise enger und enger um den davorstehenden Armstuhl, den des Wachtmeisters mächtige Gestalt verdeckte, endlich... endlich schlüpfte das Männchen unter Studers Arm durch und ließ sich aufatmend auf den Sitz plumpsen.
»Ich glaube«, sagte der Direktor und zog einen Füllfederhalter aus dem Behälter, der den Schreibtisch zierte, »daß ich der Behörde mein Entgegenkommen genügend bewiesen habe. Darf ich Sie bitten, Wachtmeister, nun mein Bureau zu verlassen?«
Studer schnaufte durch die Nase. Der richtige Bureauhengst, dieser Direktor! Der Schreibtischstuhl mit dem beweglichen Sitz war sein Thron, auf ihm war der Spitzbauch plötzlich unantastbar, Diktator, Herrscher, Kaiser – kleiner Kaiser. Der Stuhl allein gab ihm Würde und Sicherheit... »Gewiß, Herr Direktor«, und Studer verbeugte sich übertrieben tief. Und dann war er plötzlich verschwunden. Der Direktor hatte nicht einmal das Schließen der scheppernden Glastür gehört...
Der Polizeihauptmann war heimgegangen, und das war günstig. So konnte man nicht nur das Telephon benutzen, sondern auch das weiße Löschblatt der Schreibunterlage. Denn Telephonieren ohne Kritzeln ist kein richtiges Telephonieren...
Studer brachte das Fräulein vom Fernamt zur Verzweiflung, und so vertieft war er in diese Beschäftigung, daß er für nichts anderes Ohren hatte, weder für das Pfeifen der Bise draußen vor den Fenstern noch für das Pochen an der verschlossenen Tür. Mochten seine Kollegen sich die Knöchel wundklopfen am versperrten Heiligtum des Polizeihauptmanns – mochte der Wind die Ziegel aller Hausdächer in der Bundeshauptstadt auf die Straße blasen – Wachtmeister Studers Linke hatte den Hörer ans Ohr gepreßt, während die Rechte wunderbare Traumlandschaften auf dem Fließblatt entwarf. Palmen... Palmen... Fabeltiere, die vielleicht Kamele darstellten, aber eher buckligen Säuen glichen, und daneben Menschen in wallenden Gewändern mit vertätschten Blumentöpfen auf den Köpfen...
Durch die Gänge des Amtshauses aber schlich ein Raunen: »Dr Köbu spinnt...«
»Stadtpolizei Basel... Dringend... Autonummer BS 3437... Besitzer des Autos feststellen, eventuell an wen vermietet... Halt, Fräulein, wir sprechen noch... Nachforschen, in welchem Hotel Pater Matthias – reist mit Paß Koller Max Wilhelm – abgestiegen ist... An welchem Tag weitergereist... Garagen, Taxichauffeure anfragen, ob ein Mann mit folgendem Signalement: Klein, weiße Mönchskutte, rote Kappe, Sandalen, graumelierter Bart, ein Auto nach Bern gemietet hat... Bitte um telephonische Antwort Kantonspolizei Bern... Ja, Fräulein, mit Basel bin ich fertig. Loset einisch: Priorität Sûreté Paris... Ihr lütet a? Guet eso... Märci...«
Ärzteverzeichnis... Und während man im Ärzteverzeichnis blättert, denkt man über die Nummer des Autos BS 3437 nach. Das Auto hat man gesehen, der Pater hat behauptet, Marie und der Hellseherkorporal seien darin gewesen... Hat der Pater geschwindelt?...
Ärzteverzeichnis: das Quartier um die Gerechtigkeitsgasse... Junkerngasse, Metzgergasse... Dr. Schneider... Dr. Wüst... Dr. Imboden...
