Die Frühlingssonne warf eines Morgens ihre goldnen Strahlen hell und freundlich in mein Zimmer, süße Blumendüfte strömten durch das Fenster; hinaus ins Freie trieb mich ein unendlich Sehnen, und des Arztes Verbot nicht achtend, lief ich fort in den Park. – Da begrüßten Bäume und Büsche rauschend und flüsternd den von der Todeskrankheit Genesenen. Ich atmete auf, wie aus langem schwerem Traum erwacht, und tiefe Seufzer waren des Entzückens unaussprechbare Worte, die ich hineinhauchte in das Gejauchze der Vögel, in das fröhliche Sumsen und Schwirren bunter Insekten.
Ja! – ein schwerer Traum dünkte mir nicht nur die letztvergangene Zeit, sondern mein ganzes Leben, seitdem ich das Kloster verlassen, als ich mich in einem von dunklen Platanen beschatteten Gange befand. – Ich war im Garten der Kapuziner zu B. Aus dem fernen Gebüsch ragte schon das hohe Kreuz hervor, an dem ich sonst oft mit tiefer Inbrunst flehte um Kraft, aller Versuchung zu widerstehen. – Das Kreuz schien mir nun das Ziel zu sein, wo ich hinwallen müsse, um, in den Staub niedergeworfen, zu bereuen und zu büßen den Frevel sündhafter Träume, die mir der Satan vorgegaukelt; und ich schritt fort mit gefalteten emporgehobenen Händen, den Blick nach dem Kreuz gerichtet. – Stärker und stärker zog der Luftstrom – ich glaubte die Hymnen der Brüder zu vernehmen, aber es waren nur des Waldes wunderbare Klänge, die der Wind, durch die Bäume sausend, geweckt hatte, und der meinen Atem fortriß, so daß ich bald erschöpft stillstehen, ja mich an einen nahen Baum festhalten mußte, um nicht nieder zu sinken. Doch hin zog es mich mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem fernen Kreuz; ich nahm alle meine Kraft zusammen und wankte weiter fort, aber nur bis an den Moossitz dicht vor dem Gebüsch konnte ich gelangen; alle Glieder lähmte plötzlich tödliche Ermattung; wie ein schwacher Greis ließ ich langsam mich nieder, und in dumpfem Stöhnen suchte ich die gepreßte Brust zu erleichtern. – Es rauschte im Gange dicht neben mir... Aurelie! Sowie der Gedanke mich durchblitzte, stand sie vor mir! – Tränen inbrünstiger Wehmut quollen aus den Himmelsaugen, aber durch die Tränen funkelte ein zündender Strahl; es war der unbeschreibliche Ausdruck der glühendsten Sehnsucht, der Aurelien fremd schien. Aber so flammte der Liebesblick jenes geheimnisvollen Wesens am Beichtstuhl, das ich oft in süßen Träumen sah. »Können Sie mir jemals verzeihen!« lispelte Aurelie. Da stürzte ich, wahnsinnig vor namenlosem Entzücken, vor ihr hin, ich ergriff ihre Hände! – »Aurelie... Aurelie... für dich Marter! ... Tod!« Ich fühlte mich sanft emporgehoben – Aurelie sank an meine Brust, ich schwelgte in glühenden Küssen. Aufgeschreckt durch ein nahes Geräusch, wand sie sich endlich los aus meinen Armen, ich durfte sie nicht zurückhalten. »Erfüllt ist all mein Sehnen und Hoffen«, sprach sie leise, und in dem Augenblick sah ich die Fürstin den Gang heraufkommen. Ich trat hinein in das Gebüsch und wurde nun gewahr, daß ich wunderlicherweise einen dürren grauen Stamm für ein Kruzifix gehalten.
