"Der Täter will entfliehen: er mag dies nicht wagen, denn das würde seine Sache verschlimmern, anstatt sie zu verbessern. Es kann ihn nur ein offenes Geständnis retten."
Der Mirza sah mich mit erstaunten Augen an, und auch die drei Frauenköpfe, die über der Scheidewand erschienen waren, flüsterten sich leise Bemerkungen der Verwunderung durch die Schleier zu.
Jetzt war ich mit meiner Prüfung zu Ende und hatte Gewißheit erlangt. Ich deutete mit dem Finger auf den Betreffenden und sagte:
"Dieser ist es; haltet und bindet ihn!"
Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, so schnellte er mit einem weiten Satze fort und eilte nach den Büschen. Die andern wollten ihn verfolgen.
"Bleibt!" gebot ich.
"Emir, er wird entkommen!" rief der Mirza.
"Er entkommt nicht," antwortete ich. "Siehst du nicht meinen Hund bei mir? Dojan, tut onu - ergreife ihn!"
Der Hund sauste davon und zwischen die Büsche hinein - ein lauter Schrei erscholl und zugleich der meldende Laut des Tieres.
"Halef, hole den Kerl!" sagte ich.
Der kleine Hadschi gehorchte mit sehr befriedigter Miene.
"Aber Emir," fragte Hassan, "wie kannst du an den Messern sehen, wer der Täter war?"
"Sehr leicht! Eine flache Klinge wird einen ganz anderen Schnitt machen, als eine dreikantige, die sich mehr zum Stoße eignet. Die Schnittflächen wurden weit auseinander gedrängt, darum war der Schnitt nicht mit einem dünnen Instrumente geschehen. Und nun blicke her: diese Schnittflächen sind da, wo sie beginnen, nicht glatt, sondern zerrissen und gestülpt; die Klinge, mit der die Tat geschah, hatte also eine sehr bemerkbare Scharte gehabt. Und nun sieh dir diesen Dolch an: er ist der einzige von allen, der eine solche Scharte hat."
"Herr, deine Weisheit ist zu bewundern!"
"Dieses Lob verdiene ich nicht. Die Erfahrung hat mich gelehrt, in allen Lagen auch das Kleinste zu beobachten; es ist also nicht Weisheit, sondern einfache Gewohnheit von mir."
"Aber wie wußtest du, daß er entfliehen wollte?"
"Weil ich sah, daß er erst erbleichte und dann das Sprunggelenk erhob. Wer soll ihn verhören, du oder ich?"
"Tue du es, Emir! Bei dir wird er nicht leugnen."
"So mögen sich deine Leute entfernen, damit ihm das Geständnis leichter wird. Hier, gib ihnen die Messer zurück! Aber ich mache die eine Bedingung, daß du mir erlaubst, das Urteil zu fällen, und mir versprichst, der Ausführung desselben nicht hinderlich zu sein."
Er willfahrte gerne.
Jetzt brachte Halef den Inkulpaten herbei, der ganz verstört aussah. Auf meinen Wink führte ihn der kleine Hadschi vor die Stelle, an der ich mich mit Hassan Ardschir-Mirza niedergelassen hatte. Ich sah ihm einige Augenblicke lang scharf in das Gesicht und sagte dann:
"Es steht bei dir, welches Schicksal du heut finden wirst. Gestehst du deinen Fehler aufrichtig, so hast du Gnade zu erwarten; leugnest du aber, so mache dich bereit, in die Dschehennah zu gehen!"
"Herr, ich werde alles sagen," antwortete er; "aber tue den Hund weg!"
"Er bleibt vor dir stehen, bis wir fertig sind. Er ist bereit, dich auf einen Wink von mir zu zerreißen. Jetzt sage aufrichtig: warst du es, der Saduk befreit hat?"
"Ja, ich bin es gewesen."
"Warum hast du es getan?"
"Weil ich es ihm geschworen hatte."
"Wann?"
"Ehe wir zu dieser Reise aufbrachen."
"Wie kannst du ihm etwas schwören, da er doch stumm ist und gar nicht mit dir zu sprechen vermag?"
"Herr, ich kann lesen!" antwortete er stolz.
"So erzähle!"
