饭饭TXT > 海外名作 > 《Die Fieberkurve》作者:[德] Friedrich Glauser 【完结】 > Die Fieberkurve - Glauser.txt

第 6 页

作者:德- Friedrich Glauser 当前章节:15448 字 更新时间:2026-6-23 05:30

»Roch es nicht nach Gas?« fragte Studer und auch er sprach Schriftdeutsch.

»Nein.« Pater Matthias beschäftigte sich mit der Pfanne auf dem Herd. Er hatte dem Wachtmeister den Rücken zugekehrt. Das Wasser kochte. Pater Matthias schüttete das Kaffeepulver darein, ließ die Mischung aufkochen, drehte das Gas ab und schüttete mit einer Kelle ein wenig kaltes Wasser in die Brühe. Dann nahm er Tassen aus dem Schaft, murmelte: »Wo hat die alte Frau ihren Schnaps verwahrt? Wo? – Im untern Küchenschrank! – Wollen Sie wetten, Inspektor, daß er im untern Küchenschrank steht?... Sehen Sie!«

Er füllte die Tassen, tat geschäftig mit: »Bleiben Sie nur sitzen! Lassen Sie sich nicht stören!« Und brachte den Kaffee, den er tapfer mit Kirsch verdünnt hatte, dem Wachtmeister. Es war gespenstisch, fand Studer, das Kaffeetrinken um zehn Uhr morgens in der leeren Wohnung. Es kam ihm vor, als hocke die alte Frau, deren Gesichtszüge ihm unbekannt waren, in dem ledernen Klubsessel und sage: »Servieret-ech ungscheniert, Wachtmeischter, aber denn suechet myn Mörder!«

Und es war wie ein Weiterspinnen dieser Vision, als Studer fragte:

»Wie sah sie eigentlich aus, die Sophie Hornuss?«

Pater Matthias, der wieder seine Wanderung durch die Küche aufgenommen hatte, blieb stehen. Seine Hand fuhr in die unergründliche Tasche seiner Kutte und brachte ein kleines Ding aus rotem Leder zum Vorschein, das wie ein Taschenspiegel aussah. Aber statt des Spiegels sah man beim Aufklappen zwei Photographien.

Studer betrachtete die Bilder. Das eine stellte die Josepha dar: denn nicht zu verkennen war die Warze neben dem linken Nasenflügel. Nur war das Bild aufgenommen worden, als die Frau noch jung war. Viel Güte lag um den Mund, um die Augen...

Das andere Bild – Studer wußte gar nicht, daß er sich räusperte, daß er auf die Photographie starrte und starrte...

Die Augen vor allem: verschlagene, stechende Augen. Ein schmaler Mund – nur ein Strich waren die Lippen in dem jugendlichen Gesicht. Jugendlich? Warum nicht gar! Gewiß, die Photographie stellte eine Frau dar, Mitte der Zwanzigerjahre, aber es war eines jener Gesichter, die nie altern – oder nie jung sind. Beides war richtig. Und noch etwas ließ sich aus dem Bild begreifen: daß der Schweizer Geologe Cleman Alois Victor die Scheidung verlangt hatte. Mit solch einer Frau war nicht gut zusammenspannen!... – Eine hochgeschlossene Bluse, ein Stehkragen mit Stäbli, der das spitze Kinn trug... Und Studer konnte es nicht verhindern, daß ihm ein Frösteln über den Rücken lief...

Die Augen! Sie waren geladen mit Hohn, mit höhnischem Wissen. Sie schrieen es dem Beschauer entgegen: »Ich weiß, ich weiß viel! Aber ich sage nichts!«

Was wußte die Frau?

»Wann hat sich Ihr Bruder scheiden lassen?« fragte Studer und seine Stimme war ein wenig heiser.

»1908. Und im nächsten Jahr heiratete er wieder. 1910 wurde Marie geboren...«

»Und 1917 ist Ihr Bruder gestorben?«

»Ja.«

Pause.

Pater Matthias blieb stehen, blickte zu Boden – und dann begann er seine Wanderung aufs neue.

»Es ist da eine Merkwürdigkeit, die ich vergessen habe, ihnen mitzuteilen. Mein Hellseherkorporal Collani hat sich 1920 in Oran anwerben lassen – schon das ist sonderbar, daß er auf afrikanischem Boden engagiert hat – und während des großen Krieges soll er sich, Angaben zufolge, die bei seinen Personalakten lagen, als Krankenpfleger in Marokko betätigt haben – in Fez. In Fez ist mein Bruder gestorben, das wissen Sie wohl, Inspektor. Ich war damals auch im Land, ich zog in der Gegend von Rabat herum und wußte nichts davon, daß Victor im Sterben lag...«

Er gibt also zu, im Lande gewesen zu sein, dachte Studer. Auch er trägt einen Bart. Gekräuselt kann man ihn zwar nicht nennen, es ist ein Schneiderbart. Aber eine Ähnlichkeit mit der Photographie über dem Bette der Sophie ist unverkennbar – wie komm' ich nur auf so verrückte Gedanken? Der Geologe und der Pater ein und dieselbe Person? – Er starrte wieder auf die beiden Frauenbilder, die auf seinem Knie lagen.

