"Niemals, Emir!"
"Und dennoch willst du die Ihlats im Schlafe überfallen! Oder gedenkst du, sie vorher zu wecken, damit der Kampf ein ehrlicher sei? Dann wärest du ja verloren."
"Herr, ich fürchte sie nicht!"
"Ich weiß es. Ich sage dir, daß ich allein gegen diese dreißig Männer kämpfen würde, wenn es sich um eine gerechte Sache handelte; meine Waffen sind mehr wert, als alle die ihrigen. Aber wer sagt mir, daß nicht schon ihr erster Schuß, ihr erster Hieb oder Stich mir das Leben nehmen wird? Eine wilde, ungezügelte Tapferkeit gleicht der Wut des Büffels, der blind in den Tod rennt. Ich setze den Fall: Ihr tötet zehn oder fünfzehn dieser Ihlats, so bleiben immer noch fünfzehn übrig, die gegen euch stehen. Ihr habt euch ihnen selbst verraten, und sie werden sich an eure Fersen heften, bis ihr aufgerieben seid."
"Deine Rede klingt weise, Herr; aber wenn ich meine Verfolger schone, so gebe ich mich ja in ihre Hände! Sie werden mich heut oder morgen ergreifen, und was dann geschieht, das hast du ja selbst gehört."
"Wer sagt, daß du dich in ihre Hände geben sollst?"
"Was sonst? Oder kannst du sie vielleicht bewegen, mich ruhig ziehen zu lassen?"
"Ja, das werde ich allerdings tun."
"W'Allah! Das ist - das ist - -- Emir, ich weiß nicht, wie ich das nennen soll!"
"Nenne es deli, verrückt. Das ist der richtige Ausdruck. Nicht?"
"Ich darf nicht »ja« sagen, denn ich achte dich. Glaubst du wirklich, daß du diese Menschen, die sich nach meiner Habe und nach meinem Leben sehnen, überreden kannst, mich entkommen zu lassen?"
"Ich bin davon überzeugt; doch höre. Ich war soeben unten am Flusse und habe einige Bäumchen umgebrochen. Wenn die Ihlats dies bemerken, werden sie meinen, Saduk habe es getan. Bei Anbruch der Morgenröte werden sie ihren Weg fortsetzen. Ich reite vor ihnen her, um ihnen Zeichen zu machen, durch die sie irre geführt werden. Aber sollten sie vor ihrem Abzug unser Lager dennoch entdecken, so verteidigt ihr es. Ich werde eure Schüsse hören und sofort herbeikommen."
"Was wird es nützen, sie von unserer Spur zu bringen, wenn sie dieselbe später wiederfinden!"
"Laß mich nur machen! Ich werde sie so führen, daß sie gewiß nicht wieder auf unsere Fährte kommen. Hast du Pergament bei dir?"
"Ja. Auch bei Saduk haben wir Pergament gefunden; es fehlten viele Blätter bei ihm."
"Er wird sie benutzt haben, den Ihlats heimlich Nachricht zu geben. Hast du ihn danach gefragt?"
"Ja, doch er gesteht nichts."
"Wir brauchen sein Geständnis nicht. Gib mir sein Pergament und lege dich schlafen. Ich werde wachen und euch wecken, wenn es Zeit ist!"
Die Frauen verschwanden, und die Männer legten sich zur Ruhe. Saduk hatte jedes Wort dieser Unterredung hören können; er mußte wie auf Nadeln liegen. Ich untersuchte seine Fesseln und auch den Knebel; die ersteren waren stark genug, und der letztere erlaubte trotz seiner Festigkeit das Atmen.
Ich hüllte mich nun in meine Decke, ohne zu schlafen.
Bei Tagesgrauen weckte ich den Engländer. Auch die Perser wachten auf, und ihr Anführer kam herbei.
"Du willst aufbrechen, Herr?" fragte er. "Wann kommst du zurück?"
"Sobald ich überzeugt bin, daß es mir gelungen ist, die Feinde zu täuschen."
"Das könnte ja auch erst morgen sein!"
"Allerdings."
"So nimm Mehl, Fleisch und Datteln mit. Was aber sollen wir tun, bis du wiederkommst?"
"Verhaltet euch ruhig und verlaßt diesen Platz so wenig wie möglich. Sollte doch etwas Ungewöhnliches oder Bedenkliches eintreten, so ziehe meinen Hadschi Halef Omar zu Rate, den ich dir zurücklassen werde. Er ist ein treuer, kluger und erfahrener Mann, auf den man hören darf."
Ich huschte noch einmal zu Halef hinab, um ihn von meinem Vorhaben zu unterrichten. Als ich zurückkehrte, stand Lindsay bereit, und ich sah, daß man unsere Satteltaschen mit reichlichen Vorräten versehen hatte. Nach kurzem Abschiede brachen wir auf.
Es war sehr schwierig und kostete uns eine geraume Zeit, die Pferde in der Finsternis zwischen den Büschen und Bäumen hinab zu leiten. Wir mußten dabei einen Umweg machen, um von den Ihlats ja nicht bemerkt zu werden. Endlich erreichten wir das Tal, setzten uns zu Pferde und trabten davon. Man konnte nicht weit sehen, denn der Nebel lagerte über dem Wasser; da lichtete sich im Osten bereits der Himmel, und ein leichter Morgenwind zeigte das Nahen des Tages an. Nach kaum fünf Minuten erreichten wir den Ort, wo sich der Fluß krümmte, und wo ich das letzte Zeichen angebracht hatte. Hier stieg ich vom Pferde.
"Stop?" fragte der Engländer. "Warum?"
"Hier müssen wir abwarten, ob die Perser ihren Marsch unverzüglich weiter fortsetzen, oder erst das Terrain untersuchen und mit unseren Freunden in Kampf geraten."
"Ah! Klug! Well! So sind wir auf alle Fälle da! Yes! Haben wir Tabak mit?"
"Werde nachsehen."
Hassan Ardschir-Mirza - oder war es vielleicht seine schöne Schwester? - war sehr aufmerksam gewesen, denn bei den Speisen fand sich auch ein kleiner Vorrat persischen Tabaks.
"Schön! Gut! Anbrennen! Prächtiger Junge, dieser Mirza!" meinte Master Lindsay.
"Seht, dort heben sich die Nebel, und in zwei Minuten werden wir bis hinauf zu den Ihlats sehen können. Wir müssen uns hinter die Krümmung zurückziehen, sonst bemerken sie uns, und dann könnte unser ganzes Spiel verraten sein."
Wir verbargen uns hinter die scharfe Biegung des Flusses und warteten. Endlich sah ich durch mein Fernrohr, daß alle dreißig Ihlats im Schritte herabgeritten kamen. Nun stiegen wir zu Pferde und ritten mit der Schnelligkeit des Windes davon. Erst eine englische Meile weiter hielten wir an, und dort schlitzte ich die Rinde einer Weide los.
"Hm, müssen sehr dumm sein, diese Leute," brummte Lindsay, "wenn sie nicht sehen, daß dieses Zeichen erst jetzt gemacht worden ist."
"Ja, dieser Susbaschi ist eben kein Sir David Lindsay-Bey! Seht, von hier aus scheint der Fluß einen sehr weiten Bogen zu bilden; jedenfalls kommt er an den Hinterbergen dort im Süden wieder zurück. Das gibt einen Bogen, dessen Sehne wenigstens acht englische Meilen lang ist. Wollen wir diese Perser ein wenig in das Wasser führen?"
"Bin dabei, Master. Werden sie uns folgen?"
"Sicher, nehmt die Taschen mit den Vorräten hoch!"
"Aber hier ist es tief!"
"Desto besser. Fürchtet Ihr, zu ertrinken?"
"Pshaw, Ihr kennt mich ja! Aber werden diese Männer glauben, daß der Mirza mit seinen Kamelen über den Fluß gegangen ist?"
"Das soll ja eben die Probe sein. Wenn er das glaubt, so wird er auch allen unseren andern Finten folgen."
Ich verband die Ranken eines Pfeifenstrauches zu einem recht auffälligen Torbogen, trieb meinen Rappen zu einigen Lançaden, um den Boden mit Spuren zu versehen, und ließ ihn dann in das Wasser gehen. Der Engländer folgte. Da wir stromaufwärts hielten, erreichten wir trotz der heftigen Strömung die grad gegenüber liegende Stelle des anderen Ufers, wo ich einige Strauchspitzen umbrach, um die Richtung scharf nach Süden anzudeuten. Es gab hier grasigen Boden, was mir lieb war, da die Nässe, die von uns tropfte, dadurch weniger bemerkbar blieb.
