Ob 's Trili-Müetti immer so streng habe schaffen müssen? fragte der Wachtmeister. – Wie die Frau Hungerlott noch dagewesen sei, habe das Müetti wohl weniger Arbeit gehabt?
– Die? Die ins Wasser gelangt? Mit ihren bemalten Fingernägeln? Nie habe die Hausmutter ihre Hände in Seifenlauge getaucht. Gäng habe 's Trili-Müetti wäsche müesse… »Gell Hansli?«
Der Güggel streckte seinen Hals, so, als müsse er seinen Kopf aus einem allzu hohen Stehkragen schrauben – exakt, wie der Notar Münch, dachte Studer –, dann legte er seinen purpurnen Kamm auf die Seite und blinzelte. »Go–ogg!« meinte er, was in seiner Sprache sicher die Behauptung des Weibleins bestätigen sollte.
Dann rannte der Hahn durch den Hof, machte vor einem Staubhaufen halt, scharrte, pickte. Die drei Armenhäusler sahen ihm zu, gestützt auf die Stiele ihrer Reisbesen. Dann suchten sie in ihren Taschen und warfen dem Vogel Brotkrumen zu…
»Hansli!« rief die Wäscherin. Der Hahn trottete näher, versuchte zu krähen, schüttelte sich – und begann an den Leintüchern zu picken, die auf dem Boden lagen.
's Trili-Müetti sang:
»In Muetters Stübeli da goht dr hmhmhm,
In Muetters Stübeli da goht dr Wind.
Mueß fast verfrüüre vor lutter hmhmhm,
Mueß fast verfrüüre vor lutter Wind.
Du nimmscht de Bettelsack und i de hmhmhm,
Du nimmscht de Bettelsack und i de Chorb…«
Während Studer darüber nachdachte, warum die alte Frau ein Appenzellerlied sang, statt eines bärndeutschen, fühlte er plötzlich, wie das Päckli, das unter seinem Ellbogen eingeklemmt war, auf den Boden fiel. Es ging auf, der Schlafanzug, der mit Blut getränkt war, wurde von der Sonne beschienen, die zwischen zwei Wolken auftauchte. Zuerst war der Güggel zurückgeflattert, nun kam er näher, grub seine Krallen in den dünnen Stoff und pickte, pickte – genau wie er vor kurzem an der schmutzigen Bettwäsche gepickt hatte…
»Gang awääg… Ksch… Woscht!…« Der Wachtmeister klatschte in die Hände, aber der Hahn blieb hocken und stieß nur einen verfehlten Kräh aus.
Das sei ein zahmer Güggel! meinte Studer erstaunt.
»Ja, gell, Hansli! Mir zweu verstandet üs!« Das alte Weiblein nahm Wäsche aus dem Bottich, wrang sie aus und warf sie neben sich aufs Pflaster. Studer bückte sich, um sein Eigentum aufzuheben – aber der Vogel war ganz aufgeregt. Er sprang in die Höhe, sein Schnabel zerriß das Papier. Dann ließ er ab und beschäftigte sich wieder mit Staub.
Endlich konnte Studer das braune Packpapier wieder um den Schlafanzug wickeln. Nun meinte er, 's Müetti könne für sein Alter gut singen. Und wie das denn gewesen sei mit der Krankheit der Hausmutter?
Das Weiblein schlug mit der flachen Hand in das schaumige Wasser, ein Spritzer erreichte des Wachtmeisters magere Nase.
– Gar gruusam habe sie leiden müssen, die Hausmutter, sagte die alte Frau und schnupfte. Dann rieb sie sich die Augen mit dem feuchten Handrücken.
– Gruusam? Wie das denn gewesen sei mit dieser Krankheit?
Nun hielt das Weiblein seine Rechte vor den Mund: – Es wäre eben nicht alles richtig gewesen. Aber das Beste sei wohl, man hocke ufs Muul…
– Was es denn Geheimnisvolles gegeben habe? Und warum man es nicht erzählen dürfe?
Das Weiblein legte den Zeigefinger auf ihre eingefallenen Lippen.
– Am besten sei immer der dran, meinte es, der nicht zuviel schwätze.
– Schön, nickte der Wachtmeister. Aber zu ihm könne sie doch Vertrauen haben. 's Trili-Müetti könne sicher sein, daß er nichts weiter plappere. Denn ein Fahnder habe das Schweigen gelernt…
Doch diese Versicherung schien der alten Frau keinen Eindruck zu machen, sie summte ihr Liedlein:
»Du nimmscht de Bettelsack und i de hmhmhm,
Du nimmscht de Bettelsack und i de Chorb…«
Kaum hatte sie ihr Verslein zu Ende gesungen, geschah etwas Merkwürdiges. Das Hähnlein, das in der schmutzigen Wäsche herumgepickt und mit seinem spitzen Schnabel Studers Fund bearbeite hatte, fiel um. Von unten her schob sich sein Lid übers Auge, schwach krächzte der Hansli, streckte die Krallen – und dann war er tot.
