Der Trott eines Maulesels kann einschläfernd wirken. Aber wenn es kalt ist und immer kälter wird, je näher man dem Hochplateau kommt, dann verdunstet die Schläfrigkeit wie Tau im Heuet... Und die Gedanken beginnen zu hüpfen – das ist unangenehm, denn es erzeugt einen schwindelerregenden Wirbel... Das Band der Straße ist immer gleichförmig gelb, an den Rändern raschelt das trockene Alfagras, die schwarzen Wolken am Himmel erinnern an Tod und Trauer... Ist es ein Wunder, wenn man der alten Frauen gedenkt in ihren Lehnstühlen, der verstorbenen alten Frauen?... Und weiter reitet man durch den fremden Tag...
Der Pater... Der Hellseherkorporal... Der Geologe... Der Sekretär – Der Pater – der Geologe. Zwei Brüder.
Was hinderte den Koller, den Börsenmakler, der als Despine in die Fremdenlegion eingetreten war, ein Bruder dieser beiden zu sein? Drei Brüder: Pater Matthias, Cleman-Koller, Victor Alois, Koller-Despine, Jakob... Zwei Schwestern: Sophie und Josepha, beide Kartenschlägerinnen... Kartenschlägerinnen.... Halt! Es gab da noch einen Hellseherkorporal namens Collani, der spiritistische Séancen veranstaltete. Aber es gab auch noch einen Börsenmakler, der sich mit dem gleichen Unsinn beschäftigte! Wie hatte der Bäcker in der Rue Daguerre gesagt? Der Bäcker, dessen Haare rot wie Pfälzerrüben waren? »Er beschäftigt sich mit den letzten Dingen!« Herr Koller hatte ein Stellenvermittlungsbureau für Abgeschiedene eröffnet. Sie klopften in den Tischen! Nochmals halt! Nicht spotten! Es blieb immerhin die Tatsache, daß dieser Fall ein Fall mit vielen Geschwistern war: die Brüder Mannesmann, die Brüder Koller, die Schwestern Hornuss. Wo zum Tüüfu sollte man den Hellseherkorporal Collani unterbringen? Ein vierter Bruder Koller? Stimmte das, dann ging die Gleichung auf...
Chabis! Was meinte Dr. Malapelle vom Gerichtsmedizinischen? »Fantasmagoria!« Und wie sagte der Murmann im Amtshaus z'Bärn, und mit ihm alle Kollegen, vom Hauptmann bis herab zum Gemeinen? »Dr Köbu spinnt!«
Und dem Polizeidirektor sollte man ein Paar marokkanische Sennenhunde mitbringen, mit Pedigree, wohlverstanden! Der Herr Direktor würde anders luege, wenn er wüßte, daß sein Wachtmeister Studer plötzlich zum Inspektor Fouché avanciert war. Aber schließlich paßte dies auch zu dem Fall. Die Leute, die darin vorkamen, hießen immer anders als man meinte. Cleman hieß Koller und Koller hieß Despine, wenn er sich nicht den Namen eines Heiligen zulegte und sich Pater Matthias nannte... Was würde der Herr Polizeidirektor für Augen machen, wenn man ihm zwei weibliche oder zwei männliche Sennenhunde mitbrachte?... Auch das würde zu dem Fall passen! Geschwister! Geschwister! Hehehehe...
Es war schwierig zu lachen bei dieser Kälte, es zerriß einem die Lippen, die ohnehin schon gesprungen waren. Nach alter Gewohnheit griff Studer an die Stelle, an die er gewohnt war, die weichen Haare seines Schnurrbartes zu finden... Die Stelle war kahl...
»Ööööööh!« rief Studer und das Maultier stand. Der Wachtmeister stieg ab, es war Mittag, er gedachte etwas zu essen. So setzte er sich auf einen Stein am Wegrand, und während er zähes Schaffleisch verschlang, blickte er um sich.
Ebenen, Ebenen, Ebenen und dann, ganz in der Ferne, Berge, weiße Schneeberge... Sie erinnerten gar nicht an die Schweiz. Dort gab es auch am Fuße der Schneeberge Hotels mit Zentralheizung und warmem Wasser, sogar Skihütten gab es dort, heizbare Skihütten! Hier gab es nichts. Weit und breit kein Haus, kein Baum... Am Ende der Ebenen glänzten die Salzseen, giftig wie Chemikalien in Glasschalen.
Geschwisterpaare... Es gab doch auch Sterne, die paarweise am Himmel standen. Dann war Marie ein Komet. Stimmte auch nicht! Marie war kein Komet. Kometen sind Vaganten in der Sternenwelt. Und Marie war keine Landstörzerin, keine Zigeunerin... Sicher war sie mit dem Koller verheiratet gewesen, mit dem Börsenmakler, der sich in afrikanischen Minenpapieren die Auszehrung geholt hatte...
