Aber es kam kein Widerspruch, nur eine sanfte Antwort. Frau Studer erkundigte sich, ob der Wachtmeister etwa traurig sei, daß er seinen Schatz am Telephon nicht erwischt habe?
»Chabis!« sagte Studer. Doch konnte er es nicht verhindern, daß ihm das Blut in die Wangen stieg. Er stand da, die großen Hände in den winzigen Taschen seines Pyjamakittels, schaukelte sich auf den Fußballen, und die Brissago stach kriegerisch zur Decke. »Ich als Großvater!«
Ein merkwürdiges Geräusch kam vom Tisch her. Und Studer sah mit Erstaunen, daß die Schultern seiner Frau zitterten. Da wurde er ängstlich. Ging die Sache dem Hedy so zu Herzen? Weinte sie etwa, weil sie fühlte, daß der Mann weit fortgehen wollte, weit, sehr weit fort, um sich Gefahren auszusetzten, die... Studer trat an den Tisch, seine Hand legte sich auf die bebenden Schultern. Und tröstend meinte er, es sei da keine Ursache, traurig zu sein. Millionen! sagte er. Millionen stünden auf dem Spiel. Und Marie dürfe man nicht allein lassen.
Da hob Frau Studer den Kopf und ärgerlich stellte der Wachtmeister fest, daß das Hedy schon wieder lachte. So hemmungslos lachte sie, daß sie nur mühsam die Worte formen konnte, die den Wachtmeister wie Ohrfeigen trafen.
»O Köbu!« rief sie und fand kaum den Atem wieder. »Du bi scht ja so dumm!«
Sie wickelte die weiße Babyhose in Seidenpapier. Und immer noch zuckten ihre Schultern, während sie sachlich erklärte:
»Also, du willst den Collani suchen und feststellen, ob der Hellseherkorporal der Geologe Cleman-Koller ist... Nid?... Du hoffst, bei der gleichen Gelegenheit die Marie wiederzufinden – aber erst, nachdem du die Millionen entdeckt hast? Du weißt ja jetzt, wo sie liegen. SSO Gurama Korkeiche, Mann, Felsen rot. Und ich will dir noch etwas verraten. Zwei Kilometer von Gurama entfernt, in südsüdöstlicher Richtung, liegt der Schatz... Item. Und du hast deswegen Audienz beim Alten verlangt. Gell? Soll ich deinen Koffer packen? Wenn du am Nachmittag fährst, kannst du noch heimkommen zum Mittagessen. Ich mach' dir Bratwurst mit Härdöpfelsalat und es Zybelisüppli. Das hescht du ja gärn...«
Studer brummte. Natürlich war er zufrieden mit diesem Menü. Aber es wurmte ihn, daß seine Frau ihn nicht ernst nahm. Darum hüllte er sich in Schweigen und verzog sich ins Schlafzimmer.
»Guet Nacht, Vatti«, rief ihm Frau Studer nach.
Auch noch Vatti!
Die Filzpantoffeln flogen in zwei verschiedene Ecken. Und dann löschte Studer das Licht. Mochte die Frau sehen, wie sie in der Dunkelheit z'Schlag kam...
Kommissaer Madelin macht sich unsichtbar
Der Polizeidirektor war ein stiller Mann, der gar nicht nach einem Stubenhocker aussah. Seine Gesichtshaut war braun, weil er sommers und winters auf die Berge stieg. Daneben hatte er eine Hundezucht und war an diesem Morgen guter Laune: eine seiner Hündinnen, Mayfair III, hatte vier Junge geworfen. Studer mußte während einer Viertelstunde andächtig zuhören, was der Direktor über den Unterschied der verschiedenen Pedigrees zu erinnern hatte.
Dann rückte der Wachtmeister mit seinem Hellsehermärli heraus.
In jedem Staatsbetrieb gibt es wenigstens einen Mann, der gewissermaßen das Salz des ganzen Betriebes ist. Von ihm, der als Außenseiter gilt, wird keine allzu regelmäßige Arbeit verlangt; das Alltägliche, mit seinem Stumpfsinn, wird ihm ferngehalten – oder besser, er hält es sich selbst vom Leibe. Dieser Mann findet nur Verwendung – und darin liegt eben sein Wert – wenn etwas Außergewöhnliches zu tun ist. Dann wird er gebraucht, dann ist er unersetzlich. Wenn er in den flauen Zeiten herumlungert oder spazieren geht, drücken seine Vorgesetzten beide Augen zu, denn sie wissen, daß dieser Mann sich eines Tages als unersetzlich erweisen wird: er wird Mittel und Wege finden, eine verworrene Situation aufzudröseln, er wird es verstehen, einen andern Betrieb, der üppig und frech geworden ist, in den Senkel zu stellen, er wird – dieser Außenseiter – eine pressante Angelegenheit in zwei Stunden erledigen, mit der ein braver Bureauhengst in zwei Wochen nicht fertig würde.
