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作者:德- Friedrich Glauser 当前章节:15395 字 更新时间:2026-6-23 06:01

Zweite Entdeckung. Studer hütete sich, Notizen zu machen. Nichts stößt mehr ab, als ein pedantisches Aufschreiben – während man dies tut, kann man nicht aufblicken und verliert vollkommen den Zusammenhang mit den Menschen, denen man zuhört… Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Alle Schüler hatten rote Köpfe, und ihre Augen funkelten.

»Noch etwas?« Popingha, der Holländer mit der großen Brille, lachte kurz auf, nickte dann. – Er wisse schon noch etwas, doch glaube er nicht, daß es wichtig sei.

»Nur erzählen!« Eigentlich wunderte sich Studer, daß er mit diesen unbekannten Schülern so gut auskam. Sie hätten ihn doch hassen sollen, weil er am Morgen den Schaft des Äbi durchsucht und ein »Corpus delicti« entdeckt hatte. Der Tod ihres Kameraden schien alle dermaßen erschüttert zu haben, daß sie aus sich herausgingen und helfen wollten…

Popingha erzählte: – Früher habe er immer den Lehrer Wottli mit der Frau Anna Hungerlott spazieren gehen sehen und er würde wetten, daß die beiden ineinander verliebt gewesen seien.

Studer wollte lächeln, er fühlte, wie seine Mundwinkel zu zittern begannen – aber plötzlich fröstelte er, obwohl es im Klassenzimmer erstickend heiß war. Es war ihm, als habe er das Ende des Fadens erwischt, als könne er jetzt den verfilzten, den verknoteten Strang aufdröseln.

»Geht jetzt schlafen!« befahl er. »Und steigt ruhig die Treppe hinauf.« Die Schüler folgten ihm, er löschte die Lampen, wartete im zweiten Stock, bis alle im Bett lagen, löschte auch in den Schlafsälen die Lampen. »Guet Nacht, schlofet guet!« Als er das Haus verließ, war es dreiviertel eins. Das Gewächshaus war noch hell erleuchtet.

* * *

Funde in der Heizung

Als Studer den Gang vor den beiden Treibräumen betrat, sah er Ludwig Farny vor dem Zementtisch stehen. Das Knechtlein schöpfte mit der Rechten Sand und ließ ihn in die Linke rinnen; dabei liefen ihm Tränen über die Backen.

Der Wachtmeister trat neben ihn, klopfte ihm auf die Schulter und fragte: »Was isch los?«

Stockend erzählte Ludwig, der Ernst habe immer zu ihm gehalten; dabei wies er auf den Toten, der im Dunkeln lag. Einmal, wie es ihm schlecht gegangen und die Barbara krank gewesen sei, habe er dem Ernst geschrieben und um Geld gebeten. Fünfzig Franken habe er verlangt – und der Bruder habe ihm das Geld ohne weiteres geschickt, obwohl er selbst nicht reich gewesen sei. Und dann – der Ernst habe immer die Mutter verteidigt und wenn er im Haus gewesen sei, habe der Vater – »der Stiefvater«, verbesserte er sich – nie gewagt, die Mutter anzurühren. Sogar zu einer Schlägerei sei es einmal gekommen, weil der betrunkene Stiefvater angefangen habe, die Mutter zu quälen. Der Ernst sei damals kaum sechzehn gewesen, aber stark wie ein Bär, der Äbi habe am nächsten Tag ein blaues Auge gehabt und seit dieser Zeit…

»Das langt«, sagte Studer. Konnte man sich ein schöneres Motiv denken? Der Alte mußte den Jungen gehaßt haben – Studer kannte diese Art Männer, die, wenn sie betrunken sind, gerne ihre Frauen quälen; ein sonderbares Machtbedürfnis mußte dahinter stecken – denn gewöhnlich waren diese Quälgeister auch arme Teufel: sie wurden von oben getreten – war es ein Wunder, daß sie dann ihre Frauen quälten, um ihnen zu zeigen, wie kräftig sie waren?

»Weißt du, wo die Heizung ist, Ludwig?« Das Knechtlein nickte, ging voraus; in einer Ecke führten Stufen in die Erde hinein. Ludwig drehte an einem Schalter – und unten flammte die Lampe auf. Vor seinem Tode hatte der Ernst also die Birne ausgewechselt… Der Heizungskessel war staubig, rechts von ihm lag ein Haufen Asche, die mit Schlackenstückchen vermischt war. In der Nebenkammer links lag Koks. Studer zog den Mantel aus und hing ihn an einen Nagel. Unter einigen Overalls fand er einen passenden und zog ihn an. Ein Aschensieb lehnte an der Wand.

