Als Studer seine Uhr zog, wurde es ihm klar, daß er den armen Mann allzulange aufgehalten hatte – um halb zwölf hatte er das Gerichtsmedizinische betreten, und nun war es schon über zwei. Darum tat der Wachtmeister das einzig Vernünftige und lud den Italiener zum Essen ein. Das Töff ratterte durch die Stadt. Dr. Malapelle saß auf dem Soziussitz und schrie dem Wachtmeister von Zeit zu Zeit treffende Bemerkungen ins linke Ohr. Frau Hedwig Studer aber war an die stets wechselnden Essensstunden ihres Mannes gewöhnt, hatte den Tisch gedeckt und brauchte nicht lange, um für einen Dritten nachzutischen.
Der Assistent rührte mit dem Löffel in der Fleischsuppe, rühmte ihren Duft, bis Studer diesem Loben ärgerlich Einhalt gebot. Nicht um unnötige Schmeicheleien zu hören, sagte er, habe er den Dottore zum Mittagessen eingeladen, sondern um mit ihm zu diskutieren…
»Jetzt diskutiere ich nicht, jetzt esse ich!« schnitt der Assistent diese Predigt ab.
Erst beim schwarzen Kaffee ließ er Studer endlich zu Worte kommen. Des Wachtmeisters Frau aber verzog sich in die Küche; sie müsse das Geschirr waschen, sagte sie, und sie begehre nicht wieder eine Mordgeschichte erzählen zu hören. Eigentlich sei es ein Jammer, mit einem Fahnder verheiratet zu sein, immer komme so ein Mann zu spät zum Essen, und dann habe er nichts als Todesfälle oder Diebstähle oder Raubmorde im Kopf.
»Diesmal ist es kein Raubmord«, sagte Studer ärgerlich und begann den Fall des ›Chinesen‹ aufzurollen. Er erzählte von dem Erschossenen, der auf einem Grabe gelegen sei – und der Mörder habe offenbar einen Selbstmord vortäuschen wollen. Jedoch sei ein solcher unmöglich, da nicht nur die Kleider des Toten unversehrt und zugeknöpft gewesen seien, trotz des Herzschusses, sondern da auch, nach Meinung des Doktors Malapelle, der Schuß in einer Entfernung von mindestens vier Meter abgegeben worden sei…
»Erinnern Sie sich noch, Malapelle, an jenen Fall, der in Gerzenstein passiert ist – damals haben wir einander kennengelernt. Damals war es das genaue Gegenteil. Ein Selbstmord wäre möglich gewesen, weil der Witschi den Lauf der Waffe mit Zigarettenblättli vollgestopft hatte, um die Deflagrationsspuren zu verdecken. Und schließlich fand ich heraus, daß ein anderer von mindestens zwei Meter Entfernung auf den Toten geschossen hatte, während alle im Dorfe glaubten, es sei ein Selbstmord gewesen. Sogar der Untersuchungsrichter, der damals den Fall behandelt hat, meint dies heute noch, und außer Ihnen und mir, Dottore, weiß nur noch eine Frau, was in Wirklichkeit passiert ist.«
»Der Fall Witschi«, nickte der Italiener.
»Diesmal ist es noch ärger«, seufzte Studer. »Nicht nur ein Familienname endet mit einem i, sondern gleich drei. Äbi, Wottli, Farny… Farny hieß der Tote. Und Wottli ist Lehrer an einer Gartenbauschule, seine Mutter wohnt in Bern und das braune Papier, an dem Sie Arsen nachgewiesen haben, brauchte die Mutter, um ihrem Sohne darin wahrscheinlich Wäsche zu schicken. Warum kann man an diesem Papier, an diesem braunen Packpapier Arsenspuren nachweisen? Wenn Sie mir diese Frage beantworten könnten…«
»Pazienza! Geduld«, predigte Giuseppe Malapelle: dann wollte er wissen, was es mit dem Hahne und mit den Taschentüchern für eine Bewandtnis habe. Studer erzählte, was an diesem Morgen geschehen war.
