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作者:德- Friedrich Glauser 当前章节:15536 字 更新时间:2026-6-23 05:30

Studer nickte. Er konnte nicht sprechen. Der Capitaine schien die Stimmung seines Gastes zu verstehen, denn er füllte schweigend zwei Gläser mit einer wasserklaren Flüssigkeit. Studer trank. Es war verdammt stark, reizte zum Husten, aber gab warm...

»Dattelschnaps«, erklärte der Capitaine. »Der Jude, der mir die Schafherden liefert, hat mich mit drei Flaschen bestochen. Er hat recht daran getan, sonst hätte ich ihn zwei Monate lang Ziegel formen lassen, weil er mich mit seinen Schafen hineinlegen wollte. Sie hatten nur zwölf Kilo Lebendgewicht und das ist zu wenig... Aber das interessiert Sie wohl nicht, Herr Inspektor Jakob... pardon... Joseph Fouché...«

Doch!... Gerade diese Dinge interessierten den Berner Wachtmeister sehr. Was doch solch ein Postenchef alles können mußte! Er mußte Arzt sein, Viehhändler, Veterinär, Stratege, Bürgermeister, Postenchef, Hausvater...

»Wer ist eigentlich Ihr direkter Vorgesetzter, Capitaine?« fragte er. »Wem unterstehen Sie?«

»Ich?« Capitaine Lartigue schmunzelte – und hätte man das Schmunzeln gutmütig genannt, so wäre es eine Übertreibung gewesen. »lch?« wiederholte er. »Ich bin ein kleiner König. Mir hat niemand etwas zu sagen, außer dem Residenten in Fez. Offiziell gehört meine Kompagnie dem dritten Regiment an – aber sie gilt als Bataillon. Und der Oberst des dritten Regimentes ist viel zu weit weg... In Rabat, denken Sie... Vierhundert Kilometer Luftlinie. Ich bin also Bataillonschef, Platzkommandant, und auch das Land, das uns umgibt, ist mir untertan. Sie sehen also, lieber Inspektor – Fouché, ganz richtig – Sie sehen also, lieber Inspektor Joseph Fouché, merkwürdig übrigens, daß Sie wie der Polizeiminister des großen Kaisers heißen, daß mich nichts hindern könnte, kurzen Prozeß mit Ihnen zu machen.«

Das Schmunzeln – gutmütig oder nicht – war von den Lippen des Capitaines verschwunden. Der Mund war schmal, gerade, die Lippen ein wenig bleich.

»Wenn ich den Herrn, der den Namen eines französischen Ministers des Kaiserreichs trägt – mit Recht, wollen wir einmal annehmen, mit vollem Recht – wenn ich diesen Mann ganz einfach an die Wand stellte, niemand würde mich an dieser Säuberungsaktion hindern. Denn Sie werden zugeben, daß das Beiseitebringen eines Spiones sich Säuberungsaktion nennen darf... Um der Form Genüge zu tun, würde ich vielleicht ein kleines Kriegsgericht versammeln, bestehend aus einem Leutnant, zwei Sergeanten und zwei Korporalen. Fünf Mann – und einer mehr: Ich, Auditor und Gerichtspräsident in einer Person. Verteidigen dürften Sie sich selbst. Ich, Auditor und Präsident, würde also sprechen: ›Vor euch steht ein Mann, der in besetztem Gebiet mit einem falschen Passe reist. Ich verdächtige ihn der Spionage. Wir können augenblicklich niemanden entbehren, der ihn mit einer Eskorte nach Fez bringen könnte. Also müssen wir selbst das Urteil fällen. Und wir sind dazu befugt. Da es sich um Spionage handelt und ich die Beweise in öffentlicher Sitzung nicht beibringen darf – die Interessen Frankreichs stehen auf dem Spiel –, gibt es nur eins: den Tod.‹ Was würden Sie darauf antworten, Herr Inspektor Jakob – pardon – Joseph Fouché?«

»Darf ich mir eine Pfeife stopfen?« fragte Studer gelassen; sprach's, zog den Beutel aus der Tasche und begann ruhig den Tabak in den Kopf einzufüllen. Er drückte ihn gewissenhaft mit dem Daumen fest, stand auf, stand da, eine Weile, groß und schwer und breit, und ging mit gewichtigen Schritten zum Kamin, beugte sich nieder, nahm Reisig, an dem ein gelbes Flämmchen klebte, zündete das Kraut an, kehrte an seinen Platz zurück und blies Lartigue Rauchwolken ins Gesicht. »Hätte das Gericht dann meine erste Frage beantwortet, so würde ich fortfahren: ›Meine Herren! Es ist wahr, daß ich mit einem falschen Paß reise – aber ich habe nie Spionage getrieben. Ich bin ein Schweizer Polizist, der beauftragt worden ist, einen zweifachen Mord zu... zu...‹« Studer suchte nach dem passenden Wort, es fiel ihm keins ein, so beendete er seinen Satz mit: »›... enträtseln. Ja.‹«

