Nahm man hingegen an, Pater Matthias sei der verstorbene Geologe Cleman, alias Koller Victor Alois, und Gast des Hotels zum Wilden Mann, dann kam Vernunft in das Ganze: Ein junger Philosophiestudent tötet seine Geliebte. Um den Nachstellungen durch die Polizei zu entgehen, ändert er seinen Namen, seine Nationalität, und unter dem fremden Namen Cleman erwirbt er von neuem das schweizerische Bürgerrecht. Unter dem neuen Namen, dem Namen Cleman, heiratet er: zuerst die Sophie in Bern. Aber der Tod der Ulrike Neumann bedrückt ihn. Er spricht mit seiner Frau darüber... Die Sophie ist nicht dumm – nun, da sie etwas weiß, benutzt sie dieses Wissen, um ihren Mann auszubeuten.
»Kannst du dir das vorstellen, Hedy?« fragte Studer, als er seine Mutmaßungen soweit ausgesponnen hatte. »Diese Ehe? Die Frau weiß, daß ihr Gatte ein Mörder ist. Sie verlangt Geld, denn der Koller-Cleman verdient gut. Sie hat ein eigenes Bankkonto. Und die Nächte? Kannst du dir die Nächte der beiden vorstellen? Du hast die Wohnung in der Gerechtigkeitsgasse nicht gesehen: das alte Haus, in dessen Mauern der Schimmel hockt. Und der Schimmel vergiftet die Seelen der beiden. Kein Wort darf der Alois Victor sagen, denn sobald er den Mund auftut, heißt es gleich: ›Schweig, du Mörder!‹ – Wie lange kann ein Mann eine solche Ehe aushalten? Ein Jahr? Zwei Jahre? In diese Ehe fallen die Reisen nach Marokko, der Kontrakt mit den Brüdern Mannesmann. Nur die Reisen sind daran schuld, daß die Ehe nicht früher geschieden worden ist. Du hättest die beiden Schwestern sehen sollen – ihre Bilder mein' ich. In der Wohnung an der Gerechtigkeitsgasse hat mir der Mönch heute früh die Jugendbilder der beiden Frauen gezeigt. Die Sophie – du kennst doch diese Art Weiber: hochgeschlossene Bluse, ein Stehkragen mit Stäbli, der das spitze Kinn trägt. Und die Augen! Mi hätt's tschudderet, und ich bin doch nicht apartig sensibel, wie die Welschen sagen.«
Studer schwieg. Seine Frau saß still am Tisch, ein Blatt lag vor ihr – die Fieberkurve. Frau Studer hatte schon lange aufgehört zu stricken. Sie nickte nur hin und wieder zu der Erzählung ihres Mannes.
Eine Turmuhr schlug – vier hellere Schläge, dann einen dumpfen. Ein Uhr. Andere Kirchen fielen ein, dazwischen klimperte das nahe Schulhaus eilig und oberflächlich – wie ein Schüler, der ein Versli herunterplappert. Und all die Töne prallten gegen die Fensterscheiben und waren ganz nah, bevor sie irgendwo, fern im dunklen Himmel, verhallten. Dann war die Stille im Zimmer noch tiefer.
»Scheidung...«, sagte Studer leise. »Der Mann hält die Ehe nicht mehr aus. Er sieht neben seiner Frau die Schwester Josepha. Gell, das kommt vor, Hedy? Daß nämlich zwei Schwestern so grundverschieden sind? Es ist doch manchmal so, daß die eine alle Güte für sich genommen hat und die andere alle Bosheit. Die Josepha war gut. Der Koller-Cleman heiratet die Josepha. Er ist glücklich. Die andere läßt es geschehen. Hat sie sich nicht bezahlen lassen?... Und dann kommt der Krieg. Der Geologe hat seine Tochter lieb – aber er muß Geld verdienen. Wahrscheinlich muß er immer noch für das Schweigen der Sophie zahlen, er kann der Josepha, der zweiten Frau, und seiner kleinen Tochter nicht das sorglose Leben bereiten, das er gern möchte. Da bietet sich eine Gelegenheit, auf eigene Faust zu schaffen. Die Gebrüder Mannesmann haben Verrat getrieben – Koller-Cleman denunziert sie. Nun darf er auf eigene Rechnung arbeiten. Und er tut dies auch. Er stellt das Vorkommen von Petroleum fest. Er hört von einem riesigen Projekt: eine große Linie soll von Oran durch die Wüste bis zu den französischen Kolonien in Äquatorialafrika führen. Für diese Linie wird man Brennstoff brauchen. Er kauft Land... All sein Erspartes steckt er in diese Spekulation. Und dann wird er krank, kommt ins Spital nach Fez...«
Ein Streichholz flammte auf – Studer zündete die erloschene Brissago wieder an.