»Wir müssen die Asche durchsieben, Ludwig«, sagte der Wachtmeister, »zieh auch ein Überkleid an!« Er dachte dabei, daß das Knechtlein wohl seinen einzigen Sonntagsanzug trug.

Es war eine unangenehme Beschäftigung, welche die beiden unternahmen. Die Luft des kleinen Raumes war bald mit Staub gesättigt, das Atmen wurde schwer, Studer mußte husten – aber der Haufen wurde langsam kleiner. Eigentlich wußte der Wachtmeister selbst nicht, was er in der Asche zu finden hoffte… Ludwig kehrte den Rest der Asche zusammen, die beiden Männer schwangen das Sieb – da endlich, unter einigen Schlackenstücken, fand der Wachtmeister drei Dinge: einen halbverbrannten Knopf, einen ganzen Knopf, eine ausgeglühte Patronenhülse. Studer legte die drei Gegenstände auf seine flache Hand und betrachtete sie.

»Schau, Ludwig«, sagte er, »das ist ein Knopf, der aus einem Warenhaus stammt. Der da«, und er deutete auf den zweiten, unversehrten, »ist gutes Material, ein Mantelknopf, vielleicht stammt er sogar von einem englischen Schneider… Und erkennst du das?«

Ludwig nickte. Solche Hülsen, sagte er, hätten sie als Fisel in den Schießständen aufgelesen. Nur seien die Hülsen damals noch größer gewesen… Wenn er sich eine Meinung erlauben dürfe, so stamme diese Hülse von einer Pistolen-Patrone, von einer großkalibrigen…

»Recht so, Ludwig, recht so! Wahrscheinlich stammt die Hülse aus dem amerikanischen Revolver, den wir neben der Hand deines Onkels auf dem Friedhof gefunden haben.«

Ludwig nickte weise. Auf seinem knochigen Gesicht entstand ein Lächeln – und stärker leuchtete das Blau seiner Augen.

Studer hatte eine Taschenlampe angeknipst und bestrich mit ihrem Lichtkegel die Wände. Dort, wo der Eingang in den Kohlenkeller war, blieb er stehen, seine Augen näherten sich der Mauer… »Lueg einisch!« rief er. Ludwig kam, und der Wachtmeister deutete auf einige Spritzer, die sich deutlich von der dunklen Wand abhoben. »Hescht du es alts Messer?« fragte er seinen Gehilfen; das Knechtlein nickte, aber es brauchte Zeit, um aus der Hosentasche ein Messer mit schartiger Klinge zutage zu fördern.

Studer zog eine alte Enveloppe aus seiner Tasche, darein kratzte er den Wandbelag, auf dem er die verdächtigen Spritzer entdeckt hatte. Dann schloß er das Kuvert und hielt seinem Gehilfen einen Vortrag:

– Er stelle sich die Sache folgendermaßen vor: man habe den Onkel hierher in den Keller gelockt – und zwar habe man ihn aus dem Bett geholt. Beweis: der eine Knopf, der von einem guten Schneider stamme. Wahrscheinlich habe der Onkel rasch einen Überzieher angezogen und sei dem Manne gefolgt, der ihn gerufen habe. Dieser Mann habe gewußt, daß der Onkel stets eine Waffe bei sich trage – wie es dem Mörder gelungen sei, sich dieser Waffe zu bemächtigen, sei ein anderes Rätsel, das wohl erst das Geständnis des Schuldigen lösen würde. Kurz, der Onkel sei hier in diesem Keller erschossen worden mit einer kleinkalibrigen Waffe, aber der große Revolver sei auch losgegangen – und zwar müsse man annehmen, daß nicht nur ein Mörder die Tat begangen habe, sondern daß mindestens ein Mitschuldiger anwesend gewesen sei. Dieser Mitschuldige sei ins Zimmer des Onkels gegangen und habe von dort ein Hemd, einen Anzug und einen Kragen mitgebracht. Im Keller sei die Leiche angezogen, auf den Friedhof getragen und auf das Grab der Anna Hungerlott gelegt worden. Ludwig müsse sich das lebhaft vorstellen: die Mörder hätten im Sinne gehabt, der Behörde glauben zu machen, es handle sich um einen Selbstmord aus Liebesgram; wobei ihnen ein Fehler unterlaufen sei: sie hätten nicht daran gedacht, daß Rock, Gilet und Hemd unverletzt geblieben seien. Übrigens habe der Statthalter sogleich festgestellt, daß ein Mann mit einer Kugel im Herzen unmöglich noch seine Kleider zuknöpfen könne…

