Ein zweiter Schlag mit der flachen Hand. Und Studer reibt sich die Augen...
»Nein«, sagte Studer laut, »in Bern läßt sich die Lösung nicht finden! Millionen!« und das Wort füllte ihm den Mund aus.
Die Lampe auf dem Schreibtisch hatte einen flachen grünen Schirm, der Dampf knackte in den Röhren und draußen pfiff die Bise. Der Wachtmeister war weit weg. Er sah Ebenen, sie dehnten sich bis zum Horizont, und dann kam das Meer. Grau waren sie, ohne Haus, ohne Hütte, ohne Zelt. Und plötzlich wuchsen Bohrtürme aus der Fläche, Springbrunnen schossen in die Höhe, hoch, immer höher, und oben flatterten sie wie schwarze Fahnen, die der Wind peitscht...
Millionen... Öl... Gehaltsaufbesserung an der Kantonspolizei. Und wer hat dies bewirkt? Wachtmeister Studer, der Vetter Jakob, dr Köbu, der spinnt...
Das Telephon schrillte. Studer hob den Hörer ab.
»Vetter Jakob!« sagte eine Stimme. Und bevor Studer etwas antworten konnte: »Hilf mir, Vetter Jakob. Bitte, hilf mir! Du mußt mir helfen!« Knacken. Der Wachtmeister klopfte aufgeregt auf die Gabel. Keine Antwort. Studer stellte die Nummer der Auskunft ein. »Wer hat zuletzt die Kantonspolizei angerufen?« – »Einen Augenblick... Sind Sie noch da?... Basel hat angerufen... Kabine Bahnhof...« Studer vergaß zu danken.
Er stand auf, streckte sich; dann ließ er aus einem Blechbehälter, der in einer Ecke des Zimmers an der Wand hing, Wasser über seine Hände fließen, trocknete sie ab, langsam und gewissenhaft, starrte lange auf das verkritzelte Löschblatt. Schließlich löste er es ab und steckte es gefaltet in die Tasche. Die Gänge waren leer. Aus trüben Kohlenfadenlampen tröpfelte spärliches Licht.
Er ging in eine Wirtschaft z'Nacht essen, er hatte keine Lust, das Hedy zu sehen. Vier große Helle trank er – aber eine Erinnerung ließ ihn nicht los:
Das Schlafzimmer seiner Eltern sieht er. An der Wand hängt ein Quecksilberthermometer. Studer ist sechsjährig, er klettert auf einen Stuhl, um das Thermometer aus der Nähe zu betrachten, er hält es endlich in der Hand – und läßt es fallen. In winzigen Kugeln rollt das Quecksilber über den Boden. Der Bub springt vom Stuhl, er macht Jagd auf die glänzenden Kügeli; sie lassen sich nicht fassen. Schiebt man ein Papier unter sie, um sie aufzufangen, so wollen sie nicht auf dem Papier bleiben, sie vereinigen sich, teilen sich wieder...
Genau so verhielten sich die Leute, die im Falle »Fieberkurve – Hellseherkorporal« – so hatte der Wachtmeister den Fall bei sich getauft – mitspielten: sie waren spiegelnd, elastisch, schlüpfrig, wie Quecksilberkugeln. Angefangen mit jenem Pater Matthias, der in Ohnmacht fiel, wenn man vor ihm den Namen eines längst verstorbenen Mädchens aussprach, der um elf Uhr abends in Basel ein Taxi mietete, im »Wilden Mann« abstieg und dort ein Köfferchen zurückließ, Inhalt: blauer Regenmantel, grauer Konfektionsanzug, weißes Hemd. Und außer der schiefen Zahnbürste im Wasserglas fand man in dem vom Pater bewohnten Zimmer noch ein Fläschchen Somnifen... Litt der Pater auch an Schlaflosigkeit?... Und war der andere Mann, der Mann im blauen Regenmantel, der in der Agence Américaine z'Basel einen Buick gemietet hatte, nicht auch ein Quecksilberkügelchen? Nicht zu fassen, nicht zu halten?... Um sechs Uhr mietet der Mann den Buick, um neun Uhr mietet der Pater ein Taxi... Wie kommt der blaue Regenmantel in das Zimmer des Paters?
»Kaffee Kirsch!« sagte Studer laut, da die Saaltochter um ihn herumstrich.
»Gärn, Herr Wachtmeischter...«
Marie!... Warum hatte das Meitschi mit diesem Koller zusammengewohnt?... Hm?
Erst an der Türe gelang es der Saaltochter, den Wachtmeister einzuholen: »Macht drüzwänzig, Herr Wachtmeischter, wenn dr weit so guet sy... Es Nachtessen, vier...«
»Ja, ja, sä!« Und Studer schmetterte die Glastüre zu; es war ein Wunder, daß die Scheiben dies aushielten.
