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作者:德- Friedrich Glauser 当前章节:15401 字 更新时间:2026-6-23 06:01

»Und der Vater?«

– Seit einem Monat habe ihm die Fürsorge eine Aushilfsstelle in einer Kohlenhandlung verschafft… Dort verdiene er einen Franken Stundenlohn…

»Nid viel…«, meinte Studer.

Nei, nei. Aber er mache oft blau, der Arnold Äbi, und nicht nur am Montag. Sicher habe er seine Arbeit heute schon um drei Uhr verlassen, um trinken zu gehen. »Ja, er ist ein anderer Mann als mein Paul. Mein Sohn trinkt nicht.«

Der Wachtmeister blickte die alte Frau fest an. Rechts neben ihrer Nase tanzte ein Leberfleck auf und ab, wie ein brauner Angelkorken auf fließendem Wasser. Immer deutlicher sah Studer das Bild des Lehrers Wottli – und die Tatsache, daß der Mann ein »Wissenschaftler« war, gab den letzten Tupfen. Der Wachtmeister hatte in seinem Leben viele Menschen kennengelernt, die ihr Wissen aus Büchern – meistens aus einem Konversationslexikon – erlernt hatten (›Autodidakten‹ nannte man sie), und gewöhnlich trugen diese Leute ihre Überzeugung wie einen unsichtbaren Helm auf dem Kopf. Sie wußten in allem und jedem Bescheid – aber jeder ihrer Gedanken war falsch. Sie glaubten sich allwissend, sie waren stolz – und oft, nur allzuoft trieb sie dieser Stolz auf einen falschen Weg. Glücklich waren sie selten… Gehörte der Lehrer auch zu diesen Leuten? Einmal schon hatte er fünftausend Franken geerbt – hoffte er diesmal auf eine größere Summe? Der Wachtmeister seufzte, weil sein friedlicher Sinn sich nicht gerne mit nutzlosen Streitigkeiten abgab – und solche Streitigkeiten standen ihm bevor; bei der ersten Unterredung mit dem Gartenbaulehrer würden sie erscheinen… Über seinem Kopfe weinte die Frau lauter, Klatschen war zu hören.

Und Jakob Studer nahm Abschied. Aber es gelang ihm trotzdem nicht, den Arnold Äbi kennenzulernen. Als er im Stiegenhaus stand, hörte er das Haustor unten ins Schloß fallen und im oberen Stockwerk ein Stöhnen. Leise schlich er die Treppen hinauf – von Frau Wottli hatte er nichts zu fürchten, denn sie war ins Wohnzimmer zurückgegangen. Vor der angelehnten Türe lag der Körper einer Frau; die Haare, die wirr vom Kopfe abstanden, waren kurz geschnitten und von fettiggrauer Farbe. Sie trug ein schwarzes Baumwollkleid… eine blaue Schürze… Die Füße steckten in braunen Halbschuhen, und die Absätze trommelten auf die roten Fliesen. Über dem verschmierten Klingelknopf am Türpfosten war mit einem Reißnagel ein Visitenkärtlein befestigt:

Arnold Äbi

Maurermeister Studer bückte sich, schob seine Arme unter den zitternden Körper, richtete sich auf und trat in die Wohnung. Ein Gang – kein Teppich auf dem staubigen Parkett… Ein Zimmer – sauber, mit wenig Möbeln. Über dem Ehebett lag eine braune Decke, darauf legte er die Frau, die leise stöhnte. Sie war mindestens sechzig Jahre alt, die Stirn war hoch. Zwischen den halbgeschlossenen Lidern schimmerte die Hornhaut weiß. Die Lippen öffneten sich und ließen zwei Zähne sehen, die breit und lang und gelb waren – wie Roßzähne. Ein Stöhnen zuerst: »Aa–oo–aah!« Nun öffneten sich die Lider ganz, braun und glanzlos war die Iris, wie die Decke, auf welcher der Körper lag. »Wasser!« stöhnte die Frau. Studer trat auf den Gang, schloß zuerst die Wohnungstüre und ging dann in die Küche. Hier war der Boden mit Tellerscherben besät, an der Mauer lag ein Stuhl, der beide Vorderbeine gebrochen hatte; der Tisch war mit Papierfetzen, schmutzigen Gabeln und Löffeln bedeckt. An seinem Rand war ein Schraubstock befestigt, Studer berührte ihn – da blieben Eisenspäne an seinen Fingern kleben…

Ein Schraubstock… Eisenspäne… Was war hier gefeilt worden?

Der Wachtmeister spülte ein Glas, füllte es und kehrte dann ins Zimmer zurück. Die Frau streckte ihre Hand aus, trank das Wasser und ließ sich wieder zurückfallen.