»Vielleicht«, meinte darauf der Assistent des Gerichtsmedizinischen Institutes, »sind Sie ganz auf dem Holzweg, Ispettore. Sie dürfen eines nicht vergessen, daß der ganze Fall in der Nähe einer Gartenbauschule spielt.«
»Was hat eine Gartenbauschule mit Arsen zu tun?«
»Sehr viel. Erstens wird in solch einer Schule sicher ein Chemiekurs gegeben…«
»Ah!« sagte Studer erstaunt. »Stimmt. Der Wottli ist auch Chemielehrer, das hat mir der Direktor heut morgen gesagt…«
»Sehen Sie. Und zweitens wird den Schülern in solch einer Schule sicher beigebracht, wie man Ungeziefer an Pflanzen vernichtet. Die Mittel, die zur Schädlingsbekämpfung verwendet werden, sind allesamt giftig. Gegen Läuse braucht man Nikotin, und zur Raupenvernichtung Arsenpräparate. Vielleicht hat der Lehrer – wie nannten Sie ihn? Wotschli? Namen haben Sie in der Schweiz! – Wie? Ah, Wottli, gut; vielleicht hat der Lehrer Wottli das Paket irgendwo, im Magazin vielleicht, wo die Mittel zur Schädlingsbekämpfung aufbewahrt werden, geöffnet – das Papier ist mit einer solchen Materie in Berührung geraten – und daher haben wir den Marshschen Spiegel entdeckt. Verstanden? Ja?«
Studer nickte. Die Erklärung ließ sich verteidigen, vielleicht stimmte sie sogar – das einzige, was ihr widersprach: die Taschentücher der verstorbenen Frau Hungerlott. Diese waren sicher nicht mit einem Mittel zur Bekämpfung von Raupen in Berührung geraten. Der Wachtmeister widersprach daher dem Assistenten, und dieser zuckte mit den Achseln.
»Sie müssen weiter suchen, Ispettore; Sie müssen gehen und besuchen die Mutter Wottli und suchen nach der Mutter von Frau Direktor Hungerlott und Schüler Ernst Äbi, welcher gewesen ist der Bruder, nicht wahr?« Studer nickte. »Vielleicht finden Sie bei beiden Müttern Wichtiges. Hernach Sie müssen zurückfahren nach Fründisbergo, denn dort werden Sie finden die Lösung – wie damals, bei unserem ersten Fall. Da war Lösung auch im Dorf. Und vergessen Sie eine Zeitlang das A-Es…«
Während sich der Assistent draußen von Frau Hedwig verabschiedete, blieb Studer in seinem Lehnstuhl sitzen. Er hatte die Hand über die Augen gelegt, schlief aber nicht, sondern grübelte. Was bedeuteten wohl die Fußtritte, mit denen ihn sein Freund Münch bedacht hatte?
* * *
Zwei Mütter
Studer erhob sich und ging ins Schlafzimmer, denn das Telephon stand auf dem Nachttisch, neben seinem Bett. Er nahm den Hörer ab und stellte die Nummer des Postscheckbüros ein. Er mußte warten. Endlich, nach zehn Minuten, wurde ihm wieder angeläutet und er erfuhr, die Höhe des Depots von James Farny sei 6325 Fr. Allerhand… Von welcher Bank überwiesen? – Crédit Lyonnais.. .– Nun läutete Studer die Filiale dieses französischen Bankinstitutes in Bern an. Und da erlebte er eine Überraschung. Er hatte gefürchtet, er würde Schwierigkeiten haben – wegen des Bankgeheimnisses. Gerade das Gegenteil ereignete sich. Herr Farny habe Instruktionen hinterlassen: Anfragen der Polizei über sein Vermögen seien sogleich zu beantworten. Der Sicherheit halber – bitte man Herrn Studer, abzuhängen – man werde sogleich wieder anläuten. An seine Privatadresse? Jawohl… Dann: Das Depot bestehe aus 100 000 amerikanischen Dollars, 10 000 englischen Pfunden. Außerdem habe Herr Farny noch ein Safe gemietet, das Edelsteine enthalte. Diamanten, Smaragde, Rubine.
Vorsichtig und respektvoll legte Studer den Hörer wieder auf die Gabel. In einer Zeitung suchte er nach dem Stande der ausländischen Devisen… Das Pfund stand auf fünfzehn Komma null drei, der Dollar auf drei fünfundzwanzig… Allerhand! Der ›Chinese‹ hinterließ ein Vermögen von rund einer halben Million Schweizerfranken. Ohne den Inhalt des Safes, der ungefaßte Edelsteine enthielt…
Etwas wie Ekel stieg in Studers Hals auf. Plötzlich ging ihm dieser Fall auf die Nerven. Was?… Es handelte sich nur um eine simple Erbschaftsangelegenheit? Und wenn man den glücklichen Erben – besser: die glücklichen Erben – entdeckt hatte, dann kannte man den Schuldigen? Chabis! Dann – eben dann hatte man den Schuldigen noch lange nicht… Nein, der Fall wurde immer uninteressanter. Denn einem Menschen mit einem geringen Gehalt, dem es während seines Lebens nicht immer gut gegangen ist, macht es nie große Freude, für andere Leute ein Vermögen zu retten… Und schließlich – wer würde das Vermögen des ›Chinesen‹ nun einsacken?
