»Rächen!« wiederholte Herr Farny. »Sie werden meinen, Inspektor, das sei kindisch. Vielleicht, Sie haben recht! Aber ich will nicht, daß er hat den Triumph.«
»Er?« wiederholte der Wachtmeister fragend. »Welcher er?«
Da lächelte der Fremde und es war ein sehr unbernisches Lächeln. – Ein uneuropäisches fast. »Wer? Wenn ich ihn kennen würde! Ich weiß es nicht. Sie werden es herausfinden müssen… Aber ich vertraue Ihnen. Ich kenne mich aus in Menschen. Ich kann taxieren ohne zu sehen Ihre Schrift, ohne zu wissen Ihr Geburtsdatum. Sie, Inspektor, sind wie ein Schwerölmotor.
Es braucht lange, bis Sie eine hohe Tourenzahl erreicht haben, aber dann laufen Sie, dann nehmen Sie jedes Hindernis wie ein Traktor, wie ein Tank… Ich weiß schon, Sie haben gedacht heut abend, der Farny ist verrückt, er leidet an Verfolgungswahn. Und Sie werden sehen, daß der Farny recht behalten wird. Morgen? Übermorgen? In einem Monat? In zweien? In dreien? Einmal wird er recht haben und dann werden Sie Arbeit bekommen… Gute Nacht, Inspektor, schlafen Sie wohl. Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt nach Hause.«
Kein Handdruck, kein Geräusch… Farny James, der ›Chinese‹, war lautlos verschwunden – die Stufen hinauf? Um die Ecke des Hauses?
Vom Schopf her aber kam hustend und keuchend und spuckend der Wirt Brönnimann und trug eine Fünfliterkanne Benzin. Studer füllte den Behälter auf, zahlte seine Schuld, trat auf den Anlasser und fuhr in die stille Nacht hinein. Einige Gebäude des Weilers Pfründisberg waren noch erleuchtet – er ließ ihre Lichter hinter sich. Die Sommernacht war frisch.
Dies alles war am 18. Juli geschehen.
Und heute schrieb man den 18. November.
Drei Monate hatte der ›Chinese‹ als Höchstfrist für seine Ermordung angegeben. Er hatte einen Monat zu wenig berechnet, denn vier Monate waren seit dem 18. Juli vergangen.
* * *
Die drei Atmosphären
Studers Schweigen vor der Leiche des ›Chinesen‹ – wie er den Fremden stets noch bei sich nannte – war wohl so kurz gewesen, daß es seinen Begleitern nicht aufgefallen war. Das Wiedererleben jener Julinacht hatte vielleicht einige Sekunden gedauert. Der Ablauf der Begebenheiten, die sich in ihr abgespielt hatten, war schnell und für Außenstehende unbemerkt vor sich gegangen. Aber der Wachtmeister wollte weder dem alten Dorfarzte von Gampligen, dem die grauen Haare über Ohren und Sammetkragen wucherten, noch dem eleganten Statthalter, dessen auf Taille geschnittener Überzieher sicher sehr wirkungsvoll war, aber wenig Wärme gab, nichts von jener Julinacht erzählen. Darum stellte er scheinbar naiv folgende Frage:
»Wie heißt der Tote und wo hat er gewohnt?« Der Statthalter räusperte sich.
»Ein Fremder«, sagte er, »obwohl er in Gampligen heimatberechtigt war. Als Dreizehnjähriger ist er durchgebrannt und ließ sich als Schiffsjunge anheuern. Später unternahm er alles mögliche – aber soviel ich in Erfahrung bringen konnte, hat er sich besonders in China herumgetrieben. Ich glaube, er besaß sogar das Kapitänspatent. Ursprünglich hieß er mit dem Vornamen Jakob…« Dies gab Studer einen kleinen Ruck. »…Aber er hat das Jakob anglisieren lassen und sich James genannt. Er wohnte in einem Zimmer beim Sonnenwirt und niemand wußte, warum er sich dort niedergelassen hatte. Zog ihn die Heimat, das Dorf Gampligen, an? Suchte er nach Verwandten? Die Beantwortung all dieser Fragen wird der Ermordete wohl mit ins Grab nehmen.«
»Und was habe ich Euch gesagt, Wachtmeister? Wird unser Statthalter nicht ein ausgezeichneter Nationalrat werden? Reden kann er, reden! Und was die Hauptsache ist, er lauscht mit Genuß seinem eigenen Geschwätz!«
»Herr Doktor Buff, ich möchte Sie doch sehr bitten…«
»Bitten Sie nur, bitten Sie nur!«
»Ich weigere mich, auf weitere Insinuationen einzugehen; ich habe meine Pflicht getan und eine kriminalistisch geschulte Person zugezogen… der Rest geht mich nichts an!«
»Sie waschen Ihre Hände in Unschuld, Herr Statthalter Ochsenbein! Natürlich, Pilatus war ja auch ein Statthalter…«
»Aber, meine Herren!… Aber, meine Herren!« Studer segnete nach beiden Seiten mit seinen in Wollhandschuhen steckenden Händen. »Wenn ich mir erlauben dürfte, eine Merkwürdigkeit dieses Falles aufzuzeigen…«
»Zeigen Sie nur auf, hihi! Zeigen Sie nur auf!« krächzte Doktor Buff.