»Wer seid Ihr?« fragte sie. Studer nannte seinen Namen.

»Was wollt Ihr?«

»Nüt Apartigs…«

Die Frau schluckte, und ihr Adamsapfel rollte hin und her, wie ein steinernes Kügeli unter einem schlaffen Tuch. Es wurde langsam dunkel im Zimmer; plötzlich flammten auf der Straße die Laternen auf und klebten viereckige, gelbe Lichttücher an die Decke. Die Frau schwieg. Ihr Gesicht lag im Finstern; der Rock hatte lange Risse und ließ einen gemusterten Barchentunterrock sehen.

»Warum hat er Euch geschlagen?« fragte Studer.

Ein Seufzer. Die Nägel der linken Hand kratzten auf der Decke, sonst war kein Geräusch zu hören, denn die Straße unten war still. Dann antwortete die Frau mit einer Frage:

»Geht's Euch etwas an, wenn der Mann mich schlägt?« Sie lachte kurz und schrill.

»Helfen Euch die Kinder nicht, Mutter?« fragte der Wachtmeister. Das Wort ›Mutter‹ brachte Leben in die Liegende. Sie sprang auf, setzte die Füße auf den Boden, schwankte zuerst ein wenig, als sie sich vom Bettrand abstieß, und ging dann sicher durchs Zimmer. Der Schalter knallte leise; dann blendete das Licht der Lampe, obwohl die Birne in einem blauen Kreppapier steckte.

»Die Kinder!« sagte die Frau und grub die Finger in ihr kurzgeschnittenes Haar. »Die Kinder!« wiederholte sie. »Ich habe eine Tochter gehabt – aber die ist gestorben. Ich hab zwei Söhne gehabt – aber der eine ist verschwunden und der andere will seine Mutter nicht mehr kennen, weil er seinen Vater haßt… Ja, ja…« Sie seufzte. »Er will seine Mamma nicht mehr kennen – er besucht lieber eine andere Mutter, die im gleichen Hause wohnt. Unten, dort unten…« Sie wies mit dem Zeigerfinger auf den Boden. »Dort hockt er stundenlang – aber bei mir bleibt er nur fünf Minuten…«

»Der Ernst?« fragte Studer.

»So? Hat er Ernst geheißen?« Ein Lächeln ließ den Mund noch größer scheinen, und die beiden Zähne packten die Unterlippe. »Jaja. Der eine hat Ernst geheißen und der andere Ludwig. Ernst Äbi der eine, Ludwig Farny der andere. Ich habe gehört, daß beide in Pfründisberg sind. Der eine in der Gartenbauschule, der andere im Armenhaus. Stimmt das, Herr… Herr…«

»Studer!«

»Richtig… Stimmt das, Herr Studer? Oder ist der Ludwig noch im Thurgau?«

Der Wachtmeister überlegte: spielte die Frau Theater oder war sie wirklich krank? Vielleicht hatte sie Fieber, denn sie sah nicht gesund aus. Mager war ihr Gesicht, und rote Flecken glänzten über den Backenknochen. Sie begann zu husten, ging keuchend zum Nachttischli, zog die Schublade auf und kramte unter den darinliegenden Gegenständen. Plötzlich schrie sie auf.

»Was ist los?« fragte Studer.

»Nichts… oh… nichts!« Sie wurde bleich; einzig die winzigen roten Flecken über den Backenknochen blieben farbig.

»Vielleicht… ich… ich… weiß nicht. Der Doktor hat mir Medizin verschrieben und die ist fort. Vielleicht hat sie der Noldi mitgenommen… Aber wozu hat er sie wohl gebraucht, der Noldi?«

Es klang merkwürdig; wie konnte die Frau ihrem betrunkenen Manne, der sie grausam verprügelt hatte, einen zärtlichen Kosenamen geben? Er hieß Arnold – und sie nannte ihn noch immer Noldi…

»Was war es denn?«

»Ein Beruhigungsmittel…«, sagte die Frau. »Täfeli… Weiße Täfeli… Oder vielleicht hat die Frau Wottli die Medizin genommen? Ich hab' ihr einmal davon gegeben, vor einer Woche – und das hat ihr geholfen. Sie konnte schlafen, nachher. Und heut morgen hat sie mich besucht. Vielleicht…«

Studer zog seine Uhr. Sechs Uhr! Er mußte sich beeilen, wenn er heut abend noch in Pfründisberg sein wollte. Darum verabschiedete er sich von der kranken Frau, versprach, bald wieder zu kommen, und fragte, ob er nicht Frau Wottli heraufschicken solle. »Damit Ihr nicht so allein seid, wenn es Euch schlecht geht. Und«, fügte der Wachtmeister fragend hinzu, »Soll ich vielleicht in eine Apotheke gehen und Euch das Mittel holen, das Euch der Doktor verschrieben hat? Habt Ihr das Rezept noch?«

Die Frau schüttelte den Kopf. Das gehe nicht, meinte sie. Das Rezept habe der Apotheker behalten. Es sei ein Betäubungsmittel.

Betäubungsmittel? Studer pfiff leise. Schade, daß man nicht wußte, was der Arzt der Kranken verschrieben hatte. Es war zu spät, heute abend dem Arzte anzuläuten. Gewiß, man konnte schnell noch ins Amtshaus fahren und dort die nötigen Anweisungen geben. Aber Studer hatte keine Lust, dies zu tun. Wenn in einer Sache alles noch verworren war, so vermied er lieber, Kollegen zur Hilfe beizuziehen. Das ging, wenn man das Ende des Fadens in der Hand hielt. Aber es lohnte sich nicht, wegen eines fehlenden Betäubungsmittels große Geschichten zu machen. Denn in der Wohnung des ehemaligen Maurers herrschte so viel Unordnung, daß die Frau das Mittel ganz gut verlegt haben konnte. Er warf rasch einen Blick in die offene Schublade, sah viele Schächteli, gläserne Tuben, Fläschli: Herzmittel und Schlafmittel und Stärkungsmittel. Die größte Flasche nahm er in die Hand. Sie war leer. Er sah auf die Etiketten – ›Gift‹ stand auf der einen; darüber eine andere: ein Totenkopf mit zwei Knochen. Endlich auf der größten: ›Fowlersche Lösung‹. Schon wieder ein Arsenpräparat!

»Wer hat die Flasche geleert?« fragte Studer.

»Ich«, sagte die Frau. Ihre Finger wühlten wieder in den kurzgeschnittenen, weißen Haaren.

Als Studer den Absatz des ersten Stockes erreichte, blieb er kurz vor Frau Wottlis Wohnung stehen. Er horchte. Eine Klingel schrillte drinnen, ein Knacken war zu hören, als der Hörer des Telephons abgenommen wurde…

»Ah… ja… Grüeß di Paul… Ja, er hat mich besucht. Heut nachmittag… Er ist schon lange fort, wird bald dort sein… Nein, nein… Nein! Ich war nicht oben bei der Äbi. Soll ich gehen?… Meine Zimmertür ist offen, ich will sie schließen gehen… Jaja! Ich geh schon.« Und Studer vernahm Schritte, die näher kamen – er wartete ruhig. Drinnen fiel eine Türe zu.

Und Studer verließ das kleine Haus.

* * *

Jaßpartie mit einem neuen Partner

Der Nebel war dicht. Eine Lampe brannte über der Türe, die in die Wirtschaft führte; ein wenig Licht fiel auf die Treppe, welche den Absatz mit der Straße verband. Und am Fuße dieser steinernen Leiter stand ein wartender Mann.

Sobald Studer den Motor abgestellt hatte, hörte er seinen Namen rufen. »Ja?« brummte er.

»Paul Wottli, Lehrer an der Gartenbauschule Pfründisberg.«

Studer zog den Wollhandschuh ab. Dann ärgerte er sich, denn der Mann, der sich vorgestellt hatte, schüttelte ihm nicht etwa die Hand, sondern reichte ihm nur drei Finger; den Ellbogen hielt er an den Körper gepreßt.

»Ich habe den ganzen Nachmittag auf Sie gewartet, Herr Studer«, sagte der Lehrer. »Den ganzen Nachmittag! Wie kommt es, daß Sie eine Untersuchung einfach fallen lassen, um nach Bern zu fahren? Ich dachte, die Aufklärung eines Mordes sei eine ernste Sache. Denn ich bin belesen, auch in diesen Dingen.«

Obwohl Studer an diesem Novemberabend bitter gefroren hatte – trotz seiner warmen Unterhosen und seines wollenen Pullovers –, obwohl er sich nach einem warmen z'Nacht sehnte und nicht gerade guter Laune war, mußte er doch über die Rede lachen.