Elf Uhr. Der Wachtmeister ging über die einsame Kirchenfeldbrücke. Er schritt langsam daher, sein Raglan stand offen und seine geballten Fäuste lagen auf seinem Rücken.
Er war noch einmal im »Wilden Mann« gewesen. Er hatte erfahren, daß am heutigen Morgen um acht Uhr eine Dame, auf welche das Signalement der Marie Cleman paßte, das Zimmer Nr. 64 genommen hatte, das Zimmer, das neben dem des Paters lag. Sie hatte das Hotel am Nachmittag um drei Uhr in Begleitung eines Herrn verlassen, der einen blauen Regenmantel trug und das Gesicht in einem Wollschal versteckt hatte...
Wann war Pater Matthias in der Wohnung der Frau Hornuss aufgetaucht? Um neun Uhr. Wann hatte er am Nachmittag Studers Wohnung verlassen? Um zwei Uhr. Um drei Uhr aber holt ein Herr...
Die Thunstraße. Studer schloß seinen Mantel, denn nun packte ihn der Wind von vorne.
Um fünf Uhr nachmittags war der Buick in der Agence Américaine in Basel wieder abgegeben worden. Von einem Mann, der einen blauen Regenmantel trug. Zwei blaue Regenmäntel?
Denn in Pater Matthias' Hotelzimmer lag ebenfalls ein blauer Regenmantel. Aber Pater Matthias hatte den Genfer Zug um Viertel ab drei genommen...
Um Viertel ab drei...
Gangster in Bern und eine vernuenftige Frau
Wachtmeister Studer schritt langsam die Thunstraße hinan. Er hatte den Kopf gesenkt und die Krempe seines breitrandigen Hutes versperrte ihm jegliche Aussicht.
Es kam ihm aber ein Betrunkener entgegen, der sang. Dies war auffallend in einer Stadt wie Bern, in der man auch mäßige Leute gern wegen Trunksucht administrativ versorgt. Der Mann sang also und Studer hob den Kopf; nun konnte der Wachtmeister feststellen, daß der Mann auch torkelte. Der Betrunkene war groß und stattlich, soweit in seinem Zustande von Stattlichkeit die Rede sein konnte. Plötzlich stand er – vor drei Sekunden war er noch zehn Meter entfernt gewesen – plötzlich stand er vor Studer, hielt ihm die Faust unter die Nase und sagte mit einer Stimme, die merkwürdig nüchtern klang – und er schwankte gar nicht mehr.
»Du verdammter Sauschroter, wart du nur!...«
Man kann es nicht anders als einen Reflex bezeichnen, die Bewegung nämlich, die Studer plötzlich machte. Ja, es war ein und dieselbe Bewegung, und sie bewies, daß Studer noch nicht reif für die Pensionierung war. Er schlug aus wie ein junges Füllen, nicht ganz, denn nur sein linker Fuß schnellte nach hinten, während zu gleicher Zeit seine Faust, die mäßig groß war, den Kieferknochen des Betrunkenen gerade unter dem linken Ohr traf. Der Betrunkene sackte ohne einen Laut zusammen, aber in seinem Rücken hörte Studer einen spitzen Schrei. Er wandte sich um. Auf dem Boden krümmte sich ein kleiner Mann, er hielt die Fäuste auf den Bauch gepreßt, und neben seiner rechten Hand lag ein Totschläger... Studer nickte. Gar nicht dumm ausgedacht. Der stattliche Betrunkene sollte die Aufmerksamkeit ablenken, mit Geschimpf und wüsten Reden, um dem Kumpan Zeit zu lassen, mit dem Totschläger zu operieren. Die beiden hatten nicht daran gedacht, daß ein Fahnder, wenn er tüchtig ist, ein Auge am Hinterkopf hat...
»Gangster in Bern!« Es war ein ehrlicher Kummer in Studers Stimme. »Was glaubst du denn, Blaser? Du bist doch erst im Dezember aus dem großen Moos entlassen worden?« Damit meinte er die Strafanstalt Witzwil. Er kannte den Kleinen. Gewohnheitsdieb.
»Was soll das heißen, Blaser? Bin ich nicht anständig mit dir gewesen, das letztemal? Hab' ich dir nicht einen Becher gezahlt? Hä? Was sind das für Manieren? Und dein Freund da!« Er beugte sich nieder zum stattlichen Betrunkenen. »Der Schlotterbeck! Jetzt aber hört doch alles auf!«
Schlotterbeck: chronischer Alkoholiker, St.Johansen, Witzwil. Das letztemal zwei Jahre Thorberg wegen schwerer Körperverletzung... Wer hatte die Leute aufgereiset?