Wachtmeister Studer war das Salz der Berner Kantonspolizei. Das war wohl der eine Grund, der den Herrn Polizeidirektor dazu veranlaßte, gegen des Wachtmeisters Reisepläne nichts einzwenden. Der andere war auch nicht schwer zu erraten: Kommissär Gisler von der Stadtpolizei hatte vorgearbeitet. Einen Augenblick schien es Studer, als könne er die Gedanken lesen, die hinter seines Vorgesetzten Stirn träge dahinschlichen. ›Millionen!‹ lautete der eine Gedanke. Der andere: ›Der Studer spinnt ja einewäg. Findet er das Geld, so hab' ich den Ruhm. Findet er es nicht, so pensionieren wir den Mann.‹ Der Dritte: ›Ob der Studer hier faulenzt oder ob er Ferien nimmt und die Basler blamiert, bleibt sich gleich. Aber keinen Rappen Spesen!‹
Und an diesen letzten Gedanken knüpfte Studer an, als er, nach Beendigung seines Exposés, also schloß:
»Hier kann ich nichts mehr ausrichten. Den Pater hätt' ich zur Not zurückhalten können – aber dann hätt' ich ihn einsperren müssen. Und das hab' ich nicht gewollt.« Er wiederholte den Witz vom Vatikan, er wolle keinen Konflikt mit dem Papst. »Die andern kenn' ich nicht. Telephonisch kann ich keine Klarheit bekommen. Ich muß nach Paris – vielleicht weiter. Ich muß den Sekretär Koller finden und den Hellseherkorporal... Ihr wisset, Herr Direktor, daß man dies alles nur an Ort und Stelle aufklären kann. Ich weiß, wo die Millionen liegen – wenn wirklich Millionen vorhanden sind...«
»Einerseits Millionen...«, sagte der hohe Vorgesetzte. Er gebrauchte gerne die Form: »einerseits-andererseits«. Und Studer grinste auf den Stockzähnen, weil er die vergeblichen Bemühungen seines Gegenübers sah, den zweiten Teil des Satzes zu finden. Endlich: »Andererseits die Basler Polizei... Wir wollen es den Baslern zeigen. Wir Berner!« Und er räusperte sich trocken.
»Exakt, Herr Direktor! Die Basler, die einen Tätler schicken, statt eines Fahnders!«
»Also Studer«, sagte der Direktor und stand auf. »Macht es gut. Ihr könnt reisen. Aber auf Eure Verantwortung. Gelingt's, so bekommt Ihr Eure Spesen zurück. Seid Ihr der Lackierte, so müßt Ihr halt den Spaß selber bezahlen... Einverstanden?«
»Einverstanden!« Studer nickte. Der Vorschlag kam nicht unerwartet. Der Wachtmeister hatte in der Nacht berechnet, daß sein Erspartes für die Reise grad langen würde.
»Gut so«, sagte der Direktor und schob Studer sanft zur Tür. »Und wenn Ihr zufällig eine neue Hunderasse entdeckt – vielleicht haben die Kabylen Sennenhunde, – so bringt Ihr mir ein paar Junge mit. Aber mit Pedigree!«
Marokkanische Sennenhunde! dachte Studer. Mit Stammbaum! Aber er widersprach nicht, sondern verabschiedete sich von dem hohen Vorgesetzten, der nach des Wachtmeisters bescheidener Ansicht ebenfalls ein wenig lätz gewickelt war...
Studer hatte beschlossen, diesmal nicht bei Madelin zu wohnen. Er brauchte Ellbogenfreiheit. So stieg er in einem kleinen Hotel ab, das den poetischen Namen »Au Bouquet de Montmartre« führte. Es lag in der Nähe der Station Pigalle.
Dann nahm er die Untergrundbahn, und wie immer, wenn er nach einiger Zeit den Geruch einatmete, der dort unten herrschte, diesen Geruch nach Staub, erhitztem Metall und Desinfektionsmittel, schlug ihm das Herz ein wenig schneller. Paris war stets etwas Abenteuerliches, auch wenn man wußte, daß man nichts von dem unternehmen würde, was gute Bürger unter Abenteuer verstanden.
In der Police Judiciaire begrüßte Kommissär Madelin seinen Kollegen Studer mit »Hallo!« und »Wie geht's?« und »Durchgebrannt?«, schickte den Bureaudiener sogleich in das nahe Café, eine Flasche Vouvray holen – es war halb neun Uhr morgens – und erkundigte sich dann, was denn diese ganze Geschichte samt Telephon und Pariser Reise zu bedeuten habe.
