Jetzt erst und nicht früher bemerkte Trotty in jeder Glocke eine bärtige Gestalt von dem Umfang und der Statur der Glocke - unbegreiflich, eine Figur und die Glocke selbst. Riesenhaft, ernst und ihn düster ins Auge fassend, während er in den Boden festgewurzelt stand.
Geheimnisvolle, grausenhafte Gestalten, die nirgends ausruhten, sondern in der Nachtluft des Turmes schwebten, die verhüllten und mit Kapuzen versehenen Köpfe zu dem dunkeln Dach erhebend - regungslos und schattenhaft. Schattenhaft und finster, obgleich er sie in einem fahlen Schein, den sie selbst verbreiteten, sehen konnte - sonst gab es nirgends Licht - und jede Gestalt hielt die eingehüllte Hand auf den gespenstigen Mund gelegt.
Er konnte sich nicht entsetzt durch die Öffnung im Boden hinabstürzen, denn alle Kraft der Bewegung hatte ihn verlassen. Andernfalls würde er dies getan, ja, sich sogar kopfüber von der Turmspitze auf die Straße hinabgestürzt haben - weit lieber, als daß er sich hier mit Augen betrachten lassen mußte, die da gewacht haben würden, selbst wenn ihnen die Pupillen herausgenommen worden wären.
Wieder und wieder berührte ihn der Schrecken und das Entsetzen des einsamen Ortes sowohl als der wilden, furchtbaren Nacht, die hier herrschte wie eine Gespensterhand. Die Ferne jeglicher Hilfe, der lange, finstere, gewundene und von Geistern belagerte Weg, der zwischen ihm und der von Menschen bewohnten Erde lag; der hohe, hohe, hoch oben gelegene Ort, wo es ihn schon schwindelte, wenn er bei Tag dem Flug der Vögel zusah; abgeschnitten von allen guten Leuten, die zu einer solchen Stunde wohlbehalten zu Hause waren und in ihren Betten schliefen - alles dies durchzuckte ihn kalt, nicht als eine Betrachtung, sondern nur als ein körperliches Gefühl. Mittlerweile waren seine Augen, seine Gedanken und seine gräßliche Furcht auf die wachsamen Gestalten gerichtet. Sie sahen in dem tiefen Düster und in dem sie einschließenden Schatten nicht aus wie Gebilde dieser Welt, um so weniger, da sie so übernatürlich über dem Boden schwebten; aber dennoch waren sie so deutlich zu unterscheiden, wie das alte, eichene Rahmenwerk und das Kreuz- und Quergebälk, das die Glocken unterstützte. Dies engte sie ein wie ein ganzer Wald von geschlagenem Holz, zwischen dessen Verschränkungen sie wie unter Zweigen toter Bäume, die zu ihrem gespenstigen Gebrauch ersterben mußten, ihre düstere unablässige Wache hielten.
Ein Windstoß - wie kalt und schrill! - kam stöhnend durch den Turm. Als er dahinstarb, begann die große Glocke oder vielmehr der Geist der großen Glocke zu sprechen.
»Was ist dies für ein Besuch?« fragte er.
Die Stimme war dumpf und tief, und Trotty meinte, sie ertöne ebensowohl aus den andern Formen.
»Ich glaubte, die Glocken hätten meinen Namen gerufen!« sagte Trotty, seine Hände mit flehentlicher Gebärde erhebend. »Ich weiß kaum, warum ich hier bin oder wie ich heraufkam. Ich habe schon seit vielen Jahren den Glockentönen zugehört, und sie haben mich oft wieder froh gestimmt.«
»Hast du ihnen auch gedankt?« fragte die Glocke.
»O, tausendmal!« rief Trotty.
»Ich bin ein armer Mann«, stotterte Trotty, »und konnte ihnen nur mit Worten danken.«
»War dies auch immer der Fall?« fragte der Geist der Glocke. »Hast du uns nie in Worten unrecht getan?«
»Nein!« rief Trotty hastig.
»Uns nie mit Worten schnödes, falsches, böswilliges Unrecht getan?« fuhr der Glockengeist fort.
Trotty wollte eben antworten: »Nie!«, hielt aber mit einem Male verwirrt inne.