"Ich saß mit Saduk ganz allein im Hofe; da schrieb er mir auf ein kleines Pergament die Frage, ob ich ihn lieb habe. Ich antwortete mit »ja«, denn er dauerte mich, weil man ihm die Zunge genommen hatte. Er schrieb weiter, daß auch er mich lieb habe, und daß wir Freunde des Blutes sein sollten. Ich stimmte bei, und dann schwuren wir bei Allah und dem Kuran, daß wir einander nie verlassen und uns beistehen wollten in jeder Not und Gefahr."
"Redest du die Wahrheit?"
"Ich kann es dir beweisen, Emir, denn ich habe das Pergament noch, auf dem es geschrieben steht."
"Wo ist es?"
"Ich habe es hier in meinem Gürtel."
"Zeige es her!"
Er gab mir das Blatt in die Hand; es war sehr beschmutzt, aber man konnte die Schrift noch gut erkennen. Ich gab dem Mirza das Pergament; er las es und nickte beistimmend.
"Du bist sehr unvorsichtig gewesen," sagte ich zu dem Manne. "Du hast dich diesem Menschen angeschworen, ohne zu prüfen, ob es auch vielleicht zu deinem Schaden sein könne."
"Emir, es hat ihn jeder andere für einen ehrlichen Mann gehalten!"
"Erzähle weiter!"
"Ich habe nie geglaubt, daß er ein Bösewicht sei, und darum hatte ich Mitleid mit ihm, als er in Fesseln lag. Ich erinnerte mich meines Schwures, ihm in jeder Not beizustehen, und ich dachte, daß Allah mich strafen würde, wenn ich diesen Schwur nicht hielte. Daher wartete ich den Augenblick ab, als alle fort waren, und machte Saduk frei."
"Sprach er mit dir?"
"Er kann ja nicht reden."
"Ich meine durch Zeichen und Gebärden."
"Nein. Er erhob sich, streckte sich, gab mir die Hand und sprang in das Gebüsch."
"In welcher Richtung?"
"Da hinein."
Er deutete nach der Richtung, die dem Flusse abgewendet war.
"Du hast die Treue gegen deinen Herrn gebrochen und bist ein Verräter an uns geworden, um einen leichtsinnig gegebenen Schwur zu halten. Rate einmal, welche Strafe du erleiden wirst?"
"Emir, du wirst mich töten lassen."
"Ja, du hast den Tod verdient, denn du hast einen Mörder befreit und dadurch uns alle in Todesgefahr gebracht. Doch du bist deines Fehlers geständig, und so erlaube ich dir, deinen Herrn um eine mildere Strafe zu bitten. Ich glaube nicht, daß du zu jenen Leuten gehörst, die Böses tun, weil sie das Gute hassen."
Dem armen Kerl traten dicke Tränen in die Augen, und er warf sich vor Hassan Ardschir auf die Knie nieder. Er war voller Angst, daß zwar seine Lippen zuckten, er selbst aber kein Wort hervorbringen konnte. Das strenge Angesicht seines Herrn wurde milder und milder.
"Sprich nicht," sagte er; "ich weiß, daß du mich bitten willst, und kann dir doch nicht helfen. Ich bin stets mit dir zufrieden gewesen, aber dein Schicksal ist nicht mehr in meine Hand gegeben, denn nur allein der Emir hat über dich zu bestimmen. Wende dich an ihn!"
"Herr, du hast es gehört!" stammelte der Bittende, zu mir gewendet.
"Du glaubst also, daß ein guter Moslem seinen Schwur halten müsse?" fragte ich ihn.
"Ja, Emir."
"Könntest du deinen Eid brechen?"
"Nein, selbst wenn es mich das Leben kostete!"
"Wenn also Saduk jetzt wieder heimlich zu dir käme, würdest du ihm Beistand leisten?"
"Nein. Ich habe ihn befreit; ich habe ihm meinen Schwur gehalten; nun aber ist es gut."
Das war allerdings eine eigentümliche Ansicht über die Gültigkeitsdauer eines Eides, doch mir kam sie gelegen.
"Möchtest du deinen Fehler durch Treue und Liebe zu deinem Herrn wieder vergessen machen?"
"Ja. O Herr, wenn dies möglich wäre!"
"Hier, gib mir deine Hand und schwöre es!"
"Ich schwöre es bei Allah und dem Kuran, bei den Khalifen und allen Heiligen, die es gegeben hat."
"So ist es gut; du bist frei und wirst Hassan Ardschir-Mirza weiter dienen. Aber gedenke deines Schwures!"
