"Ich erfülle dir diesen Wunsch, fordere aber von dir, daß du nichts unternimmst, ohne es vorher mit mir besprochen zu haben."
Er wandte sich ab und antwortete nicht. Ich ahnte, daß er einen Entschluß gefaßt habe, an dessen Ausführung er von mir gehindert zu werden fürchtete, und ich beschloß, ihn sorgfältig zu beobachten.
Als ich am andern Morgen erwachte, saß er noch immer an derselben Stelle; aber der Soran-Kurde befand sich bei ihm, und sie sprachen sehr angelegentlich miteinander. Auch die Andern waren bereits munter. Der Perser saß neben dem Tachterwahn und sprach mit den tief verschleierten Frauen.
"Emir, ich will den Vater begraben. Werdet ihr mir helfen?" fragte mich Amad el Ghandur.
"Ja. Wo soll er begraben werden?"
"Dieser Mann sagt, droben zwischen den Felsen sei ein Ort, den die Sonne begrüßt, früh, wann sie kommt, und abends, wann sie geht. Ich will mir diesen Ort ansehen."
"Ich werde dich begleiten," erwiderte ich.
Kaum bemerkte der Perser, daß ich mich erhoben hatte, so kam er herbei, um mir den Morgengruß zu bringen, und als er von unserm Vorhaben hörte, bot er sich zur Begleitung an. Wir fanden hoch droben auf dem Scheitel der Höhe einen mächtigen Felsblock und beschlossen, auf der Platte desselben das Grab zu errichten. In der Nähe lag die dürftige Hütte des Soran-Kurden, und etwas weiter fort befand sich ein ringsum abgeschlossener freier Platz, der sich ganz ausgezeichnet zu einem Lager eignete, zumal er einen Quell besaß. Wir berieten uns und wurden einig, hier zu bleiben und unsere Tiere und Habseligkeiten herbeizuschaffen.
Dieses letztere verursachte einige Schwierigkeiten, aber es gelang. Während die Unverletzten und weniger Verwundeten die schwerere Arbeit an dem Grabmale übernahmen, errichteten die andern für die Frauen eine bedeckte Hütte, die von dem Aufenthalte der Männer durch eine undurchsichtige Wand aus Zweigen abgesondert wurde. Da die Pferde die Ausdünstung der Kamele nicht ertragen können, so wurden sie von denselben getrennt.
Am Mittag war im Lager bereits alles in schönster Ordnung. Der Perser besaß einen guten Vorrat von Mehl, Kaffee, Tabak und anderen notwendigen Dingen. Fleisch konnten wir uns unschwer mit der Büchse verschaffen, und so brauchten wir nicht zu fürchten, Not zu leiden.
Das Grabmal wurde erst später fertig. Es bildete einen über acht Fuß hohen Steinkegel, in dem eine Höhlung gelassen war, um die Leiche aufzunehmen, welche zur Zeit des Mogreb (* Gebet beim Untergange der Sonne.) beerdigt werden sollte. Amad el Ghandur selbst bereitete sie zum Begräbnisse vor, obgleich er sich dadurch, nach den Regeln seines Glaubens, verunreinigte.
Die Sonne stand nahe am Horizonte, als sich der kleine Trauerzug in Bewegung setzte. Voran schritten Allo und der Soran-Kurde, die auf einer aus Aesten gefertigten Bahre den Toten trugen; wir Andern folgten paarweise, und Amad el Ghandur erwartete uns am Grabe. Die Oeffnung desselben wies nach Westsüdwest, genau die Kibbla von Mekka, und als man den Toten hineinsetzte, war sein Angesicht nach jenen Gegenden gerichtet, in denen der Prophet der Moslemim die Besuche und Offenbarungen der Engel empfing.
Amad el Ghandur trat bleichen Angesichtes zu mir und fragte:
"Emir, du bist zwar ein Christ, aber du warst in der heiligen Stadt und kennst das heilige Buch. Willst du deinem toten Freunde die letzte Ehre erweisen und über ihn die Sure des Todes sprechen?"
"Gern, und auch die Sure des Verschließens."
"So laß uns beginnen!"
Jetzt hatte die Sonne ihren westlichen Horizont erreicht, und alle sanken nieder, um in der Stille das Mogreb zu beten. Dann erhoben wir uns wieder, einen Halbkreis um die Oeffnung des Grabmales bildend.
