"Das war fast schlimmer als der Tod. Saduk ist seit jener Zeit stets bei deinem Vater gewesen?"
"Ja. Und seine Schmerzen hat er mit geduldiger Ergebung getragen, denn er ist sanft und freundlich von Charakter. Aber es lag ein Fluch auf der Tat."
"Wie so?"
"Der Muschtahed starb an Gift; der Arzt lag eines Morgens ermordet vor der Tür seiner Apotheke, und das Mädchen ertrank bei einer Wasserfahrt, als der Kahn eines verhüllten Mannes den ihrigen umstieß."
"Das ist sehr eigentümlich. Sind die drei Mörder nicht entdeckt worden?"
"Niemals. Ich weiß, was du jetzt denken wirst, Emir; aber deine Vermutung ist eine ungerechte, denn Saduk war sehr oft krank, und er lag grad an den Tagen, an denen die drei den Tod fanden, als Patient in seiner Kammer."
"Auch dein Vater starb eines nicht natürlichen Todes?"
"Er wurde auf einem Ritte überfallen. Saduk und ein Kajem Makam (** Leutnant.) begleiteten ihn. Saduk allein hatte sich gerettet - er blutete aus einer Wunde; mein Vater aber und der Kajem Makam waren tot."
"Hm! Hat Saduk die Mörder nicht erkannt?"
"Es war dunkel; den einen der Angreifenden erkannte er an der Stimme - den größten Widersacher meines Vaters."
"An dem du dich gerächt hast?"
"Die Richter sprachen ihn frei, aber er - - ist tot!"
Die Miene des Mirza sagte mir sehr deutlich, welch eines Todes jener Widersacher gestorben sei. Er warf die Hand verächtlich empor und meinte:
"Das ist vorbei; laß uns nach dem Lager zurückkehren!"
Er ging. Ich blieb noch eine Weile, denn was ich jetzt erfahren hatte, gab mir sehr zu denken. Dieser Saduk war entweder ein ganz und gar selbstloser Mensch, wie es nur wenige gibt, oder ein ganz und gar raffinierter Bösewicht. Er durfte nicht aus den Augen gelassen werden. Als ich später in das Lager kam, war man eben beschäftigt, das Mittagsmahl zu bereiten. Ich sagte dem Engländer, daß ich mit dem Perser nach Bagdad und dann nach Kerbela zu reiten Lust hätte, und er erklärte sich sofort bereit, die gefährliche Reise mitzumachen.
Meine Wunde belästigte mich heute nicht im geringsten; ich fühlte mich ganz wohl, und darum griff ich am Nachmittag zum Stutzen, um mich in Begleitung meines Hundes ein wenig in der Gegend umzusehen. Sir David Lindsay wollte mich begleiten, ich aber zog es vor, allein zu sein. Aus alter langjähriger Gewohnheit wollte ich mich zunächst von der Sicherheit des Lagers überzeugen. Die Hauptsache ist dabei, die eigenen Spuren zu verbergen und dann nachzuforschen, ob sich Spuren feindseliger Wesen bemerkbar machen. Ich umschritt also das Lager in mehreren Kreisen, bis ich unten am Flusse anlangte. Da sah ich denn, daß das Gras an dem Ufer desselben in höchst auffälliger Weise niedergetreten war. Eben wollte ich mich der Stelle nähern, als ich hinter mir die Zweige rauschen hörte.
Schnell trat ich hinter einen dichten Busch und duckte mich zur Erde. Ich hörte Schritte unweit meines Versteckes - der stumme Perser trat aus dem Buschrande hervor, sah sich um und ging, als er keinen Beobachter bemerkte, nach dem Flusse zu derselben Stelle, die mir soeben aufgefallen war. Dort stampfte er im Grase herum und kehrte dann ohne Verzug zurück. Ehe er den Rand des Gesträuches wieder erreichte, warf er einen scharfen, mir auffallenden Blick auf zwei Stellen des Gesträuches und wollte dann vorüberhuschen.
Da aber hatte ich ihn mit der Linken bereits bei der Brust und gab ihm mit der Rechten eine Ohrfeige, die ihm jede Widerstandsfähigkeit benahm.
"Chaïntkar - Verräter! Was tust du hier?" fuhr ich ihn an. Er konnte allerdings nicht sprechen, und die unverständlichen Töne, die er hervorstieß, waren jedenfalls mehr eine Folge seines Schreckens, als der Absicht, mir sein Tun zu erklären.
"Siehst du dieses Gewehr?" sagte ich. "Wenn du nicht sofort tust, was ich dir befehle, so schieße ich dich nieder! Nimm deine Kelah (* Lammfellmütze.), schöpfe mit ihr Wasser und gieße es auf das niedergetretene Gras, damit es sich rasch wieder aufrichtet. Du wirst mit der Hand nachhelfen!"
Er machte einige widerstrebende oder vielleicht auch entschuldigende Handbewegungen; aber als ich den Stutzen von der Schulter nahm, gehorchte er, ein Auge auf seine Arbeit und das andere auf die Mündung des Gewehres richtend.
"Nun komm," sagte ich, als er fertig war; "wir wollen einmal nachsehen, was du hier so auffällig zu beäugeln hattest!"
Ich forschte nach den beiden Punkten, auf die sein Blick gefallen war, und bemerkte an zwei, vielleicht zwanzig Fuß auseinander stehenden Büschen je ein kleines Grasbüschel hangen.
"Ah, ein Zeichen! Das wird interessant! Mache dieses Gras herunter und wirf es in den Fluß!"
Er gehorchte.
"So, nun gehen wir zum Lager. Vorwärts! Wenn du zu entfliehen suchst, so trifft dich meine Kugel, oder es zerreißt dich mein Hund!"
Meine Ahnung hatte mich also nicht getäuscht: dieser Mensch war ein Verräter, obgleich die Tatsache erst noch genauer erwiesen werden mußte. Als wir bei den Andern ankamen, ließ ich den Perser durch einen Diener holen.
"Was ist's?" fragte er. "Warum hältst du Saduk beim Gewande?"
"Weil er mein Gefangener ist. Er will dich verderben. Du wirst verfolgt, und er verrät deinen Verfolgern unsern Aufenthalt durch Zeichen, die er ihnen gibt. Ich traf ihn, als er das Gras am Ufer des Flusses niedertrat, und an den Büschen hingen Grasbündel als Zeichen, an welcher Stelle man in das Gesträuch dringen müsse, um zu unserm Lager zu gelangen."
"Das ist unmöglich!"
"Ich sage es! Verhöre ihn, wenn du ihn verstehen kannst!"
Er legte dem Arrestanten eine Menge Fragen vor, konnte aber aus den darauf folgenden Zeichen und Gebärden weiter nichts entnehmen, als daß Saduk gar nicht begreife, was ich von ihm wolle.
"Siehst du, Emir, daß er unschuldig ist!" meinte der Mirza.
"Nun gut, so werde ich an deiner Stelle handeln," sagte ich. "Ich hoffe, daß es mir gelingt, dich zu überzeugen, daß dieser Mann ein Verräter ist. Hole nun dein Gewehr und folge mir dann. Sage aber vorher deinen Leuten, daß meine Begleiter einen jeden niederschießen werden, der Miene macht, Saduk zu befreien. Sie sind nicht gewohnt, mit sich scherzen zu lassen. Unten am Rande des Busches mag einer bis zu unserer Rückkehr Wache halten, um es den Andern zu melden, falls er das Nahen einer Gefahr bemerkt."
"Reiten oder gehen wir?" fragte er.
"Wie weit liegt der Ort von hier, wo ihr euer letztes Nachtlager hieltet?"
"Wir sind mehr als sechs Stunden geritten."
"So können wir ihn heute nicht erreichen. Wir werden gehen."
Er holte sein Gewehr. Ich gab Halef und dem Engländer die nötigen Instruktionen. Sie banden den Gefangenen und nahmen ihn zwischen sich. Er befand sich in so sicheren Händen, daß ich mich ohne Sorge entfernen konnte.
Wir gingen zunächst talabwärts, dem Flusse zu. Auf der Hälfte dieses kurzen Weges blieb ich überrascht stehen, denn an einer kleinen Blutbuche hing ein ganz eben solches Grasbüschel wie die beiden, die Saduk in den Fluß hatte werfen müssen.
"Halt, Mirza! Was ist das?" sagte ich.
"Gras," erwiderte er.
"Wächst dies auf den Bäumen?"
"Allah hu! Wer hat es hierher gehängt?"
"Saduk. Komm zwanzig Fuß nach rechts hinüber, wo ich ein zweites Zeichen vermute!"
Er folgte mir, und meine Vermutung bestätigte sich.
"Ist das aber nicht schon vor uns hier gewesen?" fragte der Perser.
"O Hassan Ardschir-Mirza, wie gut ist es, daß nur ich allein deine Worte höre! Siehst du nicht, daß dieses Gras noch grün und frisch ist? Komm vollends herab zum Flusse, wo ich in ganz entsprechender Distanz die ersten Zeichen fand. Dieser Mensch hat ja förmlich einen zwanzig Fuß breiten Weg abgesteckt, der vom Flusse zum Lager führt. Dort wären wir überfallen und getötet worden, ganz wie dein Vater, der Apotheker, der Muschtahed und seine Tochter sterben mußten."
"Herr, wenn du recht hättest!"
"Ich habe recht. Bist du ein guter Fußgeher, und getraust du dir, den Weg wiederzufinden, auf welchem ihr von eurem letzten Lagerplatze bis hierher gekommen seid?"
Er bejahte beides, und nun schritten wir am Flusse aufwärts und erreichten recht bald die Stelle, an der ich mit den Haddedihn und den andern Gefährten gelagert hatte, ehe wir den Persern zu Hilfe eilten. Wir waren damals aus Nord gekommen; hier aber bog das Flußtal bald nach Osten um, und wir folgten dieser Richtung. Wir hatten die Krümmung bereits hinter uns, als ich rechter Hand eine starke Weide bemerkte, von deren Stamm zwei Rindenstreifen abgeschlitzt waren.
"In welcher Ordnung seid ihr gewöhnlich geritten?" fragte ich.
"Die Frauensänfte in der Mitte, und die Leute, in zwei Hälften geteilt, vor und hinter derselben."
"Bei welcher Abteilung war Saduk?"
"Stets bei der hinteren. Er blieb oft zurück, denn er liebt die Blumen und Kräuter, die er gern betrachtet."
"Er blieb zurück, um unbemerkt für deine Verfolger Zeichen zu hinterlassen. Er ist ein großer Schlaukopf!"
"Wo sind Zeichen?"
"Hier an dieser Weide; komm weiter!"
Nach einer Viertelstunde zeigte der Fluß eine fast dreifache Breite gegen früher, und sein infolgedessen seichteres Wasser bildete eine Furt, die sehr leicht zu passieren war. Hier blieb der Mirza stehen und deutete auf eine junge Birke, die kurz unterhalb ihrer Krone abgeknickt war.
"Vielleicht hältst du auch das für ein Zeichen?" sagte er lächelnd.
Ich untersuchte das Bäumchen.
"Allerdings ist es ein Zeichen. Sieh das Stämmchen an, meinetwegen auch die Stämme der anderen Bäume, die in der Nähe stehen; betrachte ferner die Richtung der Höhen hier, und du wirst finden, daß allein der Westen die Windseite dieses Platzes sein kann. Kein Nord-, Süd- oder Ostwind kann hier so stark sein, daß er die Krone dieses schwanken Bäumchens bricht. Und doch ist sie gebrochen, und zwar so, daß sie nach West zeigt. Fällt dir das nicht auf?"
"Allerdings, Emir!"
"Und nun sieh die Bruchfläche an! Sie ist noch hell, sie kann nur aus der Zeit stammen, in der ihr hier vorüberkamt. Auch hatte es in den letzten Tagen keinen Sturm gegeben, der mächtig genug gewesen wäre, diese Knickung hervorzubringen. Die Krone zeigt nach West, die Richtung, die ihr eingeschlagen habt. Komm weiter!"
"Sollen wir schwimmen?"
"Schwimmen? Warum?"
"Wir sind hier über die Furt herübergekommen."
"Vielleicht ist das Schwimmen gar nicht nötig, denn der Fluß ist seicht. Laß uns hinüberwaten, und du wirst sehen, daß wir genau an der Stelle, an der ihr in das Wasser rittet, wieder Zeichen finden werden."
Wir banden unsere Kleider in ein Bündel, das wir auf dem Kopfe trugen. Das Wasser ging uns bald nur über die Knie, bald etwas höher; nur einmal erreichte es meine Achseln. Drüben angekommen, mußte sich der Mirza sogleich von der Richtigkeit meiner Vermutung überzeugen, denn es waren mehrere wilde Traubenranken so zusammengebogen und verbunden, daß sie eine Toröffnung versinnbildlichten.
