Ob die Leiche schon abgeholt worden sei? fragte Studer. Die beiden nickten – Murmann schritt rechts, Reinhard links vom Wachtmeister – Ludwig Farny kam auch und überreichte Studer den Schlüssel zur Eingangstür.
»War sonst niemand da?« fragte er. Kopfschütteln. »Gut, dann könnt ihr beide euch heute ausruhen. Ich brauch euch erst morgen. Wenn ihr wollt, könnt ihr nach Gampligen fahren – du bist doch auf dem Töff gekommen, Murmann, oder?« Der pensionierte Schwingerkönig nickte. »In Gampligen bleibt Ihr in einer Wirtschaft – die Krone ist glaub' ich ganz gut – und wartet dort. Wenn ich euch heut noch brauche, so läut ich euch an. Morgen mach ich dann Schluß. Es kommt Besuch in die Armenanstalt und das wird günstig sein. Wir haben dann Zuhörer und Zeugen – ich freu mich… Kommt jemand von uns?«
»Der Hauptmann hat gesagt, er sei eingeladen. Der Schreiber der Armendirektion nehme ihn im Auto mit.«
»Wer kommt sonst noch?«
»Ein paar Großräte, ein Sekretär vom Departement und zwei Assistenten, einer von Melringen, von wo der andere kommt, weiß ich nicht. Weißt, es sind so Leut', die Gutachten schreiben…«
»Mhm… Also, auf morgen!«
Die zwei empfahlen sich.
»Komm, Ludwig! Hilf mir suchen!« Die Zurückgebliebenen traten ins Gewächshaus, öffneten die Türe, die gestern versperrt gewesen war – von innen – und Studer schritt langsam um den viereckigen Tisch, dessen eine Hälfte mit spannenbreiten Brettern umgeben war. Die Erde, die darin aufgeschichtet war, war oben mit einer Schicht von Sägespänen bedeckt; wahrscheinlich sollte sie ein Austrocknen der Pflanzenwurzeln verhindern.
»Hier ist der Ernst gelegen«, sagte Studer verträumt. »Und da stand dein Stiefvater… Oder ist's dir lieber, wenn ich ihn ›Äbi‹ nenn'?« Ludwig nickte schweigend. »Wir wollen hier suchen. Da hat's ein ganz kurzstieliges Häueli, das wird uns nützlich sein.« Und der Wachtmeister begann, mit den zwei Zacken der Jäthacke die Sägspäne zu bearbeiten. Langsam und methodisch arbeitete er und sprach dazu mit Ludwig.
»Gestern hat euch der Wottli das z'Nacht gebracht; erinnerst du dich noch, ob der Ernst vom Kaffee getrunken hat?«
Ludwig blickte erstaunt auf.
»Woher wisset Ihr das, Herr Studer?«
Der Wachtmeister hielt in der Arbeit inne. »Was hast du gesagt, Ludwig?« Das Knechtlein wurde rot.
»Woher wisset Ihr das?« Stocken, dann: »Studer?«
»So ist's besser. Woher ich das weiß? Ich zeig' dir's dann. Jetzt wollen wir weiter suchen…«
Ludwig grub mit den Nägeln in der aufgehackten Erde. Plötzlich sagte er: »Hier!« und bot Studer einen rostigen Schlüssel. Der Wachtmeister nahm ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, ging ans Licht, betrachtete das Ende hinter dem Bart lange und nachdenklich. »Es stimmt. Komm, Ludwig!«
Draußen angekommen, verschloß Studer die Türe und schritt auf die Wirtschaft zu. »Eine Atmosphäre haben wir erledigt«, brummte er. »Jetzt wollen wir mit der zweiten Schluß machen. Und die dritte versparen wir uns für morgen.«
Am Fuße der Steintreppe blieb Studer stehen und blickte hinüber auf den Friedhof. Dann zuckte er mit der Schulter. »Komm, Ludwig«, sagte er. »Wir müssen uns beide rasieren. Du hast ja einen Bart!«
Er ging in die Küche, verlangte heißes Wasser. Huldi versprach, einen Krug zu bringen. Studer ging in das Zimmer, in dem vor kurzer Zeit noch der ›Chinese‹ gewohnt hatte.
Die Serviertochter brachte das Verlangte und der Wachtmeister begann sich einzuseifen. Dann reichte er dem Ludwig den Pinsel. »Kannst dann den Apparat auch grad gebrauchen – wenn du willst.«
Er sah es dem Knechtlein an, daß diese Aufforderung etwas Ähnliches bedeutete wie ein Ritterschlag. Denselben Apparat brauchen zu dürfen wie der Wachtmeister!
»Märci… Gärn… Studer!« stotterte der Bursche und eine Blutwelle stieg in sein Gesicht.