»Und welche interessanten Werke haben Sie zu einem Sachverständigen in Kriminalistik gemacht, Herr Lehrer?«

»Nun, ich kenne Groß, ich habe Locard auf französisch gelesen, ich bin aufs Kriminalarchiv abonniert und…«

»Das genügt, das genügt vollständig. Dann werden Sie auch verstehen, daß ich notwendigerweise in die Stadt mußte, um einige Erkundigungen einzuziehen.«

»Erkundigungen! Erkundigungen! Die nützen gar nichts, Herr Studer, wenn man nicht zuerst die schon gefundenen Prämissen logisch auswertet. Verstehen Sie? Ich finde es durchaus fehlerhaft, einen meiner Schüler unter die Aufsicht eines belasteten Armenhäuslers zu stellen und dann diese beiden in ein Krankenzimmer einzusperren. Deshalb habe ich mir erlaubt, den Ernst Äbi zu befreien, da ich ihn für eine wichtige Arbeit heute abend brauchte. Es war nötig, heute abend das Gewächshaus mit Blausäuregas zu füllen, um das Ungeziefer zu töten, das sich an meinen Orchideen und an meinen Palmenblättern gütlich tut. Darum habe ich meinen Schüler um halb sechs geholt – gerne hätte ich Sie zuerst um Erlaubnis gebeten, aber es pressierte, und darum handelte ich eigenmächtig. Nur schien es notwendig, Sie von diesem meinem Entschluß in Kenntnis zu setzen, um irgendeinen falschen Verdacht, der in Ihnen aufsteigen könnte, von vornherein aus dem Wege zu räumen. Verstehen Sie?«

Studer nickte, nickte… Merkwürdig, wie alles stimmte. Prämissen… Produkt… Der falsche Gebrauch von Fremdwörtern.

»Ich möchte gern zu Abend essen, Herr Lehrer«, sagte Studer und bediente sich ebenfalls des Hochdeutschen. »Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen? Bitte…«

Die beiden stiegen die Treppe hinauf. Unter der Türe empfing sie der Wirt und fragte, was der Wachtmeister essen wolle. Dann öffnete er die Türe in den Privatraum, in welchem das mit Aluminiumfarbe bestrichene Öfeli stand – es war geheizt und strömte wohlige Wärme aus. Hulda Nüesch brachte einen Grog, später das z'Nacht und für Herrn Wottli eine schwarze Brühe in einem hohen Glas.

Der Wachtmeister aß gemütlich und versuchte, trotz dem Geschwätz des Gartenbaulehrers, auf kurze Zeit den ganzen Fall zu vergessen. Vier Männer betraten die Stube, grüßten und setzten sich an einen Tisch nahe beim Fenster; Direktor Sack-Amherd, Hausvater Hungerlott, der Bauer Schranz und ein Unbekannter, dessen lange Nase wie verzeichnet aussah und rot glänzte.

»Guten Abend, Herr Äbi…« Der Lehrer stand auf, bot dem Rotnasigen zwei Finger und setzte sich dann wieder dem Wachtmeister gegenüber.

»Das ist der Vater meines Schülers«, flüsterte er, doch so laut, daß alle Anwesenden die Worte verstehen konnten. Studer brummte.

Dies also war der Mann, der sich auf seiner Visitenkarte ›Maurermeister‹ nannte, seine Frau verprügelte und allzuviel trank. Wie war es dem Manne gelungen, so schnell nach Pfründisberg zu kommen? Um viertel nach fünf hatte er die Tür in der Aarbergergasse ins Schloß geworfen – und jetzt war er schon da. Wann hatte er Pfründisberg erreicht?

Es war der Hausvater Hungerlott, der die Erklärung gab. Während er ein Kartenspiel aufnahm und es zu mischen begann, erzählte er und deutete mit gerecktem Zeigefinger auf den Mann, der links neben ihm saß: Heute nachmittag sei er in die Stadt gefahren – Kommissionen, Bestellungen habe er machen müssen, da er am Samstag Besuch erwarte – Kornmissionen für eine Kommission, hehehe, denn eine solche werde auf das Wochenende erwartet. Abgesandte der Sanitätsdirektion, Großräte, außerdem zwei Assistenzärzte von irgendeiner Pflegeanstalt kämen nach Pfründisberg, um sich über die Bekämpfung des ›Pauperismus‹ zu orientieren… Ja!… Darum sei er heute mit dem Auto nach Bern gefahren – und wen habe er um dreiviertelsechs vor dem Bahnhof getroffen? Den Maurermeister Äbi! Früher, ja früher, sei ein paarmal die Rede davon gewesen, den Äbi in Pfründisberg einzuquartieren – hehehe! Aber als der Hausvater ein Schwiegersohn besagten Äbis geworden sei, habe kein Mensch mehr daran gedacht die Armenanstalt um einen Insassen zu bereichern… Hungerlott schielte zum Wachtmeister hinüber, Sack-Amherd krempelte die Ärmel seines violett gestreiften Hemdes auf und warf dann einen Blick in das Kartenbündel, das vor ihm lag. Vater Äbi grochste, der Kartenfächer zitterte in seiner Hand – endlich krächzte er – denn seine Stimme war heiser – und hob den Kopf: »G'schobe!« Und der Bauer Schranz antwortete: »Schufle!«

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