"Hatte hier Saduk Zeit, das zu tun?" fragte ich.
"Ja. Ich besinne mich, daß die Kamele nicht in das Wasser wollten; wir hatten viele Mühe mit ihnen. Saduk ließ sein Pferd zurück, um eines der Kamele hinüberzubringen, und kehrte dann allein und zuletzt zurück, um sein Pferd nachzuholen."
"Wie schlau! Glaubst du mir noch immer nicht?"
"Emir, ich beginne allerdings, dir beizustimmen. Aber was wird er in der Ebene, wo es nur Gras gab, für Zeichen gemacht haben?"
"Auch das werden wir erfahren. Aus welcher Richtung seid ihr an diese Stelle gekommen?"
"Vom Aufgang der Sonne. Da drüben ist - - o, Emir, was ist das?"
Er deutete nach Ost - ich folgte der Richtung seines Armes und gewahrte eine dunkle Linie, die sich uns in grader Richtung zu nähern schien.
"Sind das Reiter?" fragte der Perser.
"Allerdings. Schnell, wieder über das Wasser hinüber, denn auf dieser Seite gibt es kein Versteck für uns; drüben aber haben wir Felsen und ein dichtes Gebüsch!"
Der Rückmarsch ward rasch ausgeführt, und nun suchten wir uns ein sicheres Versteck, wo wir die Nahenden leicht beobachten konnten. Erst hier fanden wir Zeit, die Kleider wieder anzulegen.
"Wer mögen diese Leute sein?" fragte der Mirza.
"Hm! Jedenfalls ist hier kein Handelsweg; aber die Furt könnte doch auch anderen bekannt sein. Wir müssen eben warten."
Die Reiter kamen im Schritte näher und erreichten das jenseitige Ufer. Sie waren jetzt so nahe, daß wir die Gesichter zu unterscheiden vermochten.
"Derigh(* O wehe!)!" flüsterte der Perser. "Es sind persische Truppen!"
"Auf türkischem Boden?" fragte ich zweifelnd.
"Du siehst ja, daß sie die Kleidung der Beduinen tragen!"
"Sind es Ihlats (** Ihlats werden aus den Wanderstämmen, Milizen aber aus den Bewohnern der Städte rekrutiert.) oder Milizen?"
"Ihlats. Ich kenne den Anführer; er war mein Untergebener."
"Was ist er?"
"Es ist der Susbaschi (* Befehlshaber von 100 Mann = Hauptmann.) Maktub Agha, der verwegene Sohn von Ejub Khan."
Wir sahen sehr genau, daß der Anführer die Weinranke scharf betrachtete; dann sprach er zu seinen Leuten, deutete auf die Ranke und führte sein Pferd in das Wasser. Die Anderen folgten.
"Herr," flüsterte der Perser in tiefer Erregung, "du hattest in allem recht. Diese Leute sind abgeschickt, um mich zu ergreifen. Dort ist auch der Pendschahbaschi (** Leutnant, Befehlshaber von 50 Mann.) Omram, der der Bruderssohn von Saduk ist. Allah, wenn sie uns hier träfen! Dein Hund wird uns doch nicht verraten?"
"Nein; er schweigt."
Die Verfolger zählten dreißig Mann. Ihr Anführer war sichtbar ein wilder, verwegener Gesell. Er hielt an der Birke und lachte.
"Dusad diwwan - tausend Teufel!" rief er. "Komme her, Pendschahbaschi, und sieh, wie gut wir uns auf den Bruder deines Vaters verlassen können. Hier ist ein neues Zeichen. Jetzt geht es am Flusse hinunter. Vorwärts!"
Sie ritten an uns vorüber, ohne uns zu bemerken.
"Nun, Mirza, bist du überzeugt?"
"Vollständig!" antwortete er. "Aber hier ist keine Zeit zum Reden; wir müssen handeln!"
"Handeln? Was? Wir können nichts tun, als ihnen vorsichtig nachfolgen."
Wir verließen unser Versteck und folgten den Ihlats in der Weise, daß wir für sie unsichtbar blieben. Es war sehr vorteilhaft für uns, daß sie langsam ritten. Nach einer Viertelstunde kamen sie an den Lagerplatz, von dem aus Mohammed Emin in den Tod geritten war. Sie blieben halten, um die Spuren des Lagers zu betrachten.