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作者:德- Friedrich Glauser 当前章节:15595 字 更新时间:2026-6-23 05:30

»Ich... wie meinen Sie... verwandt? Mit wem verwandt?«

»Mit einem gewissen Jakob Koller, der seinerzeit Ihren Stiefbruder Cleman nach Marokko begleitet hat. Nachher hat er in Paris ein eigenes Geschäft aufgemacht, zu dem er die Marie gebraucht hat – als Sekretärin... Sekretärin!...«

Schweigen. Es schien, als habe der Wachtmeister auf seine Frage keine andere Antwort erwartet als Schweigen. Pater Matthias nahm lange Schritte, weitausholende; er drückte das Kinn auf die Brust und steckte die Hände tief in die Kuttenärmel, wie in einen Muff.

Die Sonne schien winterlich. Auf den Trottoirs lag ein wenig Reif als dünner, glitzernder Staub. Die beiden ungleichen Gefährten gingen über die Kirchenfeldbrücke, da blieb der Pater stehen, lehnte sich über das Geländer und blickte lange auf die Aare; ihr Wasser war hell, fast farblos. Die Bise wehte...

»Es ist alles so anders hier«, sagte Pater Matthias. »Auch schön, gewiß; aber ich habe Sehnsucht nach den roten Bergen und den weiten Ebenen.« Er sprach sehr ruhig. Studer stützte die Unterarme aufs Geländer und blickte in die Tiefe. Da wandte sich der Pater um. Studer hörte ein Auto vorbeifahren und – kaum hatte sich das summende Geräusch ein wenig entfernt – einen unterdrückten Ausruf seines Begleiters:

»Inspektor! Schauen Sie!...«

Studer drehte den Kopf. Aber er sah nur noch die Rückwand eines Autos und die Nummer, die er mechanisch ablas: BS 3437... Ein Basler Auto...

»Was ist los?« fragte er.

»Wenn ich nicht wüßte, daß es unmöglich ist...«, sagte der Pater und rieb sich die Augen.

»Was ist unmöglich?«

»Ich glaube, Collani saß in dem Auto zusammen mit meiner Nichte Marie...«

»Marie?... Marie Cleman?... Chabis!« Studer wurde ärgerlich. Wollte ihn der Schneider Meckmeck zum besten halten? Marie zusammen mit dem Hellseherkorporal? In einem Basler Auto?..

»Und er trug einen blauen Regenmantel...«, sagte der Pater, mehr für sich.

Studer schwieg. Was hätte es auch für Wert gehabt, Fragen zu stellen? Es war ihm, als werde er in einen Wirbel hineingezogen: man wußte nicht mehr, was Lüge, was Wahrheit war. Halb unheimlich schien ihm der Mann in der weißen Kutte, und halb lächerlich. Eigentlich hätte man den Pater ins Kreuzverhör nehmen sollen: ›Warum habt Ihr die Tasse mit dem Somnifen-Kaffeesatz ausgespült? Warum seid Ihr in die Schweiz gekommen? Wann habt Ihr Marie in Basel verlassen?‹... Man sollte sich vergewissern, vor allem, ob der Mann wirklich ein Priester war... Mußten katholische Priester nicht jeden Morgen die Messe lesen? Studer erinnerte sich an diese Tatsache, die ihm Marie erzählt hatte...

»Wann sind Sie eigentlich in Bern angekommen?« fragte Studer. Er hatte die Frage schon einmal gestellt, er stellte sie wieder – und eigentlich hoffte er nicht, eine Antwort zu erhalten... Er behielt recht. Der Pater sagte: »Ich habe mit meiner Nichte zu Nacht gegessen. Dann bin ich gefahren...«

»Mit dem Zug?«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich mit einem Taxi gefahren bin.«

»Und wo sind Sie abgestiegen? Wo haben Sie Ihr Gepäck gelassen?«

»Im Hotel zum Wilden Mann...«

»Wo?« Studer schrie es fast. Er war mitten auf dem Trottoir stehengeblieben.

»Im Wilden Mann...«, sagte Pater Matthias und in seine Augen trat eine ratlose Qual, wie früher schon, eine Qual, die sich nur allzuleicht in Tränen auflösen konnte.