Nun brach die Alte in Wehklagen aus:
»Hansli, mis Hansli! Was isch dir passiert?« Und Tränen kollerten aus den entzündeten Augen. Sie hob den Vogel auf, wiegte ihn auf den Armen wie ein Kindlein, und blickte den Wachtmeister vorwurfsvoll an, so, als wolle sie ihn verantwortlich machen für diesen Tod. Um das Trili-Müetti standen die drei Armenhäusler, gestützt auf ihre Besen; einer in ihrem Rücken, der zweite rechts von ihr, der dritte links. Studer mußte an das Bild denken, das er gestern, bei seiner Ankunft, auf dem Friedhofe gesehen hatte. Drei Männer umstanden eine Leiche…
Wie überraschend schnell war der Güggel verendet! Der Wachtmeister erinnerte sich, daß der Vogel in der neben dem Bottich liegenden schmutzigen Wäsche gepickt hatte – und Studer bückte sich zu diesem Haufen und begann ihn zu erlesen. Drei Taschentücher – sie rochen unangenehm nach Knoblauch; er drehte und wendete jedes einzelne, bis er das Monogramm entdeckt hatte: zwei verschlungene Buchstaben, A. Ä. – Anna Äbi…
Knoblauch? Das bewies nicht viel: Übrigens hatte der Hahn mit seinem Schnabel auch das Päckli bearbeitet, das der Wachtmeister zwischen Ellbogen und Hüfte hielt. Nun hob er auch dieses an die Nase – kein Zweifel, das braune Papier roch nach Knoblauch… Dunkel erinnerte sich Studer an die Untersuchung eines Giftfalles. Damals waren Leintücher und Taschentücher geprüft worden, und sein Freund, der Assistent am Gerichtsmedizinischen, Dr. Giuseppe Malapelle aus Mailand, hatte ihm auseinandergesetzt, daß Knoblauchgeruch fast immer auf das Vorhandensein von Arsen schließen lasse; wenn man dann noch den Marshschen Spiegel finde, so habe man alle Beweise, die man brauche…
Anna Äbi… Anna Hungerlott-Äbi… Ihre Wäsche roch nach Knoblauch… Aber das braune Papier, das an einen gewissen Wottli adressiert war, roch auch nach Knoblauch… Wottli – ein Lehrer der Gartenbauschule Pfründisberg.
In Studers Kopf war eine große Verwirrung: Der ›Chinese‹ lag auf dem Grab der Anna Hungerlott-Äbi, sein Kittel, sein Mantel, sein Gilet waren unversehrt und zugeknöpft und dennoch, dennoch hatte ihn eine Kugel ins Herz getroffen… Der Schlafanzug des Toten war im Schrank eines Gartenbauschülers gefunden worden – verpackt in ein Papier, das nach Knoblauch roch. Und gestern abend? Warum traktierte der Notar Münch, der beim Hausvater zu Gast war, seinen Freund Studer mit Fußtritten in die Schienbeingegend? Drei Fußtritte! Nur weil der Wachtmeister vom Tode der Frau Hungerlott gesprochen hatte.
Wottli… Wottli… Warum verfolgte Studer dieser Name? Nur weil er auf dem sonderbar riechenden Packpapier stand? Man mußte feststellen, ob der Güggel sich wirklich vergiftet hatte. Nicht einmal das war sicher, denn es schmeckte allzusehr nach einer überspannten Theorie. Obwohl – und dies durfte man nicht vergessen – die Wirklichkeit manchmal viel unglaubwürdiger ist als die Produkte der Phantasie.
Vielleicht war der Notar Münch auf einer Spur, vielleicht wollte er den Privatdetektiv spielen, weil er einem Giftmord auf der Spur war?