Ich fühlte keine Ermattung mehr, Aureliens Küsse durchglühten mich mit neuer Lebenskraft; es war mir, als sei jetzt hell und herrlich das Geheimnis meines Seins aufgegangen. Ach, es war das wunderbare Geheimnis der Liebe, das sich nun erst in rein strahlender Glorie mir erschlossen. Ich stand auf dem höchsten Punkt des Lebens; abwärts mußte es sich wenden, damit ein Geschick erfüllt werde, das die höhere Macht beschlossen. – Diese Zeit war es, die mich wie ein Traum aus dem Himmel umfing, als ich das aufzuzeichnen begann, was sich nach Aureliens Wiedersehen mit mir begab. Dich Fremden, Unbekannten, der du einst diese Blätter lesen wirst, bat ich, du solltest jene höchste Sonnenzeit deines eigenen Lebens zurückrufen, dann würdest du den trostlosen Jammer des in Reue und Buße ergrauten Mönchs verstehen und einstimmen in seine Klagen. Noch einmal bitte ich dich jetzt, laß jene Zeit im Innern dir aufgehen, und nicht darf ich dann dir's sagen, wie Aureliens Liebe mich und alles um mich her verklärte, wie reger und lebendiger mein Geist das Leben im Leben erschaute und ergriff, wie mich, den göttlich Begeisterten, die Freudigkeit des Himmels erfüllte. Kein finstrer Gedanke ging durch meine Seele, Aureliens Liebe hatte mich entsündigt, ja, auf wunderbare Weise keimte in mir die feste Überzeugung auf, daß nicht ich jener ruchlose Frevler auf dem Schlosse des Barons von F. war, der Euphemien – Hermogen erschlug, sondern daß der wahnsinnige Mönch, den ich im Försterhause traf, die Tat begangen. Alles, was ich dem Leibarzt gestand, schien mir nicht Lüge, sondern der wahre geheimnisvolle Hergang der Sache zu sein, der mir selbst unbegreiflich blieb. – Der Fürst hatte mich empfangen wie einen Freund, den man verloren glaubt und wiederfindet; dies gab natürlicherweise den Ton an, in den alle einstimmen mußten, nur die Fürstin, war sie auch milder als sonst, blieb ernst und zurückhaltend.
Aurelie gab sich mir mit kindlicher Unbefangenheit ganz hin, ihre Liebe war ihr keine Schuld, die sie der Welt verbergen mußte, und ebensowenig vermochte ich auch nur im mindesten das Gefühl zu verhehlen, in dem allein ich nur lebte. Jeder bemerkte mein Verhältnis mit Aurelien, niemand sprach darüber, weil man in des Fürsten Blicken las, daß er unsre Liebe, wo nicht begünstigen, doch stillschweigend dulden wolle. So kam es, daß ich zwanglos Aurelien öfter, manchmal auch wohl ohne Zeugen sah. – Ich schloß sie in meine Arme, sie erwiderte meine Küsse, aber es fühlend, wie sie erbebte in jungfräulicher Scheu, konnte ich nicht Raum geben der sündlichen Begierde; jeder frevelige Gedanke erstarb in dem Schauer, der durch mein Innres glitt. Sie schien keine Gefahr zu ahnen, wirklich gab es für sie keine, denn oft, wenn sie im einsamen Zimmer neben mir saß, wenn mächtiger als je ihr Himmelsreiz strahlte, wenn wilder die Liebesglut in mir aufflammen wollte, blickte sie mich an so unbeschreiblich milde und keusch, daß es mir war, als vergönne es der Himmel dem büßenden Sünder, schon hier auf Erden der Heiligen zu nahen. Ja, nicht Aurelie, die heilige Rosalia selbst war es, und ich stürzte zu ihren Füßen und rief laut: »O du, fromme, hohe Heilige, darf sich denn irdische Liebe zu dir im Herzen regen?« – Dann reichte sie mir die Hand und sprach mit süßer milder Stimme: »Ach, keine hohe Heilige bin ich, aber wohl recht fromm und liebe dich gar sehr!«
Ich hatte Aurelien mehrere Tage nicht gesehen, sie war mit der Fürstin auf ein nahe gelegenes Lustschloß gegangen. Ich ertrug es nicht länger, ich rannte hin. – Am späten Abend angekommen, traf ich im Garten auf eine Kammerfrau, die mir Aureliens Zimmer nachwies. Leise, leise öffnete ich die Tür – ich trat hinein – eine schwüle Luft, ein wunderbarer Blumengeruch wallte mir sinnebetäubend entgegen. Erinnerungen stiegen in mir auf wie dunkle Träume! Ist das nicht Aureliens Zimmer auf dem Schlosse des Barons, wo ich... Sowie ich dies dachte, war es, als erhöbe sich hinter mir eine finstre Gestalt, und: »Hermogen!« rief es in meinem Innern! Entsetzt rannte ich vorwärts, nur angelehnt war die Türe des Kabinetts. Aurelie kniete, den Rücken mir zugekehrt, vor einem Tabourett, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag. Voll scheuer Angst blickte ich unwillkürlich zurück – ich schaute nichts, da rief ich im höchsten Entzücken: »Aurelie, Aurelie!« – Sie wandte sich schnell um, aber noch ehe sie aufgestanden, lag ich neben ihr und hatte sie fest umschlungen. »Leonard! mein Geliebter!