»Also«, sagte Studer, nachdem der Alkoholiker Schlotterbeck sich mühsam auf sein Hinterteil gesetzt hatte. Er glotzte den Wachtmeister verständnislos an. »Warum habt ihr mich überfallen wollen?« Und er packte den kleinen Blaser mit einer Hand am Nacken, zog ihn in die Höhe und stellte ihn unsanft auf die Beine. »Red du!«
Eine sonderbare Geschichte erzählten die beiden im Duett. Blasers heisere Stimme ergänzte die Erzählung des Alkoholikers Schlotterbeck, der im tiefen Brustton der gekränkten Unschuld sprach...
Ein Mann sei heute mittag in den Witzwiler Wartsaal gekommen, so nannte sich eine Schnapsbeize in der inneren Stadt, der habe sich zu den beiden gesetzt und eine Runde spendiert. Dann habe er sich erkundigt, ob sie Kurasch hätten. Das hätten sie bejaht. Der Mann habe darauf gesagt, der Wachtmeister Studer trage in der Busentasche ein wertvolles Papier. Ob sie es holen wollten? Er zahle jedem fünfhundert. Hundert als Anzahlung...
»Wir haben Euch abgepaßt, Wachtmeister... Aber Ihr habt nie das Tram genommen... Und da haben wir's hier probiert...«
»Wann habt ihr den Mann getroffen?«
»Um halb eins.«
»Hat er einen blauen Regenmantel getragen?«
Eifriges Nicken des erstaunten Blaser.
»Wohin hättet ihr das Papier bringen sollen?«
»Er hat uns eine Adresse gegeben...« Blaser suchte im Hosensack, brachte ein zerknülltes Papier zum Vorschein und reichte es dem Wachtmeister hin. Studer entzifferte:
»30-7 Poste restante. Port-Vendres.«
Port-Vendres? Wo lag Port-Vendres? Port hieß Hafen. Aber Häfen gab es viele, am Mittelmeer sowohl als auch am Atlantischen...
Die beiden Attentäter standen ängstlich vor dem Wachtmeister. Er sah sie an. Sie trugen keine Mäntel und ihre Hände waren blau vor Kälte. Am liebsten hätte sie Studer zu einem heißen Grog eingeladen. Denn er war nicht nachtragend. Aber das ging nicht an. Was würde das Hedy sagen?
So bat er die beiden nur, sich zum Teufel zu scheren.
Und weiterstapfend schmunzelte er. Zwei Dinge freuten ihn an dieser Begegnung: erstens bewies der Überfall, daß die Fiebertabelle wirklich einen Wert hatte. Und zweitens waren in dem verkachelten Fall endlich einmal zwei waschechte Berner aufgetaucht. Daß es Vorbestrafte waren und daß sie ihn hatten niederschlagen wollen, tat der Freude keinen Abbruch.
»Und, Hedy, wie hat dir der Pater gefallen?« fragte Studer seine Frau. Er saß neben dem grünen Kachelofen in einem bequemen Lehnstuhl, trug einen grauen Pyjama, und seine Füße steckten in Filzpantoffeln.
»Ein lieber Mann«, sagte Frau Studer, die an einem Paar winziger weißer Hosen strickte. »Aber mich dünkt, er hat vor irgend etwas Angst. Ich hab' ihn die ganze Zeit beobachtet. Er hätt' dir gern etwas erzählt, aber die Kurasch hat ihm gefehlt.«
»Ja«, sagte Studer und zündete die vierzehnte Brissago des Tages an. Er war hellwach und hatte beschlossen, die Nacht aufzubleiben. Nicht daß er gehofft hätte, aus dem ganzen Fall klug zu werden, dazu fehlten ihm die Schlüsselworte. Aber erstens wollte er auf das Telegramm von Madelin warten, und zweitens gedachte er mit seiner Frau über den Fall zu sprechen – richtiger: einen Monolog zu halten.
»Hast du ihn noch gesehen?« fragte Studer.
»Nein.«
»Warum nicht? Ist er dich nicht besuchen kommen?«
»Er hat den Genfer Zug genommen, um halb vier...« Studer blickte seine Frau nicht an. Auf seinen Knien lag die Fieberkurve und der Wachtmeister murmelte:
»Am 15.Juli morgens 36,5, abends 38,25; am 16.Juli morgens 38,75, abends 37... Wir hätten also zu Anfang die Zahlen 3653825387537... Hat die Drei etwas zu bedeuten?«
»Wa machschst, Köbu?« fragte Frau Studer.