»Zwei Möglichkeiten«, sagte er. »Während der Blattern-Epidemie in Fez gelingt es dem Koller-Cleman, sich die Papiere des Sanitäters Collani zu verschaffen. Dann ist Collani tot und der Geologe hat in der Fremdenlegion Dienst genommen. Oder: Der Geologe hat im Fleberdelirium dem Sanitäter Collani seine Geschichte erzählt und ihm die Fieberkurve übergeben, die Fieberkurve, die den Platz der vergrabenen Kassette angeben soll. In diesem Fall gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Collani ist der Testamentsvollstrecker des Geologen Koller-Cleman, des Mörders und Besitzers von Petroleumquellen, oder Koller-Cleman lebt noch und dann ist er...«
»Der Mönch!«
»Der Mönch, der Pater. Ganz richtig, Frau.«
Frau Studer stand auf, ging zu ihrem Nähtischli am Fenster, warf dort den Inhalt durcheinander und kam zum Tisch zurück. In der Hand hielt sie einen Bogen Papier und einen Bleistift. Sie legte beides nieder, schritt zum Büchergestell in einer Ecke des Zimmers und holte sich dort ein paar Illustrierte. Dann setzte sie sich wieder.
Studer fuhr fort.
»Collani ist wirklich Collani, das heißt ein ehemaliger Sanitäter. Das wäre die erste Möglichkeit. Ihm ist aufgetragen worden, fünfzehn Jahre zu warten. Warum fünfzehn Jahre?
Weil nach fünfzehn Jahren Verjährung eintritt. Cleman-Koller hat ganz sicher gehen wollen. Der Mord an der Ulrike Neumann – wenn es wirklich ein Mord war, wir sind nur auf Vermutungen angewiesen – ist 1903 passiert. Vielleicht meint er, nach dreißig Jahren könne man ihm gar nichts mehr anhaben. Denn, wohlgemerkt, er ist ein Geologe und kein Jurist. Wenn er für tot gilt, kann er versichert sein, daß sein Vermögen endlich seiner Tochter zugute kommt. Denn seine Tochter hat er lieb gehabt. Und nach dreißig Jahren kann die Sophie, die von seinem Morde weiß und von seiner Vergangenheit, nichts mehr tun. Nehmen wir diese Möglichkeit an – immer vorausgesetzt, daß der Mönch mir keine Märli erzählt hat –, dann ist Koller-Cleman tot. Aber der Tote hat einen Mitwisser hinterlassen, den andern Koller, der den gleichen Rufnamen hat wie ich, den Jakob Koller, seinen Sekretär. Der weiß etwas von dem Schatz, von den Landkäufen. Dieser Koller verschwindet im September aus Paris, und ein paar Tage später taucht ein Fremder in Géryville auf, einem verlassenen algerischen Dörflein. Warum ist der Fremde dorthin gefahren? – Um den Collani zu sprechen. Und Collani, der Hellseherkorporal, verschwindet. Die beiden machen sich auf die Suche nach der Fieberkurve. Collani hat sie nach Basel geschickt. Also fahren sie nach Basel. Und eine alte Frau stirbt. Aber sie finden die Fieberkurve nicht. Die Fieberkurve wird von einem Fahnderwachtmeister gefunden, der in dem Rufe steht, zu spinnen. Was tun die beiden? Sie mieten einen Buick und fahren nach Bern. Vielleicht hat die Josepha die Fieberkurve ihrer Schwester geschickt? Auch das ist bekannt: wenn von zwei Schwestern die eine böse ist, die andere gutmütig, so wird die Gutmütige immer von der Bösen tyrannisiert werden. In Bern geschieht das gleiche wie in Basel...
Aber es sind ein paar Dinge, die ich mir noch nicht erklären kann: Warum sind die beiden Morde, wenn es sich um solche handelt, so kompliziert ausgeführt worden? Warum find' ich jedesmal ein ausgelegtes Kartenspiel mit dem Schaufelbauer in der Ecke oben links? Warum wäscht der Pater die Tasse mit dem Somnifen-Satz aus? Und vor allem: Wieso kommt der erste Daumenabdruck der Sammlung Rosenzweig auf die Tasse? Ein Daumenabdruck mit einer Narbe? Und der Daumen des Paters ist glatt?
Du wirst mir einwenden, Fraueli«, dabei dachte Frau Studer keinen Augenblick daran, irgend etwas einzuwenden, »du wirst mir einwenden, daß zu der Zeit, da der Altfürsprech Rosenzweig auf einem Glas in Freiburg einen Daumenabdruck photographiert hat, es mit der Technik der Daktyloskopie nicht weit her war... Ja. Aber eine Narbe bleibt eine Narbe. Und der Daumen des Mönchs hatte gar keine Ähnlichkeit mit der Aufnahme des Rosenzweig und auch keine mit dem Abdruck auf der Tasse. .