« – lispelte sie leise. Da kochte und gärte in meinem Innern rasende Begier, wildes, sündiges Verlangen. Sie hing kraftlos in meinen Armen: die genestelten Haare waren aufgegangen und fielen in üppigen Locken über meine Schultern, der jugendliche Busen quoll hervor – sie ächzte dumpf – ich kannte mich selbst nicht mehr! – Ich riß sie empor, sie schien erkräftigt, eine fremde Glut brannte in ihrem Auge, feuriger erwiderte sie meine wütenden Küsse. Da rauschte es hinter uns wie starker, mächtiger Flügelschlag; ein schneidender Ton, wie das Angstgeschrei des zum Tode Getroffenen, gellte durch das Zimmer. – »Hermogen!« schrie Aurelie und sank ohnmächtig hin aus meinen Armen. Von wildem Entsetzen erfaßt, rannte ich fort! – Im Flur trat mir die Fürstin, von einem Spaziergange heimkehrend, entgegen. Sie blickte mich ernst und stolz an, indem sie sprach: »Es ist mir in der Tat sehr befremdlich, Sie hier zu sehen, Herr Leonard!« – Meine Verstörtheit im Augenblick bemeisternd, antwortete ich in beinahe bestimmterem Ton, als es ziemlich sein mochte, daß man oft gegen große Anregungen vergebens ankämpfe, und daß oft das unschicklich Scheinende für das Schicklichste gelten könne! – Als ich durch die finstre Nacht der Residenz zueilte, war es mir, als liefe jemand neben mir her, und als flüstere eine Stimme: »I... Imm... Immer bin ich bei di... dir... Brü... Brüderlein... Brüderlein Medardus!« – Blickte ich um mich her, so merkte ich wohl, daß das Phantom des Doppeltgängers nur in meiner Phantasie spuke; aber nicht los konnte ich das entsetzliche Bild werden, ja es war mir endlich, als müsse ich mit ihm sprechen und ihm erzählen, daß ich wieder recht albern gewesen sei und mich habe schrecken lassen von dem tollen Hermogen; die heilige Rosalia sollte denn nun bald mein – ganz mein sein, denn dafür wäre ich Mönch und habe die Weihe erhalten. Da lachte und stöhnte mein Doppeltgänger, wie er sonst getan, und stotterte: »Aber schn... schnell... schnell!« – »Gedulde dich nur,« sprach ich wieder, »gedulde dich nur, mein Junge! Alles wird gut werden. Den Hermogen habe ich nur nicht gut getroffen, er hat solch ein verdammtes Kreuz am Halse, wie wir beide, aber mein flinkes Messerchen ist noch scharf und spitzig.« – »Hi... hi hi... tri... triff gut... triff gut!« – So verflüsterte des Doppeltgängers Stimme im Sausen des Morgenwindes, der von dem Feuerpurpur herstrich, welches aufbrannte im Osten.
Eben war ich in meiner Wohnung angekommen, als ich zum Fürsten beschieden wurde. Der Fürst kam mir sehr freundlich entgegen. »In der Tat, Herr Leonard!« fing er an, »Sie haben sich meine Zuneigung im hohen Grade erworben; nicht verhehlen kann ich's Ihnen, daß mein Wohlwollen für Sie wahre Freundschaft geworden ist. Ich möchte Sie nicht verlieren, ich möchte Sie glücklich sehen. Überdem ist man Ihnen für das, was Sie gelitten haben, alle nur mögliche Entschädigung zu gewähren schuldig. Wissen Sie wohl, Herr Leonard, wer Ihren bösen Prozeß einzig und allein veranlaßte? wer Sie anklagte?«
»Nein, gnädigster Herr!«
»Baronesse Aurelie! ... Sie erstaunen? Ja ja, Baronesse Aurelie, mein Herr Leonard, die hat Sie (er lachte laut auf), die hat Sie für einen Kapuziner gehalten! – Nun bei Gott! sind Sie ein Kapuziner, so sind Sie der liebenswürdigste, den je ein menschliches Auge sah! – Sagen Sie aufrichtig, Herr Leonard, sind Sie wirklich so ein Stück von Klostergeistlichen?« –
»Gnädigster Herr, ich weiß nicht, welch ein böses Verhängnis mich immer zu dem Mönch machen will, der...«
»Nun nun! – ich bin kein Inquisitor! – fatal wär's doch, wenn ein geistliches Gelübde Sie bände. – Zur Sache! – möchten Sie nicht für das Unheil, das Baronesse Aurelie Ihnen zufügte, Rache nehmen?« –
»In welches Menschen Brust könnte ein Gedanke der Art gegen das holde Himmelsbild aufkommen?«
»Sie lieben Aurelien?«
Dies frug der Fürst, mir ernst und scharf ins Auge blickend. Ich schwieg, indem ich die Hand auf die Brust legte. Der Fürst fuhr weiter fort:
»Ich weiß es, Sie haben Aurelien geliebt seit dem Augenblick, als sie mit der Fürstin hier zum erstenmal in den Saal trat. – Sie werden wieder geliebt, und zwar mit einem Feuer, das ich der sanften Aurelie nicht zugetraut hätte. Sie lebt nur in Ihnen, die Fürstin hat mir alles gesagt. Glauben Sie wohl, daß nach Ihrer Verhaftung Aurelie sich einer ganz trostlosen, verzweifelten Stimmung überließ, die sie auf das Krankenbett warf und dem Tode nahe brachte? Aurelie hielt Sie damals für den Mörder ihres Bruders, um so unerklärlicher war uns ihr Schmerz. Schon damals wurden Sie geliebt. Nun, Herr Leonard, oder vielmehr Herr von Krczynski, Sie sind von Adel, ich fixiere Sie bei Hofe auf eine Art, die Ihnen angenehm sein soll. Sie heiraten Aurelien. – In einigen Tagen feiern wir die Verlobung, ich selbst werde die Stelle des Brautvaters vertreten.« – Stumm, von den widersprechendsten Gefühlen zerrissen, stand ich da. – »Adieu, Herr Leonard!« rief der Fürst und verschwand, mir freundlich zuwinkend, aus dem Zimmer.