»Nicht einmal zum Leichenbegängnis meines Bruders habe ich kommen können... Als ich nach einem Monat Fez erreichte, war Victor schon unter der Erde. Nicht einmal sein Grab habe ich besuchen können. Man hatte ihn ins Massengrab geworfen, sagte man mir, eine Blatternepidemie wütete damals gerade...«

Studer zog sein Ringbuch, um dem Absatz über »Cleman Alois Victor« einen Nachtrag zu geben – da flatterte ein zusammengefaltetes Blatt Papier zu Boden. Der Pater war flinker, er hob es auf und gab es dem Wachtmeister zurück – einen kurzen Augenblick behielt er es in der Hand und betrachtete es aufmerksam... »Danke«, sagte Studer und beobachtete zwischen den Wimpern den Weißen Vater. Er trug, gerade jetzt, seinen Namen nicht mit vollem Recht. Denn seine Gesichtshaut, von der Sonne gebräunt, war grau gefleckt. Und der Wachtmeister hätte jede Wette eingegangen, daß der Mann mit dem Schneiderbärtchen bleich geworden war...

Warum? Studer steckte das gefaltete Blatt scheinbar achtlos in seine Busentasche. Wie dick sich das Papier anfühlte! Das war ihm in Basel nicht aufgefallen, als er vor der Nase des rosigen Sanitätspolizisten die Fieberkurve kaltblütig eingesackt hatte...

Pater Matthias hatte also die Fieberkurve wiedererkannt? Wo hatte er sie gesehen? Bei seinem »Hellseherkorporal«?

Und zum ersten Male stieg in Wachtmeister Studer die Vermutung auf, daß die Geschichte vom Hellseherkorporal, die er als Märchen abgetan hatte, eine Bedeutung haben könne – keine okkulte, keine metaphysische, keine hellseherische, nein! Die Geschichte vom Hellseherkorporal mußte man werten wie einen scheinbar dummen Schachzug, den ein kluger Gegner gemacht hat. Man tut den Zug mit einem Achselzucken ab – aber siehe da: nach sechs, sieben Zügen merkt man, daß man in eine Falle geraten ist...

Es empfahl sich, alles, was mit dieser Hellsehergeschichte zusammenhing, genau und sorgfältig zu prüfen. Das würde schwierig sein, von hier, von Bern aus. Aber wozu hatte man gute Bekannte in Paris? Madelin, den Divisionskommissär, der von einem Dutzend Inspektoren »Patron« genannt wurde? Wozu hatte man Godofreys, des wandelnden Lexikons, Bekanntschaft gemacht? Zwar auf ein Erblassen allein ließ sich keine Theorie aufbauen. Überhaupt Theorien! Zuerst und vor allem hatte man sich in die g'spässigen Verhältnisse der Familie Cleman einzuleben. Ja! Einzuleben! Dann konnte man weiter sehen.

Und Studer schrieb unter den Absatz, der von Cleman, Victor Alois, handelte, das Wort: »Massengrab« und unterstrich es doppelt.

Der Pater stand am Fenster und blickte in den Hof.

»Eine Blatternepidemie«, sagte er. »Ich verlangte, die Krankengeschichte meines Bruders zu sehen. Alle Krankengeschichten des Jahres 1917 waren vorhanden, selbst die eines namenlosen Negerleins, auf dessen Blatte stand: ›Mulatte, fünfjährig, eingeliefert – Exitus –.‹ Die Krankengeschichte meines Bruders fehlte. Jawohl Inspektor, sie fehlte. ›Wir wissen nicht...‹ ›Wir bedauern...‹ Drei Monate nach seinem Tod war die Krankengeschichte nicht mehr zu finden...

Unwahrscheinlich, nicht wahr?

