Jemand stieß ihn in die Seite. Und wieder erschrak der Wachtmeister... Aber es war nur die Gazelle des Capitaine, die spielen wollte. Studer streichelte den winzigen Kopf, die Schnauze des Tieres war feucht und kühl. Warum werd ich so schreckhaft? fragte er sich. Sonst bin ich's doch nie gewesen. Warum jetzt? Weil ich allein bin? Weil eigentlich auf niemanden Verlaß ist?
Einen Augenblick dachte er daran, den Posten ohne Abschied zu verlassen. Mochten sie da drinnen sehen, wie sie z'Schlag kamen... Er hatte sein Möglichstes getan. Schließlich war er nicht verpflichtet, mit falschen Pässen in der Welt herumzureisen und sich die unmöglichsten Namen anhängen zu lassen, nur um dem Heimatkanton ein paar Millionen zuzuschanzen. Würde man ihm Dank wissen? B'hüetis! Dank würde der »Alte« einheimsen! Den würde man feiern, weil er die Wichtigkeit des Falles erkannt und seine Dispositionen getroffen hatte!
Dispositionen getroffen! Aber äbe äbe... Ein Wachtmeister war weiter nichts als ein »ausführendes Organ!« – Und wenn er hundertmal die ganze Arbeit getan hatte – er war und blieb ein »ausführendes Organ«, das seine Pflicht erfüllt hatte. Weiter nichts. Für sechshundert Franken im Monat – und die Spesen wurden auf den Rappen nachkalkuliert! Wehe, wenn man zuviel berechnet hatte, wehe, wenn man hätte sparen können und es nicht getan hatte!... Studer hatte es erlebt, daß ihm einmal ein Schnellzugszuschlag Basel – Bern nicht ausbezahlt worden war. »Ein Personenzug hätte es auch getan!« hatte es damals geheißen. Item... Es gab schöne Büchli, die hießen: »Ohne Kampf kein Sieg«. Die Schreiber hatten es gut: sie erfochten ihre Siege am Schreibtisch. Und jetzt mußte man in der Offiziersmesse zu Mittag essen. Und nachher...
Capitaine Lartigue stellte vor: Leutnant Mauriot, Leutnant Verdier. Marie saß zwischen dem Capitaine und Pater Matthias. Der Inspektor Joseph Fouché, so war er vorgestellt worden, hockte zwischen den beiden Leutnants.
Die Messe war ein langer Raum und lag in der Baracke, in der Studer geschlafen hatte. Schweigend wurde die Suppe ausgelöffelt. Dann gab es Oliven und Schnaps. Auf einer großen Platte wurde ein ganzes Lamm aufgetragen, garniert mit Pfefferfrüchten und Tomaten – die Ordonnanz mit dem Rübezahlbart servierte. Dann schenkte der Langbärtige die Gläser voll. Capitaine Lartigue stand auf und ließ die Krankenschwester hochleben, deren Anwesenheit wie Arznei auf die Mannschaft wirke. Alle standen auf, leise klingelten die Gläser... Und in das Klingeln hinein stampften näherkommende Tritte. Ein kurzes Kommando. Die Tür wurde aufgestoßen: ein Korporal, gefolgt von vier Mann, betrat den Raum. Die fünf Mann kamen näher – nur schweres Atmen war zu hören. Plötzlich knallten zwei Schüsse, ein Handgemenge, der Tisch fiel um, drei Körper wälzten sich am Boden...
Pater Matthias war in eine Ecke geflohen. Er stand dort und versteckte sein Gesicht in den Händen. Dann war Maries Stimme zuhören: »Louis... Gib mir eine Zigarette...«
Die drei, die auf dem Boden herumturnten, standen auf. Capitaine Lartigue sagte:
»Abführen!«
Und Wachtmeister Studer, die Hände auf dem Rücken gefesselt, wurde zur Tür hinausgetragen. Leutnant Mauriot bückte sich und hob zwei Browningpistolen auf. »Ein gefährlicher Mann«, sagte er.
»Ja«, meinte Capitaine Lartigue und ließ sein Feuerzeug aufschnappen, um Maries Zigarette anzuzünden. »Ich hatte gehofft, die Überraschung werde am besten während des Essens gelingen. Aber der Mann war auf seiner Hut. Nur gut, daß ich die Geschicktesten ausgesucht habe... Ist niemand verletzt? Auch Sie nicht, mein Vater?«
»Nein! Nein!« sagte eine Stimme aus der Ecke.
»Siehst du Onkel Matthias, daß ich recht gehabt habe«, meinte Marie, als der Pater wieder neben ihr saß. »Ich habe dir immer gesagt, du solltest dem Manne nicht trauen. Er ist ein Spion und reist mit einem falschen Paß.«
»Ich .. .«, antwortete der Pater, »Ich... habe es gemerkt, als man mir den Mann vorstellte. Aber ich wollte nichts sagen. Ich mag mich nicht in fremde Angelegenheiten mischen!«
»Es ist nur gut, daß ich Louis gewarnt habe. Aber nun machst du kurzen Prozeß mit ihm, nicht wahr, Louis? Ein Kriegsgericht – und dann an die Wand. Ich werde als Zeugin erscheinen. Und Onkel Matthias auch.«
»Ja. Mauriot, Sie können den Gerichtsschreiber machen. Wir nehmen noch die Adjutanten Cattaneo, den Sergeanten Schützendorf und zwei Korporäle...«
Die Verhandlung
Der Mann schwieg. Er hockte auf dem Zementblock, der ihm als Bett diente, rutschte ein wenig gegen die Hintermauer und lud Studer mit einer Handbewegung zum Sitzen ein. Dann musterte er ihn genauer, spitzte die Lippen, pfiff, spuckte aus und meinte:
»Ein Zivilist! Was willst du hier?«
Studer zucke mit den Achseln. Der Mann sprach ein gutes Französisch, aber man merkte es der Sprache dennoch an, daß der Mann Ausländer war.
»Vo wo bisch?« fragte Studer. Der Mann zog die Augenbrauen in die Stirn. »Vo Bärn«, antwortete er kurz.
»Ig au...«
»Soso... Du au...« Schweigen. Zwischen zwei Bohlen der Türe war eine Ritze und ein Sonnenstrahl drang in die Zelle. Er ließ viel Staubkörnchen tanzen...
Das vergitterte Fenster aber lag im Schatten, denn das Wellblechdach sprang vor. Der Mann zog ein Kartenspiel aus der Seitentasche seines Uniformrockes und begann auf dem schmalen Streifen des Zementblockes, der zwischen seinem Körper und der Mauer war, die Karten auszulegen.
Was er da mache? fragte der Wachtmeister. – Eh, Kartenschlagen. Aber es kämen immer schlechte Karten. Immer der Schaufelbauer... – Wie damals z'Basel und z'Bärn, meinte Studer nebenbei.
Der Mann zeigte kein Erstaunen. Er nickte nur, verträumt.
»Exakt«, murmelte er. Damals habe es angefangen.
Und was denn der Schaufelbauer bedeute? Den Tod?
Der Mann schüttelte müde den Kopf.
»Den Tod? Dumms Züüg! I selber bin dr Schuufelbuur...«
Der Mann mischte wieder die Karten. Es war ein seltsames Geräusch in der Stille. Und dann fragte er, ob der Kamerad aufs Maul hocken könne.
»Sowieso«, erwiderte Studer. Er saß auf dem Zementblock in seiner Lieblingsstellung, die Unterarme auf den Schenkeln, die Hände gefaltet, und starrte zu Boden.
Klatschen der Karten, Stille, wieder das Klatschen. Ein paar Worte, Schweigen, Klatschen... Ein paar Worte, Schweigen. Studer blicke nicht auf, obwohl dieses Stillsitzen ihm Qualen verursachte. Da saß neben ihm ein alter Mann – und der Mensch litt. Es war heillos schwer, sich zu beherrschen, nicht aufzustehen, dem Mann die Hand auf die Schulter zu legen und ihm zu sagen: »Du bist ein armer Kerl, schlecht haben sie es dir gemacht, sie haben dich aufgeweckt aus deinem sechzehnjährigen Schlaf – du hattest vergessen, sie haben dich gezwungen, die Vergangenheit neu zu erleben, nur damit ein Konzern Ölquellen erschließen kann. Und jetzt? Wird man dich jetzt in Ruhe lassen? Nein. Man wird dich weiter quälen, quälen... Es ist doch besser, daß ich den Zahnarzt mache, bei mir geht's schmerzloser...«
»Willst du mir einmal die Karten schlagen?« fragte Studer.
»Gärn!« sagte der Mann. Bis jetzt hatte er dem Wachtmeister den Rücken zugewandt, nun drehte er sich um. Ein Gesicht voll Falten... Der Pater hatte es nicht schlecht beschrieben, damals in der kleinen Beize bei den Pariser Hallen. Ein Gesicht, wie man es manchmal an verkrüppelten Kindern sieht, traurig und alt. Stoppeln am Kinn, einige Borsten über der Oberlippe... Und ganz verschwommen nur, wie bei einer Aufnahme, auf die durch Zufall Licht gefallen ist, schimmerte durch die vergrämten Züge ein anderes Gesicht hindurch – das Gesicht, dessen vergrößertes Abbild über dem Bette der Sophie Hornuss in der Wohnung an der Gerechtigkeitsgasse gehangen hatte...
Und der Mann mischte die Karten. Seltsam dünn und wie zerfasert drangen die Geräusche des Postens durch die Ritze zwischen den beiden Bohlen der Tür: Klappern von Mauleselhufen – und Studer dachte an seinen Friedel, mit dem er tiefsinnige Gespräche geführt hatte auf der Straße zwischen Bouk-Toub und Géryville; Schleifen genagelter Schuhe auf der harten Erde – und Studer sah den Weißen Vater auf dem Ruhebett liegen, in der Wohnung auf dem Kirchenfeld, und die offenen Sandalen hatten Sohlen, die sich nach oben bogen... »Wie weit die haben wandern müssen, gell Vatti!« sagte Frau Studer – in der Ferne knallten Schüsse, wahrscheinlich war die Kompagnie ausgerückt, und Studer dachte, daß es manchmal viel schwerer sei, ein Ziel willkürlich zu verfehlen, als einen Menschen zu treffen... Die Schießerei in der Offiziersmesse sollte eine Täuschung sein, und doch war es nicht leicht gewesen, im gegebenen Augenblick in die Luft zu schießen, während man doch so gerne jemanden getroffen hätte...
Da wurde Studer aus seinen Träumen aufgeschreckt, denn der Mann sprach, und sein Schweizerdeutsch klang so merkwürdig verschollen und fremd, es war so kindlich in seiner Ausdrucksweise, daß der Wachtmeister am liebsten zu dem Mann gesagt hätte: »Schweig! Ruh dich aus! Und wenn du auch früher einmal, vor dreißig Jahren, gesündigt hast, so hast du bezahlt, teuer bezahlt!«
»Kreuz-Nell«, murmelte der Alte und strich mit dem Rücken der Finger über die Bartstoppeln. Das gab ein unangenehm kratzendes Geräusch. »Kreuz-Nell – Geld, viel Geld. Und das Kreuz-As. Wieder Geld, noch mehr Geld. Da, der Ecken-König – das bist du und die Ecken-Dame, das ist deine Frau. Ein Brief ist unterwegs. Der Brief geht verloren. Aber du wirst deine Frau bald wiedersehen. Sie kommt grad nach dir – im Päckli... Heb ab! Schaufel-Dame, Treff-Dame und das Schaufel-Nell. Es sind zwei Frauen gestorben. Das geht dich etwas an, der Tod der zwei alten Frauen... Aber schau, da ist wieder Geld, die Kreuz-Acht. Glück, viel Glück. Du hast gute Karten. Aber ich hab' immer schlechte Karten. Bei mir kommt immer der Schaufel-Bauer heraus und gleich neben ihm die Schaufel-Zehn. Das bedeutet Tod...« Die alte Hand fuhr über die Zementplatte – da waren die Karten wieder ein Päckli. Der Mann hielt das Päckli in der linken Hand und strich mit dem Daumen und Mittelfinger der Rechten über deren Ränder.
»Du siehst gescheit aus«, sagte der Mann mit eintöniger Stimme. »Ich will dir etwas erzählen... Du bist nicht der einzige, der es gern hört, wenn man ihm aus den Karten erzählt. Weißt, ich war einmal verheiratet, das erstemal war das, da hat die Sophie immer gesagt: ›Vicki‹, hat sie gesagt – denn sie hat mich immer Vicki genannt –, ›Vicki, schlag mir die Karten!‹ – Ich hab's getan schließlich, weil die Frau immer gekärrt hat... Und dann war's ein Fehler. Denn weißt du, bei mir ist's so, wenn ich Karten schlag', dann muß ich die Wahrheit sagen. Und ich hab' der Sophie die Geschichte erzählt, die Geschichte, die in Freiburg passiert ist... Weißt, die Freiburgerin ist immer wieder aufgetaucht in den Karten – jetzt weiß ich nicht mehr so genau, wie das damals alles zugegangen ist... Ich war verliebt, wir haben uns getroffen, in Bern, im Hotel. Wir haben uns heiraten wollen und ich hab' immer gesagt: ›Meitschi, du mußt warten, ich bin ja nur Student.‹ – ›Ich will nicht warten‹, hat sie gesagt. Sie war immer so aufgeregt. Chemie hab' ich studiert damals. Sie hat immer alles von den Giften wissen wollen. Was es für starke Gifte gibt. ›Cyankalium‹, hab' ich gesagt. Ob ich ihr nicht eine Pille verschaffen könnte. Zuerst hab' ich nicht gewollt. Und dann hab' ich mich doch überreden lassen...«
Drei Karten vom Päckli abgehoben, zwei beiseite geworfen, eine aufgelegt. Wieder drei Karten, zwei beiseite geworfen... Das eintönige Klatschen der Karten in der winzigen Zelle!...
»Schau, da ist sie wieder, die Freiburgerin! Die Schaufel-Dame... Und daneben der Schaufel-Bauer... Das bin ich... Wir können nicht auseinanderkommen. Immer kommen wir zusammen aus dem Päckli heraus. Untrennbar... Und das alles hab' ich der Sophie erzählt. Dir muß ich es auch erzählen... Wenn ich Karten schlage, muß ich die Wahrheit sagen... Wie heißt du eigentlich?«
»Jakob«, sagte Studer kurz.
»Jakob?... So! Merkwürdig... Wie mein Bruder... Weißt du, wo mein Bruder ist?«
»Ja«, sagte Studer.
Ein ungeheures Erstaunen breitete sich über das alte Gesicht aus.
»Du weißt, wo der Jakob ist?«
»Ja«, sagte Studer noch einmal.
»Woher weißt du das?«
»Ich weiß es.«
Der Alte mischte wieder die Karten, um seine Lippen lag ein Lächeln, das wohl niemand verstanden hätte. Studer verstand es.
War es wirklich so schwer zu verstehen, wenn man das Telegramm gesehen hatte, das Capitaine Lartigue von Marie erhalten hatte? Das Telegramm war in Bel-Abbès aufgegeben worden. Wozu hatte Marie in Bel-Abbès fünftausend Franken gebraucht?... Mit der Hälfte der »Prime«, die Despine, alias Koller Jakob, eingesackt hatte, mit den 250 Franken, kam man nicht weit. Sie war ein tapferes Meitschi, die Marie. Sie hatte sehr gut vorgearbeitet...
»Gell«, sagte Studer. »Du hast der Sophie die ganze Geschichte mit der Ulrike erzählt und dann hast du ihr Geld geben müssen, damit sie geschwiegen hat... Obwohl du die Ulrike...«
»Richtig, Jakob«, sagte der alte Mann, »Ulrike hat sie geheißen... Ulrike Neumann. Jetzt besinn' ich mich... Und du hast recht, ich hab' sie nicht umgebracht. Sie war ein wenig verrückt, die Ulrike. Wie sie die Pille gehabt hat, ist sie abgereist, mit dem nächsten Zug... Nach Freiburg. Da hab' ich Angst bekommen. Und bin ihr nachgefahren...
Aber ich bin zu spät gekommen. Niemand hat mich ins Haus gehen sehen. Sie ist auf ihrem Bett gelegen – ein Glas ist auf dem Nachttischli gestanden, ich hab's in die Hand genommen, daran gerochen... Dann hab' ich Bescheid gewußt...«
»Zeig einmal deinen Daumen!«
Schade, daß der Altfürsprech Rosenzweig nicht anwesend war... Er hätte sich gefreut, den Besitzer des Daumens kennenzulernen, des Daumens, dessen Abdruck eine Rarität war.
Da ging die Türe auf. Ein Korporal – zwei winzige rote Borten trug er auf seinem Ärmel – rief:
»Beide zum Capitaine!«
Der Alte stand auf. Er war klein, kleiner als Pater Matthias, und neben Studer sah er aus wie ein Zwerg.
Vier Mann mit aufgepflanztem Bajonett umgaben die beiden. Einer vorn, einer hinten, einer links, einer rechts. Der Korporal führte die Gruppe an. Der Wachtmeister war nicht gefesselt.
Als der Alte aus der Zelle trat, blinzelte er wie eine Eule. Das harte Nachmittagslicht blendete ihn...
...Eine Baracke war ausgeräumt worden. Vor der Türe lagen die dünnen Matratzen übereinandergeschichtet. Im Hintergrund des Raumes saßen fünf Männer:
Capitaine Lartigue in der Mitte, ein Adjutant zu seiner Rechten, ein Sergeant zu seiner Linken. Neben dem Sergeanten zwei Korporale und der kleine Leutnant Mauriot rechts am Ende. Vor ihm stand ein Tischchen, auf dem weiße Blätter lagen.
Im Raum war es so dunkel, daß Studer erst nach einiger Zeit Marie bemerkte, die in einem Lehnstuhl neben dem Capitaine saß. Und ganz in eine Ecke gezwängt, saß Pater Matthias auf einer Matratze, mit untergeschlagenen Beinen, die Hände in den Ärmeln seiner Kutte versteckt.
Studer und der Alte mußten stehen. Der Capitaine begann das Verhör.