Der Wachtmeister hockte auf dem Bett, und der trübe Tag draußen ließ nur eine matte Dämmerung ins Zimmer sickern. Studer ballte die Hand, hob seine Faust vor die Augen und reckte zuerst den Zeigefinger: »Erstens: die Schwester…« murmelte er. Der Mittelfinger schnellte auf: »Zweitens: ihr unehelicher Sohn – das Knechtlein…« Der Ringfinger kam an die Reihe: »Drittens – der Äbi Ernst, Gartenbauschüler. Viertens seine Schwester, die Frau des Hungerlott…« Studer starrte auf seine Hand, nur der Daumen haftete noch am Ballen… Nun schnellte dieser zur Seite und stand rechtwinklig zur Fläche.. . »Und der Gatte? Der Gatte der Tochter? Der Hausvater des Pauperismus? He? Und der Maurer Äbi… Die Finger langen nicht!«
»Köbi, woscht nit es Taßli Gaffee?« fragte Frau Hedwig unter der Tür.
»Nei!« fauchte der Wachtmeister wütend. Er ging zum Kleiderständer, zog Kittel und Mantel an, riß die Wohnungstür auf. Doch als er sie hinter sich zuschmettern wollte, ergriff ihn Reue. – Wahrscheinlich komme er erst am Sonntag zurück, sagte er leise und freundlich. – Es sei ein verteufelter Fall… Frau Studer nickte traurig… Am Sonntag? Heute war erst Donnerstag. »Leb wohl, Hedy…« Und der Wachtmeister schloß vorsichtig die Türe.
Er stieg auf sein Töff und fuhr in die Aarbergergasse 25; er wollte über den Lehrer Wottli Bescheid wissen, weil dieser Mann einmal ein Packpapier besessen hatte, an dem Arsenspuren nachzuweisen gewesen waren…
Die Dreizimmerwohnung lag im ersten Stock und war peinlich sauber. Eine Frau, die trotz ihrer weißen Haare noch jung schien (ihr Gesicht war faltenlos), schlurfte in Filzpantoffeln über das glänzende Parkett. Schon an der Türe begann sie zu sprechen, und nichts konnte diesen Redefluß dämmen. Sie bediente sich eines merkwürdigen Basler Dialekts, der mit bernischen Brocken gewürzt war – denn seit langem hatte sie wohl ihre Heimat verlassen. Sie rühmte ihren Sohn. – Was der für ein Kluger sei und ein Gescheiter… Oooh… Als einfacher Handlanger habe er in einer Gärtnerei angefangen – und nie eine Lehre durchgemacht, denn damals sei gerade der Vater gestorben und kein Geld im Haus gewesen. Jäjä… Mit sechzehn Jahren habe der Paul angefangen und dann alles gelernt, denn er habe oft die Stelle gewechselt. Zuerst Baumschule, dann Gemüse, dann Rosenkultur, endlich Landschaftsgärtnerei – ob der Herr Wachtmeister wisse, was das heiße, auf Landschaft arbeiten… ? Nicht… ? Nun, das sei die Anlage von neuen Gärten… Jojo… Pläne habe der Paul gemacht! Dann sei er nach Deutschland, in die Nähe von Berlin, um sich in der Staudenkultur auszubilden… Denn – nid woohr – in den neuen Gärten würden jetzt nicht mehr Rabatten angelegt, sondern Stauden, Delphinium und Iris, und Narzissen und Phlox und Astern und wie all die Pflanzen hießen… Nach den Stauden sei der Paul nach Stuttgart und habe im Palmenhaus des Königlichen Schlosses sich auf Orchideenkultur spezialisiert… »Nehme Sie Platz, Herr Wachtmeister…« Und ob er nichts trinken wolle?
Studer schüttelte den Kopf, er wollte eine Frage stellen, aber schon rauschte der Strom weiter: – Ja, in Orchideenkultur…! Und an den Abenden habe er Bücher gelesen, bis er genug gelernt habe, um Artikel schreiben zu können – joojoo – wissenschaftliche Artikel in Fachzeitschriften, in botanischen Blättern…
Dem Wachtmeister brummte der Kopf. Man mußte die alte Frau mit den schönen weißen Zähnen weiter erzählen lassen…
Dann sei der Paul in die Schweiz zurückgerufen worden zu einem reichen Herrn, der ein Schloß besessen habe am Thunersee… Drei Arbeiter habe Paul unter sich gehabt und die hätten schaffen müssen – er selbst sei mit dem guten Beispiel vorangegangen und habe manchmal vierzehn Stunden im Tag gearbeitet. Dann sei der reiche Herr gestorben und habe dem Paul als Dank für seine Arbeit Geld vermacht…
»Wieviel?« Studers Frage zerschnitt die lange Rede. Aber selbst dies war unfähig, der Rede Einhalt zu tun.