»Nüt«, brummte Studer. Und fuhr fort: »Man könnt's in Brüchen schreiben: 36½, 38¼, 38¾... Himmel...«
»Fluech nid, Köbu«, sagte Frau Studer sanft.
Aber Studer war wild. Er werde wohl noch daheim fluchen dürfen, wenn es ihm darum sei; das lasse er sich von niemandem verbieten...
– Das Jakobli sei bsunderbar e g'schyts Büebli, lenkte die Frau ab; es werde dem Ätti gleichen.
Studer blickte auf, denn das Hedy hatte es faustdick hinter den Ohren... Wollte es sich über ihn lustig machen? Aber Frau Studer saß am Tisch, die Lampe schüttete viel Glanz über ihre Haare... Jung sah sie aus.
»Los einisch, Frou«, sagte Studer und räusperte sich. Ob er schon von der Marie Cleman erzählt habe?
Frau Studer beugte sich tiefer über ihre Arbeit; ihr Mann sollte das Lächeln nicht sehen, das sie nicht unterdrücken konnte. Dreimal hatte der Jakob diese Frage schon gestellt, dreimal in einer Stunde. Diese Marie Cleman schien den Mann arg zu beschäftigen. Der Jakob! Da war voriges Jahr auch so ein Fall gewesen, in dem ein Meitschi eine Rolle gespielt hatte, ein Meitschi, das mit einem entlassenen Sträfling verlobt gewesen war. Und der Jakob hatte natürlich eine Brustfellentzündung erwischt, weil er in strömendem Regen mit dem Meitschi Töff gefahren war. Ganz zu schweigen von dem Autounfall, der den Fall abgeschlossen hatte. Und warum hatte der Jakob sein Leben, seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt? Um die Unschuld des entlassenen Sträflings zu beweisen. So war der Jakob, dagegen war nichts zu machen. Und die Bankaffäre? Und der Fall im Irrenhaus? Hatten dort nicht auch Weiber den Ausschlag gegeben? Manchmal schien es Frau Hedwig Studer, als lebe in dem massigen Körper ihres Mannes die Seele eines mittelalterlichen Ritters, der gegen Drachen, Tod und Teufel kämpfte, um die Unschuld zu verteidigen. Ohne Dank zu begehren. Und da war nun diese Marie Cleman...
»Nei, Vatti«, sagte Frau Studer sanft. Was denn mit der Marie los sei?
– Man solle ihn nicht Vatti nennen, brauste Studer auf. Er war überreizt. Ein langer Tag lag hinter ihm, viel war an diesem Tag geschehen, es war begreiflich, daß ihm die Geduld riß – und Frau Studer verstand dies auch.
»Nämlich die Marie...«, sagte Studer und tippte mit dem Strohhalm, der seiner Brissago entragte, auf das Temperaturblatt, »paßt nicht in den Fall. Sie ist damals mit dem ehemaligen Sekretär ihres Vaters nach Paris geflohen – begryfscht, Hedy? – weil die Mutter eine Kartenschlägerin war. Und dann hat der Koller Konkurs gemacht. Koller! Alle heißen Koller in dieser Geschichte...« Er schwieg, kreuzte die Beine, die Fieberkurve flatterte zu Boden und blieb neben Frau Studers Stuhl liegen. 's Hedy hob das Blatt auf.
Studer erzählte. Und während der Erzählung schien es ihm, als käme Ordnung in das Chaos. Die verschiedenen Koller nahmen Gestalt an: Pater Matthias und jener andere, der Philosophiestudent, der sich mit Ulrike Neumann im Hotel zum Wilden Mann getroffen hatte, damals, im Jahre 1903... Und der dritte Koller, Jakob mit Vornamen, der mit dem Geologen nach Marokko gefahren war – als Sekretär... Sehr verständlich war, daß der zweite Koller, mit Vornamen Alois Victor, seinen Namen geändert hatte. Er hatte sich vor einer Entdeckung gefürchtet; war sein Gewissen nicht belastet mit dem Tod der Ulrike Neumann?
Studers Gehirn arbeitete mühelos. Pater Matthias hatte zugegeben, daß der Geologe sein Bruder gewesen war – sein Stiefbruder hatte er gesagt; Stief- oder nicht, Pater Matthias hatte die Verwandtschaft zugegeben.
Blieb die Frage offen: War der Hellseherkorporal identisch mit dem Geologen? Es sprach allerlei gegen eine solche Auffassung des Falles. Welchen Grund hätte der Geologe gehabt, zum zweitenmal seinen Namen zu wechseln und die Persönlichkeit des Sanitäters Collani anzunehmen? Und warum hatte der Schweizer Geologe mit dem gekräuselten Bart fünfzehn Jahre gewartet, um seiner Frau in Basel Nachricht zu geben?