Der Mann war vor Freude und Glück ganz außer sich, und auch dem Mirza sah ich es an, daß er mit mir einverstanden sei. Doch gab es zwischen ihm und mir hierüber jetzt keine Auseinandersetzung, da wir durch den Aufbruch vollständig beschäftigt waren.
- - -
Viertes Kapitel: In Bagdad
Beim Verlassen des Ortes machten uns die Kamele am meisten zu schaffen. Diese dummen Tiere waren die weite, baumlose Ebene gewohnt und konnten sich hier zwischen Felsen, Bäumen und Sträuchern nicht zurechtfinden. Wir waren gezwungen, ihre Lasten auf den Händen bis zum Flusse zu tragen und sie dann förmlich hindurch- und hinabzuschieben. Ebenso brachten wir sie nur mit Mühe über den Fluß.
Ich hatte mit Halef stets hinter den Anderen gehalten, um mit möglichster Sorgfalt alle Spuren zu verwischen.
Wir beabsichtigten durchaus nicht, den Ritt nach Bagdad sofort anzutreten, sondern wir wollten nur einen Ort verlassen, an dem wir uns nicht mehr sicher fühlten, und einen andern suchen, wo wir nicht zu befürchten brauchten, von den Ihlats und Saduk entdeckt zu werden. Gegen Abend, nachdem wir uns längst nach Süden gewendet hatten, fanden wir endlich eine verlassene Hütte, die wohl einem einsamen Kurden als Aufenthaltsort gedient hatte. Sie stand mit dem Rücken an einer Felsenwand, und an den drei anderen Seiten umgab sie ein Kranz von Büschen und Sträuchern. Jenseits dieses Kranzes hatte man eine weite Fernsicht. Innerhalb desselben erhielten die Tiere ihren Aufenthalt, und auch wir schlugen da unsere Lagerstätten auf, was allerdings gar nicht viel Zeit und Arbeit erforderte, da es sich nur darum handelte, unsere Satteldecken auf dem Boden auszubreiten.
Wir waren eben fertig geworden, als der Abend hereinbrach, und sofort begannen die drei Frauen, die das Häuschen ausschließlich bewohnten, ihre kulinarische Tätigkeit. Es gab ein gutes Abendessen. Ich war infolge der fast dreitägigen Anstrengung sehr ermüdet und legte mich bald zur Ruhe. Bereits mochte ich einige Stunden geschlafen haben, als ich eine Berührung fühlte und infolgedessen die Augen öffnete. Die alte Halwa stand vor mir und winkte. Ich erhob mich, um ihr zu folgen. Alle Andern schliefen, außer einem der Perser, der die Wache hatte und draußen vor dem Buschwerke saß, so daß er uns gar nicht bemerken konnte. Die Alte führte mich zur Seite des Hauses, wo ein dichter Holunder seine reichen Dolden ausbreitete. Hier fand ich Hassan Ardschir-Mirza.
"Hast du etwas wichtiges zu besprechen?" fragte ich ihn.
"Für uns ist es wichtig, denn es betrifft unsere Reise. Ich habe mir überlegt, was ich tun soll, und es würde mir lieb sein, wenn meine Gedanken deinen Beifall fänden. Verzeihe, daß ich dich im Schlafe stören ließ."
"Laß mich hören, was du beschlossen hast!"
"Du bist bereits in Bagdad gewesen. Hast du auch Freunde oder Bekannte dort?"
"Einige flüchtige Bekanntschaften, doch zweifle ich nicht, daß diese Männer mir freundlich gesinnt sind."
"So kannst du also dort sicher wohnen?"
"Ich wüßte nicht, was ich dort zu befürchten hätte. Auch stehe ich unter dem Schutze des Großherrn und kann mich sogar unter denjenigen einer europäischen Macht stellen."
"So werde ich eine Bitte aussprechen. Ich habe dir bereits gesagt, daß meine Leute mich in Ghadhim erwarten. Mir ahnt, daß ich dort nicht sicher wäre, und daher sollst du hingehen und meine Angelegenheit besorgen."
"Gerne. Welche Aufträge willst du mir anvertrauen?"
"Die Kamele, die du dort finden wirst, haben mein Besitztum getragen, das ich zu retten vermochte. Dies ist mir auf meiner Weiterreise hinderlich und beschwerlich; ich werde alles verkaufen. Willst du mir erlauben, diesen Verkauf in deine Hand zu legen?"
"Ja, wenn du mir dieses große Vertrauen schenken willst."