»… dann wäre es« – Studer ließ sich nicht aus der Ruhe bringen – »die folgende Tatsache: Dieser Fall scheint in drei Atmosphären zu spielen: in einem Dorfwirtshaus, in einer Armenanstalt, in einer Gartenbauschule. Am stärksten scheint die Armenanstalt in diesen Fall hinein verwickelt zu sein… Warum finden wir die Leiche des Ermordeten auf dem Grabe der verstorbenen Frau des Hausvaters Hungerlott?«
»Äbe!… Das verstärkt noch meine Theorie des Selbstmordes«, sagte Doktor Buff weise und kratzte sich die Stirne. »Die Liebe! Sie wissen, Herr Wachtmeister, welche Verheerungen die Liebe imstande ist anzurichten – in den Menschenherzen. Die Frau des Hausvaters war eine schöne Dame… Vielleicht – ich sage vielleicht! – hatte sich der Fremde in sie verliebt… Vielleicht konnte er ihren Tod nicht überstehen und beging Selbstmord…« Das Gesicht des Arztes sah aus wie ein Knäuel von Runzeln.
»Da hört Ihr es selbst, Herr Wachtmeister! Seit einer Stunde gebe ich mir Mühe, diesen Arzt hier zu überzeugen, daß wir es mit einem Mord zu tun haben und was ist seine neueste Entdeckung? – Selbstmord aus Liebesgram!«
Studer hörte dem Gezänk der beiden nicht weiter zu. Er hatte sich über die Leiche gebeugt und begann den Inhalt der Taschen zu prüfen. Aber während er dies tat, konnte er nicht verhindern, daß er mit dem Toten ein stummes Gespräch hielt: »Du bist mir auf die Nerven gegangen, weil du das Reimlein erfunden hast: ›Bruder-Studer‹. Verzeih… Ich hab' dich damals nicht ernst genommen, hab' gedacht, du spielest Komödie oder krankest am Größenwahn. Warum hast du mir nicht alles gesagt? Warum hast du mich nicht gebeten, bei dir zu bleiben? Vielleicht hätt' ich dich schützen können. – Ich will gerne zugeben, ich habe gemeint, du habest zu viel Abenteuerromane gelesen. Ich glaubte, irgendeine ›Späte Rache‹ spuke in deinem Kopfe. Und jetzt hat dich doch einer erschossen. Denn was dieser Doktor erzählt, ist einewäg Chabis. Der geschniegelte Statthalter ist im Recht – genau so im Recht wie du…«
Die Taschen waren leer und daher wandte sich der Wachtmeister an die anwesende Amtsperson, die graue Gamaschen trug.
»Haben Sie die Taschen durchsucht?«
»Nein! Ich habe nur die Wunde gesehen.«
»Ich auch«, krächzte Doktor Buff. »Aber etwas anderes habe ich noch feststellen können: Aus der Waffe, die neben der Rechten des Toten liegt, ist ein Schuß abgefeuert worden.«
Studer reckte sich auf und fragte: »Woher wissen Sie das, Herr Doktor?«
»Sie brauchen nur an der Mündung des Laufes zu schmöcken, Wachtmeister.«
Studer dachte bei sich: »Lieber verlange ich von Bern ein Sanitätsauto und laß die Leiche ins Gerichtsmedizinische bringen, als daß du mir die Sektion machst!« Laut sagte er:
»Ich werde Euch auf dem laufenden halten, Herr Statthalter. Aadiö wou, Herr Doktor!« Er führte zwei Finger zur Krempe seines Hutes und verließ den Friedhof. Als er sich am Tore umwandte, sah er die beiden wieder heftig miteinander streiten, während der uniformierte Landjäger wie eine Statue reglos zu Häupten des Grabes stand. Die drei verbargen die Leiche des ›Chinesen‹, die auf dem frischen Grabe lag.