»Im Wilden Mann!« wiederholte Studer und setzte sich wieder in Gang. »Im Wilden Mann!«

»Warum wundert Sie das, Inspektor?« fragte der Pater schüchtern. Merkwürdig heiser war seine Stimme. »Man hat mir das Hotel warm empfohlen. Hat es keinen guten Ruf?«

»Man hat es Ihnen empfohlen? Wer man?«

»Ich weiß es nicht mehr... ein Reisender auf dem Schiff, glaub ich...«

»Sie haben das Hotel früher nicht gekannt?«

»Früher? Warum früher? Ich bin schon seit mehr als zwanzig Jahren in Marokko...«

»Zwanzig Jahre? Und vorher?«

»Früher war ich im Ordenshaus. Es liegt in der Nähe von Oran, in Algerien. Ich bin mit achtzehn Jahren dort eingetreten...«

»Sie haben nie von einem Mädchen gehört, das Ulrike Neumann hieß? Hä? Und das im Hotel zum Wilden Mann abstieg?«

Studer hatte gerade noch Zeit, den Pater aufzufangen, – mein Gott, wie mager war das Männlein! – dann stand er da, hielt die spärliche Gestalt in den Armen und blickte in ein Gesicht, das eine grünliche Farbe angenommen hatte, während sich die Haare des Schneiderbartes in des Wortes wahrster Bedeutung sträubten...

»Sssä, sssä!« sagte Wachtmeister Studer, es waren Lockrufe, die er in seiner Kindheit beim Gustihüten gebraucht hatte. »Ssä ssä!« wiederholte er noch einmal. »Nimm di z'sämme! Bischt chrank?« Und fügte reumütig hinzu, er habe sich dumm benommen und der Pater möge ihm verzeihen, aber er habe nicht gedacht...

»Schon gut«, sagte der Weiße Vater, und es war günstig, daß er zur Aussprache dieser beiden Worte die Lippen nicht brauchte – denn diese waren starr und weiß.

Rufe wurden laut: »Isch er chrank?« – »Was git's?« – »Eh, de arm alt Ma...« – »Sicher isch er schier verfrore mit syne blutte Scheiche...« – »Du Lappi, de isch es g'wohnt...«

Studer wurde böse und forderte die hilfsbereiten Schwätzer auf, sich zum Teufel zu scheren. Er sei Manns genug, mit dem Alten fertig zu werden. Überhaupt wohne er in der Nähe und...

»Gehen wir weiter«, sagte Pater Matthias laut und deutlich. »Und verzeihen Sie die Umstände, Inspektor. Wenn Sie mich ein wenig stützen, wird es schon gehen. Und bei Ihnen daheim werd' ich mich ein wenig wärmen können. Nicht wahr?«

In diesem Augenblick hätte Studer für das Männlein alles getan. Sogar den Ofen angeheizt im Wohnzimmer – den Donner, der nie recht ziehen wollte... Immerhin, wer hätte glauben können, daß der Name der Ulrike Neumann den Pater so erschüttern würde – ein Name, den der Wachtmeister heute früh zum ersten Male gehört hatte... War der Mann Priester geworden, um den Mord an dem jungen Mädchen zu... zu... sühnen, ja: sühnen!... So sagte man wohl...

Aber der Daumen auf Herrn Rosenzweigs Photographie hatte eine Narbe gehabt... und des Paters Daumen waren glatt...

Cleman – Koller... Koller – Cleman... Ein Sohn aus erster Ehe? Wie hatte der Wachtmeister in Basel gesagt? »G'späßige Familienverhältnisse!« Ganz richtig! Die Verhältnisse in der Familie Koller – oder hieß sie Cleman, die Familie? – waren mehr als nur g'späßig! Sie waren sonderbar, merkwürdig, verzwickt, unklar...

Und die Bise pfiff über die Brücke! Es besserte auch kaum, als die beiden in die Thunstraße einbogen. Studer stützte seinen Begleiter. Nicht nur nebeneinander spazierten sie durch die Stadt Bern – nein, Arm in Arm! Aber der Wachtmeister hatte keine Zeit, sich zu genieren vor den Bekannten, die ihn vielleicht sahen.

Vor seiner Wohnungstür angelangt, schnupperte Studer in der Luft. Es roch nach gebratenen Zwiebeln! Das Hedy war zurückgekehrt!... Der Wachtmeister stellte diese Tatsache mit ungeheurer Befriedigung fest. Nun war alles gut – und sicher war auch der grüne Sternsdonner im Wohnzimmer geheizt!...

Frau Studer stand schon bereit, als der Wachtmeister die Türe aufstieß. Sie war nicht weiter erstaunt über den Besuch, den ihr Mann da angeschleppt brachte, sondern harrte geduldig einer Erklärung. Ihre Hände lagen, zwanglos gefaltet, auf ihrer weißen, gestärkten Schürze. Als sie aber sah, daß der merkwürdige kleine Mann, der mit einer weißen Kutte angetan war – und unten ragten die nackten Füße hervor – sich fest auf den Wachtmeister stützte, um nicht umzufallen, kam sie eilig herbei und fragte, beruhigend und mütterlich:

»Ist er krank? Kann ich helfen?«

Sie wartete eine Bestätigung gar nicht ab, sondern packte den Pater resolut unter den Armen, führte ihn ins Wohnzimmer, legte ihn aufs Ruhebett. Dann waren plötzlich Decken da, ein frischüberzogenes Kissen, eine Wärmflasche und neben dem Ruhebett dampfte auf einem Küchenstuhl eine Tasse Lindenblusttee. Auf dem Boden standen nebeneinander die beiden Sandalen, ihre Riemen waren dünn und abgewetzt, die Sohlen wölbten sich vorne nach aufwärts. Frau Studer hatte die Hände wieder leicht über der Schürze gefaltet und meinte kopfschüttelnd:

»Wie weit die haben wandern müssen! Gell, Vatti, man sieht's ihnen an!«

Studer brummte etwas... Er haßte es, wenn seine Frau ihn vor fremden Leuten »Vatti« nannte – übrigens machte sie die Sache sogleich wieder gut, denn sie sagte:

»Weischt, Köbu, ich hab' dir gestern abend zweimal angeläutet und dann noch einmal heut morgen aufs Amtshaus.« Aber sie habe ihn nirgends verwütschen können...

Er habe eben viel Arbeit gehabt, sagte Studer und fand endlich Zeit, seine Frau auf die Stirn zu küssen. Diese Stirn war hoch und glatt, faltenlos, ein Scheitel teilte die Haare, sie bildeten im Nacken einen Knoten und waren braun und glänzend, wie frisch aus der Schale gesprungene Kastanien. Niemand, dachte Studer, würde dem Hedy die Großmutter ansehen...

Die Scheschia, der rote verpfuschte Blumentopf, lag neben dem Kranken. Frau Studer hob sie zerstreut auf, stülpte sie über den Zeigefinger der Rechten und gab ihr mit der Linken kleine Stöße, bis sie zum Kreisen kam. Als sie aufblickte, sah sie auf dem Gesichte des Paters ein schüchternes Lächeln. Da mußte auch Studer lachen.

»Sehen Sie, Inspektor«, sagte Pater Matthias, »es ist wirklich das einzige Spiel, zu dem eine solche Kappe taugt, und die magere Lady ist ganz zu Unrecht nervös geworden... Verzeihen Sie, Inspektor, verzeihen Sie die Umstände, Madame, ein Fieberanfall, der mich auf offener Straße gepackt hat... Der Klimawechsel, wahrscheinlich – die Kälte...«, und das kleine Gesicht mit den fiebrig glänzenden Augen darin schien diese Version des Vorfalls zu bestätigen.

»Fieber!« brummte Studer, als seine Frau das Zimmer verlassen hatte. »Fieber ist eine gute Ausrede... Warum löst ein Name...«

»Bitte, Inspektor, schweigen Sie jetzt!« sagte da Pater Matthias, und er sprach energisch, wie einer, der weiß, was er will. »Es ist unchristlich, einen Kranken zu plagen – und vielleicht habe ich Ihr Vertrauen doch noch nicht ganz verscherzt – vielleicht glauben Sie mir noch, daß ich Ihnen kein Theater vorspiele...«

»Hm!« brummte Studer, noch nicht völlig versöhnt, noch nicht ganz überzeugt. Aber nicht umsonst wandte man sich an seine menschlichen Gefühle...

»Wir haben...«, sagte er leise, »in der Schweiz noch nicht die Methoden unserer Nachbarstaaten eingeführt. Schließlich... Wollen Sie ins Spital, Herr Koll... eh... Pater Matthias?«

»Nein, nein, das geht vorüber. Warten Sie, ich muß irgendwo noch pulverisierte Chinarinde haben... Hab' ich sie im Hotel gelassen? Nein... Da ist sie...« Er zog eine runde Blechbüchse – wie sie sonst für Hustenbonbons gebräuchlich ist – aus irgendeiner andern tiefen Tasche, schüttete etwas von dem braunen Pulver in den Tee, rührte um und trank die Mischung... Plötzlich stellte er die Tasse mit lautem Geklirr wieder ab und starrte auf ein kleines Nähtischchen, das beim Fenster stand. Angst war in seinen Augen zu lesen...

Aus der Küche kam Frau Studers Stimme: es sei ein Brief gekommen, er liege auf dem Tischli beim Fenster...

Pater Matthias folgte aufmerksam jeder Bewegung des Wachtmeisters. Studer nahm den Brief, sah ihn an: eine unbekannte Frauenschrift. Poststempel: Transit. Auf dem Bahnhof abgegeben, oder direkt in den Zug geworfen...

Studer riß die Enveloppe auf.

Ein einfaches Blatt:

»Lieber Vetter Jakob!

