Der Tote hatte eine verheiratete Schwester in Bern. Bevor sie mit dem Maurer Äbi eine Ehe einging, hatte sie einen unehelichen Sohn zur Welt gebracht, der den Namen der Mutter trug: er sitzt hier neben mir… Ludwig Farny heißt er. Dem Äbi gebar die Frau zwei Kinder, ein Mädchen Anna, die später den Hausvater Hungerlott heiratete, einen Sohn Ernst, der den Jahreskurs der Gartenbauschule Pfründisberg besuchte…
Herr Notar Münch war von James Farny zu einer Besprechung bestellt worden, die am 18. November stattfinden sollte. An diesem Tag, zu dieser Stunde, war der ›Chinese‹ schon tot – Herzschuß… Die Kugel, die den Tod herbeigeführt hat, ist verloren – Ich besitze nur die Hülse, die ich vorgestern gefunden habe.
Meine Herren! Anna Hungerlott-Äbi, die Nichte des ›Chinesen‹, ist vor vierzehn Tagen an einer Darmgrippe gestorben. Dieser plötzliche Tod weckte den Verdacht ihres Onkels, und wegen dieses Todes bestellte er Herrn Notar Münch nach Pfründisberg zu einer Besprechung… James Farny verdächtigte offenbar den Hausvater Hungerlott, den Gatten der Anna, seine Frau mittels Arsen vergiftet zu haben. Münch hat dies fast bewiesen…
Durch einen Zufall gelang es mir, den Beweis für den Verdacht – ich kann ruhig sagen, meines Freundes – zu erbringen. Drei Taschentücher, die von Frau Hungerlott-Äbi gebraucht worden waren, enthielten deutliche Arsenspuren… Den Rapport über diese Angelegenheit wird der Assistent am Gerichtsmedizinischen Institut, Dr. Malapelle, der zuständigen Behörde überreichen.
Herr Hungerlott, Hausvater der Armenanstalt Pfründisberg, gab sich Mühe, das Dokument, das Herrn Notar Münch nach Pfründisberg rief, in seinen Besitz zu bekommen. Zu gleicher Zeit besaß mein Freund, der Notar, ein handgeschriebenes Testament des ermordeten James Farny. Es ist dem Zufall zuzuschreiben, daß es dem Hausvater nicht gelang, beide Dokumente in seine Hände zu bekommen. Er lud den Notar ein, bei ihm in der Armenanstalt zu wohnen. Notar Münch hat Ihnen erzählt, was in der ersten Nacht vorgefallen ist.
Es war jedoch ein Mitwisser vorhanden, ein Mitwisser an der Ermordung des James Farny. Sie werden zugeben müssen, meine Herren, daß es für einen einzigen Menschen unmöglich war, den ›Chinesen‹ zu erschießen, ihn anzuziehen, und seine Leiche an einen Ort zu bringen, der die Polizei auf eine falsche Spur führen sollte. Der Mitwisser, der Mithelfer, war Ernst Äbi, Schüler der Gartenbauschule. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, diesen Burschen zu verdächtigen. Doch wurde am ersten Tage meines Hierseins mittels einer Schleuder eine Bleikugel durch die Fensterscheibe meines Zimmers geschossen, an der eine Warnung angebracht war: ›Finger ab de Röschti!‹ Die Warnung, die getippt war, machte mich stutzig: Warnungen werden gewöhnlich nicht so familiär formuliert, werden besonders nicht im Dialekt geschrieben…
Die Warnung konnte nicht von Vater Äbi stammen, ich wußte, daß er in Bern war, daß er dort in einer Kohlenhandlung eine Aushilfsstelle gefunden hatte.
Schlußfolgerung?
Der Mann, der bei dem Transport der Leiche mitgeholfen hatte, mußte mir diese Warnung zugeschickt haben… Sie werden mich fragen, warum mein Verdacht nicht auf Ludwig Farny fiel… Im Augenblick, da ich die Warnung erhielt, lag Ludwig Farny im Zimmer der Serviertochter Hulda Nüesch. Als ich ihm später den Zettel zeigte, wurde er rot: also mußte er den Mann kennen, der mir die Warnung zugeschickt hatte… Wen kannte Ludwig außer den Armenhäuslern, die, wie alle Alkoholiker, schwatzhaft waren und daher als Komplizen ungeeignet? Seinen Stiefbruder, Ernst Äbi. Später erfuhr ich, daß Äbi Ernst dem Ludwig geholfen hatte, als dieser sich in Not befand. Nun war mir der Fall klar: Der Mann, der hinter den Morden steckte, konnte versuchen, sich seines Mitwissers zu entledigen. Ich gab deshalb Ludwig Farny den Auftrag, auf seinen Stiefbruder aufzupassen… Denn, meine Herren, Ernst Äbi würde sicher alles versuchen, um seinen Vater zu decken. Inzwischen war ich nach Bern gefahren und lernte dort – wenn auch indirekt – den Charakter des ehemaligen Maurers Äbi kennen. Der Mann besaß Geld, er trank, brutalisierte seine Frau – und, was das Merkwürdigste war, er war sehr eng befreundet mit dem Hausvater der Armenanstalt, Herrn Hungerlott.