Und vierzehn Jahre später sagt mir ein hellseherisch veranlagtes Individuum, nachdem ich es aus der Trance geweckt hatte: ›Der Tote wird die Frauen in den Tod holen. Er will Rache nehmen. Der Tote wird die Frauen in den Tod holen...‹ Dies wiederholt der Hellseherkorporal, dann beschreibt er meinen Bruder, seinen gekräuselten Bart, seine Brille... Ich weiß, Sie können sich nicht vorstellen, wie das auf mich gewirkt hat, dazu müßten Sie Géryville kennen. Sie müßten mein Zimmer gesehen haben, angefüllt mit grüner Abenddämmerung, das Städtchen rund um mein Haus, den Bled... Bled – das heißt Land auf arabisch. Aber man braucht das Wort auch für die Ebenen, die endlosen, auf denen das dürre Alfagras wächst; nie ist es saftig, es wächst schon als Heu... Und still ist es auf dem Hochplateau! Still!... Ich bin die Stille gewohnt; denn ich habe lange genug in der großen Stummheit der Wüste gelebt... Aber Géryville ist anders. In der Nähe des Städtchens liegt das Grabmal eines Heiligen, eines Marabut, die Hirtenstämme wallfahren zu ihm – schweigend. Sogar die Rufe der Hörner, wenn in der Kaserne die Wache aufzieht, schluckt die große Stille.

Die Trommeln dröhnen nicht, sie murmeln nur dumpf unter den Schlegeln... Und nun stellen Sie sich vor, in meinem grünlich erleuchteten Zimmer beschreibt ein unbekannter Mensch meinen Bruder, spricht mit seiner Stimme...« Pater Matthias ließ das letzte Wort ausklingen. Plötzlich wandte er sich um – drei weitausholende Schritte – und er stand vor dem Wachtmeister. Dringend fragte er und sein Atem ging schwer:

»Was glauben Sie, Inspektor? Meinen Sie, mein Bruder sei noch am Leben? Glauben Sie, er stecke hinter diesen beiden düsteren Mordfällen – denn daß es sich um Morde handelt, werden auch Sie nicht mehr leugnen wollen. Sagen Sie mir ehrlich, was denken Sie?«

Studer saß da und hatte die Unterarme auf die Schenkel gelegt, die Hände gefaltet. Seine Gestalt wirkte massig, schwer und hart wie einer jener Felsblöcke, die man auf Alpwiesen sieht.

»Gar nüt!«

Nach dem langen Redeschwall des Paters wirkten die beiden Worte, gesprochen wie ein einziges, als Punkt.

Und dann stand der Wachtmeister auf. Er hielt seine leere Kaffeetasse in der Hand und ging zum Schüttstein, um sie dort abzustellen. Da packte ihn ein Hustenanfall, der in der kleinen Küche so laut tönte, als habe man in ihr einen Rudel Dorfköter losgelassen. Studer zog sein Nastuch – aber dem Schüttstein hatte er den Rücken zugewandt – und als er das weiße Tuch wieder in der Seitentasche seines Raglan verschwinden ließ, enthielt es einen harten Gegenstand.

Es enthielt die Tasse, auf deren Grund er einen mit Somnifen vermischten Kaffeerest festgestellt hatte. Aber die Tasse – war ausgespült worden...

Von wem? Das Inspizieren der Wohnung hatte kaum zehn Minuten gedauert – und hernach saß Pater Matthias im Klubsessel und spielte das Scheschiaspiel...

Zehn Minuten... Zeit genug, um eine Tasse auszuspülen.

Aber vielleicht ließen sich auf der Tasse Fingerabdrücke feststellen?...

»Geht's besser, Inspektor?« fragte Pater Matthias. »Sie sollten etwas gegen Ihren Husten tun!«

Studer nickte; sein Gesicht war rot und in seinen Augen glitzerten Tränen. Er winkte ab, schien etwas sagen zu wollen, aber das erwies sich als unnötig, denn es klopfte an der Wohnungstür...

Der kleine Mann im blauen Regenmantel und der andere

Es stand aber vor der Tür eine Dame, die sehr dünn war und deren kleiner Vogelkopf eine Pagenfrisur trug. Sie stellte sich vor als Leiterin der im gleichen Hause einquartierten Tanzschule und tat dies mit so ausgesprochen englischem Akzent, daß es dem Wachtmeister schien, als komme in diesem Falle, auch wenn es der von jedem Kriminalisten erhoffte »Große Fall« war, sein Berndeutsch zu kurz: Bald mußte man Französisch reden, bald Schriftdeutsch, dann gurgelten die Basler – und nun war also Englisch an der Reihe... Die ganze Geschichte ist hochgradig unschweizerisch, dachte Studer dunkel, obwohl alle Handelnden Schweizer sind – mit Ausnahme immerhin des Hellseherkorporals, über dessen Nationalität sich der Pater nicht geäußert hat... Unschweizerisch – genauer: auslandschweizerisch, ein langes und nicht gerade wohltönendes Wort...

»Ich habe eine Beobachtung mitzuteilen«, sagte die Dame, und dazu wand und drehte sie ihren schlanken Körper – unwillkürlich hielt man Ausschau nach der Flöte des indischen Fakirs, deren Töne diese Kobra zum Tanzen brachten. »Ich wohne unten...« Schlängelnder Arm, der Zeigefinger deutete auf den Fußboden. Und dann schwieg die Dame plötzlich, denn sie beobachtete erstaunt den Pater: dieser saß wieder im Klubsessel und spielte das Scheschiaspiel.