»Dr. Schneider? Nicht daheim? Märci.« – »Dr. Imboden? – Kantonspolizei. Haben Sie eine Frau Hornuss, Gerechtigkeitsgasse 44, behandelt?... Ja?... Nervöse Schlaflosigkeit... Depressionen... Was haben Sie verschrieben?... Somnifen?... Märci, Herr Doktr... Datum des letzten Rezepts?... 30. Dezember... A bah! Jaja, die Frau, die Selbstmord begangen hat... Sie haben das vorausgesehen?... Märci, Herr Doktor, gueten Abig.«
»Katholisches Pfarramt Bern? Eine Frage: Ein ordinierter Priester, auch wenn er einem Orden angehört, ist doch verpflichtet, jeden Morgen die Messe zu lesen... Ja?... Hat ein gewisser Pater Matthias vom Orden der Weißen Väter vorgesprochen? Heut morgen?... Soso... Um wieviel Uhr?... Sechs Uhr? Märci, Herr Pfarrer, nüt für unguet...«
»Angemeldetes Gespräch mit Paris... Märci, Fräulein... Nicht unterbrechen, kann bis eine halbe Stunde dauern.«
Verstellen eines unsichtbaren Hebels – Studer schaltete die französische Sprache ein. Eine mürrische Stimme am andern Ende des Drahtes erkundigte sich, was los sei. – Kommissär Madelin solle ans Telephon kommen. – Wieherndes Lachen in Paris. Madelin? Wer denn in Bern spreche? – Das Gelächter machte Studer wild. Er brüllte in die Muschel. Das wirkte. Man werde umstellen nach dem Bureau des Herrn Kommissärs. Studer dankte nicht einmal.
Pause... Der Wachtmeister vermißte etwas! Die Brissago! Aber das Anbrennen des Stengels erwies sich als schwierig. Man mußte mit dem linken Ellbogen die Muschel ans Ohr drücken, um die Hand frei zu bekommen – aber dann gelang es. Anstrengend war es gewesen; zwei Schweißtropfen fielen auf das Fließblatt und bildeten zwei Kreise. Und während des folgenden Gespräches wurden diese beiden Kreise die Augen eines Gesichtes. Es brauchte nur wenig Bleistiftstriche. Aber merkwürdigerweise ähnelte das Gesicht, das entstand, dem lebenden Konversationslexikon Godofrey. Und als Studer dies bemerkte, seufzte er. Er empfand Sehnsucht nach dem kleinen Mann.
Er nahm sich vor, die Fieberkurve so bald als möglich von diesem Freunde begutachten zu lassen...
Madelin!
»... Danke, ja, sehr gut!... Du, Alter, ich brauch' ein Datum. Wann ist die Verlustanzeige des Koller Jakob eingegangen? Koller, ja... K wie Krischnamurti, R wie Rom, L wie Lutetia, E wie Ernest... Börsenmakler, ja... Mitte September... Eine gewisse Cleman Marie... War bei dem Koller Sekretärin... Weißt du übrigens, daß dein Pater Matthias auch Koller heißt? Genau wie der verschwundene Makler, ja. Du hast die Daten? Gut, ich schreibe mit...« Und Studer zog das Weihnachtsgeschenk seiner Frau aus der Busentasche und begann nachzuschreiben. Er murmelte leise dazu: »Spekulationen in nordafrikanischen Minenaktien, verliert beim Krach der Banque Algérienne im Juli... Ja ja, ich verstehe gut, weiter... Meldet am 2. August den Konkurs an... Papiere beschlagnahmt... Aussage der Marie Cleman vom 15 . September: Mein Chef war deprimiert, erklärte mir oftmals, er habe keinen Mut mehr und kündigte mir auf 1. Oktober... Verließ am 13. September abends unsere gemeinsame Wohnung... Gemeinsame Wohnung? Ah... Aaah... Nein, nein, verzeih, Alter, ich hab, mich an meiner Zigarre gebrannt... Nur weiter. Also: aus der gemeinsamen Wohnung fortgegangen... Gut. Ohne Gepäck?... Ohne Gepäck!... Hat mir Geld hinterlassen... Wieviel... 