– Fünftausend Franken! Jojojo! Fünftausend Franken! Ein kleines Vermögen, und gleich darauf sei der Paul von der Berner Regierung gewählt worden: als Lehrer an die Gartenbauschule Pfründisberg… Oooh! Und beliebt sei der Sohn bei seinen Schülern! Manche – die vom Jahreskurs zum Beispiel –, aber selbst die anderen, die nur den Winterkurs mitmachen täten, selbst diese könnten einfach später den Paul nicht vergessen, wenn sie wieder irgendwo eine Stelle hätten. So beliebt sei der Paul. In allen Sachen kenne er sich aus – in Düngerlehre, in Baumschnitt, in Treibhaus… Überall, ja, überall sei er daheim, der Paul…
»Auch in Chemie?« Die zweite Frage klang ebenfalls wie ein scharfer Pfiff.
– Natürlich, natüürlig… Und weiter prasselten die Worte, sie erinnerten an Regentropfen, die an Fensterscheiben trommeln… Studer neigte den Kopf; er saß in einem Fauteuil, der mit rotem Plüsch überzogen war und dessen Armstützen sicher jeden Tag mit Wichse poliert wurden. Als die Mutter endlich schwieg, erkundigte sich der Wachtmeister, sehr sorgsam und sehr vorsichtig, was denn das Paket enthalten habe, das Frau Wottli ihrem Sohne geschickt habe.
– Eh, Bücher! Vor fünf Tagen habe sie dem Paul Bücher geschickt. Und warum der Herr Wachtmeister dies wissen wolle?
»Numme süscht…« – Und ob der Paul befreundet gewesen sei mit einem gewissen Farny, der in Pfründisberg ein Zimmer in der Wirtschaft ›zur Sonne‹ bewohnt habe… ?
– Farny? Aber nadirlig! Einmal sei der Herr Farny – der Herr Wachtmeister meine wohl den Herrn Farny, der gestern morgen tot aufgefunden worden sei, nid woohr? – Also, dieser Herr Farny habe ein Haus bauen wollen – in Pfründisberg – und den Sohn gefragt, ob er nicht den Plan für den Garten machen wolle… Pläne mache der Paul! Wunderbare! Der Stadtgärtner selbst sei manchmal ganz erstaunt darüber, was der Paul alles könne, und er habe ihm gesagt, daß er während seiner Ferien in der Gartenbauschule unbedingt einmal nach Bern kommen müsse, um bei den Anpflanzungen im Botanischen Garten mitzuhelfen… Ja, das sei… Aber sicher habe der Herr Studer jetzt großen Durst, was er gerne trinken wolle? Sie habe einen extra guten Erdbeerschnaps, mit einer ganz neuen Sorte gemacht, die der Paul in Pfründisberg gezüchtet habe. Ob der Gast diesen Likör kosten wolle?
Der Wachtmeister nickte, dankte und sagte, er wolle am Abend nach Pfründisberg zurückfahren.
Frau Wottli ging in die Küche, kam mit einer Flasche zurück, füllte zwei Gläser und stieß mit dem Wachtmeister an.
Gerade als Studer sein Glas auf das runde Tischchen zurücksetzte, begann irgendwo im Hause Lärm. Sie lauschten – Stühle fielen um, Teller zerbrachen knallend auf dem Boden; der ganze Krach erweckte den Eindruck, als praßle ein Hagelwetter ins Zimmer. Und an dies sommerliche Gewitter mußte man deshalb denken, weil der Lärm sicher aus dem zweiten Stock kam…
»Wer wohnt dort?« fragte Studer und wies mit dem Daumen nach der Zimmerdecke.
Nun schrie eine Frauenstimme, laut und klagend –.
Mutter Wottli aber schüttelte den Kopf: Der Äbi sei aber heut früh heimgekommen, meinte sie. Und sicher habe der Mann wieder getrunken. Jetzt prügle er seine Frau.
»Äbi?« fragte der Wachtmeister. »Haben die Leute etwa Kinder?« – »Ja.«
» En Sohn und e Tochter…« Die Tochter habe geheiratet und eine glänzende Partie gemacht, der Mann sei ein höherer Staatsangestellter – aber was habe es der Anna genützt? Nichts! Sie sei vor kurzer Zeit gestorben. Der Sohn tauge nicht viel; als Handlanger habe er sein Leben vertrödelt und erst jetzt, mit fast dreißig Jahren, sei es ihm gelungen, in Pfründisberg einzutreten… Nur weil ein reicher Onkel aus dem Ausland ihm geholfen habe…