Es war ein weihevoller Augenblick. Der Tote saß aufrecht in seiner letzten Wohnung. Die Abendröte warf purpurne Strahlen über sein marmorbleiches Angesicht, und der hier oben kräftigere Hauch des Windes ließ seinen langen weißen Bart erzittern.
Da wandte sich Amad el Ghandur nach der Richtung von Mekka, erhob seine ineinander verschlungenen Hände und sprach:
"Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Lob und Preis sei Gott, dem Weltenherrn, der da herrschet am Tage des Gerichtes. Dir wollen wir dienen, und zu Dir wollen wir flehen, auf daß Du uns führest den rechten Weg, den Weg derer, die Deiner Gnade sich erfreuen, und nicht den Weg derer, über welche Du zürnest, und nicht den Weg der Irrenden!"
Jetzt erhob ich ebenso wie er die Hände und sprach aus der fünfundsiebzigsten Sure, die "die Auferstehung" betitelt ist, die Worte:
"Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Ich schwöre bei dem Tage der Auferstehung, und ich schwöre bei der Seele, die sich selbst anklagt: will der Mensch wohl glauben, daß wir seine Gebeine einst nicht zusammenbringen werden? Wahrlich, wir vermögen es, selbst die kleinsten Gebeine seiner Finger zusammenzufügen; doch der Mensch will selbst das, was vor ihm liegt, gern leugnen. Er fragt: Wann kommt denn der Tag der Auferstehung? Wenn das Auge sich verdunkelt und der Mond sich verfinstert und Sonne und Mond sich verbinden, dann wird der Mensch an diesem Tage fragen: Wo findet man einen Zufluchtsort? Aber vergebens, denn es gibt keinen Ort der Rettung. Ihr liebt das dahineilende Leben und achtet nicht auf das zukünftige. Einige Angesichte werden an diesem Tage leuchten und ihren Herrn anblicken, andere aber werden traurig aussehen, denn schwere Trübsal kommt über sie. Sicherlich! Einem solchen Menschen steigt in der Todesstunde die Seele bis an die Kehle, und die Umstehenden sagen: Wer bringt zu seiner Rettung einen Zaubertrank? Dann ist die Zeit der Abreise gekommen; er legt Bein an Bein und wird an diesem Tage hingetragen zu seinem Richter, da er nicht glaubte und nicht betete. Darum wehe dir, wehe! Und abermals wehe dir, wehe! Glaubt denn der Mensch, daß ihm volle Freiheit gelassen sei? Ist er nicht ein ausgeworfenes Samenkorn? Darauf bildete ihn Gott und machte einen Menschen aus ihm. Sollte der, der dies getan, nicht auch zu einem neuen Leben auferwecken können?"
Nun wandte ich mich wieder dem Toten zu und sprach:
"Allah il Allah! Es ist nur ein Gott und wir alle sind seine Kinder. Er leitet uns mit seiner Hand und hält uns alle an seiner Rechten. Er machte uns zu Brüdern und sandte uns auf die Erde, ihm zu dienen und uns in Eintracht seiner Gnade und Barmherzigkeit zu erfreuen. Er läßt den Körper sich entwickeln und die Seele wachsen, bis sie sich nach dem Himmel sehnt. Dann sendet er den Engel des Todes, sie abzulösen und emporzutragen zum Brunnen, aus dem sie ewiges Leben trinkt. Sie ist dann frei von Schmerz und Leid und achtet nicht die Klagen derer, die um die tote Hülle trauern. Hier liegt Hadschi Mohammed Emin Ben Abdul Mutaher es Seim Ibn Abu Merwem Baschar esch Schohanah, der tapfere Scheik der Haddedihn vom Stamme esch Schammar. Er war ein Liebling Allahs; auf seiner Zunge wuchs niemals die Lüge, und aus seiner Hand floß Wohltat weithin über die Hütten, in denen Armut wohnte. Er war der weiseste im Rate; er war ein Held im Kampfe; er war ein Freund dem Freunde; er wurde gefürchtet von seinen Feinden, aber geachtet von allen, die ihn kannten. Darum wollte Allah nicht, daß er abscheide im Dunkel des Zeltes, sondern er sandte Abu Dschajah (* Engel des Todes.), ihn abzurufen mitten im Kampfe von der Seite der Krieger, die hier um ihn stehen. Nun geht der Staub zur Erde. Sein Angesicht wendet sich nach Mekka, der Goldenen; seine Seele aber steht vor dem Allerbarmer und schaut die Herrlichkeit, in die kein sterbliches Auge zu dringen vermag. Sein ist das Leben, unser aber der Trost, daß auch wir einst an seiner Seite stehen werden, wenn Isa Ben Marryam (** Jesus.) einst kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten!"
Jetzt traten Allo und der Soran-Kurde herzu, um das Grab zu verschließen. Schon wollte ich wieder das Wort ergreifen, als der Perser mir winkte. Er trat vor und sprach einige Sätze der zweiundachtzigsten Sure:
"Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Wenn die Himmel sich spalten und die Sterne sich zerstreuen, die Meere sich vermischen und die Gräber sich umkehren, dann wird eine jede Seele wissen, was sie getan und was sie unterlassen hat. So ist es, und doch leugnen sie den Tag des Gerichtes. Aber es sind Wächter über euch gesetzt, die da alles niederschreiben und alles sehen, was ihr tut. Die Gerechten werden erlangen die Wonne des Paradieses, die Missetäter aber die Qualen der Hölle. An diesem Tage vermag keine Seele etwas für die andere, denn an diesem Tage gehört die Herrschaft nur Gott allein!"
Jetzt war die Oeffnung zugesetzt, und es bedurfte noch des Schlußgebetes. Ich hatte auch das übernommen, aber Halef trat vor. In dem Auge des wackern kleinen Hadschi glänzten Tränen, und seine Stimme zitterte, als er sagte:
"Ich will beten!" - Er kniete nieder, faltete die Hände und sprach: "Ihr habt gehört, daß wir alle Brüder sind, und daß Allah uns alle versammeln wird am Tage des Gerichtes. Da drüben ist die Sonne gesunken, und morgen wird sie von neuem emporgestiegen sein; so werden auch wir da oben auferwachen, wenn wir hier gestorben sind. O Allah, laß uns da zu denen gehören, die deiner Gnade würdig sind, und scheide uns nicht von denen, die wir hier lieb gehabt haben. Du bist der Allmächtige und kannst auch dieses Gebet erfüllen!" -
Das war ein seltenes Begräbnis. Ein Christ, zwei Sunniten und ein Schiite hatten über dem Grabe des Toten gesprochen, ohne daß Mohammed einen Blitz herniederfallen ließ. Was mich betrifft, so glaubte ich, keine Sünde zu tun, wenn ich von dem toten Freunde Abschied nahm in der Sprache, die er im Leben gesprochen hatte; die Beteiligung des Persers aber war ein Beweis, daß er an Bildung des Geistes und Herzens den moslemitischen Troß weit überragte. Halef hätte ich zum Dank für seine einfachen, kurzen Sätze gleich umarmen können. Ich wußte es längst: er war, ohne es selbst zu ahnen, nur noch äußerlich ein Moslem, innerlich aber bereits ein Christ.
Wir schickten uns an, den Felsblock zu verlassen. Da zog Amad el Ghandur seinen Dolch und schlug mit demselben von einem Steine des Grabmales ein Stück herab, das er einsteckte. Ich wußte, was das zu bedeuten hatte, und war nun überzeugt, daß ihn kein menschliches Wesen zu überreden vermochte, seine Rache aufzugeben. Er aß und trank im Verlaufe des Abends nichts, nahm mit keinem Worte an unserer Unterhaltung teil und zeigte auch mir gegenüber keine Lust, sich in ein noch so kurzes Gespräch einzulassen. Nur auf eine einzige Bemerkung antwortete er.
"Du weißt," sagte ich nämlich zu ihm, "daß Mohammed Emin den Rappen zurückgenommen hat. Jetzt gehört er dir."
"So habe ich das Recht, ihn wieder zu verschenken?"
"Ohne Zweifel."
"Ich schenke ihn dir."
"Ich nehme ihn nicht an."
"So werde ich dich zwingen, ihn zu behalten!"
"Wie willst du dies anfangen?"
"Du wirst es sehen. Leïlkum saaïde - gute Nacht!"
Er wandte sich ab und ließ mich stehen. Ich merkte, daß es jetzt an der Zeit sei, in Beziehung auf ihn meine Aufmerksamkeit zu verdoppeln. Es sollte aber anders kommen. Es war heute überhaupt ein trüber, ja trauriger Abend. Der Perser hatte sich hinter die Zweigwand zurückgezogen; seine Leute hockten beieinander, und ich saß mit Halef und dem Engländer schweigsam an der Quelle, wo wir bemüht waren, unsere brennenden Wunden zu kühlen. Der Tod Mohammeds hatte einen Jeden von uns mehr angegriffen, als er es den Andern eingestehen wollte. Durch die Hitze, mit der mein Blut in den Adern flutete, zuckte zuweilen ein kalter, schüttelnder Schauer - es war das Nahen des Wundfiebers. Auch Halef fieberte bereits.
Ich hatte eine schlechte Nacht, aber meine kräftige Natur ließ es doch zu keinem ordentlichen Anfalle kommen. Es war, als fühlte ich jeden einzelnen Tropfen meines Blutes durch die Adern rinnen; halb wach, halb träumend oder phantasierend, schob ich mich hin und her; ich sprach mit allen möglichen Personen, die mir die Einbildungskraft vorführte, und wußte doch, daß es Täuschung sei, und erst am Morgen fiel ich in einen festern Schlaf, aus dem ich erst - - gegen Abend erwachte. Der bereits erwähnte Duft umflutete mich, aber anstatt der beiden schönen Augenpaare sah ich die mächtige Aleppobeule auf der Nase des Engländers mir entgegenleuchten.
"Wieder munter?" fragte er.
"Ich glaube. Was! Dort steht die Sonne? Es ist ja fast Abend!"
"Seid froh, Master! Die Ladies haben Euch in die Kur genommen. Sie schickten Tropfen für die Wunde. Halef hat sie aufgeträufelt. Dann kam die eine selbst und goß Euch irgend etwas zwischen die Zähne. Ist wohl kein Porter gewesen, denke ich!"
"Welche war es?"
"Die eine. Die andere blieb dort. Es kann aber auch die andere gewesen sein, und die eine blieb dort. Weiß nicht!"
"Ich meine, die mit den blauen oder die mit den schwarzen Augen?"
"Habe keine Augen gesehen. Das wickelt sich ja ein wie Postpaket. Es wird aber wohl die Blaue gewesen sein."
"Warum vermutet Ihr dies?"
"Weil Ihr mit einem blauen Auge davongekommen seid. Ihr scheint Euch ja ganz wohl zu befinden!"
"Allerdings. Ich fühle mich wirklich ganz frisch und munter."
"Geht mir auch so. Habe die Tropfen auch an meine Wunden getan und fühle keinen Schmerz mehr. Ausgezeichnete Mixtur! Wollt Ihr essen?"
"Habt Ihr etwas? Ich hungere wie ein Wolf."
"Hier! Die Blaue hat es geschickt. Oder vielleicht war es die Schwarze."
Neben mir war eine silberne Tabah (* Präsentiertellerartige Pfanne.), die kaltes Fleisch, gesäuertes Brot und allerlei Mazih (** Leckerbissen.) enthielt. Daneben stand ein Tschidan (*** Teetopf.), der aber anstatt mit Tee mit einer kräftigen Fleischbrühe gefüllt war, die noch Wärme besaß.
"Die Ladies scheinen gewußt zu haben, daß ich erwache, bevor die Bouillon erkaltet," sagte ich.
"Dieser Topf wartet bereits seit Mittag auf Euch. Sobald er kalt geworden ist, lassen sie ihn durch die Alte holen und machen ihn wieder warm. Ihr scheint bei ihnen einen Stein im Brette zu haben."
Erst jetzt sah ich mich genauer um. In der Nähe lag Halef und schlief. Außerdem war kein Mensch zu sehen.
"Wo ist der Perser?" fragte ich.
"Bei den Weibern. Er war heute morgen fort und hat eine Bergziege geschossen. Ihr trinkt also Ziegenbrühe."
"Aus solchen Händen schmeckt sie delikat!"
"Denke nur immer, die Alte wird sie gesotten haben! Yes!"
"Wo ist Amad el Ghandur?"
"Er ist heute sehr früh spazieren geritten."
Ich sprang auf und rief:
"So ist er fort, der Unbesonnene!"
"Mit dem Kohlenbrenner und dem Soran-Kurden. Yes!"
Ah, jetzt wußte ich, was er gemeint hatte, als er sagte, daß Allah selbst ihm ein Mittel gesendet habe, sich zu rächen. Der Soran-Kurde, selbst ein Todfeind der Bebbeh, konnte seinen Dolmetscher machen. Aber trotzdem war der unglückliche Haddedihn zu beklagen. Es war zehn gegen eins zu wetten, daß er seinen Stamm nie wieder erreichen werde. Ihm nachzureiten, davon konnte gar keine Rede sein. Erstens war sein Vorsprung zu groß; zweitens war ich ja Patient, und drittens konnte es nicht unsere Absicht sein, der Blutrache eines Andern wegen geradezu nun selbst zu Mördern zu werden.