Er schwieg und fingerte über die Oberlippe nach dem Schnurrbart, dessen Trüllen in schwierigen Unterredungen stets sein Beruhigungsmittel gewesen war, fand ihn nicht und nahm zu einem langanhaltenden Räuspern seine Zuflucht. Dann: »Außerdem – und ich will ganz offen mit Ihnen sprechen, mon Capitaine – habe ich nicht nur die Interessen meines Staates zu vertreten, sondern auch die Interessen eines jungen Mädchens, dessen Vater hier in der Nähe... Doch ich glaube, dies würde wieder Ihr Gericht nicht interessieren. Und um auf besagtes Gericht zurückzukommen: Erstens würde ich also verlangen, als Vertreter meines Landes behandelt zu werden. Da dies wahrscheinlich nicht geschehen wird, so würde ich mir erlauben, den Notwehrparagraphen zu meinen Gunsten auszulegen. Zwei Browningpistolen enthalten sechzehn Schuß – falls ich noch rechnen kann.«

»Bravo«, sagte Capitaine Lartigue. »Marie hat Sie richtig geschildert.«

»Mar...«, begann Studer, aber da wurde er von einer Frauenstimme unterbrochen:

»Gueten Abig, Vetter Jakob!«

Studer ergriff die Flasche mit dem Dattelschnaps. Er schenkte sein Glas voll, leerte es, stellte es wieder ab.

»Grüeß di, Meitschi!« Seine Stimme war ruhig.

Ein Morgen im Posten Gurama

»Vetter Jakob«, fragte Marie, »hast du die Fieberkurve?« Studer nickte, nickte lange. Sein Kopf konnte nicht zur Ruhe kommen. Marie hatte sich auf das Ruhebett gesetzt, auf dem, vor gar nicht langer Zeit, der Capitaine, der Hund und die Gazelle in tiefem Schlaf gelegen waren. Und Studer hockte auf dem Stuhl, dessen bequemer Bau auch ihm Ruhe geschenkt und die Augen zugedrückt hatte. Auf dem Tischlein lag immer noch das Buch mit dem Vers:

Der Himmel überm Dach

Ist still und leise...

Aber die Anwesenheit Maries hatte die Stimmung im Zimmer verändert. Das Mädchen trug einen weißen Leinenschurz, wie er zur Uniform einer Krankenpflegerin gehört, ihre Haare waren eingehüllt in einen dünnen Schleier, dessen Leinenband ihre Stirn umspannte. Und mitten auf dem Leinenbande prangte ein rotes Kreuz. Sehr sittsam saß Marie auf dem Ruhebett, hatte die Hände gefaltet und die Ellbogen auf die Knie gestützt. Neben ihr hockte Capitaine Lartigue in seiner verrumpfelten Khakiuniform, so weit nach hinten gelehnt, daß nur ein dunkelblaues Kissen seine Schulterblätter von der Wand trennte. Ihm zu Füßen waren der Hund und die Gazelle, ein braunschwarzes Wolleknäuel.

Ja, die Fieberkurve habe er, sagte Studer und starrte auf den Boden... Das heißt, um ganz genau zu sein, er habe nur die Hälfte der Fieberkurve, die andere Hälfte liege wohlverwahrt in einem Notariatsbureau z'Bärn.

Jetzt war es an Marie, zu nicken. Und sie tat dies auch. Ausgiebig und lange. Schließlich erkundigte sie sich, ob es in diesem Zimmer eigentlich gar keine Zigaretten gäbe? Der Vetter Jakob – l'oncle Jacques, sagte sie – rauche Pfeife, und sie?... Studer seufzte. Wie viele Namen mußte man sich in diesem verkachelten Fall gefallen lassen! Für Madelin war man »Stüdère«, für die Tanzlehrerin »Stiudaa«, für den Murmann »der Köbu«, auf dem Paß hieß man Joseph Fouché, und fürs Hedy war man der »Vatti«. Marie hatte einen »Vetter Jakob« getauft. Das ging noch an. Aber »Oncle Jacques«! Das war zuviel! Und während Capitaine Lartigue ein blaues Päckli, ähnlich dem, das im Schnellzug Paris-Basel neben dem damals noch unbekannten Meitschi gelegen hatte, aus einer seiner Taschen hervorzog und Marie von den Zigaretten anbot, kleidete Wachtmeister Studer von der Fahndungspolizei seinen stillen Protest in laute Worte. Und die Worte waren aus bernischem Stoff.