Studer mußte den ganzen Fall erzählen. Er tat dies mit einer so treuherzigen Diplomatie, daß Madelin gar nicht auf den Gedanken kam, sein Freund Studer verheimliche ihm irgend etwas. Der Berner Wachtmeister erzählte vom Pater Matthias, der durchgebrannt sei, von Marie Cleman, von den beiden alten Frauen, die den Gastod gefunden hatten – genau, wie es jener Hellseherkorporal prophezeit habe. Aber Studer verschwieg den Fund der Fieberkurve, verschwieg deren Entzifferung. Vorsicht, dachte er. Vorsicht! Sonst schnappen dir die Franzosen den Schatz vor der Nase weg.
Madelin hörte zu, unterbrach hin und wieder mit Ausrufen wie: »Nicht möglich!« – im Tonfall des Spaßmachers Grock – und: »Was du nicht sagst!« Als Studer dann noch von dem mißglückten Überfall erzählte, dessen Opfer er fast geworden war, nickte Madelin beifällig mit seinem mageren Büßerschädel: »Allerhand, Stüdère! Die ruhige Schweiz! Was du nicht sagst! Vielleicht erhebt sie sich mit der Zeit auf ein internationales Niveau – kriminalistisch meine ich. Ansätze sind vorhanden!«
Sehr gnädig, sehr spaßig, sehr freundschaftlich war der Divisionskommissär Madelin, den etwa ein Dutzend Inspektoren, die unter seiner Fuchtel standen, mit familiärem Respekt den »Patron« nannten. Denn er war eine Macht, der Kommissär Madelin, der lang und hager und grau einer Steinfigur an einem gotischen Domportal ähnelte – einer Steinfigur, die mit Vorliebe Vouvray trank...
»Und was kann ich für dich tun?« fragte er. Studer dachte einen Augenblick nach. Es war ihm allerlei in den Sinn gekommen, aber dieses Allerlei ließ sich nur schwer in genaue Fragen zergliedern. In Bern hatte er noch im Zivilstandsregister nachgesehen, mehr aus Gewissenhaftigkeit als in der Hoffnung, etwas Neues zu finden. Die Eheschließung zwischen Cleman, Alois Victor, und Hornuss, Sophie, war regelrecht vermerkt worden. Der Geologe gab als Heimatgemeinde Frutigen an. Als dann Studer an die Gemeindekanzlei telephonierte, erfuhr er, Cleman habe sich 1905 eingekauft. Er habe belgische Papiere vorgewiesen.
Von einem Bruder meldete Frutigen, sei nichts bekannt...
»Was ich dich fragen wollte«, sagte Studer, »wie stehst du mit dem Kriegsministerium?«
»Hm«, meinte Madelin, während er eine Zigarette rollte – und Studer bewunderte diese Fertigkeit. »Soso lala. Ich hab' ein paar Kameraden dort, die mich auf dem laufenden halten, wenn etwas los ist. Verstehst du? Politische Veränderungen haben wir genug, einmal bläst der Wind von links, dann wieder von rechts, einmal sollte man Marx auswendig lernen und die Royalisten verhaften, dann wieder die Kommunisten mit Gummiknütteln beaufsichtigen und in die Messe gehen. Zwischenhinein kommt der König der Schimpansen und anderer Gorillas nach Paris, man hat Scherereien mit ihm und mit seiner Suite... Man muß gedeckt sein... Verstehst du? Doch, doch. Ich stehe ganz gut mit dem Kriegsministerium!«
»Es handelt sich«, erklärte Studer bedächtig, »um einen uralten Fall. Im Jahre 1915, soviel ich weiß, also während der Sintflut, sind in Fez zwei Deutsche standrechtlich erschossen worden. Die Brüder Mannesmann: Louis und Adolf. Kannst du dir die Akten einmal geben lassen und mir sagen, ob in ihnen auch von einem Geologen Cleman die Rede ist?«
»Aber natürlich! Ich kenn' den Archivar dort gut, der leiht mir die Akten. Um elf Uhr mach' ich einen Sprung ins Ministerium und heute abend, sagen wir um acht Uhr, können wir uns treffen. Bei mir daheim? Das wäre am gescheitesten, dann könnt' ich die Akten gleich mitbringen und du könntest sie durchsehen. Aber jetzt hab' ich zu tun. Leb wohl!«
»He! Wart doch noch ein wenig! Du hast doch die Untersuchung über das Verschwinden eines gewissen Koller, der Börsenmakler war, geführt. Wir haben vorgestern am Telephon über den Fall gesprochen... Hast du etwas Neues erfahren über den Mann?«
»Ja«, sagte Madelin, und sein Gesicht wurde plötzlich ernst. Er schwieg eine Weile. »Du meinst doch den Mann, dessen Verlustanzeige von seiner Sekretärin gemacht worden ist? Sekretärin!« wiederholte Madelin mit einer merkwürdigen Betonung.