»Los einisch, Fridu!« wandte sich Studer an das Maultier – er hatte beschlossen, es Friedel zu nennen, Fridu, wie sie daheim sagten »los einisch!« Aber das Maultier wollte nicht lose, es fraß weiter und riß von Zeit zu Zeit an den Zügeln, in deren Schlaufe Studers Handgelenk hing. Da zog der Wachtmeister ein paar Stück Zucker aus der Tasche: »Sä!« sagte er. Das Maultier kam näher, reckte den Hals, blies Studer seinen warmen Atem über die Hände, das war wohltuend, nahm mit viel Anstand den Zucker mit den weichen Lippen, kaute andächtig, rollte sittsam die Augen und stieß dann einen Laut aus, der dem Wachtmeister in des Ausdrucks wahrster Bedeutung durch die Gebeine hindurch bis ins Knochenmark fuhr... Ein Zwitterding war dieser Laut, halb Eselsgeschrei, halb Pferdegewicher – aber das arme Tier konnte nichts dafür... Es sang, wie es konnte... Studer stand auf... Die Glieder schmerzten ihn, er sehnte sich nach seinem Bureau, in dem es nach Bodenöl und Staub roch, in dem der Dampf in den Röhren knackte – in dem es warm war, warm...
»Los einisch, Fridu«, begann Studer von neuem. »Die Marie... Äbe... Nei, nid Gras fresse, das isch ug'sund, i gyb dr denn es Stückli Brot! Sssä! Weischt, d'Marie... Wenn, äbe, wenn... denn seyt d'Marie: Märci, Vetter Jakob! U denn isch alls guett... ja – du bisch en Guete, Fridu! Chumm jetz...«
Noch eine Pfeife, das Béret über die Ohren gezogen, dann aufgesessen. Hinten am Sattel war ein gerollter Schlafsack aufgeschnallt. Darin steckten: ein Pyjama, zwei Hemden, zwei Paar Socken, Toilettenzeug... Man war mit neunundfünfzig Jahren bereit, es den Legionären gleichzutun...
Gott sei Dank setzte der Schneesturm erst ein, als Géryville schon in Sicht war. Das Maultier verstand sein Handwerk, denn der Galopp, in den es überging, war so sanft wie das Fahren auf einer Achterbahn. Dann blieb es vor einem Hause stehen, das offenbar das Hotel von Géryville war; Studer stieg ab, er sah einem verschneiten Weihnachtsmann ähnlich, der sich aus Versehen rasiert hat. Und müde war er! Beim Nachtessen schlief er fast ein, wachte halb auf, nachdem er ein einziges Glas Wein getrunken hatte. Aber dann begann es in seinen Ohren zu brausen. Der Besitzer des Hotels schien an dergleichen Gäste gewöhnt zu sein; denn er führte den schweren Mann in ein Zimmer im oberen Stockwerk, zog ihm den nassen Mantel aus, deckte ihn zu... Am nächsten Morgen, als Studer angekleidet erwachte, fand er, der Besitzer habe sehr menschlich gehandelt. Die Wanzen hatten dem Wachtmeister nur die Hände verstechen können und ganz wenig die Stirne...
Der Hellseherkorporal nimmt Gestalt an
Es war merkwürdig, aber doch eine Tatsache: alle höheren Offiziere der Fremdenlegion schienen sich einer behäbigen Körperfülle zu erfreuen. Kommandant Borotra, der das 2. Bataillon des 1. Regimentes befehligte und vier goldene Borten rund um sein Képi trug, hatte mit dem Tennis-Champion nur den Namen gemeinsam. Er war ein gemütlicher Fettwanst mit spärlichen, blonden Härchen über der Oberlippe.
»Collani?« fragte er. »Sie suchen nach Collani? Wie kommt es, daß sich ein Polizist aus Lyon für meinen Korporal interessiert? Meinen Hellseherkorporal?«
Studer schnitt ein geheimnisvolles Gesicht, deutete auf die gefälschte Unterschrift des Kriegsministers. Borotra wurde rot. Die Unterschrift besaß magische Eigenschaften... »Gehen Sie zu unserem Arzt«, sagte der dicke Kommandant. »Dr. Cantacuzène wird Ihnen Auskunft geben können. Und dann hoffe ich, werden Sie uns die Freude machen und Ihr Mittagessen bei uns in der Offiziersmesse einnehmen. Wir sind natürlich...« Räuspern »... soweit es in unserer Kraft steht, immer gerne bereit, dem Herrn...«, längeres Räuspern, »... Kriegsminister zu Diensten zu sein, hoffen aber, daß Sie nicht versäumen werden, seiner Exzellenz in Ihrem Rapport...« Räuspern, Räuspern, das nicht aufhören wollte.