»Erster Fehler, Ludwig… Wenn die Mörder ein wenig nachgedacht hätten, wär' dieser Fehler zu vermeiden gewesen. Vom zweiten Fehler wollen wir nicht sprechen – ich meine den Schlüssel… Du bist müde und der Wachtmeister Studer ein Schwätzer. Wir wollen schlafen gehen, komm…« Sie stiegen die Treppe hinauf, Ludwig drehte den Schalter ab; der Gang war leer. Auf dem Torfhaufen, der auf der Zementplatte lag, standen noch die Runen, die Studer vor Stunden gezeichnet hatte. Er löschte sie aus und die Kühle tat seinem heißen Handballen wohl. An der Tür, die ins Freie führte, drehte Ludwig den letzten Schalter – nun lag das Glashaus dunkel da, einsam und ungestört schlief der Tote darin, und die beiden Lebenden gingen ihrer Schlafstätte zu, nachdem Studer auch die Außentür verschlossen hatte. Der Himmel schimmerte schwachsilbern, schon war der Mond untergegangen. Als Studer seine Taschenuhr zog, stellte er fest, daß Mitternacht seit zwei Stunden vorüber war.

* * *

Notar Münch macht einen nächtlichen Besuch

Gutmütigkeit rächt sich bisweilen. Als Studer Ludwig Farny eingeladen hatte, mit ihm im gleichen Zimmer zu schlafen, wußte er nicht, daß der Bursche schnarchte. Erst am gestrigen Abend hatte er dies festgestellt und heute begann es von neuem. Kaum hatte der Wachtmeister das Licht gelöscht, begann es im Bette drüben zu stöhnen, zu sägen, zu feilen, zu schnaufen. Studer warf seinen Pantoffel hinüber, eine Minute blieb es still, dann begann der Lärm von neuem. Es flog der zweite Pantoffel, es flog der rechte Schuh, der linke dann, es flog die eine Ledergamasche, dann die andere… Länger als eine Minute blieb es drüben nie still. Seufzend wälzte sich Studer von einer Seite auf die andere, knirschte mit den Zähnen, begann zu zählen und memorierte laut das kleine Einmaleins… Ludwig schnarchte. Die Turmuhr der Gartenbauschule von Pfründisberg schlug halb drei, die grelle Glocke des Armenhauses gab ihr Antwort, es schlug dreiviertel, es schlug drei Uhr. Stöhnend zündete der Wachtmeister wieder das Licht an und begann die Zeitung zu Ende zu lesen.

Die Läden des Fensters waren geschlossen, ihr grünes Holz schimmerte durch die Scheiben – das Licht im Zimmer störte das Knechtlein nicht. Plötzlich fuhr Studer auf. Es war ihm, als habe jemand an die Türe gepocht. Er wartete.

Da sah er, daß die Klinke von draußen herabgedrückt wurde, jemand versuchte die Türe zu öffnen – Gott sei Dank, sie war verschlossen!

Studer stand auf und schlich zur Tür. Er preßte sein Ohr an die Füllung und hörte nichts. Denn jedes Geräusch wurde von Ludwigs Schnarchen übertönt. Endlich fragte draußen eine leise Stimme: »Studer, bischt no wach?« Die Stimme des Notars Münch! Der Wachtmeister schob den Riegel zurück, drehte den Schlüssel im Schloß und ließ seinen Freund ein. – Er solle nicht so viel Krach machen, schärfte Studer dem Notar ein, es schlafe da einer im andern Bett, ein guter Bursche, der heute viel geleistet und seinen Schlaf verdient habe… Er schnarche zwar, aber schließlich sei niemand vollkommen!

Während er so sprach, schlüpfte Studer ins Bett zurück, lud den Notar zum Sitzen ein – und Münch nahm die Einladung an. Er verlangte ein Kissen – die Mauer sei hart, behauptete er –, stopfte es sich in den Rücken und sagte: »Leicht ist es nicht gewesen, aus der Anstalt herauszukommen!«

Studer verspürte kein Mitleid, er lachte seinen Freund aus und behauptete, es sei ganz gesund für Notare, wenn sie sich ein wenig bewegten. Sie säßen ohnehin die ganze Zeit auf ihrem Schreibtischstuhl und täten ihre Kunden übers Ohr hauen. – Münch quittierte diesen Angriff, indem er Studer in die Wade klemmte, doch dieser Angriff mißlang; der Wachtmeister streckte plötzlich seine langen Beine und er drängte den Freund erbarmungslos gegen das Fußende des Bettes. Münch bat um Gnade.