Es klopfte. »Herein!« ächzte Studer, der sich gerade den Seifenschaum aus den Ohren wusch. Brönnimann erschien.
»Wachtmeister! der Wottli ist fort!«
»So…« Studer trocknete sich das Gesicht. »Dann können wir in sein Zimmer hinauf!« Er setzte sich aufs Bett und wartete bis Ludwig fertig war. »Ich brauch' Euch nicht, Brönnimann. Wann kann man essen? Bald? Sagen wir in einer halben Stunde. Ich will noch einen Freund holen gehen.«
Der Wirt verschwand, dann konnte man ihn hören, wie er in der Küche Befehle gab.
»Komm, Ludwig!« Die beiden stiegen die Treppen hinauf, öffneten die Türe des verlassenen Zimmers und traten ein. Die Bücher standen noch auf den Regalen, die an der Wand angenagelt waren. Studer trat davor. Eine kleine Glastube lag am Fuße eines dicken Bandes. Der Wachtmeister nahm sie in die Hand, trat zum Fenster und las die Etikette. Er zog den Zapfen aus dem Glasröhrchen, schüttete eine der winzigen Pillen auf seine Hand, roch daran, berührte sie mit der Zungenspitze und murmelte: »Geruch- und geschmacklos. Eine gute Medizin! Natürlich, unterm Betäubungsmittelgesetz… War dir nicht ein wenig sturm, wie du gestern abend aufgewacht bist? Sag, Ludwig?«
Ja, erwiderte das Knechtlein. Es sei ihm nicht ganz wohl gewesen…
»Der gute Wottli! Er muß gesehen haben, wie der Ernst mit seinem Vater zusammengetroffen ist. Vielleicht hat er Verdacht geschöpft.. . Und um Ruhe zu haben, hat er euch beide einschläfern wollen. Hätte der Ernst Kaffee getrunken, so wär er nicht gestorben…«
»Ja, glaubt Ihr… hm… Studer, daß der Ernst Selbstmord begangen hat? Hat Euch der Wottli das erzählt?«
»Der Wottli hat's geglaubt – weil er nicht gesehen hat, daß wir den Schlüssel gefunden haben. Geh jetzt ins Gastzimmer und wart auf mich. Ich will noch den Notar holen…«
»Welchen Notar?«
»Du hast gut geschlafen, gestern abend…« Studer lachte, ging zur Tür, blieb noch einmal stehen. »Jetzt sind wir auch mit der zweiten Atmosphäre fertig. Wie wird's in der dritten zugehen?«
Eine Viertelstunde später kam Studer zurück. Sein Gesicht war finster. Er schien Ludwig gar nicht zu sehen, sondern ging ans Telephon, stellte eine Nummer ein, verlangte den Gefreiten Reinhard an den Apparat und wartete. Dann: »Kommt beide sofort zurück! Lasset das Töff ein paar hundert Meter vor der Wirtschaft stehen. Und dann sucht den Wald ab. Münch ist verschwunden… Sie sagen zwar, er sei nach Bern ins Bureau gefahren, aber ich weiß, daß es nicht stimmt. Ich hab' den Wärter ausgefragt im Armenhaus und ein paar Insassen. Niemand hat den Münch gesehen heut morgen und der Hungerlott behauptet, er sei um acht Uhr fortgefahren. Etwas stimmt da nicht.«
Der Wachtmeister behielt recht. Den ganzen Nachmittag hockte er im Gastzimmer. Um sechs Uhr abends läutete das Telephon. Da niemand in der Gaststube war, außer ihm und Ludwig, ging er selbst den Hörer abnehmen. Murmann sprach – und Studer nickte. Dann sagte der Wachtmeister leise: »Laß den Reinhard zu Fuß gehen und nimm du den Verletzten mit. Pflegt ihn und bringt ihn morgen früh hierher.«
In dieser Nacht schlief Studer tief und fest. Das Knechtlein aber saß im Dunkeln und bewachte seinen väterlichen Freund…
* * *
Beginn des Endes
Um halb sechs Uhr schon fuhr draußen ein Auto vor und Studer erwachte. Er zog seinen Mantel an, schlich zur Haustür und stieß den Riegel zurück. Er sah, wie drei Leute dem Auto entstiegen – dann fuhr der Wagen ab. Langsam kamen sie auf die Treppe zu – der in der Mitte Gehende stützte sich schwer auf die beiden andern…
»Grüeß di, Hans«, sagte der Studer leise.
»Salü!« Münch lächelte.