Der Protest verhallte. Studer hatte den Eindruck, als spräche er zu zwei Puppen. Das gab einen kleinen schmerzhaften Stich. Lartigue sah Marie an und das Meitschi hatte nur Augen für den Capitaine. Und man war der »Oncle Jacques«... Es gab eine Redewendung im Französischen, die hieß: »faire le Jacques«, was sich am besten mit: »dr Löli sy« übersetzen ließ. Und der Wachtmeister kam von diesem dummen Wortspiel nicht los.

Was ging diese beiden, dort auf dem Ruhebett, die Fieberkurve an! Was ging sie der Schatz bei der Korkeiche, am roten Mannfelsen an! Was kümmerte den Capitaine Lartigue, den Viehhändler, Postenchef, Hausvater, Strategen und Arzt, die Tragödie von zwei alten Frauen, die in ihren Küchen ein trostloses Ende gefunden hatten? Dachten etwa zwei Verliebte an Dinge, bei denen jedem Kriminalisten das Herz höher schlägt, an den »Großen Fall« zum Beispiel? Studer seufzte, und da er, zugleich mit dem Seufzer, seine Pfeife auf dem Rande eines porzellanenen Aschenbechers ausklopfte, so blickten die beiden endlich doch zu ihm herüber. Es war Zeit.

»Wir wollen«, sagte Capitaine Lartigue, »die ernsten Geschäfte auf morgen verschieben. Sie sind müde heute, Herr Inspektor, wir werden zu Nacht essen, dann schlafen Sie einmal ordentlich aus und morgen werden wir sehen, wie wir am besten unsere Angelegenheiten regeln können.«

»Unsere Angelegenheiten«, hatte der junge welsche Schnuufer gesagt. Mira! Unsere Angelegenheiten!... Es war nur gut, daß zu diesen »unseren« Angelegenheiten das Nachtessen gehörte. Es war üppig, und gemütlich wurde es auch. Die Ordonnanz des Capitaine, ein Ungar mit einem Rübezahlbart, servierte.

Lammkoteletts. Risotto mit Hühnerleber garniert. Artischocken mit Mayonnaise. Salat. Käse. Dazu gab es einen Weißwein, der den Namen »Kébir« trug. Kébir, erklärte der Capitaine, heiße »Der Große«. Der Wein verdiente den Übernamen.

Das Feldbett war in einem leeren Offizierszimmer aufgeschlagen worden. Es war schmal. Aber das schadete nichts. Wachtmeister Studer schlief ein und er schlief tief. Als er erwachte und auf die Uhr blickte, die auf einem Stuhle neben seinem Bette tickte, war es fünf Uhr. Er stand auf und verließ sein Zimmer. Der Himmel war ein riesiges Tuch aus Rohseide, sehr hell, hie und da gefältelt – die Falten waren dunkler...

Zuerst schien es dem Wachtmeister, als sei der Posten so still wie ein Kirchhof. Fensterlos waren die niederen Baracken, über die sich, fast in der Mitte des Postens, der einstöckige Turm erhob. Fast lautlos ging Studer über den sandigen Boden, er hatte Lederpantoffeln angelegt, deren weiche Sohlen seine Schritte fast unhörbar machten. Er versuchte sich zu orientieren. Dort mußte der Ausgang liegen. Auf ihn ging er zu, er hatte im Sinn, den Posten zu verlassen und noch einmal nachzusehen bei der Korkeiche, ob wirklich nichts zu finden sei.

Da war der Ausgang. Auf einem Prellstein saß ein Legionär, hatte das Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett neben sich an die Mauer gelehnt, den Kopf in beide Hände vergraben – und schlief. Rechts vom Eingang kauerte eine Baracke, sie glich so gar nicht den andern Baracken, obwohl sie eigentlich gebaut war wie die andern auch: weißgekalkt die Wände, das Dach aus Wellblech... Aber da waren zuerst zwei Türen, aus schweren Bohlen zusammengefügt, und starke eiserne Riegel waren daran angebracht. Die Enden der Riegel steckten in der Mauer. Und dann – das war das Auffällige! – die Baracke hatte Fenster. Zwei Fenster! Und die Fenster waren vergittert...

Die Wache am Tor schlief. Studer schlich sich an eins der Fenster. Es war etwas hoch angebracht, er mußte sich auf die Zehenspitzen stellen, dann konnte er das Innere überschauen...

