»Er hat sich ja sein Grab selbst geschaufelt; bei der Korkeiche, wissen Sie, neben dem roten Mannfelsen...«
Der Capitaine nickte. Dann fragte er:
»Eines möchte ich noch wissen. Wo ist Maries Onkel? Der Börsenmakler, bei dem das Mädchen in Paris als Sekretärin angestellt war?«
Sie schritten auf und ab im freien Raum zwischen den Baracken; die Sonne stand tief und der kalte Wind, der von den Bergen kam, erinnerte die Männer daran, daß es noch Winter war.
»Ich weiß nicht«, sagte Studer. »Ich habe nur Vermutungen. Sie sollten Ihre zukünftige Frau fragen; Sie erzählten mir doch, Marie habe Ihnen von Bel-Abbès aus telegraphiert und Geld verlangt? Die Reise von Bel-Abbès bis Gurama kostet nicht fünftausend Franken, auch wenn man den Umweg über Fez nimmt.«
Die beiden kehrten um, traten in die Baracke, in der die merkwürdige Verhandlung geführt worden war. Die Mitglieder des Gerichts hatten sich entfernt. Im Lehnstuhl saß der Alte und auf der Armlehne, an ihren Vater gelehnt, Marie.
»Marie«, fragte der Capitaine, »wo ist dein Onkel Jakob?«
»Deine Frage klingt, mein lieber Louis«, sagte Marie bedächtig, »wie jene andere, schwerwiegendere: ›Kain, wo ist dein Bruder Abel?‹... Du mußt nicht so mißtrauisch sein, Louis. Du hast mir Geld nach Bel-Abbès geschickt. An einem Abend habe ich dort den Jakob Koller getroffen – und ich bitte dich ernstlich, ihn nie mehr meinen Onkel zu nennen. Du weißt ja selbst, Vetter Jakob, daß Pater Matthias Bern fluchtartig verlassen hat. Wir hörten dann nichts mehr von ihm. Er hatte die Kopie der Fieberkurve – das genügte ihm vorläufig. Aber Jakob Koller war wütend, weil er wußte, daß er nichts mehr von dem großen Vermögen zu erwarten hatte. Er engagierte in Lyon – ich blieb bei meinem Vater. Und ich begleitete ihn bis Colom-Béchar, führte ihn zum dortigen Platzkommandanten; der sollte ihn weiter nach Gurama schicken. Und auch dich, Vetter Jakob, hatte ich ja dorthin bestellt. Uns dreien würde es schon gelingen, den falschen Priester zu überführen...«
»Falschen Priester! Wie du redest, Marie!« sagte Capitaine Lartigue vorwurfsvoll.
»Ich rede, wie es mir paßt«, meinte Marie, und Studer dachte: ›Im Anfang wird es in dieser Ehe nicht sehr harmonisch zugehen – aber mit der Zeit schleift sich der eine am andern ab. Vielleicht werden die beiden sogar noch glücklich?‹ Laut sagte er: »Lassen Sie das Mädchen sprechen, Lartigue!«
»Meinetwegen, Stüdère! Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich ihr nur einen kleinen Vorwurf gemacht habe – meine zukünftige Frau soll nicht reden wie die Heldin eines Schundromanes... Falschen Priester!« brummte er.
»Nun«, sagte Marie gereizt. »War er vielleicht ein richtiger Priester? Er war ein falscher Priester.«
»Ja – er war ein falscher Priester und ein falscher Mensch«, sagte der alte Geologe mit scheppernder Stimme.
»Gewiß, Vater. Du hast recht und sie auch.« Lartigues Stimme war versöhnlich.
›Er nennt den Alten: du und Vater!‹ dachte Studer. ›Ein merkwürdiger Mann! Kein Wunder, daß man ihm auf dem Kriegsministerium schlechte Noten gibt... Aber er ist doch... ein Mann.‹
Marie fuhr fort:
»Ich hab' ihn auf der Straße in Bel-Abbès getroffen, als ich von Colom-Béchar zurückkam. Wißt ihr, ich habe nie gewußt, was Angst ist... Aber als ich Jakob Koller sah, da wußte ich es plötzlich... Schließlich, er war gut zu mir gewesen, hatte mich nach Paris mitgenommen, als ich es bei der Mutter nicht mehr aushielt. Und darum fühlte ich mich verpflichtet, ihm zu helfen. Ich fragte ihn, was ich für ihn tun könne. Wir saßen in einem kleinen arabischen Café – und ich erkannte ihn kaum wieder. Man hatte ihm die Haare kurzgeschoren, die Uniform flatterte um ihn, er war mager – seine Augen aber! Sie schossen hin und her... Ich hab' als Kind einmal zur Jagdzeit in einer Ackerfurche einen Hasen gesehen – dem seine Augen flitzten genau so ängstlich hin und her wie die des Jakob Koller...