»Komm mit. Du kannst abliegen auf meinem Bett. Und sprich nicht zuviel. Deine Geschichte kannst du dann nach dem Mittagessen erzählen. Ich glaub', dort drüben wissen sie noch nichts. Der Hungerlott hat mich gestern zum Mittagessen eingeladen…«
»Studer, paß auf!« murmelte Münch. Er hatte Mühe zu sprechen. »Du weißt nicht, was du riskierst… Hinterlistig sind sie… Hast du noch den Brief und das Testament?«
Sie waren in Studers Zimmer angekommen. Der Notar legte sich nieder. Um acht Uhr schickte der Wachtmeister den Ludwig Frühstück holen. »Bring es selbst!« kommandierte er.
Bis elf Uhr hielten die drei Fahnder Kriegsrat. Dann, als Studer alles ausgepackt hatte, stand er auf. Vor dem Fenster fuhren Autos vorbei. Die Besucher der Armenanstalt begannen einzutreffen.
»Du kommst mit, Ludwig!« befahl der Wachtmeister. Und dann brachen die beiden auf… Sie traten ins Haus, die Halle war leer. Studer stieß die Türe auf, die in den Speisesaal der Armenhäusler führte. Die Tische waren besetzt und die Insassen trugen frischgewaschene, blaue Überkleider; es roch nach Fleischsuppe. Die Gamellen bis zum Rande gefüllt und ein halber Laib Brot lag vor jedem Platze. Die Armen aßen.
Studer verlangte zum Direktor geführt zu werden. Und der Mann kam mit.
Diesmal zog der Wärter nicht am Klingelzug, ganz tief und untertänig beugte er sich herab bis zur Klinke, lauschte am Schlüsselloch und klopfte dann, leise. Drinnen verstummte ein Gespräch. Die Tür wurde aufgerissen: Vinzenz Hungerlott rief freudig aus:
»Ah, der Herr Wachtmeister!« Studer solle doch nähertreten, er werde Bekannte finden. Dann erst bemerkte der Hausvater Ludwig Farny, sein Gesicht verzog sich, so als ob er Zahnweh habe: der sei doch nicht eingeladen, meinte er und fragte, ob das Knechtlein auch dabeisein müsse!
»Ja!« sagte Studer trocken.
Hungerlott tat als bemerke er die Unhöflichkeit nicht. Seine einladende Bewegung konnte den beiden gelten – oder nur dem Wachtmeister. Studer schielte auf seinen Begleiter… Merkwürdig: Der Ludwig war nicht rot geworden.
Die beiden traten ein, durchschritten einen Gang; ein Stubenmädchen öffnete die Tür zu einem Raum, dessen Luft blau war von Zigarrenrauch. Likörgläser standen herum.
»Elsi, bring noch zwei Gläser«, befahl Herr Hungerlott.
Es gab keine langen Vorstellungen. Die meisten der Herren kannte Studer – war er doch früher Kommissär an der Stadtpolizei gewesen. Zwei Schreiber der Armenbehörde – jeder von ihnen war stolz, wenn man ihn ›Herr Sekretär‹ nannte –, ein älterer schwerhöriger Mann aus der Fürsorgestelle für entlassene Sträflinge, Großräte in Schwalbenschwänzen. Und noch einer saß da, ein wenig entfernt von den übrigen: Studers Vorgesetzter, der Polizeihauptmann. Seine Gesichtshaut war bleich, sein Schnurrbart lang und grau. »Ah, der Studer!« nickte der wohlgekleidete Herr und winkte mit seiner mageren Hand. »Und? Hast du etwas gefunden?«
»Wir wollen warten bis nach dem Essen«, flüsterte der Wachtmeister. – »Gut, gut… Meinetwegen. Aber blamier dich nicht.« – Studer schüttelte den Kopf. »Heut nicht«, flüsterte er, »heut sicher nicht… Alles werd' ich nicht erklären können. Aber ich hab noch zwei Leut' eingeladen: eine Frau und einen Mann. Auch sie werden nach dem Essen kommen.« Studer blickte zu Hungerlott hinüber. Der Hausvater war in ein Gespräch mit einem der jungen Assistenten vertieft. Vater Äbi saß neben ihm – und er fiel nicht besonders auf.
»Was will der Schroter hier?« trompetete einer der Schreiber. Studer blinzelte und sagte, der Statthalter von Roggwil habe ihn rufen lassen und da die Angelegenheit nun erledigt sei, habe er sich zu einem guten z'Mittag einladen lassen… Die letzten Worte wurden von einer Gelächterwoge fortgeschwemmt, denn einer der Großräte hatte einen Witz erzählt und ein anderer begann ein neues G'schichtli.
Wieder Gelächter… Hungerlott füllte die Gläser… Anstoßen. Schwatzen… Dicker wurde der blaue Rauch. Studer stand am Fenster, blickte über das Land und fragte sich, warum die ganze Versammlung ihm gespenstisch vorkam – das Klirren der Gläser, das Trinken der appetitanregenden Schnäpse, das Lachen über die Witze, der Duft der Zehnerstumpen, der Zigaretten… Durchs Fenster konnte der Wachtmeister rechts den Friedhof sehen mit seinen Grabmälern aus weißem, aus rotem Stein, mit seinen schwarz gestrichenen Holzkreuzen – und seinen frischen Gräbern. Gerade gegenüber erhob sich die Wirtschaft ›zur Sonne‹, und rechts – etwa vierhundert Meter entfernt – stand breit und massig und weiß (nur das Dach trug dunkle Ziegel) die Gartenbauschule. Im Parterre waren die Fenster geöffnet, sie rahmten viele junge Köpfe ein, deren Augen wohl auf den gläsernen Würfel des Treibhauses gerichtet waren, in dem am vorgestrigen Abend einer den Tod gefunden hatte… Aber nicht die Aussicht auf die beiden nun erledigten Atmosphären quälte den Wachtmeister, auch nicht der Blick auf die vielen Obstbäume, die korrekt nach der Pfründisbergmethode gestutzt, ein wenig verkrüppelt aussahen. Nein, das Bedrückende, Unheimliche machte sich in seinem Rücken breit – ein Mörder, vielleicht gar zwei, taten unschuldig, um die letzte Partie zu gewinnen. Hatten sie Trümpfe in den Händen? Wollten sie etwas probieren? Glaubten sie, in Sicherheit zu sein, weil sie gestern versucht hatten, den gefährlichsten Zeugen zum Verschwinden zu bringen? Den Notar Münch? Und was drohte ihm, dem anwesenden Fahnder, der kein gutes Leumundszeugnis besaß und wenig Freunde?
Hinter ihm sagte eine Stimme:
»Sie nimmt sich viel zu wichtig, die Schroterei. Viel zu wichtig!«
»Ganz myni Meinig!« antwortete eine zweite. Diese Stimme glaubte der Wachtmeister zu kennen. Er drehte ein wenig den Kopf, schielte aus den Augenwinkeln – natürlich! Der Arnold Äbi mußte seinen Senf geben. Er saß neben dem Ofen, in seinem dunklen, ausgebürsteten Sonntagsgewand, nickte von Zeit zu Zeit, sprach ein paar Worte, um den Ausspruch eines anderen zu bestätigen, kurz: er gab sich Mühe, kein Aufsehen zu erregen; er wagte es nicht, ein Bein übers andere zu schlagen… Aber während Studer ins Zimmer schielte, fesselte ihn ein anderes Gesicht: Schweigsam in einer Ecke saß das Knechtlein… Ludwig Farny hatte das rechte Bein über das linke gelegt und seine gefalteten Hände umspannten sein Knie. Auch sein billiger Anzug war sauber gebürstet – 's Huldi hatte wohl geholfen… Fast hochmütig wirkte sein starres Gesicht und die Augen, die so auffallend blau leuchteten, hatten sich an seinem Stiefvater festgesehen… Verachtung lag in ihnen und Stolz. Und, wahrhaftig, der Ludwig durfte stolz sein. Hatte er nicht aus den Gesprächen der Polizeileute erfahren, daß Farny James' Vermögen ihm zufallen würde und seiner Mutter? Daß die beiden Männer, die ihn gequält hatten, der eine als er noch klein war, der andere in späteren Jahren, nicht nur leer ausgehen würden, nein, daß ihnen nun auch die Zelle bevorstand, die dünne Suppe, der Zichorienkaffee? Das Knechtlein hob die Augen, seine Blicke blieben an des Wachtmeisters massiger Gestalt hängen, stiegen höher… Unmerklich nickten sich die beiden zu – eine Lachsalve knatterte wieder. Keiner der Anwesenden hatte das stumme Einverständnis dieser zwei bemerkt…
Vinzenz Hungerlott trug einen schwarzen Gehrock, in der fertiggebundenen Plastronkrawatte steckte eine Nadel, deren falsche Perle kurz aufschimmerte, wenn der Spitzbart waagrecht stand. Ein Klopfen an der Türe, der Hausvater hob die Hände, um Schweigen zu gebieten… »Darf ich die Herren zum Essen bitten?« Der Aufbruch vollzog sich in guter Ordnung – aus den vielen Aschenbechern stiegen durchsichtige, schmale Bändchen gegen die Decke. Es ging durch einen Gang, über rote Steinfliesen (Bodenwichse hatte sie zum Glänzen gebracht), das Stubenmädchen öffnete eine andere Tür: »Wenn dr weit so guet sy…!«