»Die Stimme der Zeit«, sagte das Phantom, »ruft dem Menschen zu: ›Vorwärts!‹ Die Zeit dient seinem Fortschreiten und seiner Verbesserung, der Erhöhung seines Wertes und seines Glückes, der Veredelung seines Lebens, der Annäherung an jenes Ziel, das ihm mit Wohlbedacht bereits damals gesteckt wurde, als die Zeit und er ihren Anfang nahmen. Jahrhunderte der Finsternis, der Gottlosigkeit und der Gewalttat sind gekommen und gegangen; unzählige Millionen haben geduldet, gelebt und sind gestorben, um ihm den Weg, der vor ihm liegt, zu zeigen. Wer ihn zur Umkehr zu bewegen sucht oder in seinem Lauf anhalten will, vergeht sich an einer gewaltigen Maschine, die den Unberufenen erschlägt und nur um so ungestümer und wilder wieder losbricht, weil sie für einen Augenblick gestört wurde!«
»Meines Wissens habe ich dies nie getan,« Sagte Trotty, »und wenn es geschah, muß es ganz unabsichtlich geschehen sein. Ich würde mich sicherlich nicht einmengen.«
»Wer in den Mund der Zeit oder ihrer Diener einen Klageruf über Tage legt,« fuhr der Glockengeist fort, »die ihre Heimsuchungen und Täuschungen gehabt und so tiefe Spuren zurückgelassen haben, daß sie sogar die Blinden Sehen können - einen Klageruf, der nur insofern der Gegenwart dient, als er den Menschen sagt, wie sehr ihre Hilfe notwendig ist, wenn ein Ohr eine solche Klage um Vergangenes zu hören glaubt - wer dies tut, begeht ein Unrecht. Und du hast uns, den Glocken, ein solches Unrecht angetan.«
Trottys größte Furcht war jetzt vorüber. Aber, wie wir wissen, hatte er Liebe und Dankbarkeit für die Glocken empfunden , und als er sich als einen Menschen anklagen hörte, der sie so schwer beleidigt hatte, wurde sein Herz von Reue und Kummer schwer.
»Wenn ihr wüßtet,« sagte Trotty, seine Hände zusammenschlagend - »oder vielleicht wißt ihr es - wenn ihr also wißt, wie oft ihr mir Gesellschaft geleistet, wie oft ihr mich aufgeheitert habt, wenn ich niedergeschlagen war, und wie ihr meiner kleinen Tochter Meg fast als ein Spielzeug dientet (beinahe das einzige, das sie je hatte), da ihre Mutter starb und uns allein zurückließ, so würdet ihr mir wegen eines übereilten Wortes keinen Groll nachtragen!«
»Wer in uns, den Glocken, nur einen einzigen Ton hört, der Lieblosigkeit oder finsteren Zweifel ausdrückt an den Hoffnungen, Freuden und Schmerzen der vielbedrängten Menge; wer uns antworten hört auf Gesinnungen, die die menschlichen Leidenschaften und Gefühle abmessen, gleich der Menge der erbärmlichen Nahrung, an der die Menschheit dahinsiecht - tut uns unrecht. Dieses Unrecht hast du uns angetan!« sagte die Glocke.
»Ja, ich habe!« versetzte Trotty. »O vergib mir!«
»Wer uns dem schlechten Gewürm der Erde nachlallen hört - den Unterdrückern bereits gebeugter und gebrochener Wesen, die geschaffen sind, um sich viel höher zu erheben, als solche Maden der Zeit klettern oder denken können,« fuhr der Glockengeist fort - »wer dies tut, begeht ein Unrecht an uns. Du hast uns unrecht getan!«
»Nicht mit Absicht!« sagte Trotty. »Nur in meiner Unwissenheit - nicht mit Absicht.«
»Zuletzt und vor allem« - nahm die Glocke wieder auf - »wer den Gefallenen seines Geschlechts den Rücken kehrt, sie als schlecht aufgibt und nicht mit mitleidigem Auge den offenen Abgrund mißt, durch den sie vom Guten abfielen, obschon sie noch in ihrem Sturz nach einigen Schollen des verlorenen Bodens griffen und sich an dieselben anklammerten, selbst als sie schon zerquetscht und sterbend in der Kluft unten lagen - wer dies tut, begeht ein Unrecht an dem Himmel, an der Menschheit, an Zeit und Ewigkeit. Du hast dieses Unrecht getan!«
»Schone mich!« rief Trotty, auf seine Knie niederfallend; »um aller Barmherzigkeit willen!«
»Höre!« sagte der Schatten.
»Höre!« riefen die übrigen Schatten.
»Höre!« sagte eine klare, kindliche Stimme, die Trotty schon früher gehört zu haben vermeinte.
Die Orgel tönte leise in der Kirche unten. Nach und nach anschwellend, stieg die Melodie bis zu dem Dach hinan und erfüllte Chor und Schiff. Mehr und mehr sich ausbreitend , schwang sie sich hinauf, immer höher und höher hinauf, wobei sie in dem derben Eichengebälk, den hohlen Glocken, den eisenbeschlagenen Türen und den steinernen Treppen erregte Herzen weckte, bis die Turmmauern sie nicht mehr fassen konnten und sie gen Himmel schwebte.