Beiliegend schicke ich Ihnen meinen Fund. Ich glaube, er wird Sie interessieren. Sie haben das Telephonbuch nicht sorgfältig genug durchsucht. Wie Sie sehen werden, kommt das leere Kuvert, das ich Ihnen schicke, aus Algerien. Aufgegeben wurde der Brief am 20. Juli vorigen Jahres in Géryville. Am 20. Juli! Am Todestage meines Vaters! – wenn auch die Fieberkurve anderer Meinung ist. Ich habe den Tod meiner Tante in Bern schon erfahren – Wie? Das darf ich Ihnen nicht verraten. Ich habe Angst. Darum will ich eine Zeitlang verschwinden. Suchen Sie mich nicht, lieber Vetter Jakob, es würde nichts nützen. Ich habe Ihnen alles erzählt, was ich Ihnen erzählen durfte. Sie müssen die Sache jetzt aufklären. Denn ich bin sicher, daß auch Sie nicht an die beiden Selbstmorde glauben. Sie werden meinen Onkel Matthias noch sehen, das weiß ich; grüßen Sie ihn von mir. Wenn es Sie interessieren kann, so hat er gestern mit mir im Bahnhofbuffet zweiter Klasse zu Nacht gegessen und ist gegen zwölf Uhr mit einem Taxi nach Bern gefahren. Ich wünsche Ihnen viel Glück.

Ihre Marie Cleman.«

Die Enveloppe, die dem Briefe beilag, war ziemlich zerknittert. Sie war adressiert an »Madame Veuve Cleman-Hornuss, Spalenberg 12, Bâle«. Auf der Rückseite der Absender.– »Caporal Collani, 1er Régiment Etranger, 2me Bataillon, Géryville, Algérie.« Und der Poststempel trug wirklich das Datum des 20. Juli...

Als Studer aufblickte, begegnete er den ängstlichen Augen des Weißen Vaters. Und ängstlich war auch die Stimme, mit welcher der Priester fragte:

»Schreibt Ihnen meine Nichte?«

Studer nickte nur stumm. Er saß am Fenster, in seiner Lieblingsstellung, die Ellbogen auf die gespreizten Schenkel gestützt, die Hände gefaltet. Und er dachte: ›Wenn dies wirklich der »Große Fall« ist, von dem ich jahrelang geträumt habe, so ist er unerlaubt verkachelt... Was verkachelt!... Verhext ist er! Aber wir werden ihn schon deichseln, und wenn wir nach Algerien fahren müssen oder nach Marokko...‹ Zu welchem stummen Selbstgespräch einzig zu bemerken wäre, daß Studer es mit den Königen und andern gekrönten Häuptern hielt... Er dachte nie »ich«, sondern »wir«...

Frau Studer kam mit der Suppenschüssel.

»Tuets-ech nid störe, Herr Mönch, wenn mr z'Mittag essed?«

Pater Matthias lächelte und Studer belehrte seine Frau, daß dies kein Mönch, sondern ein Pater sei... Frau Studer entschuldigte sich. Dann setzte sie sich ihrem Manne gegenüber und begann die Suppe zu schöpfen; gerade als der Wachtmeister den ersten Löffel zum Munde führte, hörte er vom Ruhebett her ein leises Gemurmel. Erstaunt blickte er auf... Pater Matthias hatte die Hände auf der Decke gefaltet und murmelte ein lateinisches Gebet...

»Benedicite...«

Darob wurden die beiden alten Menschen am Tisch so verlegen, daß sie ungeschickt die Hände vor ihren Tellern falteten...

Das Testament

Um zwei Uhr nachmittags betrat Studer das Bureau des Kommissärs an der Stadtpolizei. Er kannte sich dort aus, denn dies Bureau war während fünfzehn Jahren sein eigenes gewesen, bis ihn jene Bankgeschichte daraus vertrieben hatte. Aber Studer hatte es verstanden, sich die Freundschaft seines Nachfolgers zu erhalten.

Kommissär Werner Gisler bestand aus einem kahlen Kopf, der aussah, als werde er täglich mit Glaspapier geschmirgelt. Dieser Kopf saß auf einem gedrungenen Körper, der in Anzüge aus bäuerischem Stoff gekleidet war. Die Füße waren groß und steckten in Schnürschuhen, die Gisler sich nach Maß anfertigen ließ – denn er hatte Plattfüße... In Gesprächen liebte er es, die Empfindlichkeit seiner Füße zu erwähnen, ein unerschöpfliches Thema für ihn, denn diese Empfindlichkeit schien ihm ein Beweis seiner aristokratischen Abstammung zu sein. Nun, das war weiter nicht schlimm, manche haben es mit dem Magen, andere mit der Verdauung, die dritten mit der Blutzirkulation – der Stadtkommissär hatte es mit den Füßen...

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