Das war zuviel! Durfte man sich von einem einfachen Fahnderwachtmeister verhöhnen lassen? Worte schwirrten durcheinander: »Us dr Luft griffe!« – »Chabis!« –»Bewyse! Bewyse söll er syni Behauptige!« Studer dämpfte den Lärm mit erhobener Hand – und dabei kam ihm die Szene wieder in den Sinn, mit welcher der ganze Fall begonnen hatte: Der Landarzt Buff, der sich mit dem Statthalter Ochsenbein über die Leiche des ›Chinesen‹ stritt…
Eine scharfe Stimme fragte: »Gedenkt Herr Wachtmeister Studer mich zu beschuldigen?« Der Hausvater Hungerlott saß steif aufgereckt in seinem Stuhl – sehr bleich war der Mann…
»Ich, Sie beschuldigen? Wie käme ich dazu!« Augenscheinlich ging es den Herren auf die Nerven, daß die Diskussion schriftdeutsch geführt wurde… – »Wie sollte ich Sie beschuldigen? Ich habe ja keine Beweise!«
Der Hausvater Hungerlott ließ sich zurückfallen, er schlug ein Bein übers andere, tauchte ein Stück Würfelzucker in seinen Kirsch, steckte es in den Mund und leerte sein Schnapsglas. Während er knirschend den Zucker zerbiß, sagte er mit vollem Munde: »Ich schlage vor, wir lassen die Diskussion über dieses unerfreuliche Thema fallen und beginnen mit dem Rundgang durch die Anstalt; der Herr Wachtmeister Studer kann sich ja anschließen…« Obwohl auch der letzte Satz mit Zucker im Munde gesprochen worden war, klang sein Ton bitter.
»Natürlich!« – »Selbstverständlich!« – »Wir wollen die Anstalt sehen!« Studer blieb als letzter zurück, ihm war ungemütlich zumute. Die Durchsuchung des Arbeitszimmers hatte nicht geklappt. Warum waren Reinhard und der Murmann nicht gekommen?
Würdig schritt der Hausvater Hungerlott vor seinen Gästen einher:
»Wir sehen vor allem auf Sauberkeit! Sauberkeit ist unser bestes Kampfmittel gegen den Pauperismus. Sauberkeit und gesundes Essen. Bevor ich die Herren in die Schlafsäle führe, werde ich ihnen zuerst die Küche zeigen und sie bitten, die Suppe zu kosten, die heute den Insassen vorgesetzt worden ist…«
Ein riesiger Herd… Pfannen darauf; zwei Männer standen in der Küche, sie hatten saubere weiße Schürzen vorgebunden und trugen niedere weiße Kappen.
»Auch unsere Köche sind Insassen der Anstalt, unsere Bäcker desgleichen. – Moser, schöpf einen Teller Suppe, damit die Herren probieren können!…« Der Blechteller war mit Schmirgelpapier geputzt worden. Fettaugen schwammen auf der dicken Erbsensuppe.
»Wunderbar!« sagte ein Schreiber in tiefstem Baß und versuchte die Suppe. »Ich wär' froh, wenn meine Frau mir jeden Tag solche Suppe kochen würde!«
»Wollen Sie nicht auch probieren, Herr Wachtmeister?« fragte Hungerlott lächelnd. Studer dankte.
Er dachte an den Schnaps, den die Armenhäusler holen gingen am Samstagabend, mit dem Fränkli, das sie für die Arbeit einer Woche erhalten hatten. Ihm war übel.
Die Herren verließen die Küche.