Kein Wunder, daß das Herz eines alten Mannes einen so ungeheuren, gewaltigen Ton nicht einzuschließen vermochte. Er brach aus diesem schwachen Gefängnis in einem Strom von Tränen, und Trotty preßte seine Hände vor das Gesicht.
»Höre!« sagte der Schatten.
»Höre!« riefen die andern Schatten.
»Höre!« sagte die Kinderstimme.
Feierliche Akkorde gemischter Stimmen erhoben sich nun in dem Turm.
Es war eine gedämpfte, wehmütige Melodie - ein Totengesang; und wie Trotty lauschte, hörte er sein Kind unter den Sängern.
»Sie ist tot!« rief der alte Mann. »Meg ist tot! Ihr Geist ruft mich - ich höre ihn!«
»Der Geist deines Kindes beklagt die Toten und mischt sich unter die Toten - die erstorbenen Hoffnungen und erstorbenen Jugendträume,« erwiderte die Glocke. »Aber sie lebt. Lerne aus ihrem Leben eine lebendige Wahrheit. Lerne aus dem Wesen, das deinem Herzen am teuersten ist, wie schlecht die schlecht Geborenen sind. Sieh, wie jede Knospe und jedes Blatt nacheinander von dem schönsten Stengel gepflückt wurde, und erkenne daraus, wie kahl und elend er dann sein mag. Folge ihr - in die Verzweiflung!«
Jede von den Schattengestalten streckte ihren rechten Arm aus und deutete nach unten.
»Der Geist der Glocken ist dein Begleiter,« sagte die Gestalt. »Geh! er steht hinter dir!«
Trotty wandte sich um und sah - das Kind? das Kind, das Will Fern in der Straße getragen hatte; das Kind, das jetzt schlief und an dessen Bett Meg wachte!
»Ich habe es selbst diesen Abend getragen,« sagte Trotty. »In diesen meinen Armen!«
»Zeigt ihm, was er sein Selbst nennt,« sagten die dunkeln Gestalten im Chor.
Der Turm öffnete sich unter seinen Füßen. Er sah hinab und sah seine Gestalt außen auf dem Boden liegen - zerschmettert und regungslos.
»Nicht mehr ein lebendiger Mensch!« rief Trotty. »Tot!«
»Tot!« sagten die Gestalten alle zugleich.
»Barmherziger Himmel! Und das Neujahr ...«
»Vergangen,« sagten die Gestalten.
»Wie?« rief er schaudernd. »So verfehlte ich wohl meinen Weg, gelangte in der Dunkelheit an die Außenseite dieses Turmes und fiel hinunter - vor einem Jahr?«
»Vor neun Jahren!« versetzten die Schatten.
Während sie diese Antwort gaben, nahmen sie ihre ausgestreckten Hände wieder an sich, und wo ihre Gestalten geschwebt hatten, befanden sich jetzt die Glocken.
Und sie erklangen - ihre Zeit war wieder gekommen. Und abermals sprangen zahllose Phantome ins Dasein, die dieselbe Zusammenhangslosigkeit zeigten wie früher; abermals verblichen sie, sobald die Glockenzungen ruhten, und fielen in ein Nichts zusammen.
»Wer sind diese?« fragte er seinen Führer. »Wenn ich nicht verrückt werden soll, wer sind diese?«
»Es sind Geister der Glocken - ihr Ton in der Luft,« entgegnete das Kind. »Sie nehmen dieselben Gestalten und Beschäftigungen an, die ihnen von den Hoffnungen, Gedanken und Erinnerungen der Sterblichen gegeben werden.«
»Und du,« rief Trotty außer sich - »wer bist du?«
»Still, still!« erwiderte das Kind. »Sieh da hin!«
In einem schlechten, ärmlichen Gemach arbeitete an derselben Art von Stickerei, wie er es oft gesehen hatte, seine liebe Tochter Meg. Er versuchte nicht, Küsse auf ihr Gesicht zu drücken oder sie an sein klopfendes Herz zu pressen, denn er wußte, daß es für ihn keine solchen Liebkosungen mehr gab. Aber er hielt seinen zitternden Atem an und wischte die blendenden Tränen weg, um sie sehen, nur sehen zu können.
Ach! verändert - und wie verändert! Wie trüb war das Licht des klaren Auges, wie verblichen der Schmelz ihrer Wangen! Zwar war sie noch so schön wie immer, aber die Hoffnung, die Hoffnung, die Hoffnung - ach, wo war die frische Hoffnung, die ihn wie eine Stimme angerufen hatte!
Sie blickte von ihrer Arbeit auf nach einer Gefährtin. Der alte Mann folgte ihren Augen und fuhr betroffen zurück.