"Ich schenke es dir. Ich werde dir einen unserer jetzigen Begleiter mitgeben, der dich mit einem Briefe bei Mirza Selim Agha legitimieren soll. Du verkaufst alles; die Last samt den Tieren, und kannst dann die Leute bezahlen und entlassen."
"Wird Mirza Selim Agha nicht zornig werden, daß du dieses Geschäft nicht ihm anvertraust? Er hat dir treu gedient; er hat deine Güter bis nach Bagdad geleitet; er hat sich also ein Recht auf dein Vertrauen erworben."
"Widersprich mir nicht, Emir, denn ich weiß, was ich tue. Er ist der einzige, den ich nicht entlasse; damit soll er zufrieden sein. Ich glaube, daß du meinen Auftrag besser ausführen kannst als er, und ich erteile ihn dir auch noch um eines andern Grundes willen. Wirst du in Bagdad sogleich eine Wohnung finden können?"
"Ich werde sofort die Wahl unter vielen haben."
"Ich werde dir nicht nur die Güter, sondern auch mein »Haus« anvertrauen, Emir. Willst du?"
"Hassan Ardschir-Mirza, du versetzest mich in Erstaunen und Verlegenheit! Bedenke, daß ich ein Mann und daß ich ein Christ bin!"
"Ich frage nicht danach, ob du ein Christ oder ein Moslem bist; denn als du mich aus der Hand der Bebbeh errettetest, hast du diese Frage auch nicht getan. Ich muß danach trachten, meinen Verfolgern zu entgehen. Sie dürfen nicht wissen, wo Hassan Ardschir-Mirza sich befindet; darum vertraue ich dir meine Habe an, und darum übergebe ich dir auch mein »Haus«, um es während meiner Abwesenheit unter deinen Schutz zu nehmen. Ich weiß, daß du die Ehre meines Weibes und meiner Schwester Benda achten wirst."
"Ich werde diese beiden weder zu sehen noch zu sprechen verlangen. Aber von welcher Abwesenheit redest du, Mirza?"
"Während ihr in Bagdad seid, werde ich mit Mirza Selim Agha nach Kerbela gehen, um die Gebeine meines Vaters zu begraben."
"Du vergissest, daß auch ich nach Kerbela will!"
"Emir, gib diesen Entschluß auf; er ist zu gefährlich! Ja, du warst in Mekka, ohne das Leben zu verlieren; aber bedenke, welcher Unterschied zwischen Mekka und Kerbela ist. Dort sind fromme, ruhige Moslemim, in Kerbela aber findest du Fanatiker, die durch die Aufführung von Hosseïns Trauerspiel bis zum Wahnsinne erregt und in eine tolle Wut gebracht werden, der regelmäßig selbst echte Gläubige zum Opfer fallen. Ahnte nur ein einziger, daß du kein Schiit, ja daß du nicht einmal ein Moslem wärst, so würdest du den grausamsten Tod erleiden. Folge mir und laß ab von deinem Vorsatze!"
"Wohlan! Ich werde mich erst in Bagdad entschließen, was ich tue. Aber ob ich gehe oder ob ich bleibe, so kannst du doch überzeugt sein, Hassan Ardschir-Mirza, daß dein »Haus« sich in vollständiger Sicherheit befinden wird."
So endete unsere Unterhaltung.
Wir blieben noch volle fünf Tage an dieser Stelle und brachen erst auf, nachdem wir die feste Ueberzeugung erlangt hatten, daß die Kräfte sämtlicher Begleiter wieder hergestellt seien. Der Ritt durch die Berge ging ganz glücklich von statten, und auch, was ich vorher nicht gedacht hätte, die Ebene wurde zurückgelegt, ohne daß wir eine feindselige Begegnung mit Arabern hatten, was allerdings mehr unserer Vorsicht als dem guten Willen der Beduinen zuzuschreiben war.
Hinter Beni Seyd, vier Wegstunden nordöstlich von Bagdad, machten wir an einem Kanale Halt. Von hier aus sollte ich nach Ghadim reiten, um mit Mirza Selim Agha, dem Hassan Ardschir seine Habe anvertraut hatte, zu sprechen. Unser kleiner Trupp machte an einem Platze Halt, an dem nicht so leicht eine Störung zu befürchten war. Ich half vorerst das Lager fertig stellen und erhielt sodann den Brief Hassans, der mir als Beglaubigung dienen sollte.