Also?... Man müßte an Ort und Stelle nachforschen. Bis jetzt hab' ich nur Geschichten gehört, Märli; der Mönch kann zuverlässig sein – aber wer garantiert mir, daß der Mönch nicht doch der Cleman-Koller ist? Dich stört der Daumenabdruck, Hedy.« Frau Studer schüttelte den Kopf. Sie malte Buchstaben auf das weiße Papier und diktierte sich selbst:
»E, M, O, Q, H, Z, T...«
»Wa machscht, Hedy?« fragte Studer. Die Frau winkte ungeduldig ab. Da stand der Wachtmeister auf und trat an den Tisch. Er beugte sich über die Schulter seiner Frau. Sie hatte den weißen Bogen auf den Tisch gelegt und mit vier Gufen die Fieberkurve darauf festgeheftet, so zwar, daß das Blatt mit der Schmalseite nach unten lag und die Striche, welche die Temperaturunterschiede darstellten, senkrecht verliefen. Dann hatte sie jeden dieser Temperaturstriche über die Fieberkurve hinaus mit einem Lineal verlängert und das Ende jedes verlängerten Striches mit einem Buchstaben versehen. So stand am Ende des Striches, der die Temperatur 35,5 angab, der Buchstabe A; das B war der Zwischenraum zwischen 35,5 und 36, während 36 selber C bedeutete. Nun begann sie, die auf der Fieberkurve angegebenen Morgen- und Abendtemperaturen des Cleman, Alois Victor, in Buchstaben zu übersetzen. Am 12. Juli war die Morgentemperatur 36,5 gewesen – Frau Studer schrieb E; abends war 38,2 5 vermerkt – Frau Studer schrieb M. Am 13. Juli 38,75; Frau Studer schrieb O. Und endlich entstand folgende Reihe.
E M O Q H Z I T F I Z O Z H H M Q M I Q V R X S V O Z N N U V P H V N I M G
Studer starrte auf die Buchstabenreihe. Etwas an ihr kam ihm bekannt vor. Sein Ellbogen lag auf der Schulter seiner Frau.
»Jakob!« stöhnte Frau Studer. Er tue sie ja plattdrücken!
Aber Studer war stumm gegen solche Klage. Das... das war... das war die primitivste Geheimschrift, die es gab!... Das umgekehrte Alphabet.
»Steh auf!« kommandierte er. Lächelnd machte Frau Studer Platz.
Und unter die großen, ein wenig unbehilflichen Buchstaben seiner Frau schrieb Studer in seiner winzigen Schrift, die viel Ähnlichkeit mit dem Griechischen hatte:
V O M K S A R G U R A M A S S O K O R K E I
C H E M A N N F E L S E N R O T
Und wiederholte leise:
»Vom Ksar Gurama SSO Korkeiche Mann Felsen rot...«
Schweigen. Frau Studer hatte den Unterarm auf ihres Mannes Achsel gelegt, sie las die Worte vom Papier ab und fragte:
»sso? Was heißt das?«
»Südsüdost. Die Himmelsrichtung. Und Ksar? Das wird wohl der Name für ein Dorf sein. Äbe: Das arabische Wort für Dorf.«
–Ja ja, der Köbu syg ganz en G'schyter.
Studer blickte auf. War das wieder einmal Hohn? Aber diesmal war man gegen den Hohn gewappnet. Man erwiderte dem Hedy, die G'schytheit vo der Frou habe auf den Mann abgefärbt. Und durfte es erleben, daß das Hedy rot wurde.
Dann nahm Wachtmeister Studer wieder auf dem Stuhle Platz, der neben dem grünen Ofen stand, dem Sternsdonner, der nie ziehen wollte; er hielt die Fieberkurve und ihre Übersetzung in der Hand und konnte sich nicht satt sehen an dem Dokument. Aber egoistisch, wie Männer sind, vergaß er sogleich den Anteil, den seine Frau an der Entzifferung des Kryptogramms genommen hatte.
»Hab' ich dir schon von der Marie Cleman erzählt?« fragte Studer. Da lachte die Frau, daß ihr die Tränen in die Augen traten; sie konnte sich nicht beruhigen, auch nicht, als der Wachtmeister ärgerlich fragte:
»Was häscht?«
»Nüt... nüt!« Frau Studer schluchzte fast. »Gib mir eine Zigarette!« sagte sie, als sie wieder zu Atem kam. Und wie die Marie Cleman zog das Hedy den Rauch tief in die Lungen.
»Du gleichst ihr«, sagte Studer.
»So, so...« Und ob der Wachtmeister in das Meitschi verschossen sei, wollte Frau Studer wissen.