In dem erwachsenen Mädchen erkannte er sie auf den ersten Blick. Er sah in den langen seidenen Haaren noch dieselben Locken, und um die Lippen noch immer den kindlichen Ausdruck. Ja, in den Augen, die sich jetzt fragend an Meg wandten, leuchtete noch derselbe Blick, wie zur Zeit, als er sie nach Hause brachte.
Was war denn dies neben ihm?
Mit Grausen sah er sich nach dem Kinde um und bemerkte in dessen Gesicht etwas Überirdisches , Unbestimmtes, Undeutliches, das kaum mehr an jenes Kind erinnerte als die andre Gestalt; und doch war es dieselbe - dieselbe - und trug auch das nämliche Kleid.
Horch! Sie sprachen.
»Meg,« sagte Lilian stockend. »Wie oft du von deiner Arbeit aufschaust, um mich anzusehen!«
»Sind meine Blicke so verändert, daß sie dich erschrecken?« sagte Meg.
»Nein, meine Liebe! Aber du lächelst selbst darüber! Warum lächelst du nicht, wenn du mich ansiehst?«
»Ich tue es ja. Oder nicht?« antwortete sie, ihr zulächelnd.
»Jetzt wohl,« sagte Lilian, »aber gewöhnlich nicht. Wenn du denkst, ich sei beschäftigt und sehe dich nicht, ist deine Miene so ängstlich und bekümmert, daß ich kaum meine Augen zu erheben wage. Man hat wohl in diesem harten und mühsamen Leben wenig Grund zum Lächeln; aber du warst einst so heiter.«
»Bin ichs nicht noch?« rief Meg im Ton seltsamer Unruhe und erhob sich, um ihre Gefährtin zu umarmen. »Mache ich dir das mühsame Leben noch mühsamer, Lilian?«
»Du warst das Einzige, das unser Leben überhaupt zu einem Leben machte,« sagte Lilian, sie glühend küssend, »und auch das Einzige, das mir bisweilen noch ein solches Leben wert macht, Meg. Ach, diese Arbeit, diese Arbeit! So viele Stunden, so viele Tage, So viele lange, lange Nächte hoffnungsloser, ertötender und nie endender Arbeit - nicht um Reichtümer aufzuhäufen , nicht um herrlich und in Freuden zu leben, nicht um auch bloß sorglos leben zu können, so einfach auch unsre Kost sein mag, sondern nur, um das trockene Brot zu verdienen, just um so viel zusammenzuscharren, damit wir weiterleben und weiter Not leiden und in uns das Bewußtsein unsres harten Schicksals lebendig erhalten können! O Meg, Meg!«
Sie erhob ihre Stimme und schlang ihre Arme um sie, wie in herbem Schmerze. »Wie kann die grausame Welt ihren Kreislauf gehen und den Anblick solcher Leben ertragen!«
»Lilly!« sagte Meg beschwichtigend, indem sie ihr das Haar aus dem feuchten Gesicht strich. »Ach Lilly! Du! So hübsch und so jung!«
»O Meg!« fiel ihr Lilian ins Wort, indem sie ihre Freundin auf Armeslänge vor sich hinhielt und flehend in ihr Gesicht blickte. »Das ist das Schlimmste, das Schlimmste von allem! Mache mich alt, Meg ! Gib mir Runzeln und einen welken Leib, um mich von den schrecklichen Gedanken zu befreien, die mich in meiner Jugend zu verlocken suchen !«
Trotty wandte sich, um nach seinem Führer zu sehen. Aber der Geist des Kindes war entflohen - fort.
Aber auch er blieb nicht an demselben Platze. Sir Joseph Bowley, der Freund und Vater der Armen, hielt in Bowley Hall zu Ehren des Geburtstags der Lady Bowley ein großes Festgelage; und da Lady Bowley am Neujahrstag geboren war - ein Umstand, den die Lokalzeitungen als einen ausdrücklichen Wink der Vorsehung bezeichneten, daß Lady Bowley in der Zahlenreihe der Schöpfung für Nummer Eins bestimmt sei - fand auch dieses Gelage an einem Neujahrstag statt.
Bowley Hall strotzte von Gästen. Der rotgesichtige Gentleman war da, Herr Filer war da, der große Alderman Cute war da - Alderman Cute empfand ein sehr wohltuendes Gefühl im Verkehr mit vornehmen Leuten und hatte vermöge seines aufmerksamen Briefes große Fortschritte in Sir Joseph Bowleys Bekanntschaft gemacht, indem er seitdem eigentlich zu einem Familienfreund wurde - und noch viele andre Gäste waren da. Auch Trottys Geist war zugegen und wanderte traurig als ein armes Phantom auf der Suche nach seinem Führer umher.