»Ich werde Ihnen jetzt«, sagte Hungerlott, »die Schlafsäle der Insassen zeigen, hernach können wir, wenn es den Herren recht ist, die Werkstätten besichtigen, die Gärtnerei, den landwirtschaftlichen Betrieb…«
Keiner der Herren hörte die Bemerkung des einen Koches, nur Studer fing sie auf, weil er als letzter ging. Der Koch sagte zu seinem Kameraden: »Lueg… Und es wäre alles nicht so schlimm, wenn nicht so verdammt viel gelogen würde; schließlich, in der Küche sei es noch zum Aushalten, aber die anderen, die einen ganzen Morgen mit einer Gamelle dünnen Kaffees und drei Härdöpfeln werken müßten – für die sei es schlimm!«
Der Hof war leer, die Bise pfiff. In einer Ecke stand 's Trili–Müetti vor ihrem Zuber und wusch, und wusch… Die Lippen waren gesprungen, die Alte sang nicht, ein böser Husten zerriß manchmal ihre Brust. Als sie den Wachtmeister erblickte, winkte sie ihm zu, und als er nahe bei ihr stand, fragte sie: »Was hesch du mit mym Hansli ta?«
Der Wachtmeister hob seine Achseln, es war ihm, als stecke ihm eine große Kugel im Hals, die ihn am Sprechen hinderte…
Unter dem Dach eines Schopfes waren vier Alte mit Holzspalten beschäftigt…
»Das Gegengift gegen den Pauperismus«, dozierte Herr Hungerlott, »Ist Arbeit, Arbeit, Arbeit. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Selbst für den Ältesten, selbst für den Schwächsten finde ich immer noch eine Beschäftigung, die er imstande ist auszuführen… So fühlt er sich nicht nutzlos und hat den Eindruck, sein Essen zu verdienen, sein Taschengeld als Lohn zu erhalten und nicht als Almosen… Ich möchte hiermit der Armendirektion für die Einsicht danken, die sie stets bewiesen hat; durch diese Einsicht ist es mir ermöglicht worden, meine schwere Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen zu erledigen und manchen Entgleisten wieder auf den rechten Weg zu führen! Ich weiß, daß ich viele Neider habe (ein giftiger Blick traf den Wachtmeister), aber allen Anfechtungen zum Trotz tue ich meine Pflicht und…«
Herr Hungerlott verstummte und blickte nach der Hoftür. Die Herren, die seiner Rede mit über dem Bauch gefalteten Händen gefolgt waren – und die brennenden Stumpen hingen in ihren Mundwinkeln –, rieben sich die Augen, als auch sie nach dem Hoftor sahen…
* * *
Ein Notar erscheint
Den rechten Arm um Ludwig Farnys Schulter gelegt, den linken Arm um die des Gefreiten Reinhard, wankte der Notar Münch durchs Hoftor. Sein Mantel war zerrissen, auf der Stirne hatte er eine Beule und zwei blutige Taschentücher waren um seinen Hals geschlungen. Studer ging ihm entgegen.
»Salü, Münch«, sagte er ruhig.
»Salü, Studer«, kam es heiser zurück.
– Ob er nicht abliegen wolle, fragte der Wachtmeister. Der Notar schüttelte müde den Kopf: – Er sehe dort den Hauptmann der Kantonspolizei, das werde wohl der geeignete Mann sein, dem man eine Aussage machen könne…
»Aber nicht hier«, sagte Studer, »du mußt an die Wärme.« Münch nickte.
Hinter sich hörte Studer plötzlich eine bekannte Stimme rufen: »Halt!« Als er sich umwandte, mußte er lächeln. Das Bild, das er sah, ähnelte so sehr der Aufnahme eines amerikanischen Gangsterfilms, daß man es nicht ernst nehmen konnte. Fahnderkorporal Murmann hielt einen Revolver in der Hand und ließ den Vater Äbi nicht aus den Augen.
»Soll ich ihn fesseln, Wachtmeister?« fragte er.
Studer lachte. Es war ein befreites Lachen. Am meisten belustigten ihn die Gesichter der Herren, die gekommen waren, eine Armenanstalt zu inspizieren.
Hausvater Hungerlott sagte mit spitzer Stimme:
»Ich protestiere! Gerichtliche Untersuchungen werden nicht auf diese Art geführt. Ein Fahnderwachtmeister und der Polizeihauptmann sind nicht berechtigt, Aussagen aufzunehmen – ich meine Aussagen, die einen juristischen Wert hätten…«
Doch wer kam zum Tore herein? Elegant, in einem auf Taille geschnittenen Wintermantel? Herr Statthalter Ochsenbein, gefolgt von einem uniformierten Landjäger. Der Säbelgriff des Polizisten war auf Hochglanz poliert.
»Was… ist… das?«
»Ihr habt mir telephonieren lassen, Wachtmeister?« fragte Ochsenbein. Er hob den steifen Hut vom Kopfe und grüßte in die Runde.
»Ich wiederhole meinen Vorschlag«, sagte Studer, »wir begeben uns in das Arbeitszimmer des Herrn Hungerlott zurück. Die Herren werden mir dann erlauben, etwas zu erzählen. Ich verzichte auf jegliches Geständnis. – Murmann, du passest auf den Vater Äbi auf!«
Wieder ließ Studer die Herren vorausgehen, vor ihm schritt majestätisch Fahnderkorporal Murmann. Studer beschloß den Zug, Ludwig Farny wich nicht von seiner Seite.
Zuerst gab es ein Durcheinander: Stühle mußten herbeigeschafft werden, es dauerte eine Weile, bis alle Amtspersonen saßen. Für den Notar Münch hatte man den bequemsten Lehnstuhl ausgesucht, ein Hockerli davorgestellt, es mit Kissen bedeckt und die Beine des Verwundeten daraufgebettet. Es muß zugegeben werden, daß der Notar nicht ein übermäßig intelligentes Gesicht machte.