Jetzt ging es im Galopp weiter. Die Perser mußten nach einer halben Stunde dieselbe Stelle erreichen, und dann erkannten sie, wenn sie nicht ganz und gar unerfahren oder leichtsinnig waren, ganz sicher, daß die Spuren unserer Pferde im Grase nicht älter als vom heutigen Morgen sein konnten. Dennoch ritten wir zwei Stunden lang in gleicher Richtung fort über kurze Ebenen, über niedrige Hügel und durch seichte Täler, die von kleinen Wasserläufen durchflossen waren. Dann erreichten wir, wie ich vorher vermutet hatte, den Djalah wieder und setzten auf das andere Ufer über. Natürlich hatten wir an passenden Stellen unsere Zeichen angebracht. Jetzt zog ich ein Stück Pergament hervor.
"Ihr wollt schreiben, Master?" sagte Lindsay.
"Ja. Die Zeichen müssen nun bald aufhören, und so will ich versuchen, ob ein Pergament die gleiche Wirkung hervorbringt."
"Zeigt her, was Ihr schreibt!"
"Hier, seht es Euch an!"
Ich gab ihm das Pergament, auf welchem etliche persische Worte standen. Er sah sie an und dann mich; dabei zogen seine Lippen ein höchst verlegenes Trapezoid, und seine Nase legte sich verschämt zur Seite.
"Heigh ho! Wer soll dieses Geschreibsel lesen! Wie heißt es?"
"Es ist persisch und wird von hinten, also von rechts nach links gelesen. Es lautet: »Halijah hemwer ziru bala - jetzt beständig abwärts!« Wir wollen sehen, ob sie dieser Weisung Folge leisten."
Ich bog zwei Aeste eines Strauches zusammen und befestigte das Pergament in der Weise daran, daß es sofort gesehen werden mußte. Hierauf ritten wir dem Laufe des Flusses nach, bis wir eine passende Stelle fanden, um unsern letzten Uebergangspunkt zu beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Hier stiegen wir vom Pferde, um ein Frühmahl zu halten und die Tiere trinken und grasen zu lassen. Natürlich waren wir sehr gespannt darauf, zu sehen, ob unsere List Erfolg haben würde.
Wir mußten weit über eine Stunde warten, bis wir endlich da oben am Flusse eine Bewegung wahrnahmen. Das Fernrohr zeigte mir, daß alles gelungen sei, und so ritten wir höchst befriedigt weiter. Erst kurz nach Mittag machte ich ein Zeichen, und dann gegen Abend wieder eines an der Ecke eines Seitentales, das sich vom Flusse ab nach West erstreckte. Dies war die erste Gelegenheit, den zweiten Teil unseres Unternehmens auszuführen, nämlich die Perser nach rechts abzulenken; bis jetzt hatte das Terrain sich noch nicht dazu geeignet.
Am Eingange dieses Tales hielten wir unsere wohl verdiente Nachtruhe.
Am andern Morgen befestigte ich ein zweites Pergamentstück, das angab, daß der Weg nun lange Zeit nach Sonnenuntergang führen werde. Im Laufe des Vormittags ließ ich ein drittes zurück, des Inhaltes, daß Hassan Ardschir-Mirza mißtrauisch geworden sei, weil er mich (das heißt Saduk) bei einem Zeichen ertappt habe. Dann zu Mittag brachte ich das vierte und letzte Pergamentstück an. Es enthielt die Nachricht, daß der Mirza über die Hügel des Bozian entweder nach Dschumeila oder Kifri gehen wolle, und daß sein Mißtrauen so gewachsen sei, daß er mich in die Vorhut versetzt habe, um mich stets vor Augen zu haben; das Zeichengeben sei mir also jetzt beinahe unmöglich geworden.
Hiermit war unsere Aufgabe gelöst. Ich hielt es gar nicht für nötig, uns zu überzeugen, ob der Susbaschi uns auch wirklich bis hierher folgen werde; denn nach allem, was bisher geschehen war, stand sicher zu erwarten, daß er unsere List für Wahrheit nehmen werde.
Wir kehrten, mit unserer bisherigen Richtung einen Winkel bildend, um und kamen durch Gegenden, die wohl selten ein Fuß betrat. Es mußten viele Windungen und Umwege gemacht werden, aber dennoch erreichten wir den Djalahfluß noch lange vor Abend. Wir ritten noch eine Strecke aufwärts, bis der Abend uns zwang, Halt zu machen. Am Morgen brachen wir früh auf und langten bereits am Mittag bei unserm Lager an.