4000 Franken... So so, du hast die Papiere beschlagnahmen lassen? Und Godofrey untersucht sie?... Nein, nein, nicht nötig. Ich werde wahrscheinlich selbst nach Paris kommen. Hast du eine Beschreibung des Jakob Koller? Ja? Ich schreibe nach: 1,89 m, gelbe Hautfarbe, glattrasiert, stumpfblondes Haar... Keine Photo? Schade... Keine Leiche, auf welche die Beschreibung passen könnte?... Dann wäre das erledigt. Halt, wart noch: Nachforschen, wo Korporal Collani, 1.Fremdenregiment, 2.Bataillon, sich augenblicklich aufhält. Collani, ja. Ähnlich wie Koller, nur mit einem C am Anfang, zwei L, A wie Alfons, N wie Nini, I wie Isidor... Über Bel-Abbès? Das weißt du besser als ich. Natürlich, wenn du es machen kannst. Sicher geht es drahtlos schneller. Ausführliche Antwort, ob Collani noch immer als Deserteur gilt, dann: was man von ihm weiß, Datum seines Engagements, Lebenslauf etcaetera... Nein, nicht telephonisch, ein Telegramm an meine Privatadresse, wenn du meinst, daß du noch diese Nacht Antwort bekommen kannst. Halt, wart noch... Woher kennst du den Pater Matthias?... Was? Vom Kriegsministerium empfohlen? Und vom Minister der Kolonien? Hm. Er hat damals keine Märchen erzählt, weißt du noch, in der Beize... Die beiden Frauen sind wirklich tot. Ein merkwürdiger Fall... Leuchtgas, ja... Und das Ganze sieht verzweifelt nach einem Doppelmord aus... Der Pater hat sich merkwürdig benommen, er ist übrigens nach Genf verreist... Nein, nein, keine Angst, ich erwisch ihn schon noch...Vorläufig laß ich ihn laufen, glaubst du, ich will mich in einen Konflikt mit dem Papst einlassen? Wann ich komme? Ich weiß noch nicht. Mein Patron muß mir zuerst seinen Segen geben... Haha... Der Vouvray war gut und meine Frau hat sich über die Gansleberpastete gefreut, das kannst du Godofrey erzählen... Ja, Fräulein, wir sind fertig. Geben Sie mir noch einmal die Basler Stadtpolizei...
Ja?... Ich schreibe nach... Nr. BS 3437... Buick... Garage Agence Américaine.. . Kleiner Mann, mager, gelbe Gesichtshaut, blauer Regenmantel, Wollschal... Am 1. Januar achtzehn Uhr... Brachte es zurück heute um fünfzehn Uhr... In Begleitung einer Dame... Danke... ja? Ah... Taxichauffeur Adrian gibt an, er sei gestern nacht von einem Priester in weißer Mönchskutte am Bahnhof SBB für eine Fahrt nach Bern gemietet worden... Um einundzwanzig Uhr... Gepäck?... Ein Brotsack... Der Chauffeur erklärt, er habe sich gewundert, daß ein Mann, der nicht einmal Socken trug, so viel Geld bei sich hatte... Das Geld im Brotsack, gut... Einige Hunderternoten... Nein, nichts Besonderes. Aber ich würde vorschlagen, die Leiche der durch Gasvergiftung ums Leben gekommenen Cleman-Hornuss Josepha, Witwe, Spalenberg 12, zu autopsieren. Der Gerichtschemiker soll den Magen – und Darminhalt analysieren – nach Barbitursäure fahnden... Barbitur, ja... Schlafmittel, wenn Sie wollen... Wie haben Sie das alles so schnell finden können?... So so, ja ja, aber der Witz ist alt, er hat einen Bart. Vielleicht zeigen wir Berner einmal den Baslern, daß wir g'merkiger sind, wenn wir auch langsamer sind, hehehe... Die Wohnung auf dem Spalenberg?... Wozu bewachen?... Machen Sie das, wie Sie wollen... Die Miete ist bis zum ersten April bezahlt? So... Danke...«
Studer stützte die Wange auf die Hand und starrte auf das Löschblatt. Da hatte er, ohne es zu wissen, Berge gezeichnet, und die Berge glichen einer Fieberkurve. Wüst sah das Löschblatt aus, aber die untere Ecke war noch weiß. Und in diesen freien Platz begann der Wachtmeister Mannli zu zeichnen: ein Kreis der Kopf, ein senkrechter Strich der Rumpf, zwei waagrechte die Arme, zwei schiefe die Beine.
