"Werde ich Selim Agha wirklich bereitwillig finden?" fragte ich ihn.
"Er hat dir zu gehorchen, als ob ich selbst an deiner Stelle wäre. Du übernimmst alles, was er hat, und sendest ihn, sobald du seiner nicht mehr bedarfst, mit dem Manne, den ich dir mitgebe, heraus zu mir. Ich aber werde hier warten, bis du selbst zurückkehrst. Du wirst alle meine Sachen verkaufen, und was du tust, ist mir recht."
Der Engländer sah diese Vorbereitungen zum Weiterritte und meinte:
"Nach Bagdad, Master? - Ich gehe mit!"
Ich hatte nichts dagegen einzuwenden. Aber noch einer wollte mit, nämlich Halef. Dies ging jedoch nicht an, da er zum Schutze des Lagers nötig war.
Wir ritten ab und erreichten nach zwei Stunden die dritte Krümmung des Tigris oberhalb Bagdad, in deren Innern Ghadhim jenseits des Flusses liegt. Wir schwenkten von dem Postwege, der nach Kerkuk, Erbil, Mossul und Diarbekir führt, rechts ab, ritten an der dort liegenden großen Ziegelei vorüber und ließen uns übersetzen. Durch freundliche Palmengärten erreichten wir nun Ghadhim, das ausschließlich von schiitischen Persern bewohnt wird.
Dieser Ort steht auf "heiligem" Boden, denn dort befindet sich die Grabstätte des Imam Musa Ibn Dschafer. Dieser berühmte Mann hatte die Pilgerreise nach Mekka und Medina an der Seite des Kalifen Harun al Raschid gemacht. In letzterer Stadt begrüßte er die Grabstätte des Propheten mit den Worten: "Heil dir, Vater!" während der Kalif es nur mit den Worten: "Heil dir, Vetter!" getan hatte. "Wie, du willst mit dem Propheten näher verwandt sein als ich, der Nachfolger desselben!" rief Harun zornig und von dieser Zeit an haßte ihn Al Raschid ebenso, wie er ihn früher geachtet und bevorzugt hatte. Musa Ibn Dschafer ward in den Kerker geworfen, in welchem er sein Leben beschloß. Aber nach seinem Tode erhob sich über seinem Grabe ein prächtiger Tempel, dessen Kuppel echt vergoldet ist, mit vier schönen Minarehs.
Ghadhim ist ferner merkwürdig durch eine so spezifisch abendländische Institution, daß ihr Anblick in dieser Umgebung geradezu befremdend wirkt: es besitzt nämlich eine Pferdebahn, welche ihren Ausgangspunkt am Arsenal zu Bagdad hat. Sie wurde von dem reformfreundlichen Gouverneur Midhat Pascha erbaut, welcher später in Stambul eine so hervorragende Rolle spielte. Wäre dieser Mann von seinem Posten als Generalstatthalter von Irak nicht abberufen worden, so besäße Mesopotamien eine Eisenbahn, deren Zweck wäre, die Euphrat- und Tigrisländer über die Hauptorte Syriens hinweg mit Konstantinopel zu verbinden. Leider ist dieses hochwichtige Unternehmen bis auf den heutigen Tag Projekt geblieben. Mußte Midhat Pascha doch sogar die Interessenten seiner Pferdebahn mit Peitschenhieben zusammentreiben lassen: eine sehr deutliche Illustration der Stabilität des Mohammedanismus.
Die Perser, welche Ghadhim bevölkern, sind meist Händler und Kaufleute, die täglich in Geschäften nach Bagdad kommen. Um unter dieser Bevölkerung den Agha zu finden, mußte ich mich nach einem Karawanenhof begeben, deren es in Bagdad viele und auch in Ghadhim einige gibt.
Es war um die Mittagszeit und im Juli, und wir hatten ganz sicher fünfunddreißig Grad Hitze nach Reaumur. Eine fast undurchsichtige Luft lag über der Stadt, und wer uns begegnete, hatte das Gesicht verhüllt. In einer der Gassen begegnete uns ein Mann in reicher, persischer Kleidung; er ritt einen Schimmel, der ein Reschma trug, eines jener kostbaren persischen Geschirre, mit denen nur die Reichsten prunken können. Wir waren gegen den Mann allerdings die reinen Strauchdiebe.
"Ez andscha, tschepu rast - packt euch fort, weicht rechts aus!" rief er uns an, indem er eine Gebärde des Abscheues machte.
Ich ritt zwar neben dem Engländer, aber die Gasse war so breit, daß der Perser recht gut an uns vorüber konnte. Trotzdem hätte ich ihm den Willen getan, wenn er seine Gebärde unterlassen hätte.
"Du hast Platz," antwortete ich daher. "Vorwärts!"
Anstatt vorüberzureiten, nahm er seinen Schimmel quer und sagte:
"Schwein von einem Sunniten, weißt du nicht, wo du bist! Weiche aus, sonst zeigt dir meine Peitsche den Weg!"
"Versuche es!"
Er zog die Kamelpeitsche aus dem Riemen und holte aus. Er traf aber nicht, denn mein Rappe schnellte mit einem weiten Satze an ihm vorüber, wobei ich ihm die Faust so in das Gesicht stieß, daß er trotz seines orientalischen Sattels vom Pferde flog. Ich wollte nun ruhig weiterreiten, ohne mich um den Mann zu bekümmern; da aber hörte ich außer seinem Fluche den Ausruf des Dieners, den uns Hassan Ardschir-Mirza mitgegeben hatte:
"Az baray chodeh - um Gottes willen, das ist ja Mirza Selim Agha!"