»Darüber wollen wir kein Wort verlieren«, sagte Studer trocken und kam sich vor wie ein Marschall des großen Kaisers, der einem Präfekten das Kreuz der Ehrenlegion verspricht. War Joseph Fouché nicht Herzog von Otranto gewesen? Studer konnte auch herzoglich tun. Manchmal ist die Demokratie die beste Schule für aristokratisches Benehmen.
Dr. Cantacuzène sah aus wie ein durchtriebener Feuilleton-Redaktor, dem es schwerfallen würde, seine arische Abstammung glaubhaft zu machen. Er trug einen Zwicker mit dicken Gläsern, der ihm ständig vom Nasensattel rutschte und den er, wie ein Jongleur, bald am Bügel über einem Finger, bald auf dem Handrücken, sogar einmal auf der Stiefelspitze auffing.
»Hysteriker«, sagte Dr. Cantacuzène, der griechischer Abstammung war, was er zuerst betonte. »Ihr Collani war ein typischer Fall männlicher Hysterie. Was nicht ausschließt, daß vielleicht doch okkulte Fähigkeiten in ihm schlummerten. Die Experimente, die ich mit ihm angestellt habe, lassen sich fast alle auf natürliche Art erklären, immerhin...«, er hob im richtigen Moment das linke Knie, um dem Zwicker dort einen Augenblick Ruhe zu gönnen, »... und auf alle Fälle hatte der Mann eine schwer belastete Vergangenheit. Und in dieser Vergangenheit gab es sicher einen Vorfall, der Collani schwer bedrückte. Mit mir hat er nie über dieses Thema gesprochen. Aber er hat sich eine Zeitlang sehr an einen gewissen Pater angeschlossen. Ich, für mein Teil, habe es abgelehnt, mich in Beichtstuhlgeheimnisse zu mischen...« Der Zwicker fiel auf den Teppich.
»Er rauchte Kif«, fuhr der Arzt fort, »und das war ungesund für ihn, denn er war nicht kräftig. Sie wissen, was Kif ist? Haschisch. Cannabis indica... Collani ist, wenigstens spricht vieles dafür, von einem Fremden entführt worden. Ich, für mein Teil, glaube, daß der Mann eine kleine Spritzfahrt unternommen und irgendwo zuviel geraucht hat. Ein kleiner Collaps würde sein Verschwinden erklären...«
Nein, sein Verschwinden ließ sich nicht so erklären, denn am Mittagstisch in der Offiziersmesse verkündete Kommandant Borotra freudig, Collani sei wohlbehalten in Gurama bei der berittenen Kompagnie des 3. Regimentes eingetroffen. Er habe diesen Morgen vom Befehlshaber des dortigen Postens, dem Capitaine Lartigue, Bericht erhalten. Collani behaupte, er wisse nicht, wo er die letzten Monate zugebracht habe und Lartigue glaube ihm dies. Er werde veranlassen, daß ein Arzt den Hellseherkorporal untersuche – und dann werde ihm die Entlassung winken. Auf Pension habe der Mann ohnehin Anspruch.
»Existiert kein Bild von diesem Collani?«
»Ich glaube nicht, Inspektor Fouché«, sagte Borotra. »Aber wir können ein gutes Signalement von ihm geben. Nicht wahr, meine Herren?«
Drei Capitaines, zwei Leutnants und sechs Unterleutnants sagten im Chor:
»Ja, mein Kommandant!«
Und dann ging es zu wie bei einem Gesellschaftsspiel, in dem jeder Mitspieler ein Wort zu sagen hat – reihum.
»Klein.« – »Mager.« – »Brustumfang 65.« – »Graue Haare.« – »Glattrasiert.« – »Abstehende Ohren.« – »Flach.« – »Rand fehlte.« – »Dünne Beine.« – »Haut olivenfarben.« – »Augen blau.«
»Danke«, sagte Studer. »Das genügt. Wenn ich recht verstanden habe, so sind die Ohren abstehend, flach, ohne Rand?... Ja?... Danke nochmals. Und wie groß war Collani?«
Ein kleiner Leutnant hob die Hand, wie in der Schule.
»Mein Leutnant?«
»1 Meter 61...«
Im Winter schien nicht viel los zu sein in Géryville. Die Offiziere blieben bis halb vier Uhr sitzen. Sie ließen Studer nicht gehen. Er wurde als Fremdling gefeiert und mußte mittrinken. Er dankte Gott, daß keiner der Offiziere aus Lyon stammte. Aber schließlich, der Berner Fahnderwachtmeister, der unerlaubterweise den Namen eines französischen Polizeiministers des 1. Kaiserreiches führte, hätte sich vielleicht doch aus der Klemme gezogen...