Plötzlich riß der Wachtmeister aus der Innentasche seiner gefütterten Lederjoppe eine Zeitung. Ein Blatt benutzte er, um die drei Nastücher einzupacken, ein zweites und ein drittes, um den toten Güggel dareinzuschlagen. Zwar mußte er schier einen Kampf mit dem Trili-Müetti ausfechten, denn die Alte wollte die Leiche ihres Freundes nicht hergeben. Aber endlich hielt Studer drei Pakete in den Armen, und die Art, wie er sich davonmachte, war fast eine Flucht zu nennen…
Die drei Armenhäusler starrten ihm nach. Als er die Straße erreichte, die nach der Wirtschaft »Zur Sonne« führte, blickte er sich um: Längs der Grenze, welche die Gartenbauschule von der Armenanstalt trennte, standen zwei Dutzend Burschen. Sie lachten mit weit aufgerissenen Mäulern, sie schlugen sich auf die Schenkel, sie deuteten mit gereckten Zeigefingern auf den laufenden Fahnder und ein magerer Mann, der etwas abseits von der Horde stand, groß und glattrasiert war er (»Sicher der Lehrer Wottli!« dachte Studer), vermochte nicht, die Höhnenden zu beruhigen. Wieder brach die Sonne durch, sie beleuchtete die Front der Schule – an der äußersten Ecke war ein Fenster geöffnet und zwei Köpfe hoben sich ab… Auch von dort klang Lachen, höhnisches Lachen. Das Knechtlein und sein Stiefbruder verspotteten den Fliehenden… »Wartet nur!« brummte Studer. »Euch will ich!« Er bog um die Ecke der Wirtschaft, hastete die Treppe hinauf, betrat das Gastzimmer und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Das Huldi stand hinter dem Schanktisch. Der Wachtmeister wischte sich die Stirne, bestellte ein großes Bier und verlangte eine lange, dicke Schnur. Als er sie erhalten hatte, schlug er sie um die drei Päckli, die vor ihm auf dem Tische lagen. Und sobald diese komplizierte Arbeit beendet war, stand er auf und verließ den Raum. Die Saaltochter hörte noch das Knattern des angelassenen Motors – Wachtmeister Studer fuhr nach Bern…
* * *
In der Bundesstadt
Als der Wachtmeister durch Burgdorf fuhr, kam es ihm auf einmal in den Sinn, daß er vergessen hatte, die Bekanntschaft des Lehrers Wottli zu machen. Und noch etwas anderes war ihm entfallen: er hätte mit seinem Freunde, dem Notar Münch aus Bern, sprechen müssen; es wäre notwendig gewesen, diesen juristisch geschulten Mann über das Testament, über das Vermögen des Ermordeten auszufragen. Wenn dieser Lehrer Wottli auch beschenkt worden war, dann tauchte in diesem Falle plötzlich eine unbekannte Person auf, die nicht weniger verdächtig war als beispielsweise der Gartenbauschüler Ernst Äbi; dieser hatte des toten ›Chinesen‹ blutbefleckten Schlafanzug in einem Schranke versteckt, der die Nummer sechsundzwanzig trug… Sechsundzwanzig… zweimal dreizehn!… Warum diese Zahl? Studer schüttelte den Kopf, vielleicht weil er die abergläubischen Gedanken, die sich mit Zahlen beschäftigten, vertreiben wollte; – vielleicht weil der Regen, welchen der Wind ihm ins Gesicht peitschte, seinen Wangen, seiner Nase Schmerzen zufügte.
Er wußte, daß die Leiche des Farny James ins Gerichtsmedizinische geschafft worden war, darum bog er nach dem Bahnhof rechts ab. Dr. Malapelle, den er von einem früheren Falle her kannte, empfing ihn mit einem Schwall von Begrüßungsworten. An der Leiche des Erschossenen, teilte der Assistent mit, sei nicht viel festzustellen gewesen. Studer verlangte, den Toten noch einmal zu sehen, und wurde in einen grellweißen Raum geführt. Das Gesicht des ›Chinesen‹ schien Hohn auszudrücken, vielleicht weil der Schnurrbart nicht mehr die Lippen verdeckte und man somit die Mundwinkel sehen konnte, die, abfallend, gegen das knochigharte Kinn wiesen.
»Ich will Sie mit technischen Ausdrücken verschonen, Ispettore… Die Kugel hat das Herz durchschlagen, der Mann war tot auf der Stelle.«
»Hat er viel Blut verloren?«
»Sicuro! Innere Verblutung war es keine.«
»Auf welche Distanz wurde geschossen?«
»Das ist zu schätzen sehr schwierig… Molto difficile… Keine Deflagrationsspuren… Wahrscheinlich vier oder fünf Meter.«
»Und das Kaliber?«
»Schätzungsweise sechs fünfunddreißig.«
»Was?« Studer blinzelte erstaunt. »Das war ja eine winzige Kugel. Wissen Sie, Dottore, daß man neben der Leiche einen großkalibrigen Revolver gefunden hat, einen Colt, fast ein Taschenmaschinengewehr – und daß auch aus dieser Waffe ein Schuß abgefeuert worden ist?«
Dr. Malapelle nannte den Wachtmeister nur dann »Ispettore«, wenn er mit ihm zufrieden war. Wenn er sich jedoch über Studer ärgerte, wechselte er die Anredeform und nannte ihn ›sergente‹, ein Wort, das er mit rollendem »r« aussprach.
»No, Sergente!« sagte der Assistent. Und dann gipfelte er, behauptend, der Wachtmeister sei kein guter, sei kein intelligenter Kriminalist – denn ein solcher hätte schon an der Einschußöffnung erkannt, daß eine kleinkalibrige Waffe an dieser Wunde schuld sei.