Daraufhin wäre zwischen den beiden Freunden fast ein Streit ausgebrochen, denn Wachtmeister Studer war lächerlich empfindlich, wenn es sich um Marie handelte.
»Sie war seine Sekretärin!« sagte er laut und klopfte mit den Fingerknöcheln auf Madelins Schreibtisch. »Wenn ich dir sage, daß sie ein anständiges Mädchen ist! Willst du einen Beweis? Da! Schau!« Und er riß Maries Brief aus der Busentasche. »So schreibt mir das Mädchen! Ich will dir's übersetzen!«
Um Kommissär Madelins Lippen lag ein unverschämtes Lächeln. Aber Studer sah es nicht, denn er war allzusehr mit den weiblichen Schriftzügen beschäftigt. Die Buchstaben tanzten zwar ein wenig vor seinen Augen, aber schließlich standen sie doch still und die Übersetzung ging ohne allzu große Schwierigkeiten zu Ende.
»Gut, gut!« lenkte Madelin ein. »Das Mädchen ist ein Ausbund aller Tugenden... Aber nicht vom Mädchen wollt' ich dir erzählen, sondern von seinem ehemaligen Brotherrn, dem Jacques Koller, der verschwunden ist. Ich glaub', wir haben eine Spur... Heute früh hab' ich ein Telegramm vom Rekrutierungsbureau in Straßburg erhalten.
Der untersuchende Arzt hat zufällig das Signalement gelesen, das wir von dem Verschwundenen verbreitet haben: 1,89 groß, gelbe Hautfarbe, glattrasiert, stumpfblondes Haar... Und der Arzt behauptet, gestern, also am 4. Januar, habe sich auf dem Rekrutierungsbureau ein Mann gemeldet, auf den dieses Signalement paßt. Der Arzt habe sich verpflichtet gefühlt, die Sûreté von diesem Faktum zu benachrichtigen. Der Mann hat als Namen ›Despine‹ angegeben und ist mit einem Transportschein nach Marseille weitergeschickt worden, wo er sich am 5. Januar, also heute, melden wird. Wir können seine Auslieferung nicht verlangen. Die Fremdenlegion liefert nur aus, wenn es sich um Mord oder um eine Summe handelt, die 100 000 Franken übersteigt. Nun hat Godofrey die hinterlassenen Papiere des Koller untersucht, aber keine Fälschungen entdeckt. Der Konkurs war die Folge von Ungeschicklichkeiten und nicht von Unehrlichkeiten... Was sollen wir nun machen, alter Freund? Den Koller laufen lassen?«
Studer hockte da, die Unterarme auf den Schenkeln, die Hände gefaltet. Fremdenlegion! dachte er. Werd' ich also doch noch im Alter die Fremdenlegion sehen! Nach einer Pause sagte er eifrig: »Jaja, laß den Mann nur dort, wo er ist. Ich werde...« Aber er vollendete den Satz nicht. War es eine Vorahnung? Plötzlich kam es ihm vor, als sei es eine Unvorsichtigkeit, dem Divisionskommissär Madelin anzuvertrauen, daß er eine Reise nach Afrika zu unternehmen gedachte. Er stand auf.
»Also, heut' abend bei dir...«, und er schüttelte Madelin die Hand. »Wo hat der Koller hier in Paris gewohnt?«
Madelin schaufelte mit beiden Händen einen Wall von Papieren durcheinander. Endlich stieß er auf einen kleinen Zettel:
»Rue Daguerre 18... Ganz oben am Montparnasse. Du läufst den Boulevard St. Michel hinauf, immer weiter, bis du zum Löwen kommst. Und die Rue Daguerre ist ganz in der Nähe. Leb wohl, Alter. Auf Wiedersehen.«
Am Abend um acht Uhr war Madelins Wohnung dunkel. Studer läutete, läutete... Niemand kam ihm öffnen. Da meinte er, daß er den Kommissär falsch verstanden habe und ging zu den Hallen, in jene kleine Beize, in der er die Bekanntschaft des Paters gemacht hatte. Hinter dem Schanktisch stand immer noch der Beizer mit aufgekrempelten Hemdsärmeln, und seine Oberarme waren dick wie die Schenkel eines normalen Menschen. Studer wartete, wartete. Um Mitternacht gab er es auf.