Aurelie mein Weib! – Das Weib eines verbrecherischen Mönchs! Nein! so wollen es die dunklen Mächte nicht, mag auch über die Arme verhängt sein, was da will! – Dieser Gedanke erhob sich in mir, siegend über alles, was sich dagegen auflehnen mochte. Irgend ein Entschluß, das fühlte ich, mußte auf der Stelle gefaßt werden, aber vergebens sann ich auf Mittel, mich schmerzlos von Aurelien zu trennen. Der Gedanke, sie nicht wieder zu sehen, war mir unerträglich, aber daß sie mein Weib werden sollte, das erfüllte mich mit einem mir selbst unerklärlichen Abscheu. Deutlich ging in mir die Ahnung auf, daß, wenn der verbrecherische Mönch vor dem Altar des Herrn stehen werde, um mit heiligen Gelübden freveliges Spiel zu treiben, jenes fremden Malers Gestalt, aber nicht milde tröstend wie im Gefängnis, sondern Rache und Verderben furchtbar verkündend, wie bei Franceskos Trauung, erscheinen und mich stürzen werde in namenlose Schmach, in zeitliches, ewiges Elend. Aber dann vernahm ich tief im Innern eine dunkle Stimme: »Und doch muß Aurelie dein sein! Schwachsinniger Tor, wie gedenkst du zu ändern das, was über euch verhängt ist?« Und dann rief es wiederum: »Nieder – nieder wirf dich in den Staub! – Verblendeter, du frevelst! Nie kann sie dein werden; es ist die heilige Rosalia selbst, die du zu umfangen gedenkst in irdischer Liebe.« So im Zwiespalt grauser Mächte hin und her getrieben, vermochte ich nicht zu denken, nicht zu ahnen, was ich tun müsse, um dem Verderben zu entrinnen, das mir überall zu drohen schien. Vorüber war jene begeisterte Stimmung, in der mein ganzes Leben, mein verhängnisvoller Aufenthalt auf dem Schlosse des Barons von F. mir nur ein schwerer Traum schien. In düstrer Verzagtheit sah ich in mir nur den gemeinen Lüstling und Verbrecher. Alles, was ich dem Richter, dem Leibarzt gesagt, war nun nichts als alberne, schlecht erfundene Lüge, nicht eine innere Stimme hatte gesprochen, wie ich sonst mich selbst überreden wollte.
Tief in mich gekehrt, nichts außer mir bemerkend und vernehmend, schlich ich über die Straße. Der laute Zuruf des Kutschers, das Gerassel des Wagens weckte mich, schnell sprang ich zur Seite. Der Wagen der Fürstin rollte vorüber, der Leibarzt bückte sich aus dem Schlage und winkte mir freundlich zu; ich folgte ihm nach seiner Wohnung. Er sprang heraus und zog mich mit den Worten: »Eben komme ich von Aurelien, ich habe Ihnen manches zu sagen!« herauf in sein Zimmer. »Ei, ei,« fing er an, »Sie Heftiger, Unbesonnener! was haben Sie angefangen! Aurelien sind Sie erschienen plötzlich wie ein Gespenst, und das arme nervenschwache Wesen ist darüber erkrankt!« – Der Arzt bemerkte mein Erbleichen. »Nun nun,« fuhr er fort, »arg ist es eben nicht, sie geht wieder im Garten umher und kehrt morgen mit der Fürstin nach der Residenz zurück. Von Ihnen, lieber Leonard, sprach Aurelie viel, sie empfindet herzliche Sehnsucht, Sie wieder zu sehen und sich zu entschuldigen. Sie glaubt, Ihnen albern und töricht erschienen zu sein.«