Der Nebel war dünner geworden, Sonnenlicht durchsetzte ihn, so daß er wie rohe Seide glänzte…
* * *
Angst
Diesmal betrat Studer das richtige Zimmer; er ging an der Türe vorbei, die in den Privatraum des Wirtes führte und sah das mit Aluminiumfarbe bestrichene Öfeli nur in der Erinnerung; dann stand er inmitten der Gaststube. Da hörte er ein Glas zu Boden fallen und zersplittern. Hinter dem Schanktisch bückte sich die Serviertochter Hulda Nüesch, ihre braunen Zöpfe lagen als Kranz um den Kopf und es kam Studer vor, als sei die Haut ihres Gesichtes noch bleicher als in jener fernen Julinacht.
»Was hescht, Huldi?« Keine Antwort.
– Sie solle ihm einen Dreier Roten und eine Portion Hamme bringen.
»Ja… Herr… Herr… Wachtmeister!« Furchtsam drückte sich das Mädchen zur Tür hinaus.
In der Stube roch es nach erkaltetem Stumpenrauch, nach schalem Bier. Umständlich zündete Studer eine Brissago an, zog sein Notizbüchlein aus der Tasche und netzte die Spitze seines Bleistiftes:
»Farny James Jakob«, schrieb er, »geboren am 13. März 1878, heimatberechtigt in Gampligen.«
Einmal nur hatte er diese Daten gesehen, ganz flüchtig, und doch erinnerte er sich ihrer, als ob er die Seite des Passes, auf der sie standen, photographiert in seinem Kopfe trüge. Weiter schrieb er in seiner winzigen Schrift:
»Verwandte des Farny?
Brüder? Schwestern? Nichten?
Warum lag die Leiche auf dem Grab der verstorbenen Frau Hungerlott?
Muß im Pyjama erschossen worden sein! Suchen nach Pyjama!
Telephonieren ans Gerichtsmedizinische…«
Er sah sich im Raume um; hinter dem Schanktisch stand ein Buffet, dessen oberer Teil mit Flaschen gefüllt war. Auf einer Ecke der Marmorplatte stand ein Telephon. Studer drängte sich an der Saaltochter vorbei, die Gläser putzte, stellte die Nummer des Gerichtsmedizinischen Institutes ein und verlangte Dr. Malapelle zu sprechen. Halb in italienischer Sprache, halb in deutscher gab er seine Wünsche kund. Die Leiche eines Erschossenen solle so bald als möglich abgeholt werden, eine Sektion sei notwendig, morgen hoffe er nach Bern zu kommen und die Resultate zu vernehmen. Auf Wiedersehen…
Die Brissago war natürlich ausgegangen. Während er sie von neuem in Brand setzte, blickte Studer durchs Fenster. Ein Hochplateau fiel fünfhundert Meter weiter steil ab, auf der anderen Seite des Tales sah man verschwommen durch den Nebel das herbstlich bunte Laub eines Waldes leuchten, welches abgegrenzt wurde vom dunklen Grün einiger Tannen.
»Hier… hier… Herr Wachtmeister!«
»Märci!«
Studer schenkte sein Glas voll – es war rosaroter Landwein – das Mädchen beeilte sich zu verschwinden und der Uralte betrat das Zimmer.
»Ah!… Der Herr Wachtmeister!… Schmeckt der Z'Immis?«
»Mhm.« Studer kaute und beobachtete unter gesenkten Lidern den Wirt Brönnimann. »Ihr habt«,fuhr er fort,»den Toten gefunden?«
»Ich?… Ja… Zufällig!«
»Was seid Ihr suchen gegangen auf dem Friedhof am Morgen? He? Es war doch noch dunkel, oder?«
Er habe e chlys… er habe e paar Schritt ta vors Huus… Wenn man alt werde, sei frische Luft bsunderbar g'sund…
»Und da habt Ihr Euern Gast gesehen? Tot?«
»Ganz tot. Ja, Wachtmeister. Aber agrührt han igen nid!«
»Wer redt denn vo Arühre! Aber hocked doch ab. Ihr stafflet i dr Stube umenand, wie…«
»Äksküseh! Pardon! Wenn's erlaubt ist!« Und dann rief der Uralte: »Huldi! Bring no-n-es Glas!«
Er ließ dem Mädchen keine Ruhe. Nachdem es das Glas gebracht hatte, mußte es springen und einen halben Liter bringen. Der Wirt stieß mit dem Wachtmeister an, wünschte »G'sundheit!« und sein ganzes Gehaben wirkte unecht. Nie kam es vor, daß Brönnimann dem Wachtmeister in die Augen sah – die Blicke des Uralten waren immer zu Boden gesenkt, der Wirt litt an schwerem Atem, er keuchte und knorzte und seine Rede war unterbrochen von Hustenanfällen.