Zeichnung
Er starrte lange auf seine Zeichnung und grübelte. Dann murmelte er:
»Zusammenfassung...«
Und die Männer begannen zu tanzen. Sie tanzten als Schatten über das Blatt, Schatten in der Zeit, Schatten im Raum...
Koller oder Cleman? Cleman oder Koller? Das Männlein auf dem Blatte tanzt, verbeugt sich. Nun steht es aufrecht da. Bart, Brille mit Stahleinfassung, in der Hand einen Hammer, ein Schüfeli: Beides läßt es fallen. Und nun fällt er selber um, der Koller, stud. phil., der Cleman, Dr. phil.... Fällt um und liegt in einem Spitalbett. Greift nach der Fiebertabelle, die über seinem Kopf hängt und beginnt zu zeichnen. Dann schreibt er, schreibt lange »... in einer Eisenkassette vergraben worden an einem Orte, der mit Hilfe des beigehefteten Dokumentes leicht zu entdecken sein wird...« Er verdreht die Augen... Ein Massengrab! – Aber nein! Da sitzt er in einer Küche, mischt die Karten, legt sie aus... In der obersten Reihe an erster Stelle: der Schaufelbauer! Das Männlein verbeugt sich, legt sich hin, wird flach und kriecht ins Löschblatt hinein.
Jakob Koller, steh auf!... Geschäfte – elegante Geschäfte... ein Pelzmantel wird ausgesucht, Wildlederschuhe gekauft, seidene Strümpfe... Halt! Noch ist nicht die Reihe an dir! Es nützt nichts. Marie ist aufgestanden. Sie geht neben dem Jakob Koller einher, sie wohnt mit ihm in der gleichen Wohnung... Er? Stumpfblonde Haare, glattrasiert... Gott sei Dank, nun ist er allein. In einer großen Halle steht er, Geschrei ist um ihn, und Koller Jakob schreit am lautesten. »796 – ich kaufe... 800 – ich kaufe!« Geschrei, Geschrei! Es wird leiser. Koller Jakob streckt sich aus, auch ihn schluckt das Löschblatt.
Nebel, Nebel, Nebel. Gestalten im Nebel. Ein kleiner Mann, ein großer Mann. Das Auto BS 3437 rollt über den Tisch, es ist nicht der Tisch, die Kornhausbrücke ist es. Muß Marie auch aufstehen? Nein. Sie sitzt im Auto. Nebel, Nebel. Nebel.
Noch einer will aufstehen? Eine weiße Kutte flattert, ein Schneiderbärtchen weht... Da hebt Studer die flache Hand, läßt sie auf das Löschblatt fallen.
Und der Spuk ist verschwunden.
Noch nicht. Noch nicht ganz. Marie ist aufgestanden. Ein Mann steht vor ihr, breitschultrig, massig, mit einem mageren Gesicht, aus dem eine spitze Nase hervorragt. Und den Mund bedeckt ein dichter Schnurrbart, der schon viele, allzu viele graue Haare hat. Der Breitschultrige verneigt sich vor Marie, zieht die Brieftasche, entnimmt ihr ein Papier. Eine Zahl steht auf dem Papier, die soviel Nullen enthält, daß es dem Manne schwindelt – 15 000 000. Fünfzehn Millionen! »Das gehört dir, Meitschi!« sagt der Mann. »Merci, Vetter Jakob.« – »Isch gärn g'scheh, Meitschi...«