– Was er denn so spät noch hier wolle, fragte Studer flüsternd (das Flüstern wäre unnötig gewesen, denn das Knechtlein sägte unentwegt). Ob denn etwas Besonderes passiert sei, drüben im Armenhaus? Und was denn der Herr Notar beim Hungerlott zu suchen habe? Soviel er (Studer) wisse, sei der Hausvater nicht gerade sauber übers Nierenstück…

» Gäll, das möchtescht gärn wüsse?« sagte Münch, zwinkerte mit dem rechten Auge und schraubte an seinem Hals.

»Wüsse!« Der Herr Notar habe wohl den Privatdetektiv spielen wollen, oder? Denn bis jetzt sei keine Klage eingelaufen gegen den Hungerlott…

»Aber soviel ich verstanden habe, meinst du, der Hausvater habe seine Frau mit Arsen vergiftet… Wenn ich dir aber jetzt erzähle, daß wir das Gift bei einem Schüler der Gartenbauschule gefunden haben? Was sagst du dann? Und wenn ich dir weiter erzähle, daß dieser Gartenbauschüler mir gestern eine Warnung durchs Fenster geschossen hat: ›Finger ab de Röschti!‹ Wie antwortest du darauf?«

»Daß du ein Mondkalb bist«, sagte der Notar trocken.

»Das ist ein alter Witz«, meinte Studer griesgrämig. »Mondkälber nennen sich in Pfründisberg Statthalter und Ärzte. Willst du ihrem Beispiel folgen?«

Man merke, meinte der Notar Münch, daß der Herr Wachtmeister schon lange nicht mehr im Billardspiel gewonnen habe; durchs Verlieren werde seine Geistestätigkeit stets ungünstig beeinflußt… Studer murmelte ein Schimpfwort. Hernach fragte er, was ihm also die Ehre eintrage, einen so späten Besuch empfangen zu dürfen?

»Du bist«, sagte der Notar, »heute im Gerichtsmedizinischen gewesen. Was hat die Untersuchung der Nastücher ergeben?«

– Der Herr Notar sei eigentlich viel weniger dumm, als er aussehe, stellte Studer trocken fest, aber nun solle er endlich mit der Sprache herausrücken.

Münch öffnete seinen Rock, entnahm seiner Brieftasche einen Brief… »Da, lies!«, sagte er.

Und Studer las:

Pfründisberg, den 17. November 19…

Herrn Notar Hans Münch, Bern.

Sehr geehrter Herr Notar!

Kurz nach dem Tode meiner Nichte Anna Hungerlott-Äbi änderte ich mein Testament folgendermaßen ab: Das Viertel meines Vermögens, das für meine Nichte bestimmt war, sollte in zwei Hälften geteilt werden: Die eine war für den Gatten der Verstorbenen, den Hausvater der Armenanstalt bestimmt gewesen, die andere für Paul Wottli, Lehrer an der Gartenbauschule Pfründisberg. Diese neue Klausel bin ich gezwungen noch einmal abzuändern und ich bitte Sie, mich morgen, den 18. November, um 10 Uhr vormittags, besuchen zu kommen. Ich bitte Sie, mein Testament mitzubringen, da ich gedenke, es neu zu schreiben – einen Entwurf habe ich schon gemacht, so daß wir schnell fertig wären. Ich muß Sie bitten, die von mir angegebene Stunde ja nicht zu verpassen. Die letzten Tage habe ich mich nämlich einem meiner Bekannten gegenüber über mein Projekt geäußert und ich fürchte, daß dieser nichts Eiligeres zu tun gehabt hat, als diesen Entschluß zu kolportieren. Dadurch aber, daß andere Leute von meinem Vorsatz Kenntnis erhalten haben, ist mein Leben doppelt gefährdet. Vor einigen Monaten machte ich zufällig die Bekanntschaft eines Ihrer Freunde und teilte diesem damals mit, daß mein Leben in Gefahr schwebe. Dieser Freund, Herr Wachtmeister Jakob Studer, stand meinem Berichte ziemlich skeptisch gegenüber. Es kam mir deshalb ratsam vor, mich an Sie zu wenden, da Sie ein Freund dieses Kriminalisten sind. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie Herrn Studer beiziehen würden, falls mir etwas geschehen sollte. Es schien mir nur notwendig, Ihnen kurz zu erklären, warum ich mich an Sie gewandt habe, als es galt, mein Testament aufzustellen.

Auf Wiedersehen morgen früh. Mit hochachtungsvollen Grüßen! Ihr ergebener

James Farny.

Studer besah den Brief von allen Seiten, er war mit der Maschine geschrieben.

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