Eine Zelle... Schätzungsweise zwei Meter auf anderthalb. In der Ecke ein Zementblock in der Form eines Bettes. Auf dem Block saß ein Mann. Es war dunkel in der Zelle und darum ein wenig schwer zu erkennen, was der Mann tat. Studer beugte sich weiter vor, er gab sich Mühe, mit seinem Kopf keinen Schatten in die Zelle zu werfen. Er wußte selbst nicht, warum es ihm so notwendig schien, daß ihn der Mann nicht erblickte. Jetzt sah man es deutlich: der Mann hielt schmutzige Karten in der Hand, mischte sie, legte sie in einem Päckli neben sich, hob ab – und dann begann er sie reihenweise auszulegen...

Vier Reihen legte er, das war deutlich zu sehen. Vier Reihen zu neun Karten. Dann schüttelte der Mann den Kopf, schob die Karten zusammen, mischte wieder, hob ab – mit der linken Hand – und spielte sein einsames Spiel anders:

Er zog drei Karten ab, sonderte eine aus, warf zwei beiseite. Nahm wieder drei Karten, blickte sie an, warf sie alle drei beiseite. Nahm wieder drei, behielt von diesen dreien eine und warf zwei zum begonnenen Haufen. So fuhr er fort, bis seine Hand leer war. Dann nahm er die beiseitegeworfenen Karten, mischte sie, hob ab und begann das Spiel von neuem. Die ausgesonderten Karten bildeten eine merkwürdige Zeichnung – ein Kreuz, hätte man meinen können.

Immer noch schlief die sitzende Wache am Eingangstor. Aber der Posten war nicht mehr stumm. Aus der Ferne dröhnten Pfannen, die gegeneinandergeschlagen wurden. Unsichtbare Hände zogen den Rohseidevorhang vom Himmel. Und nun war er blau wie gefärbtes Glas.

Da fuhr der Wachtmeister zusammen. Ein Horn gellte seinen Morgengesang durch den Posten, keine fünf Schritte von Studer entfernt... Hinter jener Mauerecke? Der Wachtmeister schlich sich davon. Richtig, da stand einer in resedagrüner Uniform, der Trichter seines Instrumentes war gegen die Sonne gerichtet, die müde und glanzlos hinter den roten Bergen hervorgekrochen kam – und der Mann blies der müden Sonne sein Morgenlied mitten ins Gesicht...

Da zerbröckelte das Schweigen in den Baracken, Husten, Fluchen, Schimpfen... Plötzlich war es, als sei die Luft gesättigt mit Kaffeedampf. Gestalten schlichen vorbei – sie trugen Eimer, die mit einer braunen Brühe gefüllt waren, und ihre Gesichter waren staubig – staubig und mager. Ein paarmal wurde der Wachtmeister unsanft beiseitegeschupft – es war, als seien die Kaffeeträger blind. Aber Studer merkte nichts von diesen unsanften Berührungen. Er sah, und er wurde das Bild nicht los: den einsamen Mann in der Zelle, der sich selbst die Karten legte nach einer Nacht, die er sicher schlaflos verbracht hatte auf dem Zementblock, ohne Decken, in der kalten Zelle – und der nun die erste Morgendämmerung benutzte, um einen Blick zu tun hinter den Vorhang, der ihm die Zukunft verbarg.

... Ein ausgelegtes Kartenspiel in Basel, ein ausgelegtes Kartenspiel in Bern. Wie war es mit dem Hellseherkorporal? Mit dem Giovanni Collani, der am 28. September aus Géryville desertiert war, um dann wohlbehalten am 15. Januar bei seiner berittenen Kompagnie in Gurama einzutreffen? War dieser Schatten, der das erste blasse Licht eines beginnenden Tages dazu benutzte, Karten zu schlagen – ja, wer war der Schatten in der Zelle? Ein unerlaubtes Fernbleiben von dreieinhalb Monaten wird wohl in jeder Armee bestraft – das nannte man Desertion. Gewiß, man würde den Herrn Hellseherkorporal als Kranken behandeln – es gab ja einen wunderbar klingenden wissenschaftlichen Namen für jenen Zustand, von dem Korporal Collani heimgesucht – mira! heimgesucht! – worden war: man nannte das Amnesie. Und wenn man auch nur ein simpler Fahnderwachtmeister war, so konnte es vorkommen, daß man wissenschaftlich auf der Höhe war...

Amnesie!... Gut und recht. Aber man hatte doch feststellen können, daß der Hellseherkorporal hinter Schloß und Riegel saß! Wie war es da möglich, daß besagter Collani, auch wenn er mit dem Cleman, Victor Alois, alias Koller, Mörder der Ulrike Neumann, identisch war, zu dem Mannfelsen bei der Korkeiche hatte gehen können, um den Schatz zu heben? Wie war das möglich? Ganz einfach.

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