Der Wachtmeister aber stand da, stocksteif, die Hände unter dem Raglan in die Seiten gestemmt: so ähnelte er einer Schildkröte, die auf den Hinterpfoten steht – in Bilderbüchern sieht man die Tiere bisweilen in dieser Haltung abgebildet. Studers schmaler Kopf und magerer Hals unterstrich noch diese Ähnlichkeit.

»Also?« fragte er ungeduldig.

»Gestern abend wurde bei uns geläutet«, sagte die dünne Dame, das heißt sie sagte: ›Göstiörn‹ und ›göloouitöt‹. »Ein kleiner Mann stand vor der Tür, gekleidet in einen blauen Regenmantel. Er sprach mit undeutlicher Stimme, denn er trug ein Cache-nez... Ein Foulard... Wie sagen Sie? Ah ja!... Eine wollene Binde um den Hals geschlungen, die auch den unteren Teil des Gesichtes verbarg...«

Räuspern, trockenes Räuspern. Dann:

»Den Hut...«, ›den Hiut‹, »... hatte er tief in die Stirne gezogen. Er fragte nach Frau Hornuss... ›Im Stock oben‹, antwortete ich. Der Mann dankte und ging. Es war ganz still im Haus. So hörte ich ihn an der Wohnungstür hier läuten...«

»Um wieviel Uhr war das?«

»Um... um... elf Uhr... Ein wenig später, vielleicht. Ich hatte eine Tanzstunde gegeben, die war fertig um fünf Minuten vor elf Uhr. Und dann nahm ich eine Dusche...«

»Ah«, sagte Pater Matthias und rutschte noch tiefer in seinen Klubsessel. »Sie nahmen eine Dusche!... Hm!«

»Das interessiert mich nicht!« unterbrach Studer.

Die Dame schien die Unhöflichkeit der beiden Männer nicht zu bemerken, denn sie starrte wie verhext auf die Scheschia des Paters, die ihre Drehungen vollführte – bald langsamer, bald schneller...

»Und dann? Haben Sie sonst noch etwas gehört?« fragte Studer ungeduldig.

»Ja... Warten Sie... Ich hörte also läuten, unsere Wohnung liegt gerade unter dieser. Ich hatte unsere Türe nicht geschlossen, ich wollte wissen, ob Frau Hornuss öffnen würde, vielleicht war sie schon zu Bett gegangen... Aber sie schien den Besuch erwartet zu haben. Der Mann hatte kaum geklingelt, da hörte ich schon die Stimme der alten Frau: ›Ah! Endlich!‹ Es klang wie erlöst. ›Nur herein!‹ Und dann fiel die Tür wieder ins Schloß.«

»Wir in der Schweiz«, unterbrach Studer, »sagen nicht ›Nur herein!‹ Wir sagen entweder: ›Chömmet iche!‹ oder ›Chumm iche!‹ Können Sie sich nicht erinnern, Frau... Frau...«

»Frau Tschumi.«

Auch das noch! dachte Studer. Eine Engländerin mit einem Berner Geschlechtsnamen! Laut:

»Also, Frau Tschumi: Können Sie mir nicht sagen, welche Form der Anrede die Frau gebraucht hat? Ob sie den späten Besucher geihrzt oder geduzt hat?«

»Wir in England«, es klang wie: ›Ouirninglend‹, »sagen allen Leuten ›Sie‹. Darum, ich denke, die Frau hat gesagt: ›Sie‹.«

»Aber sicher sind Sie nicht, Frau Tschumi?«

»Mein Gott! Sicher! Sie müssen bedenken, ich war müde. Sie sind von der Polizei?« fragte die dünne Dame plötzlich.

»Ja... Wachtmeister Studer... – Und sonst haben Sie nichts gehört?«

»Oh, doch«, sagte die Dame lächelnd, »eine ganze Menge... Aber verzeihen Sie, Herr... Herr... Studer...« Nun, dagegen war nichts zu machen: die Franzosen nannten einen »Ssstüdère« und die englische Dame sagte ein Wort, das klang wie »Stiudaa« – fast wie der Gesang eines zufriedenen Maudis..., »könnte jener Herr dort nicht aufhören mit seiner Kappe zu spielen, es macht mich nervös...«

Pater Matthias errötete wie ein ertappter Schulbube, stülpte rasch die Scheschia über seinen Schädel und steckte die Hände in die Kuttenärmel.

目录
设置
设置
阅读主题
字体风格
雅黑 宋体 楷书 卡通
字体大小
适中 偏大 超大
保存设置
恢复默认
手机
手机阅读
扫码获取链接,使用浏览器打开
书架同步,随时随地,手机阅读
首 页 < 上一章 章节列表 下一章 > 尾 页