Studer sagte: »Erzähl jetzt bitte, Münch. Ich kenn die Geschichte, jetzt mußt du sie den anderen kund und zu wissen tun.«
Und der Notar begann zu sprechen. Sein Gesicht wachte auf. Er fing an von seiner Bekanntschaft mit jenem merkwürdigen Auslandschweizer zu erzählen, von dem Testament, das dieser aufgesetzt habe – und schon damals, bei der ersten Zusammenkunft, habe er den Eindruck gehabt, der ›Chinese‹ (dieser Übername stamme von seinem Freunde Studer) fürchte sich, ermordet zu werden. Fürchte… das sei übertrieben. Angst hat der Mann keine gehabt, im Gegenteil. Er war tapfer. Nur – er wollte nicht, daß sein Vermögen Leuten zufalle, die es nicht verdienten. Wäre er ohne Testament gestorben, so hätte seine Familie geerbt. Gegen seine Verwandten hatte der Farny nichts – aber seine Schwester sowohl als auch seine Nichte waren verheiratet. Die beiden Gatten gefielen ihm nicht.
»Wart einen Moment, Münch!« unterbrach Studer. »Es wäre gut, wenn Reinhard den einen Gatten durchsuchen würde. Los!«
Vater Äbi wehrte sich, aber es nützte ihm nicht viel. Studer brauchte nicht einzugreifen. In der Hintertasche der Hose steckte eine kleine Pistole. Der Wachtmeister nahm sie in die Hand. »Sechs fünfunddreißig«, nickte er. Dann klappte er den Kolben auf – im Magazin fehlten zwei Kugeln. Als er die Waffe öffnete, fiel oben eine ungebrauchte Patrone heraus. »Eine Kugel ist also abgeschossen worden«, sagte Studer und blickte nicht auf. »Weiter, Münch!«
»Mit der Zeit gelang es dem einen Gatten, sich beliebt zu machen. Als seine Frau starb, konnte er meinen Klienten überzeugen, ihm den Anteil, der seiner Frau zufallen sollte, zuzusprechen – aber der Witwer mußte sich verpflichten, die Hälfte des Anteils einem Freunde des nun Verstorbenen zu übergeben. James Farny wollte dies geheim halten, aber er erzählte gerne. An einem Abend erzählte er diese Änderung des Testamentes dem Freunde – wahrscheinlich drüben im Gastzimmer der Wirtschaft, der Wirt hörte dies und gab die Neuigkeit weiter an den Witwer. Wir nehmen an, daß der Witwer Lärm geschlagen hat – wahrscheinlich war er wütend, daß er um das Geld kommen sollte, obwohl er zu diesem Zwecke ein Verbrechen begangen hatte. Und, so nehmen wir an, James Farny durchschaute den Mann. Wieder glaubte er, für sein Leben fürchten zu müssen. Darum schrieb er mir und bestellte mich auf den 18. November, um 10 Uhr früh. Als ich in Pfründisberg ankam, war Farny tot. Kurz nach meiner Ankunft tauchte ein Fahnder auf – ich ging ihm aus dem Wege, denn plötzlich schien es mir, als hänge der Tod meines Klienten mit dem Tode seiner Nichte zusammen. Darum besuchte ich den Witwer, ließ mich von ihm einladen – in der Nacht schon hatte ich den Beweis, daß ich auf dem richtigen Wege war. Jemand schlich in mein Zimmer, durchsuchte meine Kleider – zum Glück hatte ich vorsichtshalber meine Brieftasche unter meinem Kopfkissen versteckt. Den ganzen folgenden Tag ließ mich der Mann nicht aus den Augen – doch in der folgenden Nacht gelang es mir, meinen Freund Studer zu besuchen. Mit ihm sprach ich über die ganze Angelegenheit – und wir kamen zu einem Schluß. Doch ich gelangte nicht mehr in mein Zimmer zurück. Ich wollte mir die Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen – aber ich hab' auf den Kopf bekommen… Als ich auf der Straße ging, wurde mir plötzlich ein Sack über den Kopf gestülpt, ein paar Männer packten mich, fesselten mich – dann traf mich ein Schlag… Ich bin erst um die Mittagszeit aufgewacht, auf dem Grunde des Steinbruches… Die zwei dort haben mich dann gefunden…«