Studer kratzte sich am Nacken, und rund um seine spitze Nase runzelte sich die Haut. Er war verlegen und wütend auf sich, weil er die Untersuchung der Leiche nicht genauer vorgenommen hatte. Aber schließlich – ein Fahnderwachtmeister braucht nicht die Kenntnisse eines Arztes zu besitzen, und es wäre die Pflicht des seit langer Zeit nicht geschorenen Mediziners von Pfründisberg gewesen, ihn auf diesen Widerspruch aufmerksam zu machen. Studer hob die Achseln und ließ dann seine Hände gegen die Oberschenkel klatschen.
Aber plötzlich besann er sich an das verschnürte Paket, das er hinten auf dem Soziussitz seines Töffs befestigt hatte. Er kehrte der Leiche des ›Chinesen‹ den Rücken, sprang zur Tür, wo er noch einmal den Kopf wandte, um dem Assistenten zuzurufen, er möge droben im Labor auf ihn warten. Er habe ein paar Dinge mitgebracht, deren Analyse ihm notwendig scheine.
»Bene, bene, Ispettore«, sagte Dr. Malapelle, nun ganz versöhnt. Der Mailänder hatte für diesen Fahnderwachtmeister eine große Sympathie, und zwar weil dieser Mann, dessen massiger Körper fast bäuerlich wirkte, so ausgezeichnet italienisch sprach. Und nicht nur das: er stellte keine langweiligen Fragen, sondern war in vielen wissenschaftlichen Dingen beschlagen.
Studer aber erreichte das Laboratorium im zweiten Stock nach kurzer Zeit. Er schnaufte, denn er hatte die Treppe, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, erstiegen.
»Hier, Dottore«, sagte er, legte das Päckli auf einen Tisch, zog sein Militärmesser und durchschnitt damit die Schnur.
»Un gallo!« rief der Assistent aus und wog den Güggel in der Hand. »Aber warum? Wozu, Ispettore?«
»Sezieren!« befahl Studer. »Und dann: Eingeweide untersuchen. Ich glaube, Sie werden Arsen finden. Hernach hab' ich noch das (er zeigte die drei Taschentücher) und dies hier (er wies auf das braune Packpapier, das Wottlis Namen trug) und endlich einen Schlafanzug.«
Dr. Malapelles farbige Krawatte bildete zwischen den Spitzen seines steifen Kragens einen winzigen Knoten. Der Assistent hielt dies Knötlein zwischen Daumen und Zeigefinger, während er erstaunt die vielen Gegenstände betrachtete.
»Auf Arsen? Auf A-Es?« fragte er, die chemische Bezeichnung für dieses Element gebrauchend.
»Jawohl«, nickte Studer. »Auf ›A-Es‹.«
Der Italiener zog eilig seinen Kittel aus, fuhr in einen weißen Labormantel – und begann geschäftig zu tun. Hansli, der geflügelte Freund der alten Armenhäuslerin wurde mit einer Lanzette geöffnet, der Inhalt des Kropfes in einen Kolben getan, mit Wasser bedeckt. Die Flamme des Bunsenbrenners leckte wie eine bläuliche Zunge an dem Drahtnetz, auf dem die Kugel des Kolbens lag, das Wasser begann zu sieden, der Hals, der mit feuchten Tüchern umhüllt war, füllte sich mit Dampf. Nun drehte Giuseppe Malapelle das Gas ab, der Bunsenbrenner zog seine Zunge zurück, nun wurden die feuchten Tücher entfernt: der Marshsche Spiegel war deutlich.
»Hmmm«, brummte Studer langgezogen. »Vergiftung eines Hahnes, wie?«
»Senza dubbio«, nickte der Assistent. »Ohne Zweifel.«
Jetzt kamen die Taschentücher an die Reihe. Auch an ihnen war Arsen nachzuweisen. Dann das Packpapier – der Arsenspiegel glänzte. Und Studer war verwirrt. Seine Verwirrung aber steigerte sich, als zum Schlusse der Schlafanzug des verstorbenen Farny James untersucht wurde. Die Hosen waren während einer halben Stunde in Wasser gelegen, und als dies Wasser nun im Kolben erhitzt wurde, blieb der Schnabel rein. Einzig Tropfen setzten sich an der Innenwand fest – aber kein glänzender Spiegel bildete sich. Als dann die Flüssigkeit erhitzt wurde, in der die Jacke des Pyjamas fast dreiviertel Stunden lang eingeweicht worden war, bildete sich nur ein durchsichtiger Hauch, der kaum glänzte, und Dr. Malapelle meinte, das braune Papier, welches diesen Stoff eingehüllt habe, sei an der schwachen Reaktion schuld.