"Er reitet doch den Hengst?" fragte ich.
"Den Rappen? Der ist da," antwortete Lindsay.
Auch das noch! Auf diese Weise also zwang mich Amad el Ghandur, das Pferd von ihm als Geschenk anzunehmen! Ich wußte für den Augenblick wirklich nicht, ob ich mich darüber freuen oder ärgern sollte. Ueberhaupt war das Verschwinden des Haddedihn ein Ereignis, das mich nicht gleichgültig lassen konnte; es mußte innerlich verarbeitet werden, um mich darüber beruhigen zu können.
"Also ist auch Allo mit fort?" fragte ich. "Wie steht es denn mit seinem Lohne?"
"Hat ihn zurückgelassen. Aergert mich! Mag von einem Kohlenbrenner nichts geschenkt haben."
"Tröstet Euch, Sir! Er hat ein Pferd und eine Flinte. Damit ist er reichlich bezahlt. Und überdies - wer weiß, was ihm der Haddedihn versprochen hat. Wie lange schläft Halef?"
"So lange wie Ihr."
"Das ist allerdings eine außerordentliche Medizin! Doch vor allen Dingen will ich essen."
Ich hatte kaum damit begonnen, so wurde ich gestört: Hassan Ardschir-Mirza kam. Ich wollte mich erheben, er aber drückte mich freundschaftlich wieder nieder.
"Bleib sitzen, Emir, und iß! Das ist das Notwendigste, was geschehen muß. Wie fühlst du dich?"
"Ich danke dir; sehr wohl."
"Ich wußte es. Dein Fieber wird nicht wiederkehren. Nun aber will ich dir eine Botschaft ausrichten. Amad el Ghandur kam zu mir. Er erzählte mir vieles von euch und von ihm, so daß ich euch so gut kennen gelernt habe, wie er euch selber kennt. Er ist den Bebbeh nach und läßt dich bitten, daß du ihm verzeihen mögest, und er wünscht, daß ihr ihm nicht nachfolgt. Er hofft, daß ihr zu den Haddedihn zurückkehren und ihn dort finden werdet. Das ist die Botschaft, die ich euch bringen soll."
"Ich danke dir, Hassan Ardschir-Mirza! Sein Gehen hat meine Seele tief betrübt; aber ich muß ihn seinem Schicksale überlassen."
"Wohin werdet ihr euch nun wenden?"
"Das müssen wir erst besprechen. Dieser mein Freund und Diener Hadschi Halef Omar muß allerdings zu den Haddedihn, denn bei ihnen befindet sich sein Weib. Und dieser Emir aus Inglistan hat zwei seiner Diener bei ihnen. Es ist aber dennoch möglich, daß wir zuvor nach Bagdad reiten. Dort hat der Inglis ein Schiff, mit dem wir auf dem Tigris bis zu den Weidegründen der Haddedihn gelangen können."
"So besprecht euch, Emir! Geht ihr nach Bagdad, so bitte ich euch, mich nicht zu verlassen. Ihr seid tapfere Krieger; ich habe euch bereits unser Leben zu verdanken und ich möchte dir gern zeigen, daß ich dich lieb gewonnen habe. Wir bleiben hier an diesem Orte, bis wir ohne Gefahr für euere Gesundheit aufbrechen können. Jetzt iß und trink! Ich werde euch noch mehr senden, denn ihr seid meine Gäste. Gott mit euch!"
Er ging, und es dauerte kaum zwei Minuten, so kam die alte Dienerin und brachte eine zweite Taba voller Speisen.
"Nehmt! Der Herr sendet es euch!" sagte sie.
"Habt ihr Feuer in der Hütte?" fragte ich sie.
"Ja. Wir haben ein kleines Feuer und einen Djagadar (* Dreifuß.), auf dem wir die Speisen schnell bereiten können."
"Maderka (** Mütterchen.), wir machen euch sehr viele Sorgen!"
"O nein, Emir. Das Haus freut sich, Gäste zu haben. Der Herr hat dem Hause von euch erzählt, und ihr sollt sein, als ob ihr der Herr selber wäret. Aber sage nicht Maderka! Ich bin Duschireh (* Jungfrau.) und werde stets nur Alwah oder auch zuweilen Halwa genannt."
Damit trippelte sie von dannen. Alle Wetter! War es mir auf dieser Reise denn wirklich beschieden, nur anthropobotanische Studien zu machen? Erst kürzlich in Schohrd eine "Petersilie", und jetzt wieder eine Alwah, die zuweilen auch Halwa genannt wurde! Diese beiden Wörter bestehen aus ganz denselben Buchstaben, und doch wie verschieden ist ihre Bedeutung! Alwah heißt nämlich im Persischen so viel als Aloe, und Halwa ist unser liebes Tausendschönchen.
Diese gealterte Jungfrau hatte nun freilich mehr Aehnlichkeit mit der stacheligen Aloe als mit dem hübschen Tausendschönchen. Sie trug weite, am Knöchel zusammengebundene Beinkleider, deren niederhängende Falten zwei graue Filzpantoffeln fast bedeckten, darüber eine rottuchene Weste und dann ein kaftanartiges, dunkelblaues Obergewand, auf dem Kopfe einen gelben Turban und daran zwei saloppe Schleierflügel, die hinten einen haarlosen Nacken und vorn das eigentümlich gezeichnete Gesicht einer Schleiereule sehen ließen. Doch schien diese "tausendschöne Aloe" ein recht freundliches Gemüt zu besitzen, und ich beschloß, mich zu ihr auf einen möglichst freundschaftlichen Fuß zu stellen.
Sie hatte die Taba zur rechten Zeit gebracht, denn just als sie sich zum Gehen wandte, begann Halef zu gähnen und schlug dann die Augen auf. Er blickte erstaunt im Kreise umher, richtete sich zum Sitzen empor und fragte dann ganz verwirrt:
"Maschallah! Dort steht die Sonne! Habe ich mich umgewandt oder hat sie sich umgedreht?"
Es ging ihm wie mir: er konnte es sich nicht denken, so lange geschlafen zu haben, und sein Erstaunen wuchs, als er erfuhr, daß Amad el Ghandur sich nicht mehr bei uns befinde.
"Fort? Wirklich fort?" fragte er. "Ohne Abschied? Bei Allah, das ist nicht recht von ihm! Aber was tun wir jetzt? Nun hast du keine Verpflichtungen mehr, die dich nötigen, zu den Weideplätzen der Haddedihn zurückzukehren."
"Ich denke im Gegenteile, daß ich sie noch habe. Glaubst du, ich werde dich verlassen, ohne überzeugt zu sein, daß du sicher zu Scheik Malek und zu Hanneh, deinem Weibe, gelangst?"
"Sihdi, diese beiden befinden sich sehr wohl und werden warten müssen, bis ich komme. Ich liebe Hanneh, aber ich werde nicht eher von deiner Seite weichen, als bis du zurückkehrst in das Land deiner Väter."
"Ich kann ein solches Opfer nicht von dir fordern, Halef."
"Nicht von mir, sondern von dir ist es ein Opfer, mich bei dir zu behalten, Sihdi. Beschließe, was du willst; ich folge dir, wenn du nicht die Grausamkeit hast, mich von dir zu weisen!"
Jetzt brachten die Perser aus dem Flusse reichliche Beute von Fischen herbei, aus denen das Nachtmahl bereitet wurde. Ich schloß mich von demselben aus, da ich bereits gegessen hatte, und erstieg den Felsblock, um am Grabe des Haddedihn dem Untergange der Sonne zuzusehen.
Dieses einsame, hoch gelegene Grabmal erinnerte mich an das Felsenmonument, das wir dem Pir Kamek im Tale Idiz errichtet hatten. Wer hätte damals beim Begräbnisse des dschesidischen Heiligen ahnen können, daß Mohammed Emin auf so ferner, kurdischer Höhe seine letzte Ruhestätte finden würde! Es war mir so trüb und traurig zu Mute, und ich fühlte eine solche Leere in mir, als sei mit dem Freunde ein Teil meines eigenen Wesens von mir gewichen. Und doch sollte man am Grabe eines guten Menschen nie trauern; der Tod ist ja der Bote Gottes, der uns nur naht, um uns empor zu führen zu jenen lichten Höhen, von denen der Erlöser seinen Jüngern sagte: »In dem Hause meines Vaters sind viele Wohnungen, und ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.« Das Leben ist ein Kampf; man lebt, um zu kämpfen, und man stirbt, um zu siegen. Darum die Mahnung des Apostels: "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, und ergreife das Leben, dazu auch du berufen bist!"
Die Sonne küßte den Horizont, und ihre scheidenden Strahlen färbten denselben mit flammenden Lichtern, die sich, dem Osten entgegen, in immer milderen Tinten verloren. Die bewaldeten Höhen unter mir glichen einem grünen Meere, über dessen erstarrte Wogen die Dämmerung ihre langsam vorrückenden Schatten breitete. Nur über die nahe liegenden Kämme merkte man den Abendwind streichen, vor dessen Hauche sich die Wipfel leise neigten. Die Schatten wurden dunkler; die Ferne verschwand; das Abendrot war verglüht, und nun legte auch die Nähe das alles verhüllende Gewand des Abends an. Wer doch mit der Sonne ziehen könnte! Wer ihr doch folgen könnte weit, weit fort zum Westen, wo ihre Strahlen noch voll und warm die Heimat beleuchteten! Hier auf der einsamen Höhe streckte das Heimweh seine Hand nach mir aus, das Heimweh, dem in der Fremde kein Mensch entrinnen kann, in dessen Brust ein fühlendes Herz schlägt. "Ubi bene ibi patria" ist ein Spruch, dessen kalte Gleichgültigkeit im Leben nicht allzu oft ihre Bestätigung findet. Die Eindrücke der Jugend sind niemals gänzlich zu verwischen, und die Erinnerung kann wohl schlafen, aber nicht sterben. Sie erwacht, wenn wir es am allerwenigsten denken, und bringt jene Sehnsucht über uns, an deren Weh das Gemüt so schwer erkranken kann. Ich dachte an die tief innigen Strophen des deutsch-amerikanischen Dichters Konrad Kretz, deren letzte also lautet:
"Land meiner Väter, länger nicht das meine,So heilig ist kein Boden, wie der deine.Nie wird dein Bild aus meiner Seele schwinden;Und knüpfte mich an dich kein lebend Band,Es würden mich die Toten an dich binden,Die deine Erde deckt, mein Vaterland!"
Auf einem Umwege kehrte ich ins Lager zurück, wo alle schon schliefen. Trotz der späten Stunde lag ich noch lange schlaflos auf meiner Decke. Es wurden schon einige Vogelstimmen hörbar, als ich endlich einschlief. Ich erwachte gegen Mittag und erfuhr von Halef, daß der Engländer mit dem Perser auf die Auerhühnerjagd gegangen sei. Sie hatten Dojan mitgenommen. Die Wunde des wackeren Hadschi Halef war schmerzhafter als die meinige, doch hatte ihm die alte Dienerin Alwah bereits am Morgen neue Arzneitropfen gebracht, die nicht ohne Wirkung geblieben waren.
"Wie lange bleiben wir hier liegen, Sihdi?" fragte er.
"Doch wohl so lange, bis wir ohne Gefahr für unsere Wunden aufzubrechen vermögen. Was hast du gefrühstückt?"
"Verschiedenes, das ich gar nicht kenne. Diese Perserinnen verstehen vortrefflich zu backen und zu braten. Allah erhalte sie uns, so lange wir sie brauchen! Der Mirza sagte, wenn du erwachtest, so solle ich nur an die Scheidewand treten und in die Hände klatschen."
"Tue es, Halef!"
Er folgte dem Gebote, und gleich darauf erschien das "Tausendschönchen" mit einem Znabilik (* Körbchen.) und einem Kawehdan (** Kaffeetopf.). In dem ersteren befand sich frisches, ungesäuertes Brot nebst kalten Bratenschnitten, und in dem letzteren dampfte der wohlriechende Trank, dessen Zichorie-Imitation in Sachsen den poetischen Namen "Bliemchenkaffee" führt.
"Wie ist dir, Emir?" fragte die Alte. "Du hast auch heut wieder sehr lange geruht; Allah sei Dank!"
"Ich bin sehr munter und hungrig, meine liebe Alwah."
"Hier hast du Labung; iß und trink, damit deine Tage nie alle werden."
"Ich danke dir; grüße das »Haus« von mir!"
"Es ist eigentlich nicht Sitte, aber ich werde es dennoch tun, denn du bist der Freund und Bruder des Herrn."
Sie trippelte von dannen, und ich machte mich an das Frühstück. Auf dem Boden des Körbchens fand ich als Nachtisch vortreffliche getrocknete Weinbeeren und mit Helwa (*** Zuckerguß.) überzogene Gridgan († Wallnüsse.), die die Teilnahme meines guten Halef erregten. Ich sah es ihm an, daß er eine Bemerkung machen wollte, aber schon kehrte Halwa mit einem zweiten Topfe zurück.
"Emir," sagte sie, "hier sendet dir unser »Haus« noch eine Speise, die sehr gut zur Kühlung des Fiebers ist. Erlaube, daß ich das Geschirr nachher wieder hole!"
Als sie sich entfernt hatte, untersuchte ich den Inhalt des Gefäßes und fand zu meinem Erstaunen gekochte Amrudha (†† Birnen, Backbirnen.) in ihrer eigenen, süßen Sauce. Jetzt konnte sich Halef nicht mehr halten.
"Allah 'l Allah!" rief er. "Gott sei gelobt, der köstliche Dinge wachsen läßt und dazu liebliche Frauen, die alles zu bereiten verstehen! Sihdi, diese Perserinnen sind dir hold, sonst würden sie dir nicht so herrliche Speisen senden. Heirate sie, damit sie für dich kochen müssen jetzt und in alle Ewigkeit!"
"Hadschi Halef Omar, hebe dich von dannen, sonst vergesse ich vor Entzücken über deinen Vorschlag, diese Leckerbissen mit dir zu teilen."
Er streckte alle zehn Finger abwehrend von sich, während ihm doch das Wasser im Munde zusammenlief.
"Allah behüte mich vor der Sünde, dir den Genuß zu rauben, den dir diese Speisen bereiten werden, Sihdi! Ich bin ein armer Ben el Arab, und du bist ein großer Emir aus Nemsistan. Ich kann warten, bis mir einst im Paradiese die Houris solche Brühe kochen!"
"Das dauert zu lange, Halef. Wir teilen!"
"Sihdi, du versuchst mich beinahe über meine Kräfte. Ich habe noch nichts aus Farsistan (* Persien.) gegessen."
"So setze dich! Ich nehme den Kaffee, das Brot und das Fleisch, und du issest die Birnen und die Früchte des Helwakurusch (** Zuckerbäcker.)."
"Ja grad diese sind für dich, Effendi!"
"Ich denke, du bist mein Diener, Halef?"
"Der treueste Diener, den es geben kann."
"So gehorche, wenn ich nicht zornig werden soll!"
"Wenn du so streng gebietest, so darf ich nicht ungehorsam sein!"
Sein Gehorsam war ein so eifriger, daß die Extrasendung sehr bald unter seinem Schnurrbarte verschwunden war. Ich wußte es, mein kleiner Halef war einigermaßen ein Leckermaul, dem ich mit diesen Kleinigkeiten einen Hochgenuß bereitete.
Nach einiger Zeit kamen die beiden Jäger zurück und brachten reichliche Beute mit. Der Perser begrüßte mich mit aufrichtiger Freundlichkeit und begab sich dann zu den Frauen, indem er das Auerwild mit sich nahm. Der Engländer nahm neben mir Platz.
"Wie? Jetzt erst aufgestanden? Sehe es am Kaffee," begann er.
"Ich habe allerdings wieder sehr lange geschlafen."
"Well! Leben hier wie im Schlaraffenlande. Wie lange wird es dauern, Master?"
"Jedenfalls so lange, bis wir hier fortgehen."
"Witty, ingenious, geistreich im höchsten Grade! Und wohin werden wir dann gehen, Master?"
"Geht Ihr mit nach Bagdad?"
"Ist mir auch recht. Möchte einmal heraus aus diesen Bergen. Und dann von Bagdad aus?"
"Das wird sich finden. Es ist überhaupt noch nicht ganz gewiß, ob mein Ziel grad Bagdad ist. Ich habe bis jetzt nur die Richtung von Bagdad gemeint."
"Ganz gleich. Nur fort von hier!"
Jetzt erschien die holde "Aloe", um den Dienern des Mirza die Auerhühner zum Rupfen zu übergeben. Hinter ihr kam ihr Herr, der mir winkte und dann mit langsamen Schritten das Lager verließ. Ich folgte ihm. An einer Stelle, die von zwei Bäumen beschattet war, setzte er sich in das Moos nieder und forderte mich durch eine Handbewegung auf, an seiner Seite Platz zu nehmen. Ich tat es, und dann begann er die Unterhaltung mit den Worten:
"Emir, ich habe Vertrauen zu dir; darum höre. Ich bin ein Verfolgter. Frage mich nicht, wer mein Vater war. Dieser starb plötzlich eines gewaltsamen Todes, und seine Freunde flüsterten heimlich, er sei getötet worden, weil er einem Anderen im Wege gestanden habe. Ich, sein Sohn, aber habe ihn gerächt und mußte fliehen mit den Meinigen. Vorher jedoch lud ich alles, was ich an Wertsachen retten konnte, auf eine Anzahl von Kamelen und sandte sie unter der Obhut eines treuen Untergebenen voraus über die Grenze des persischen Reiches. Dann folgten wir auf einem anderen Wege nach. Ich wußte, daß man uns verfolgen würde, und darum leitete ich die Dzadgir (* Häscher.) irre, indem wir den Weg durch das wilde Kurdistan nahmen. Und nun, Emir, sage mir, ob du mich begleiten willst, so weit als unser Weg derselbe ist; doch überlege wohl, daß ich ein Flüchtling bin."