Noch ehe wir es erreichten, kam mir Halef von der Höhe herab entgegengesprungen.
"Allah sei Lob und Dank, Sihdi, daß du glücklich zurückkehrest! Wir haben große Sorge ausgestanden, denn du bist zwei und einen halben Tag weggeblieben, anstatt nur einen. Ist euch vielleicht ein Unglück begegnet, Effendi?"
"Nein; es ist im Gegenteile alles sehr glatt abgelaufen. Wir sind nicht früher gekommen, weil wir nicht eher Gewißheit fanden, die Perser wirklich irregeführt zu haben. Wie steht es im Lager?"
"Gut, obgleich etwas vorgekommen ist, was nicht sein sollte."
"Was?"
"Saduk ist entflohen."
"Saduk! Wie konnte er entkommen?"
"Er muß unter den Andern einen Freund haben, der ihm die Fesseln zerschnitten hat."
"Wann ist er fort?"
"Gestern früh, am hellen Morgen."
"Wie ist dies möglich gewesen?"
"Du warst mit dem Inglis fort, und ich saß Wache hier unten. Die Perser aber verließen das Lager, einer nach dem andern, um zu sehen, was die Ihlats tun würden. Diese zogen ruhig ab, aber als die Perser wieder in das Lager zurückkehrten, war der Gefangene verschwunden."
"Das ist schlimm, sehr schlimm! Wäre es einen Tag später geschehen, so könnte man ruhig sein. Komm, führe das Pferd."
Droben auf der Höhe kamen mir alle mit Freuden entgegen. Ich sah so recht, in welcher Sorge man um uns gewesen war; dann aber nahm mich der Mirza beiseite und berichtete mir Saduks Flucht.
"Es gibt zweierlei in Betracht zu ziehen," sagte ich. "Erstens: wenn Saduk die Ihlats erreicht, so wird er sie schleunigst zurückbringen. Zweitens: er kann sich auch in der Nähe des Lagers aufhalten, um sich zu rächen. Wir sind hier in keinem Falle mehr sicher und müssen diesen Platz sofort verlassen."
"Wohin gehen wir?" fragte Hassan Ardschir-Mirza.
"Vor allen Dingen auf das andere Ufer des Flusses. Nach unten zu gibt es keine Furt, folglich kehren wir um bis zu der Stelle, an der du herübergekommen bist. Dies erhöht zugleich unsere Sicherheit, denn man wird nicht glauben, daß du aufwärts gegangen bist. Sollte Saduk zurückgeblieben sein, um sich des Nachts zu rächen, so wird er sich am Tage doch nicht in unsere Nähe wagen. Ich könnte zwar versuchen, mit dem Hunde seine Spur zu finden, aber das ist unsicher und zeitraubend. Gib Befehl, aufzubrechen, und zeige mir die durchschnittenen Fesseln Saduks. Von jetzt an aber laß deine Diener niemals wissen, was du zu tun beabsichtigst."
Er ging in die Hütte der Frauen und kam mit den Fesseln zu mir zurück. Sie bestanden aus einem Tuche, das als Knebel gedient hatte, aus zwei Stricken und einem Riemen; alle vier Gegenstände waren zerschnitten. Das Tuch machte mir die meiste Mühe, da die Falten, in denen es gelegen hatte, nicht leicht wieder so genau herzustellen waren. Endlich gelang es mir, und ich untersuchte nun die Schnittflächen höchst genau.
"Laß deine Leute herantreten!" sagte ich zu dem Mirza.
Sie kamen auf seinen Ruf herbei, ohne zu wissen, um was es sich handelte; jetzt aber sahen sie die Fesseln vor mir liegen.
"Gebt mir einmal eure Messer und Dolche!" befahl ich.
Während ein jeder mir das Verlangte entgegenstreckte, beobachtete ich die Gesichtszüge eines jeden einzelnen, ohne etwas Auffälliges zu entdecken. Ich untersuchte nun die Schneiden der Instrumente sorgfältig und bemerkte dabei so obenhin:
"Diese Sachen sind nämlich mit einem dreikantigen Dolche durchschnitten worden; ich werde den Täter bald entdecken."
Es waren überhaupt nur zwei dreikantige Dolche vorhanden, und ich bemerkte, daß der Besitzer des einen jäh erblaßte. Zugleich sah ich, daß er die eine Ferse leicht erhob, wie einer, der sich zum Sprunge richtet. Daher sagte ich leichthin: