Er wandte sich an seine vier Beisitzer und erklärte ihnen, der große Mann, der da vor ihnen stehe, reise mit einem falschen Paß. Er habe sich ausgegeben als französischer Polizeiinspektor. Dann wandte er sich an Studer und forderte diesem die Papiere ab. Studer gab gutwillig den Paß des Inspektors Joseph Fouché ab. Das Papier wurde herumgereicht. Kopfschütteln.
Was er zu seiner Verteidigung zu sagen habe, wollte der Capitaine wissen.
»Viel«, sagte der Wachtmeister nur.
Dann solle er erzählen!
Und Studer begann – merkwürdigerweise mit einer Frage. Er wandte sich an den alten Mann, der neben ihm stand und fragte, indem er auf den Weißen Vater deutete:
»Kennst du den da?«
Der Alte fuhr sich mit der Hand über die Wangen, erkundigte sich dann schüchtern, ob es erlaubt sei, den Mann näher zu betrachten? Der Wunsch wurde ihm vom Capitaine gewährt.
So trat der Alte näher vor den Pater, blickte ihn lange an, und der Pater hielt dem Blick stand. Der Alte sagte:
»Ich kenn' ihn von Géryville her. Ich hab' ihm gebeichtet.«
»Von früher her kennst du ihn nicht?« fragte Studer.
Der Alte schüttelte den Kopf.
»Hör einmal, mein Alter«, sagte Studer freundlich. »Du kannst jetzt die Wahrheit sagen. Wie heißest du in Wirklichkeit?«
»Ich hab' viele Namen gehabt. Zuerst hieß ich Koller, dann nannte ich mich Cleman und da war ich reich. Schließlich hat mich das Reichsein gelangweilt, da hab' ich einem andern die Papiere abgekauft und bin als Giovanni Collani in die Legion eingetreten. Aber ursprünglich hab' ich Koller geheißen. Victor Alois Koller. Das ist mein richtiger Name.«
»Also hör einmal, Koller«, sagte Studer. »Der Mann, vor dem du stehst, behauptet, daß er dein Bruder ist, daß er Max Koller heißt...«
Der Alte schüttelte den Kopf, schüttelte ihn lange und nachdrücklich.
»Es stimmt schon«, sagte er nach einer Welle, »daß der Max unter die Pfaffen gegangen ist – die Eltern haben ihm das nie verziehen. Aber der da ist nicht Max... Dem da hab' ich gebeichtet in Géryville, das heißt, das stimmt auch nicht. Er hat mich ausgefragt und dann hab' ich ihm die Geschichte erzählt vom Kartenschlagen, daß ich beim Kartenschlagen nämlich immer die Wahrheit sagen muß – was ich dir erzählt hab', grad vorhin, Jakob. Und da hab' ich auch ihm die Karten schlagen müssen. Das war Anfang September vorigen Jahres. Da hatt' ich den Brief schon abgeschickt an die Josepha. Fünfzehn Jahre nach meinem Tod. Nach fünfzehn Jahren konnte die Sophie, die Hex' in Bern, nichts mehr unternehmen und da wollt' ich der Josepha endlich meine Dankbarkeit zeigen. Das hab' ich dem da erzählt. Ich weiß nicht, was er getan hat, aber eines Abends war plötzlich mein Bruder Jakob da und der hat mich gezwungen, mit ihm zu fahren. Ich hätt' bei der Josepha sollen die Fieberkurve holen... Die Fieberkurve, die angegeben hat, wo der Schatz liegt...«
»Wart jetzt«, unterbrach ihn Studer. »Ich verlange, daß das Gepäck jenes Herrn durchsucht wird!« Und der Wachtmeister deutete auf Pater Matthias.
Der Pater sprang auf. Er protestierte laut, seine Stimme überschlug sich, manchmal klangen die Worte nach verhaltenem Weinen. Da wurde Studer grob:
»Sie haben oft genug versucht, uns mit Ihrem Weinen hineinzulegen«, sagte er barsch. »Ich verlange, daß Ihr Gepäck untersucht wird.«
Der Capitaine gab mit ruhiger Stimme den Befehl weiter.
Zwei Koffer wurden in den Raum geschleppt. Capitaine Lartigue forderte die Schlüssel. Widerwillig gab sie der Pater. Der eine Koffer enthielt Meßgewänder, Kultgegenstände. Im andern wurde unter einer Kutte und verschiedenen Wäschestücken eine Kassette gefunden. Sie war verrostet. Der Capitaine öffnete sie und schüttete ihren Inhalt über den Tisch.
Papiere, Papiere... An manchen hingen Siegel. Andere waren in fremdartiger Schrift geschrieben. Eines von diesen griff der Capitaine heraus:
»Vollgültige Kaufverträge«, sagte er, während er las. »Landkäufe... Vom arabischen Bureau beglaubigt... Ohne Zweifel rechtsgültig. Verkauft an einen gewissen Cleman Alois Victor...«
»Der bin ich«, sagte der Alte. »Und ich habe die Ländereien meiner Tochter Maria vermacht, die meinen zweiten Namen trägt, und meinem Heimatkanton Bern... Jawohl... Der dort hat sie stehlen wollen!« Und der Alte wies mit dem Finger auf Pater Matthias.
Der Weiße Vater trat vor.
»Das Land«, sagte er, »ist mit gestohlenem Geld gekauft worden. Unser Orden hat durch den Kriegsminister den Auftrag erhalten, nach den Papieren zu forschen. Die Mission ist mir übertragen worden, weil ich den Fall zum Teil kannte. Max Koller, der schon jung in unseren Orden eingetreten ist, war mein Freund. Er hat mir viel erzählt. Darum ist es mir auch gestattet worden, mich seiner Papiere zu bedienen. Ich mußte die Fieberkurve, das echte Dokument, auftreiben. Denn dieser Mann da«, Pater Matthias wies auf den Alten, »hat mir erzählt, daß die richtige Fieberkurve zugleich sein Testament enthalte. Mir hat er nur die Kopie geben können. Die Kopie ohne das Testament.«
»Schweigen Sie!« sagte Studer streng und es war, als ob er, der Angeklagte, plötzlich der Leiter des Prozesses geworden wäre. »Es handelt sich nicht um gestohlenes Geld. Das Geld ist von den Gebrüdern Mannesmann dem Geologen Cleman übergeben worden... Hast du die beiden verraten?« wandte er sich an den Alten.
Der Mann, der so viele Namen getragen hatte, schüttelte den Kopf. »Sie haben sich selbst verraten«, sagte er.
»Und die beiden Frauen haben sich wohl selbst umgebracht?« fragte Pater Matthias boshaft. »Und du bist kein Mörder, Collani?«
Es ging alles so schnell, daß niemand dazwischenspringen konnte. Vielleicht war Studer der einzige, der etwas Derartiges erwartet hatte – aber auch er tat keinen Wank, bis alles fertig war.
Der alte Mann, der so zerbrechlich aussah, hatte dem Legionär, der neben ihm stand, das Gewehr aus der Hand gerissen, das Gewehr, das oben am Lauf das Bajonett trug. Und zugeben mußte man, daß der Alte sich noch gut an die Lektionen des Bajonettfechtens erinnerte. Denn das Gewehr schwang vor, allein von seiner Rechten am Kolben gehalten, schwang vor – und zurück. Das schwärzliche Eisen war mit einer dünnen Blutschicht überzogen und Pater Matthias lag auf dem Boden. Vorn an der Kutte wurde ein roter Fleck langsam größer und größer...
»Jetzt bin ich ein Mörder«, sagte der Alte. »Jetzt könnt ihr machen mit mir, was ihr wollt.«
Aber Capitaine Lartigue zuckte nur mit den Achseln.
»Es ist wohl die beste Lösung«, sagte er. Und seine vier Beisitzer, die sich ebensowenig wie er gerührt hatten, nickten. Nur Marie, auf ihrem Lehnsessel, hatte die gefalteten Hände vors Gesicht gelegt...
Der Alte schien auf etwas zu warten. Da ihn aber niemand anrührte, ging er mit kleinen, unsicheren Schritten – richtigen Greisenschritten – auf das Mädchen zu. Sehr sanft legte sich seine Hand auf die verkrampften Hände des Mädchens.
»Weißt du Marie«, sagte er. »Ich hab' deine Mutter nicht umgebracht.«
Marie antwortete leise:
»Das weiß ich schon lange, Vater. Das hast du mir doch schon erzählt. Damals, im Auto, wie wir mit deinem Bruder nach Bern gefahren sind. Du hast doch nichts dafür gekonnt, daß die Mutter so Angst gehabt hat vor dem Gas...«
Studer stand ganz einsam inmitten des Raumes. Nicht weit von ihm lag der Pater am Boden. Und der Wachtmeister erinnerte sich an seine Wohnung auf dem Kirchenfeld: Da war das Männlein, das dem Schneider Meckmeck glich, auch so still auf dem Ruhebett gelegen, und neben ihm hatte eine Tasse voll Lindenblusttee gestanden – Tee, den 's Hedy bereitet hatte...
Es war kein großer Fall gewesen, dachte Studer. Man hat wieder einmal danebengegriffen... An allem waren die Karten schuld. Man sollte nicht Karten schlagen, dachte er dunkel... Man sollte vieles nicht tun! dachte er weiter. Beispielsweise betriebsam sein, eine Hauptrolle spielen wollen, für ein Meitschi ein Vermögen retten... Für seinen fernen Heimatkanton Millionen erobern...
Der Mann, der so viele Namen getragen hatte, hockte auf der Armlehne und hatte sich an Maries Schulter gelehnt; ganz gebückt saß er dort und flüsterte vor sich hin. Aber so tief war die Stille in der ausgedehnten Baracke, daß jedes Wort zu verstehen war:
»Weißt du, Marie, ich hab' mit deiner Mutter Neujahr feiern wollen. Sie hat mich gebeten, bei ihr Wache zu halten, bis sie eingeschlafen ist. Ich hab' ihre Hand gehalten. Sie hat dann wollen, ich soll ihr Karten schlagen... Da ist der Schaufelbauer als erster herausgekommen... Dann haben wir uns einen Kaffee gekocht – und sie hat ihr Schlafmittel nehmen wollen. Ich hab's ihr gegeben. Sie hat gesagt, sie will nicht ins Bett, sie will im Lehnstuhl schlafen. Ich soll ihr die Hand halten, bis sie eingeschlafen ist. Und dann soll ich den Gashahnen zudrehen. Aber dazu hätt' ich sollen auf einen Stuhl steigen. Da hat sie gesagt, ich könne ein Schnürli anbinden an den Hebel und das Schnürli durchs Schlüsselloch führen. Dann brauch'ich nur zu ziehen, hat sie gesagt, und dann schließt es den Hahnen. Und ich weck' sie nicht. Ich hab' mich nicht ausgekannt. Ich hab' an den Hahnen probiert – hab' ich vergessen, einen zu schließen? Draußen vor der Tür hab' ich dann am Schnürli gezogen. Und dann hast du sterben müssen, Josepha! Ich hab's nicht gewußt...«
Schweigen. Der alte Mann war ganz zusammengesunken.
»Sie hat so auf dich gewartet, die Mutter. Warum bist du nicht gekommen? Und der Jakob hat immer die Fieberkurve haben wollen. Ich hab' sie gesucht und hab' sie nicht gefunden. Die Mutter hat mich nicht erwartet. Sie hat schon die Schuhe angehabt, sie hat mit einer Freundin Silvester feiern wollen. Und da bin ich gekommen. Sie hat gelacht und erzählt, sie hätt' gerade heut' ihre Schlüssel verloren... Sie hat mir zeigen wollen, daß sie noch alle Andenken an mich hat – aber die Schublade war verschlossen, da hab' ich sie aufgesprengt...«
Studer nickte, nickte... Da hatte man gemeint, einen weiß Gott wie raffiniert ausgeführten Mord entdeckt zu haben... Und dabei war alles Zufall gewesen... Ein Zufall, den sich der Pater zunutze gemacht hatte. Schuldig! Wenn man von Schuld reden wollte, so war einzig der Pater schuld, der Theater gespielt hatte, von Anfang bis zu Ende! Aber war es nicht unverantwortlich, daß man sich so hatte beschwindeln lassen von seinem Theaterspiel? Natürlich, ein Doppelmord paßte in das Spiel des Paters. Wenn man an einen Doppelmord glaubt, dann sucht man einen Täter – wie raffiniert ist das gespielt, wenn man den Verdacht auf sich selbst lenkt! Man weiß dabei ganz genau, daß man ein Alibi hat! Wie hat der Mann über den »Inspektor«, wie er ihn nannte, lachen müssen!
»Wissen Sie, Capitaine«, sagte Studer, »die Tante der Marie, die Tante, die in Bern gewohnt hat, hat gewußt, daß der Mann, von dem sie sich hat scheiden lassen, nicht tot war. Ihre Schwester in Basel hat ihr von der Fieberkurve geschrieben... Hab' ich recht, Alter?«
Der Mann nicke. Dann sagte er:
»Mein Bruder, der Jakob, hat gewollt, ich soll sie besuchen, die Sophie. Denn er hat die Fieberkurve haben wollen...«
Der Alte stand auf, kam nach vorne. Er stellte sich neben Studer. Und dann sprach er:
»Hohes Gericht! Ich muß mich verantworten... Der Mann, den ich getötet habe, er trägt die Schuld. Er hat alles wieder aufgeweckt, er hat meinen Bruder in Paris benachrichtigt. Sie haben den Schatz finden wollen – und der Mann, der Priester, hat meinem Bruder die Hälfte versprochen von dem Vermögen. Es gibt viel Petroleum hier herum... Und bald, sehr bald, wird es sehr viel wert sein, das Öl. Der Mann, der da liegt, ist zum Kriegsminister gegangen, er hat es mir selbst erzählt... Er hat das Testament, mein Testament, vernichten wollen... Darum hat er mich aufgeweckt aus dem fünfzehnjährigen Schlaf... Mit den Karten!... Er hat mich nicht in Ruhe gelassen, in Géryville – er hat mich als Hellseher ausgegeben... Verzeihung, hohes Gericht, ich bringe alles durcheinander. Aber ich bin ein alter Mann und mein Schicksal war schwer. Ich habe nur gewollt, daß meine Tochter und meine Heimat meinen Reichtum erben. Ich hab' weiterschlafen wollen. Er hat alles aufgeweckt. Er hat die Sophie besucht und ihr erzählt, daß ich noch lebe... Und er hat den Jakob, meinen Bruder Jakob gezwungen, mich nach Bern zu führen, im Auto. Sie hat mir gedroht, die Sophie, sie hat gesagt, sie will alles der Polizei erzählen, mich verhaften lassen... Aber geweint hat sie auch, die Sophie. Ich habe mit ihr sprechen wollen, sie überzeugen wollen. Ich hab' mich erinnert, wie es in Basel gegangen ist mit der Schnur und dem Gashebel. Auch die Sophie hat Angst gehabt vor dem Gas. Da hab' ich ihr den Lehnstuhl in die Küche geschleift, habe Kaffee gekocht – aber das Fläschchen mit den Schlaftropfen der Josepha hab' ich noch in der Tasche gehabt... Ich hab' in den Kaffee geschüttet, viel, sehr viel... Sie hat nichts gemerkt, denn ich hab' auch Kirsch dazugegossen... Und dann bin ich zum Spaß – ich hab' gesagt, es sei Spaß – auf den Stuhl geklettert und hab' das Schnürli befestigt am Hahnen – wie in Basel. Und die Sophie hab' ich getötet. Sie war eine böse Frau... Sie hat mich ausgesogen... Sie hat der Josepha nichts gegönnt... Sie hat mich verraten wollen. Hohes Gericht! Mon Capitaine! Ich habe nicht lange mehr zu leben. Ich weiß, daß Sie die Marie lieb haben... Und auch du, Jakob«, er wandte sich an Studer, »du bist ein besserer Jakob als mein Bruder... Machet ihr beide, daß die Marie zu ihrem Recht kommt, und meine Heimat auch... Ich habe geschlossen.«
Es blieb lange still im Raum. Dann stand Marie auf, ging auf ihren Vater zu und führte ihn zum Stuhl, in dem sie gesessen hatte. »Hock ab, Vatter«, sagte sie auf deutsch. Der Alte ging zum Stuhl, setzte sich, lehnte sich zurück.
»Inspektor Stüdère«, fragte der Capitaine. »Warum habe ich Sie eigentlich verhaften müssen?«
Studer räusperte sich. Dann erwiderte er:
»Aus zwei Gründen – Der Pater wäre geflohen oder hätte wenigstens die Kassette versteckt. Denn er hat gemerkt, daß ich Verdacht geschöpft hatte. Und zweitens wollte ich ungestört mit dem alten Mann in der Zelle reden können.«
»Ja«, sagte Capitaine Lartigue. »Einleuchtend. Aber Sie müssen zugeben, daß Sie Glück gehabt haben. Wäre ich nicht mit Marie verlobt gewesen...«
»Dann«, sagte Studer, »wäre es mir schlecht gegangen. Aber man muß manchmal auch mit den Imponderabilien rechnen.«
»Imponderabilien!« sagte Capitaine Lartigue. »Wie gelehrt Sie sprechen!«
Marie aber ging auf den Wachtmeister zu.
»Märci, Vetter Jakob!« sagte sie.
Der kleine Leutnant, der noch immer vor seinen weißen Blättern saß, fragte laut:
»Was soll ich ins Protokoll schreiben?«
»Schreiben Sie«, sagte der Capitaine Lartigue, »was Sie wollen. Meinetwegen, daß der Pater schwerverwundet den Posten erreicht hat und hier gestorben ist. Sind alle damit einverstanden?«
Die vier Beisitzer, der Korporal der Wache und seine vier Mann nickten schweigend.
»Wo soll er begraben werden?« fragte der Korporal der Wache. Da sagte Wachtmeister Studer: