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作者:德- Friedrich Glauser 当前章节:15512 字 更新时间:2026-6-23 05:30

Der alte Herr Rosenzweig, der die Photographien von Fingerabdrücken so eifrig sammelte wie ein Kunstliebhaber Negerplastiken, wohnte an der Bellevuestraße. Und Studer nahm den Bus.

Ein großer, knochiger Mann, der eine Brille mit Goldfassung auf der Nasenspitze trug, öffnete ihm die Tür. Glattrasiert, das Haar kurzgeschoren – und die Hände waren klein und gepolstert.

»Ah, der Studer!« Herrn Rosenzweigs Begrüßung war herzlich, und dann fragte er im selben Atemzug, ob die Polizei wieder einmal am Hag sei? Das komme so oft vor in der letzten Zeit, fast alle Tage erhalte er Besuch, ob es nicht einfacher wäre, wenn die löbliche Polizeidirektion selbst einmal eine Sammlung von Fingerabdrücken anlegen würde? Hä?...

»Die Kredite!« sagte Studer entschuldigend. Und: »Die Krise!«

Der alte Herr kolderte los: Ja, da habe man immer die Ausrede mit Krediten! Kredite! Krise!... Die Krise habe einen breiten Buckel! Was der Wachtmeister Schönes bringe?

Studer packte die Tasse aus, sehr sorgfältig, um nur ja ihre Außenwand nicht zu berühren. Der alte Herr griff selbst nach einer Streubüchse, die ständig auf seinem Schreibtisch stand, wie bei andern Leuten ein Anzünder oder ein Aschenbecher. Herr Rosenzweig rauchte nie.

Die Tasse war hell, sorgfältig wurde das Graphitpulver auf die Flächen verteilt, fortgeblasen: zwei deutliche Fingerabdrücke...

»Daumen und Zeigefinger«, sagte Herr Rosenzweig. Er nahm eine Lupe zur Hand, betrachtete lange die beiden Abdrücke, schüttelte den Kopf, blickte Studer an, fragte schließlich gereizt: »Woher habt Ihr das, Wachtmeister?«

Studer erzählte seine Geschichte. Der alte Herr stand auf, murmelte etwas von Narbe... Narbe... holte einen Briefordner von einem Wandgestell (Studer sah die Jahreszahl 1903), blätterte darin und hielt dem Wachtmeister ein Blatt unter die Nase. Dazu sagte er:

»Es ist natürlich Pfusch... Aber es könnte stimmen. Wollten wir anständig arbeiten, so müßten wir die Abdrücke auf der Tasse photographieren... Das können wir später tun. Aber ›à première vue‹, wie der welsche Nachbar sagt, auf den ersten Blick, scheint es sich um das gleiche Individuum zu handeln... Schauen Sie selbst, Wachtmeister...«

Studer verglich. Eine schwere Arbeit!... Viel leichter war es, an einem Schlüsselloch Fasern festzustellen. Aber der Daumenabdruck auf der Tasse hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Daumenabdruck auf der Photographie. Über der Photographie stand:

»Unbekannt.«

»Was war das für ein Fall?« fragte Studer.

Herr Rosenzweig lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück, nahm eine Pfefferminzpastille aus einer kleinen Bonbonnière, bot dem Wachtmeister an, der dankend ablehnte, und sagte dann:

»Neunzehnhundertdrei... Der Beginn der Daktyloskopie... Wachtmeister Studer, dies ist eine Rarität, die erste in der Schweiz verfertigte Photographie eines Fingerabdrucks... Sie werden sie nirgends finden – ich meine die Reproduktion dieses Daumenabdrucks. Locard hat einmal eine Stunde lang gebettelt – er ist direkt von Lyon gekommen, Reiß in Lausanne hat mir den Gottswille angehängt – ich habe nein gesagt. Ich bin standhaft geblieben... Warum? Wenn ich tot bin, wird meine Sammlung an den Kanton Bern übergehen – ich habe ihn als Erben eingesetzt, und dann wird der Vetter irgendeines Rates zum Hüter dieses Schatzes ernannt werden. Er wird sich nicht viel um die Sammlung kümmern, sondern statt dessen jassen gehen, und wenn einmal ein Besucher kommt, wird die Ausstellung geschlossen sein... Ja! Aber ich soll erzählen... Gut...«

Die Geschichte vom ersten Daumenabdruck

Freiburg... Sie kennen Freiburg, Wachtmeister?... Ein hübsches altes Städtchen. Dort wurde am 1.Juli 1903 ein Mädchen vergiftet aufgefunden. Man dachte zuerst an Selbstmord. Auf dem Nachttischli, neben dem Bett, stand ein Glas – es enthielt Blausäure, genauer: KCN, Cyankalium.

Wo hatte sich das Mädchen das Gift verschafft? Rätselhaft... Um acht Uhr morgens fanden die Eltern die Tote in ihrem Bett; darauf riefen sie die Polizei. Damals amtete in Freiburg ein Kommissär, dem einiges von den neuen Methoden der Kriminalistik zu Ohren gekommen war. Er bemerkte auf dem Glase – es war ein glattwandiges Glas, wie man es gewöhnlich zum Zähneputzen gebraucht – einen deutlichen Fingerabdruck. Darum verpackte er das Glas in Seidenpapier und, da es damals in der Schweiz nur einen Mann gab, der auf dem ganz neuen Gebiete des Fingerabdruckes Bescheid wußte, telephonierte er mir...

Ich hatte gerade Zeit – im Juli gibt es für einen Fürsprech nicht viel zu tun. So fuhr ich nach Freiburg, nahm meinen Photographenapparat mit, pulverisiertes Bleikarbonat und pulverisiertes Graphit.

Ich will Sie nicht langweilen. Ich brachte den Fingerabdruck sauber auf die Platte, entwickelte sie, nahm die Fingerabdrücke der Toten, nahm die Fingerabdrücke der Eltern, des Polizeikommissärs – und verglich...

Es war eine mühsame Arbeit, dieses Vergleichen der Fingerabdrücke. Bald aber war ich sicher, daß irgendein Fremder in das Zimmer eingedrungen war und das Glas mit dem Cyankali auf das Nachttischli des Mädchens gestellt hatte... Und der Fremde war der Mörder...«

Herr Rosenzweig, der trotz seines Namens gar nicht jüdisch aussah, nahm ein Wattebäuschlein, um es in seinem Ohr zu versorgen...

»Die Zähne...«, sagte er entschuldigend. »Die Zähne schmerzen mich. Es ist das Alter, was wollen Sie, Wachtmeister!«

Sein Berndeutsch war gar nicht urchig. Seine Sprache war jenes Bundesschweizerdeutsch, das heutzutage jeder Gebildete in der Schweiz spricht...

»Ja... Ein Fremder hatte also das Glas mit dem Cyankalium auf den Nachttisch des Mädchens gestellt. Als nach der Obduktion auch noch bekannt wurde, das Mädchen habe ein Kind erwartet, schien es auf der Hand zu liegen, daß die Tochter einem Mörder zum Opfer gefallen war – einem sehr geschickten Mörder, denn als einzige Spur von ihm war ein Daumenabdruck auf einem Wasserglas zurückgeblieben...

Sie müssen sich das recht lebhaft vorstellen, Wachtmeister; damals waren die Verbrecher nicht so geschult wie heute; sie wußten nicht, daß sie der Abdruck eines Fingers verraten könne. Sie arbeiteten noch nicht mit Chirurgenhandschuhen. Und es war Zufall, purer Zufall, daß der damalige Freiburger Polizeikommissär an mich gedacht und mich gerufen hatte. Und Zufall, daß ich gerade Zeit hatte...

So bin ich zu dieser Photographie gekommen, und ich habe sie oft angeschaut, – ich habe sie vergrößert, aber die Vergrößerungen sind mir mißraten. Die Photographie verglich ich mit jedem neuen Fingerabdruck, den ich meiner Sammlung einverleibte. Denn immer hoffte und hoffte ich, daß ich einmal auf den Besitzer jenes Daumens stoßen würde.

Denn dies muß ich meiner Geschichte hinzufügen, die Untersuchung, die damals eingeleitet wurde, verlief im Sand. Das Mädchen genoß viel Freiheit – nach damaligen Begriffen. Zweimal in der Woche fuhr es nach Bern – es nahm hier Klavierstunden. Manchmal blieb es auch über Nacht in unserer Stadt, bei einer Freundin hieß es.

Der Kommissär von Freiburg setzte sich mit der Berner Polizei in Verbindung. Es gelang festzustellen, daß die Tochter ein paarmal im Hotel ›zum Wilden Mann‹ übernachtet, daß ein junger Mann sie jedesmal begleitet hatte... Das heißt: das Mädchen nahm stets ein Einzelzimmer, aber am Morgen trafen sich die beiden an der Frühstückstafel und der junge Mann wohnte ebenfalls im Hotel...

Nur – der junge Mann blieb verschwunden. Und alle Nachforschungen verliefen resultatlos – wie es immer so schön in den Zeitungen heißt. Der Portier vermochte den jungen Mann zu beschreiben – aber die Beschreibung war so oberflächlich, daß man nichts damit anfangen konnte...

Ein Student?... Ein Student, der in Bern studierte? Ein Chemiker? Ein Mediziner?

Rätselhaft blieb einzig, warum er nach Freiburg gefahren war – er hätte doch so gut die Pastille Cyankalium dem Mädchen geben und ihm versichern können, es sei ein ausgezeichnetes Mittel gegen Kopfweh! Doch nein – er war nach Freiburg gefahren, er hatte die Tochter in ihrem Zimmer aufgesucht, das Gift im Wasser aufgelöst und die Ahnungslose trinken lassen... Das war nicht schwer. Ulrike – ja, Ulrike Neumann hieß das Mädchen – also Ulrike bewohnte eine Dachkammer, das Tor blieb bis um zehn Uhr offen, drei Familien bewohnten das Haus... Wer wollte da alle Ein- und Ausgänge kontrollieren?...

Und heute, Wachtmeister, kommen Sie mit dem vielgesuchten Fingerabdruck zu mir... Wenigstens glaube ich, daß es sich um den gleichen handelt. Natürlich, beschwören könnte ich nichts. Sie sehen, wie vergilbt, trotz aller Vorsicht, die Photographie ist. Aber die Narbe... die Narbe... Sie sehen doch die Narbe? Der Schnitt, der die Haut des Daumens teilt, der die Spiralen zerschneidet? – Wo haben Sie den Fingerabdruck gefunden?«

Studer räusperte sich. Er war nicht gewohnt, so lange zu schweigen. Und dann erzählte er die Geschichte vom Tode der beiden Frauen, vom Auffinden der Tasse im Schüttstein, daß jemand sie geleert und ausgespült hatte, während er sich in der Wohnung umgesehen habe...

»Es sieht ihm ähnlich«, sagte Herr Rosenzweig. »Die gleiche Technik, möchte ich fast sagen, nach zwanzig Jahren... Und Sie haben keinen Fingerabdruck des Paters?« Kopfschütteln... »Schade.«

Schweigen. Dann sagte Herr Rosenzweig abschließend und stand auf: »Lassen Sie mir die Tasse da, Wachtmeister; ich werde den Abdruck vergrößern...« Er blicke auf die Uhr. »Wenn Sie wollen, können Sie um vier Uhr einen Abzug haben...«

Auch Studer erhob sich und griff mechanisch in seine Busentasche. Mechanisch: denn er dachte daran, eine Brissago anzuzünden, sobald er das Heiligtum der Fingerabdrücke verlassen haben würde... Er griff also in die Busentasche – und fühlte etwas rascheln unter seinen Fingern. Er zog das Papier hervor und vergaß dabei gänzlich das längliche Lederetui; denn was er hervorzog, war die Fieberkurve...

Die Fieberkurve... Er faltete sie auseinander, betrachtete sie mit gerunzelter Stirn und war plötzlich weit weg...

– Der weißgekalkte Raum, in dem es noch nach Leuchtgas riecht... Durch das Fenster sieht man spitze Dächer, Reif liegt auf ihnen und über den gegenüberliegenden First schiebt sich eine bleiche Sonne...

Am Fenster aber steht Marie, sie trägt ein teures Pelzjackett, ihr Atem läßt auf dem Glase einen trüben Fleck entstehen, Tropfen bilden sich...

»Was habt Ihr da Schönes, Wachtmeister?«

»Eine Fieberkurve...« Und Studer erzählte, was es mit dem Dokument für eine Bewandtnis hatte...

»Lassen Sie mir das Papier da«, meinte Herr Rosenzweig. »Ich werde es mit Joddämpfen behandeln... Vielleicht läßt sich ein Fingerabdruck darauf entwickeln... Auf alle Fälle werde ich Ihnen mitteilen können, von wo es abgeschickt worden ist. Sie wissen, daß ein durch die Enveloppe durchgedrückter Poststempel noch nach Jahren nachweisbar ist...«

Studer verabschiedete sich dankend. Er versprach, gegen vier Uhr wiederzukommen...

»Unnötig«, sagte Herr Rosenzweig. »Ganz unnötig. Ich komme in die Stadt, wir können uns, wenn Sie wollen, irgendwo treffen – zu einer Partie Billard? Ja?«

»Ich weiß nicht«, sagte Studer, »ob mir die Zeit langen wird... Märci einewäg...«

Pater Matthias saß im ledernen Klubsessel und las in einem kleinen, schwarzgebundenen Büchlein. Er trug eine verbogene Stahlbrille auf der Nase und seine Lippen bewegten sich lautlos.

Studer grüßte kurz und verlangte dann die Daumen des Paters zu sehen.

Sie waren glatt. Keine Narbe zerteilte ihre Spiralen...

Also?... Also war in den wenigen Minuten, während deren Studer die Küche verlassen hatte, außer dem Pater ein anderer eingedrungen und hatte die Tasse ausgespült... Das schien fast unmöglich. Einleuchtender war die andere Theorie: der Daumenabdruck, den Herr Altfürsprech Rosenzweig auf der Tasse entdeckt hatte, war am gestrigen Abend vom Mörder zurückgelassen worden. Und Pater Matthias hatte die Tasse aus einem vorläufig noch undurchsichtigen Grunde ausgespült und damit dem Mörder geholfen... Warum?... Alles schien darauf hinzudeuten, daß Pater Matthias den Mörder kannte, ihn jedoch decken wollte... Und plötzlich – ein Sonnenstrahl brach durchs Fenster – blieb Studer stehen, geblendet, mitten in der Küche.

Koller!... Den Namen kannte er doch!... Den Namen hatte er schon gehört!... Und zwar in Verbindung mit einem Vornamen, der wie der seinige lautete... Gewiß: »Das junge Jakobli läßt den alten Jakob grüßen...« Aber...

Der Sekretär! Der ehemalige Sekretär des verstorbenen Geologen, der Sekretär, der Marie Cleman nach Paris mitgenommen, ihr ein Pelzjackett und seidene Strümpfe gekauft hatte, der Sekretär, der vor drei Monaten verschwunden war und mit dessen Verschwinden sich Kommissär Madelin von der französischen Police judiciaire beschäftigte! Dieser Mann hieß Koller!...

Nun konnte man ja zugeben, daß der Name Koller ein weitverbreiteter Name war... Immerhin...

Wachtmeister Studer stand inmitten der Küche, in welcher die geschiedene Sophie Hornuss gestorben war und sein Blick war so abwesend, daß sein Blick leer war wie der eines wiederkäuenden Ochsen. – Und falls es einem Leser einfallen sollte, diesen Vergleich despektierlich zu finden, so sei er daran erinnert, daß Homer die Augen der Göttin Hera, der Gemahlin des blitzeschleudernden Zeus, mit den Augen einer Kuh verglichen und diesen Vergleich sicher nicht beleidigend gemeint hat...

Und wieder wurde das Schweigen in der kleinen Küche drückend, bis Studer seine Uhr aus dem Gilettäschli zog und feststellte, daß es halb eins sei. Was gedenke der Herr Koller zutun? »Herr Koller!« sagte der Wachtmeister.

»Darf ich Sie begleiten, Inspektor?« fragte Pater Matthias schüchtern. Er schien vor dem Alleinsein Angst zu haben.

»Mynetwäge!«

Das Zwiespältige! Es ließ sich nicht erklären, es gehörte einfach zu der Person des Weißen Vaters... Und um der Erklärung dieses Zwiespältigen etwas näher zu kommen, nahm der Wachtmeister auch die Unannehmlichkeit mit in Kauf, an der Seite des Bekutteten durch die Stadt zu wandeln.

»Chömmet!« sagte er. »Wir können zusammen irgendwo essen. Aber zuerst muß ich in meine Wohnung. Vielleicht ist Bericht da von meiner Frau. Sie wissen ja,«, und plötzlich hörte er auf, seinen Begleiter zu »ihrzen«, »daß ich Großvater bin...«

Sie waren auf der Straße angelangt und wandelten langsam unter den Lauben.

»Großvater!« sagte Pater Matthias mit so erstickter Stimme, daß Studer Angst hatte, das Männlein werde wieder anfangen zu weinen. Darum lenkte er ab:

»Ja, es ist ein merkwürdiges Gefühl... Als ob man die Tochter verloren habe... Sie hat einen Landjäger im Thurgau geheiratet – meine Frau hat mir nach Paris telegraphiert, daß alles gut abgelaufen sei... Aber das hab ich Ihnen schon erzählt.«

»Gratuliere... Gratuliere noch einmal aufrichtig!...«

»Wozu gratulieren Sie mir?« sagte Studer ärgerlich. »Ich hab' doch mit der ganzen Sache nichts zu schaffen. Die Tochter hat ihr Kind, ich bin Großvater!... Gratulieren!« Er hob seine mächtigen Achseln. Das waren auch so ausländische Komplimente!

So ärgerlich war der Wachtmeister, daß er brüsk stehenblieb und fragte: »Hören Sie einmal zu, Herr Koller! Sind Sie verwandt mit dem ehemaligen Sekretär Ihres Bruders, der vor ein paar Monaten verschwunden ist und den die Pariser Polizei sucht...?«

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