Endlich konnte Studer sich empfehlen. Er wollte den Mulatten Achmed besuchen, bei dem der Hellseherkorporal nach der Erzählung des Arztes allabendlich Kif geraucht hatte.
Achmed, der Mulatte, war ein Riese, der sich ohne Scheu auf jedem Jahrmarkt für Geld hätte zeigen können. Seine Hautfarbe erinnerte an eine mit aller Sorgfalt zubereitete Jubiläumsschokolade schweizerischen Ursprungs...
Er rauchte aus einer Pfeife, deren roter Tonkopf nur fingerhutgroß war, ein Kraut, dessen Rauch an den Geruch von Asthmazigaretten erinnerte. Er empfing Studer sitzend; wie ein morgenländischer König saß er auf einem Teppich, mit gekreuzten Beinen. Man vergaß das leere ärmliche Gemach und das grelle Licht, das eine Azetylenlampe im Raume verspritzte.
Kein Mißtrauen dem fremden Besucher gegenüber... Eine stille, verhaltene Heiterkeit...
Der Korporal Collani? Ein guter Freund. Sehr still, sehr schweigsam. Hatte sich an niemanden angeschlossen, darum kam er immer am Abend zu ihm, Achmed. Rauchte zwei Pfeifen Kif. »Nein, Inspektor, von diesem Quantum gibt es noch keinen Rausch! Was denken Sie!« Achmed sprach ein gewöhnliches Französisch und Studer hätte den Mann gern gefragt, wo er sich seine Bildung angeeignet habe. »Man schläft gut nach zwei Pfeifen«, erklärte Achmed. »Und der Korporal litt an Schlaflosigkeit. Er seufzte oft – nicht wie einer, den etwas bedrückt, sondern wie ein Mensch, der eine kostbare Perle verloren hat und sie überall sucht... Diesen Sommer war es besonders arg. Einmal hat er geweint, richtig geweint, wie ein kleines Kind, dem seine liebste Glaskugel gestohlen worden ist...«
Ein Mulatte! Ein einfacher Mensch und ein armer dazu! Aber welch Verständnis und wie gut sprach er von den Regungen der Seele!
»Ich hab' ihn zu trösten versucht«, fuhr Achmed fort, »hab' ihn gebeten, sich mir anzuvertrauen... Umsonst. Er wiederholte immer wieder: ›Wenn ich den Brief öffne, diesen Brief da!...‹ und zeigte ihn mir, ›dann überfällt mich die Vergangenheit – und er kommt mich holen!‹ – ›Wer kommt dich holen, Korporal?‹ wollte ich wissen. – ›Der Teufel, Achmed! Der alte Teufel! Ich hab' ihn getötet, den Teufel, aber der Teufel ist unsterblich, nie können wir wissen, wann er wieder aufwacht!...‹ Und so hat er den Brief fortgeschickt, am 20. Juli vorigen Jahres. ›Ich hatte noch eine Kopie dieses Briefes‹, erzählte er mir am nächsten Tage. ›Aber ich weiß nicht, wo diese Kopie ist. Ich habe meine Sachen durchsucht, aber sie ist nirgends zu finden... Es ist auch besser so!‹ Zwei Monate später, am 28. September, ist ein Fremder zu mir gekommen und hat nach dem Korporal Collani gefragt. Er hat gewartet – aber an diesem Abend ist der Korporal spät gekommen. Er hat den Fremden nicht beachtet, sondern nur zu mir gesagt: ›Jetzt weiß ich, wo die Kopie ist. Ich hatte sie in das Futter einer alten Wollweste eingenäht. Ganz deutlich sah ich's gerade.‹ – ›Wo warst du bist jetzt, Korporal?‹ fragte ich. – ›Beim Priester‹, antwortete er. Und dann erblickte er den Fremden...« Achmed schwieg. Er blickte mit seinen braunen Augen, so dunkel waren sie, daß sie fast schwarz wirkten, treuherzig zu Studer auf, der neben der pfeifenden Azetylenlampe an der Wand lehnte...
Es gab also eine Kopie der Fieberkurve!... Wo war diese Kopie zu suchen? Und wenn sie in den Händen der »Widersacher«, um den rätselhaften Leuten, mit denen man es zu tun hatte, einen Namen zu geben, wenn sie also in den Händen der Widersacher war – wo mußte man sie suchen? Und wenn die Widersacher die Kurve hatten, warum hatten sie dann zwei Berner Gangster auf den Wachtmeister gehetzt, um ihm das Dokument zu stehlen?