»Das hat mit dem Fall nichts zu tun«, meinte Studer. »Dieser Überfall beweist nur eines: jemand wollte das Testament des James Farny an sich bringen. Nun komme ich an die Reihe. Als ich vor vier Monaten durch Zufall einen Abend in der Wirtschaft ›Zur Sonne‹ zubrachte, weil ich vergessen hatte zu tanken, und mein Töff nicht bis nach Gampligen stoßen wollte – denn es waren immerhin sechs Kilometer und die Sommernacht heiß und gewittrig – gelangte ich in den Privatraum des Wirtes Brönnimann, wo vier Männer um einen Tisch saßen und jaßten. Ich fühlte gleich, daß meine Anwesenheit unerwünscht war und erkundigte mich nach dem Weg zur Laube… Dort stützte ich mich auf die Brüstung, und sah vor mir einen Ahornbaum, dessen Blätter sich fast zählen ließen… Von irgendwoher mußte der Baum beschienen werden, und als ich nach der Lichtquelle fahndete, sah ich ein hellerleuchtetes Zimmer, in dem ein Mann eifrig in ein Wachstuchheft schrieb. Ein Stoß von fünf anderen Heften lag neben seinem rechten Ellbogen. Ich betrachtete den Fremden – und da passierte mir ein Mißgeschick: ich mußte nießen… Der Fremde sprang auf, sein Stuhl fiel um, mit drei seitlichen Sprüngen war er im Fenster und ich war überzeugt, daß seine Rechte, die in der Tasche seiner Hausjoppe aus Kamelhaar steckte, einen Revolver hielt, dessen Mündung auf meinen Bauch gerichtet war… Immerhin drei merkwürdige Tatsachen: Ein Fremder schreibt im Zimmer einer verlassenen Wirtschaft seine Memoiren, er ist bewaffnet, beim geringsten Geräusch ist er bereit, zu schießen… Ich lernte den Fremden kennen: sein Paß, der in allen Weltteilen erneuert worden war, in Asien, in Amerika, lautete auf den Namen Farny James, geboren am 13. März 1878, heimatberechtigt in Gampligen, Kanton Bern… Der Mann riß das Fenster auf, ich mußte mich legitimieren, und erst als dieser Farny sah, daß er es mit einem Polizeiwachtmeister zu tun hatte, versorgte er seinen Revolver, einen Colt, eine großkalibrige Waffe. Schon damals, vor vier Monaten, erzählte mir der Fremde, sein Leben sei bedroht; er hoffe, daß ich die Untersuchung über seinen Mord führen werde… Natürlich war mein erster Gedanke, daß ich es mit einem Verfolgungswahnsinnigen zu tun habe und ich überlegte mir, ob ich nicht die Sanitätspolizei alarmieren solle, um den Mann in die Anstalt überführen zu lassen… Außerdem fiel mir noch auf, daß der Fremde absolut Bruderschaft mit mir trinken wollte – was ich natürlich ablehnte… Ich ging dann mit ihm in die Gaststube, wurde Zeuge eines Streites: die Insassen der Armenanstalt, die in diesem Raume schnapsten, sowie einige Gartenbauschüler wollten sich an mir vergreifen, gaben das Projekt jedoch auf. Dieser Farny James schien eine gewisse Macht über die Anwesenden auszuüben. Schließlich mischte sich der Direktor der Gartenbauschule und auch der Hausvater der Armenanstalt (sie jaßten in dem Raum, den ich zuerst betreten hatte) in den Streit, beruhigten die Gemüter und schickten die Armenhäusler sowohl als auch die Gartenbauschüler schlafen. Der Wirt Brönnimann entdeckte zwei Fünfliterkannen Benzin, ich konnte mein Reservoir auffüllen und davonfahren. Hernach vergaß ich die merkwürdige Szene, bis ich vier Monate später, auf den Tag genau, am 18. November, vom Statthalter Ochsenbein aufgefordert wurde, einen geheimnisvollen Mord aufzuklären, der auf dem Friedhof von Pfründisberg passiert war…
Auf einem frischen Hügel, in dem Frau Hungerlott-Äbi begraben war, lag die Leiche des James Farny, den ich für mich wegen seiner geschlitzten Augen stets den ›Chinesen‹ nannte. Der Mann war durch einen Herzschuß getötet worden, jedoch waren weder sein Hemd noch seine Kleidungsstücke mit Blut besudelt. Ich schloß daraus, der Tote sei an einem anderen Orte ermordet, hernach umgekleidet und hierher transportiert worden… Wichtig war für mich, festzustellen, vor wem der Tote Angst gehabt hatte. Da ich aus seinem Paß ersehen hatte, daß er aus Gampligen stammte, kamen zuerst – ich überzeugte mich, daß er reich war – seine Verwandten in Betracht…