Verschossen? Chabis! Studer war rot geworden. Nein, er war nicht verliebt. Er mochte die Marie Cleman gern, gewiß, aber wie eine Tochter, und er machte sich Sorgen um ihr Wohlergehen. Warum hatte sie ihm heut abend angeläutet? Vom Bahnhof Basel? War sie am Verreisen?
In Studers Wohnung war das Telephon im Schlafzimmer angebracht. Das war eine Notwendigkeit, die der Beruf erforderte. Wie oft hatte die Klingel mitten in der Nacht geschellt! Dann hatte man aufstehen und stundenlang in der Kälte ein Haus bewachen müssen... Studer ging in das Schlafzimmer. Er suchte im Telephonbuch nach der Nummer der Cleman-Hornuss, Josepha, Witwe... Da... Es stimmte: Spalenberg 12.
Es ging gute fünf Minuten, bis er die Verbindung hatte. Und dann hörte er das eintönige Summen, das wie ein leiser Ruf tönte, aufstieg, verhallte, wieder begann. Und Studer glaubte die leere Wohnung zu sehen, die winzige Küche, die nur ein Durchgangskorridor war, und die vergilbten Emailbehälter auf der schiefen Etagère: »Mehl«, »Salz«, »Kaffee«...
Ganz langsam legte er den Hörer ab, zog das Schnupftuch unter seinem Kissen hervor und schneuzte sich; es dröhnte durch die Wohnung. Und dann läutete die Klingel im Flur...
Telegramm:
»Sûretè Paris Inspektor Studer Thunstraße Bern stop Collani Giovanni engagiert 20 Casablanca stop Ausbildung Bel-Abbès stop Spitaldienst Saida 21 bis 23 stop 24 Korporal 25 Sergeant stop kassiert 28 wegen unerlaubtem Fernbleiben von 5 Tagen stop 28 Korporal stop 29 Fourier Géryville stop meldet sich August 32 freiwillig nach Gurama-Marokko zu berittener Compagnie desertiert 28 September 32 stop Fehlen jeglicher Spur.
Madelin.«
»Fehlen jeglicher Spur«, wiederholte Studer und blickte seine Frau an. »Und der Pater hat behauptet, er habe den Collani hier in Bern gesehen, zusammen mit der Marie Cleman, in einem Auto, das die Nummer trug BS 3437– Und das Auto war ein Buick, gehörend der Agence Américaine in Basel, allwo es ein Mann gemietet hatte...«
Frau Studer hielt sich die Ohren zu.
»Hör auf!« rief sie. »Du machst einen ganz sturm!«
Aber unerbittlich fuhr Studer fort, als sage er Auswendiggelerntes auf:
»Ein Mann gemietet hatte, von gelber Gesichtsfarbe, ein Wollschal bedeckte den unteren Teil des Gesichtes. Das Auto wartete vor dem Haus Gerechtigkeitsgasse 44 – Aussage Rüfenacht Ernscht – und bei dem Auto hielt ein Mann Wache, der groß war... Nun hat mir Madelin heut am Telephon mitgeteilt, der verschwundene Börsenmakler Koller Jakob, der Mann, der die Marie nach Paris mitgenommen hat, sei 1,89 hoch. 1,89 – das ist hochgewachsen, nid, Hedy?«
»Wowoll!«
»Vielleicht...« sagte Studer und kratzte sich an der Stirne. »Vielleicht war es der Koller Jakob, der mich in Basel am Telephon ausgelacht hat... Aber welche Rolle spielt das Meitschi? Denn weischt, Hedy, die Marie, die paßt eigentlich gar nicht in den ganzen Fall! Ich glaub' halt immer, sie ist mit dem Koller verheiratet... Oder vielleicht ist der Koller ein entfernter Verwandter? Sie hat mit ihm zusammen in der gleichen Wohnung in Paris gelebt... Was ist dabei?... Die Marie nämlich isch es suubers Meitschi, du kannst sagen, was du willst... Es suubers Meitschi!« bekräftigte Studer.
Er schwieg. Frau Studer saß wieder an ihrem Platz unter der Lampe, sie hielt den Kopf gesenkt. So konnte der Wachtmeister das kleine Lächeln nicht sehen, das in ihren Mundwinkeln aufblühte.
»Wenn das Meitschi mit dem Koller zusammengelebt hat, mit dem Koller Jakob, mein' ich, so hat die Marie einen stichhaltigen Grund gehabt. Denn wenn sie auch raucht, die Marie, so will das gar nichts sagen! Du rauchst auch manchmal, Hedy!...« endete er und es klang wie ein Angriff: er senkte die Stimme nicht, sondern hielt sie in der Schwebe, so, als erwarte er einen Widerspruch.