Ob diese Freundschaft aus der Zeit stammt, da Hungerlott Äbis Tochter heiratete – ob umgekehrt Hungerlott den Vater Äbi von früher her kannte, wird die Untersuchung zeigen. Kurz, Herr Hungerlott nahm seinen Freund, den Hilfsarbeiter Äbi, nach Pfründisberg mit. Auch die zweite Frage: ob Hungerlott oder Vater Äbi den Gartenbauschüler in das mit Blausäuredämpfen gefüllte Gewächshaus gelockt hat, wird ebenfalls bei der Untersuchung zutage kommen. Genug…
Dem Schüler Äbi Ernst gelang es, aus dem Krankenzimmer zu fliehen, während Ludwig Farny schlief, er ging zur vorausbestimmten Zusammenkunft, die wohl im Gange vor den Gewächshäusern stattfand… Schnell wird eine Türe geöffnet, der Bursche in das Glashaus gestoßen, der Schlüssel von außen mit einer Zange umgedreht – et le tour est joué: wie der welsche Nachbar sagt. Wahrscheinlich hat Hungerlott von einigen Insassen der Armenanstalt, in der Gaststube der Wirtschaft ›zur Sonne‹, einen Krach inszenieren lassen, der die Schüler vor die Fenster der Wirtschaft lockte und somit eine frühzeitige Entdeckung des Ernst Äbi verhinderte.
Leider wachte Ludwig Farny zu spät auf, er kam mich holen, der Lehrer Wottli gab mir seinen Schlüssel (vorher lüfteten wir das Glashaus) und wir öffneten die von innen verschlossene Türe…
Hier hat der Mörder einen Fehler begangen… Aber eigentlich blieb ihm keine andere Wahl: Entweder mußte er den Schlüssel mit den Kratzspuren am Metallteil hinter dem Bart finden lassen, oder er mußte einen neuen Schlüssel ins Schloß stecken… Wahrscheinlich war ihm nicht genug Zeit geblieben, um den glänzenden Schlüssel zu oxydieren und ihn somit dem anderen gleich zu machen… Hätte er dies getan, so wäre es mir unmöglich gewesen, dem Mörder auf die Spur zu kommen. So aber hat er ein Versehen begangen – und durch dies Versehen ist es mir gelungen, den Fall aufzudröseln. Hier ist der fragliche Schlüssel…
Nicht durch diesen Schnitzer allein – im Testament, das James Farny hinterlassen hatte, war ausdrücklich festgelegt worden, daß die Männer, die Gatten seiner Verwandten (seiner Schwester und seiner Nichte) nicht erbberechtigt seien. Ein Kodizill änderte etwas – doch nicht viel. Verschwand dieses Testament, so blieb Herr Hungerlott –wohl durch ein Testament seiner Frau – erbberechtigt.
So, wie ich jetzt die Sache überblicke, scheint es mir, als sei meinem Freunde Münch eine Falle gestellt worden: Vater Äbi wurde nur deshalb nach Pfründisberg geführt, ihm wurde ein Gastzimmer nur deshalb angeboten, um den Notar dazuzubringen, das Haus zu verlassen, mich zu besuchen… Wahrscheinlich wollte man ihn schon vor seiner Zusammenkunft mit mir niederschlagen und ihm das Testament und James Farnys Brief entwenden…«
»Ich möchte den Herrn Statthalter fragen, wie lange er noch seinem Untergebenen zu erlauben gedenkt, Märli zu erzählen?« warf in diesem Moment Hungerlott dazwischen.
»In Bern ist die Phantasie des Wachtmeisters Studer sprichwörtlich; vom Gefreiten bis hinauf zum Polizeihauptmann wird der Spruch gebraucht–. ›Dr. Köbu spinnt!‹ Oder stimmt's etwa nicht?« Massig und breitbeinig und ruhig stand Studer vor dem Kamin, er zuckte die Achseln…
Schweigen… Verlegenes Schweigen… Des Hauptmanns Gesicht war rot geworden und auch die Gesichter der übrigen erinnerten in der Farbe an reife Tomaten.
Studer wandte sich an Vater Äbi:
»Auf der Polizei ist auf Euren Namen ein Motorrad, Marke Harley Davidson, eingetragen. Könnt Ihr mir sagen, mit welchem Geld Ihr das teure Töff gekauft habt? Wer Euch die Steuer gezahlt hat?«
»Mit… myne… Ersparnisse…«, stotterte der ehemalige Maurer.
»Reinhard«, sagte Studer, »hol die Frau!«
* * *
Die Mutter
Der Gefreite Reinhard ging zur Tür, öffnete sie, schloß sie von draußen; kam wieder zurück; ihm folgte eine alte Frau, deren graue Haare kurz waren und unordentlich vom Kopfe abstanden. Viele Runzeln durchfurchten ihr Gesicht. Sie trug einen einfachen Hut – und ein Wollschal war über ihre Brust gekreuzt und im Rücken festgebunden.
»Frau Äbi«, sagte Studer sanft. »Seit wann besitzt Ihr Mann ein Motorrad?«
»Si Fründ hets ihm g'schenkt…«
»Welcher Freund?«
»Äh, dr Hungerlott!«
»Wann?«
»Vor sechs Monate!«
– Ob der Mann das Töff viel gebraucht habe? Und man solle der Frau einen Stuhl geben!
Keiner der Herren stand auf, Ludwig Farny aber sagte: »Chumm, Muetter!« Er trat auf die alte Frau zu, nahm sie am Arm, führte sie zu seinem Stuhl, dann stellte er sich neben seinen Freund, den Wachtmeister.
Die Frau erzählte: – Oft sei der Mann in der Nacht fortgefahren. Sie könne nicht sagen wohin. Als man sie heute morgen mit dem Polizeiauto geholt habe, da sei es ihr unverständlich gewesen, was man von ihr wolle… Sie unterbrach sich, um Ludwig zu fragen, wie es ihm gehe… Der Bursche nickte: Es gehe ihm gut, er habe Glück gehabt, und wahrscheinlich würden sie beide jetzt reich werden…
Hungerlotts spitze Stimme unterbrach wieder das Gespräch: – Wegen dem Reichwerden habe wohl das Zivilgericht auch noch ein Wort zu sagen… Das Mädchen mit der weißen Schürze und dem weißen Häubchen auf dem Bubikopf kam herein und trug vor sich her ein Tablett, auf dem Gläser klingelten. In der Rechten hielt sie am Halse drei Flaschen… Der Hausvater meinte, die Herren würden wohl gerne eine kleine Erfrischung zu sich nehmen. Es sei ja unerhört, den Besuch einer Anstalt in ein Verhör ausarten zu lassen…!
Vater Äbis Gesicht hatte sich verändert; seine Haut war blaß geworden, seit die Frau den Raum betreten hatte… die Mutter erzählte – und ihre Stimme war gar nicht weinerlich –:
– Ein schönes Leben habe sie nicht gehabt… und jetzt sei noch der einzige Mensch gestorben, der sie beschützt habe, der einzige, vor dem der dort (ihre verarbeitete Hand wies auf Vater Äbi) Angst gehabt hätte. Das schönste Leben habe sie gehabt, wenn der Sohn daheim gewesen sei, der eine Sohn, verbesserte sie sich rasch, als sie sah, daß Ludwigs Augen traurig wurden… – Ja, vor dem Ernst habe der Mann Angst gehabt und wenn er noch so besoffen gewesen sei, habe er nicht gewagt, sie anzurühren, wenn der Ernst daheim gewesen sei… Nur, äbe; der Ernst sei viel fort gewesen, aber er habe ihr oft geschrieben. Diesen Brief hier zum Beispiel… Sie kramte in einer alten Handtasche, zog einen zerlesenen Brief heraus und wollte ihn Studer geben. Um der Frau das Aufstehen zu ersparen, trat der Wachtmeister auf sie zu – aber er war nicht schnell genug… Vater Äbi sprang auf, wie eine Kralle schnellte seine Hand vor – den Brief! Den Brief wollte er haben!
Und fast wäre es ihm gelungen – wenn nicht der Gefreite Reinhard gewesen wäre. Vater Äbi hätte den Brief fast erwischt… Aber der vife Reinhard stellte ihm ein Bein, Äbi fiel auf die Nase – und ruhig, als ob nichts geschehen wäre, nahm Studer den Brief, entfaltete ihn und fragte: »Darf ich den Brief vorlesen?« Nicken, Nicken allerseits. Studer las:
»Liebe Mutter!
Einem Menschen muß ich beichten. Diese Nacht hat jemand Steine gegen mein Fenster geworfen, ich war wach, die Kameraden hörten nichts. Als ich hinausschaute, erkannte ich den Vater, der mir winkte. In der Nacht ist die Tür der Schule versperrt. Darum ging ich in den ersten Stock, wo ich ein Fenster kenne, neben dem ein dicker Efeuzweig bis zum Boden reichte, ich turnte hinunter und traf den Vater. Er führte mich in die Heizung. Dort lag der Onkel erschossen am Boden. Er war bekleidet mit einem Nachtanzug und darüber hatte er einen Mantel gezogen. Der Vater schickte mich in das Zimmer des Onkels, ich solle dort einen Anzug, ein Hemd, Socken, Schuhe und einen Überzieher holen. Wir zogen die Leiche aus und bekleideten sie mit den Kleidungsstücken, die ich mitgebracht hatte. Der Tote war noch nicht steif. Dann befahl mir der Vater, ihm zu helfen, den Toten auf den Friedhof zu tragen. Wir legten die Leiche auf das Grab der Anna. Die Polizei sollte meinen, der Onkel hätte sich wegen Liebesgram erschossen. Dann gingen wir in die Heizung zurück. Es war noch genug Glut vorhanden, um den Mantel zu verbrennen, doch dann wurde das Feuer so schwach, daß es unmöglich war, auch den Schlafanzug zu verbrennen. Der Kittel war ja noch naß von Blut. Der Vater ließ mich schwören, den Kittel bei erster Gelegenheit zu verbrennen. Ich nahm ihn mit, kletterte am Efeu wieder in die Höhe, versteckte das Wäschestück in meinem Schaft und gedachte es am nächsten Tage in die Zentralheizung zu werfen. Nach der Postverteilung sah ich, daß Lehrer Wottli ein Packpapier fortwarf; das nahm ich und packte den Kittel darein. Ich wollte in der Nacht aufstehen und beides in der Zentralheizung der Schule verbrennen, aber ich kam nicht dazu. Um halb vier Uhr morgens fuhr der Vater auf seinem Töff Bern zu. Ich sah ihm nach, als plötzlich jemand neben mir stand: es war der Ludwig. Da ich ihm schon einmal geholfen hatte, versprach er mir, nichts von dem zu erzählen, was er gesehen hatte.
Ich habe dir das alles erzählen müssen, Mutter, weil ich es sonst nicht aushalte, aber erzähl niemandem etwas davon, besonders dem Vater nicht.
Muetti, viel Liebes von deinem Sohne Ernst.
Aber erzähl niemandem etwas von dieser Sache.«
»Und dieser Brief soll echt sein? Hahaha!« Vater Äbi lachte, »ich allein hab' doch den Schlüssel zum Briefkasten!«
Studer blickte die alte Frau an: Sie war ärmlich gekleidet, ihr Rock war lang und unter dem Saum sahen grobe Schuhe hervor. Wie viele alte Frauen hielt sie die Arme verschränkt, so zwar, daß ein Ellbogen in der hohlen Hand ruhte. Sie stand auf, ihr gebeugter Rücken streckte sich – wirklich, diese alte Frau, die Studer krank gesehen hatte, sah vornehm aus. Und die Antwort, die sie ihrem Manne gab, war nicht etwa höhnisch, nein, Verachtung lag in ihr, aber eine würdevolle Verachtung.
Der Noldi halte sie für so dumm, sagte sie und wandte sich ausschließlich an den Wachtmeister, daß er meine, sie lasse ihre Briefe nach Hause kommen! Seit Jahren schon habe sie eine Freundin, an die sie die Briefe schicken lasse, von denen sie nicht wolle, daß der Mann sie sehe. Hier sei die Adresse, wenn sie den Wachtmeister interessiere…
Studer nahm beides an sich: Brief und Enveloppe, übergab die Papiere dem Statthalter und sagte – er bediente sich des Schriftdeutschen –: »Sie lassen beides zu den Akten legen…«
»Habe ich also doch recht gehabt, Herr Wachtmeister?«
Studer lupfte die Achseln: »Es war nicht schwer zu erraten«, meinte er.
Eine Flut von Schimpfworten ergoß sich aus Vater Äbis Mund. Doch schließlich ging dem Manne der Atem aus und in die Pause hinein sagte die alte Frau: »Ich hätte ihn nie verraten, wenn er nicht den Ernst…«
Ihre Augen blieben trocken, sie zog aus der abgeschabten Handtasche ihr Nastuch, schneuzte sich.
Die Stille im Raum war so tief, daß man das Summen einer Winterfliege hören konnte… Was nun… Studer erinnerte den Statthalter, daß es an ihm war, einen Entschluß zu fassen.
»Verhaften«, sagte Herr Ochsenbein, »beide verhaften…«