Er sagte: ›Gib mir Geld, Marie. Damit ich fliehen kann.‹ – Vielleicht bin ich grausam gewesen, aber der Mann hat mich angeekelt. ›Jakob Koller‹, sagte ich, ›erstens haben Sie mich nicht zu duzen. Ich will Ihnen helfen, obwohl Sie viel auf dem Gewissen haben. Wieviel brauchen Sie?‹ – ›Zehntausend Franken.‹ Da lachte ich ihn aus. Er bekomme viertausend französische Franken, keinen Centime mehr. Morgen um die gleiche Zeit solle er hier ins Café kommen, dann wolle ich ihm das Geld geben. Und dann telegraphierte ich dir, Louis. Am nächsten Abend ist er geflohen. Ich hab' ihm noch Zivilkleider verschafft. Wohin er geflohen ist, weiß ich nicht. Aber wir haben wohl nichts von ihm zu fürchten. Ich habe ihm gesagt, daß ich dir, Vetter Jakob, die ganze Geschichte erzählen werde. Er war dann noch anständig und hat mich vor dem falschen Priester gewarnt. Vor dem falschen Priester!« wiederholte Marie und sah ihren Verlobten kampflustig an.
»Ja, Marie vor dem falschen Priester«, sagte Lartigue sanft. Er stand vor dem Tisch und begann die Dokumente zu sammeln, die dort herumlagen. »Ich habe heute Urlaub verlangt – und ich denke, in acht Tagen können wir in die Schweiz fahren. Und von dort versuchen wir dann, diese Blätter«, er klopfte auf die Papiere, »zu verwerten...«
Schweigen. Langes Schweigen.
»Und den Vater?« fragte Marie.
»Den nehmen wir mit. Glauben Sie, daß er in der Schweiz... Ich meine... verstehen Sie... ich möchte nicht, daß...«
Studer unterbrach das mühselige Stottern.
»Man wird ihn«, flüsterte er dem Manne zu, der Postenchef, Arzt, Veterinär, Viehhändler, Stratege und Boxer war, aber trotzdem schüchtern sein konnte und unbeholfen, »man wird ihn wohl in ein Spital tun...« Lartigue nickte. Und Studer fuhr fort: »Sie könnten mir nicht ein Paar marokkanische Sennenhunde auftreiben?«
»Marokkanische... Sennenhunde... ?« Der Capitaine blickte den Wachtmeister an, als ob er an dessen Vernunft zweifle.
»Gibt's das nicht?«
»Nei... nei... ein. Soviel ich weiß...«
»Dann bringen wir dem ›Alten‹ eben Ihren schottischen Terrier mit.«
»Dem Alten? Welchem Alten?«
»Eh«, meinte Studer ungeduldig, »unserem Polizeidirektor.«
Nach dem Nachtessen saßen die beiden Männer auf der Terrasse des Turmes.
»Glauben Sie nicht«, fragte Studer, »daß die ganze Geschichte doch einmal auskommt? Und die Rolle, die Sie dabei gespielt haben?«
Lartigue kicherte leise. Dann – und Studer traute seinen Augen nicht – streckte er die flachen Hände aus, die Handflächen nach oben, ein Heben der Arme, die Hände drehten sich und fielen klatschend auf die Schenkel zurück. Die rechte Hand löste sich, zur Faust war sie geballt und nur der Zeigefinger ragte auf, einsam und gerade. Der Finger berührte die Lippen, wies nach oben. Und Studer verstand die dumpf gemurmelten Worte:
»Was sorgst du dich, Bruder, über das, was kommen wird? Wolltest du bedenken, was die Zukunft dir bringen kann – verzweifeln müßtest du. Er aber, der Ewig-Schwelgende, kümmert er sich um Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft? Er, dem die Ewigkeit gehört?«
Auf der Ebene, die zwischen dem Posten lag und dem Ksar, bewegte sich ein kleiner Trupp langsam vorwärts. Trommeln dröhnten dumpf herüber. Pater Matthias, der »falsche Priester«, wie ihn Marie genannt hatte, wurde dort zu Grabe getragen...
Aus dem Zimmer kam eine leise Stimme:
»Mußt nicht denken, Meitschi, daß ich dir zur Last fallen will. Mußt das nicht denken...«
»Aber nein, Vater«, sagte Marie.
»Kommen Sie«, des Capitaines Stimme war heiser, »wir wollen den dort«, er wies auf die Ebene, »zur Korkeiche begleiten. Schließlich hat er das Geld ja nicht für sich gewollt.«
Und Studer war einverstanden. Da er zu frieren vorgab, bat er den Capitaine um einen Mantel. Er bekam eine resedagrüne Capotte aus dickem Stoff und mit weißem Leinen gefüttert; die Aufschläge am Hals trugen das Abzeichen der Fremdenlegion: die rote Granate, aus der Flammen schlagen. Studer zog den Mantel mit Befriedigung an: so konnte er einmal vor seinem Tode die Uniform tragen, von der er so oft geträumt hatte in Bern, an den Tagen, da ihm alles verleidet gewesen war...