»Ja, Wachtmeister, wenn Ihr auf mich lose würdet! Aber ein alter Mann wie ich – was hat der schon zu sagen! – khäkhäkhä–. Ja. Er war ein lieber Gast, der Farny, immer ruhig, immer still – lautlos wie-n-es Müüsli… Ja! Khäkhäkhä… Und trotzdem ist er ermordet worden.« Husten. Dann:
– Wenn er nur reden könnte! meinte der Wirt, aber man sage ja immer: Vorsicht sei die Mutter der Weisheit… »Khäkhäkhä…« Noble Leute kämen oft zu ihm, der Hausvater der Armenanstalt, der Direktor der Gartenbauschule, Großräte, Regierungsräte… Nämlich, wenn sie die Anstalten besuchen kämen. »Khäkhäkhä!« Und mit noblen Leuten sei nicht gut Kirschen essen…
»Kennt Ihr Verwandte des Toten?« fragte Studer. Er hatte ein Stück Hammen auf die Gabel gespießt und betrachtete es kritisch.
»Verwandte? Ja, von Verwandten könnt ich Euch mänges verzelle! Aber wisset, Wachtmeister, da muß man vorsichtig sein, me cha sich wüescht d'Zunge verbrönne… Wenn ich Euch verzelle würd, was alles gseit worde-n-isch bym Tod vo der Anna…«
»Der Anna Hungerlott? Der Frau vom Hausvater? Wie hat sie geheißen mit dem Mädchennamen?«
»Eh Äbi…«
»Äbi?« Studer steckte den aufgespießten Schinken in den Mund, kaute und dachte nach. Äbi? Den Namen hatte er schon einmal gehört. Wann nur? Die Julinacht fiel ihm wieder ein und dann zwei Worte des nun toten Farny James. »Kusch, Äbi!« hatte der ›Chinese‹ zu einem der Gartenbauschüler gesagt.
»War die Anna mit einem Pfründisberger verwandt?«
Brönnimann nickte, nickte. – Ihr Bruder habe einen Jahreskurs in der Schule absolutiert. Studer lächelte: Jaja, die Fremdwörter! Aber schließlich blieb es sich gleich: Absolviert oder absolutiert – der Unterschied war nicht groß, wichtig war nur, daß man sich verstand.
»Loset Brönnimann, habt ihr letzte Nacht nichts gehört?«
Schweigen. Dann ein kleiner Schrei – der Laut kam vom Schanktisch her. Nun drehte sich der Uralte um und schnauzte die Serviertochter an:
»Geh an deine Arbeit, Meitschi!« Dann wandte er sich wieder seinem Gaste zu und seine Augen waren blau, wie die Flamme eines Spritbrenners.
»Ja, Wachtmeister«, fuhr er fort. »Es ist ein Elend heutzutage mit den Diensten!«
»Ich hab Euch gefragt, ob Ihr keinen Schuß gehört habt…«
»Einen Schuß?« wiederholte der Alte. – Es syg ihm so gsy, so um die halbi drü… Da häb es en Chlapf gä, aber dann sei ein Töff unter dem Fenster vorbeigefahren und es könne gut möglich sein, daß der Chlapf von dem Töff gekommen sei… Eine Explosion vom Motor oder so öppis…
Hinter dem Schanktisch sagte eine Stimme:
»Und es isch doch e Schuß gsy, Brönnimaa!«
– Das Meitschi solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, begehrte der Alte auf – aber Studer netzte die Spitze seines Bleistifts und machte eine neue Eintragung in sein Notizbüchlein…
»Um halb drei also?« fragte der Wachtmeister. »Wer war gestern abend bei Euch?«
»Oh… Khäkhäkhä… Der Hausvater Hungerlott, der Direktor Sack-Amherd, der Gerber… Wir haben gejaßt… Und dann zwei oder drei Schüler…« Der Alte schwieg.
»Sonst niemand?« wollte Studer wissen. Wieder kam die Antwort hinter dem Schanktisch hervor:
– Es seien noch zwei gewesen; und: warum der Wirt die Namen dieser beiden nicht nennen wolle?
– Das Meitschi solle schwyge! Es sei nicht gut, wenn man zuviel rede. Studer aber beschloß, das Mädchen bei der nächsten Gelegenheiten auszuholen. Vorläufig beschränkte er sich auf die Frage:
»Säg Brönnimaa… Warum hescht du Angscht?«
Ein Hustenanfall war die Antwort. Und dann stotterte der Wirt:
»Ig? Wachtmeister, ig Angscht?«
»Ja, du!« sagte Studer trocken und deutete mit seinem Zeigefinger auf die hohle Brust des Alten. Wie verschieden doch die Menschen waren! Die einen mußte man ihren, die anderen siezen – und schließlich gab es solche, die erst auspackten, wenn man sie duzte…