Sofort drehte ich mich um. Der Herabgestürzte saß bereits wieder auf seinem Pferde und hatte den krummen Säbel gezogen. Er erkannte erst jetzt den Sprecher.
"Arab, du bist es!" rief er. "Wie kommst du in die Nähe dieser Naschijestan (* Ehrlose.), die Allah verdammen wird?"
Ich ließ dem Diener keine Zeit zum Sprechen, sondern antwortete selbst:
"Halte deinen Mund! Ist dein Name Mirza Selim Agha?"
"Ja," antwortete er, für den Augenblick von dem Tone meiner Frage verblüfft.
Ich trieb mein Pferd hart an das seinige und sagte halblaut:
"Ich bin ein Abgesandter von Hassan Ardschir-Mirza. Führe mich in deine Wohnung!"
"Du?" - fragte er erstaunt, indem er mein Aeußeres musterte. Dann wandte er sich an den Diener mit der Frage: "Ist es wahr?"
"Ja," antwortete derselbe. "Dieser Effendi ist Emir Kara Ben Nemsi, der dir einen Brief unsers Herrn zu übergeben hat."
Noch einmal überflog uns das Auge des Agha mit einem spöttischen, niederträchtig hochmütigen Blick, und nun meinte er:
"Ich werde den Brief lesen und dann mit dir über den Schlag reden, den du mir gegeben hast. Folgt mir, aber haltet euch fern, denn ihr beleidigt meine Augen!"
Dieser Mann war also der Schah-Swar, der Getreue, welcher seinen Offiziersposten in der persischen Armee aufgegeben, dem Hassan seine Wertsachen anvertraut und der sogar Bendas Herz gewonnen hatte. Denn auch dies hatte mir der Mirza in vertrauter Stunde mitgeteilt. Armes Mädchen! War dieser Agha wirklich ein Schah-Swar, d. h. ein außerordentlicher Reiter, so mußte er auch gelernt haben, den Mann nach seinem Pferde zu beurteilen, und in dieser Beziehung war weder ich noch Lindsay ein Lump zu nennen. Außerdem war es nicht übermäßig klug von ihm, als ein Flüchtling in so glanzvoller Weise aufzutreten und dabei eine Anmaßung zu zeigen, die selbst einem viel Höheren nicht wohl gestanden hätte. Es fiel mir natürlich gar nicht ein, ihn in seinem Hochmut zu bestärken; vielmehr gab ich Lindsay einen Wink, worauf wir ihn in die Mitte nahmen.
"Hund," drohte er, "weiche zurück, sonst lasse ich dich peitschen!"
"Schweig, Biwakuf (* Pinsel.)," antwortete ich ruhig, "sonst setze ich dir noch einmal die Faust an die Nase. Wer seines Herrn Geschirr spazieren reitet, kann gut vornehm tun. Du wirst mir erlauben müssen, dich Höflichkeit zu lehren."
Er entgegnete nichts, sondern zog wieder den Schleier über das Gesicht, der sich während des Sturzes verschoben hatte. Dieses Schleiers wegen war er von dem Diener nicht sofort erkannt worden.
Der Weg ging nun durch mehrere engere Gassen, bis Selim Agha vor einer niedrigen Mauer hielt, in die eine Toröffnung gebrochen war, die nur mit einigen Latten verschlossen wurde. Ein Mensch öffnete uns. Als wir uns im Hofe befanden, sah ich eine Anzahl von Kamelen, die am Boden lagen und an Straußenei-großen Klößen aus Gerste und Baumwollsamen kauten, mit denen in Bagdad diese Tiere gefüttert werden. Daneben lagen oder lungerten träge Menschengestalten herum, die sich jedoch beim Anblick des Agha in eine achtungsvolle Stellung streckten. Wie es schien, hatte dieser kleine Befehlshaber es verstanden, sich in Respekt zu setzen.
Er übergab sein Pferd einem dieser Leute; wir vertrauten unsere Tiere dem Diener an, der mit uns gekommen war; dann schritt der Agha mit uns in das Haus, dessen Fronte den hinteren Teil des Hofes bildete. Es ging eine Treppe abwärts nach einem jener Sardaubs (* Unterirdisches Gemach.), die bei der hier herrschenden Hitze eine Notwendigkeit sind. Dieser viereckige Raum war an den Wänden mit weichen, dicken Polstern belegt; ein herrlicher Teppich bedeckte fast den ganzen Boden; auf einem der Polster lag ein massiv silbernes Kaffeezeug; daneben erblickte ich eine höchst kostbare Hukah (** Persische Wasserpfeife, ein Mittelding zwischen Nargileh und Tschibuk.), und an den Wänden hing neben kostbaren Waffen eine Anzahl Tschibuks für etwaige Gäste. In einem altertümlichen Geschirr aus chinesischem Porzellan, das einen Drachen vorstellte, befand sich Tabak, und von der Mitte der Decke hing an silberner Kette eine Ampel herab, welche mit Sesamöl gefüllt war.
Das war nach hiesigen Begriffen eine wahrhaft fürstliche Einrichtung, und es fiel mir gar nicht ein, zu glauben, daß alle diese Gegenstände das Eigentum des Agha seien.
"Sallam aaleikum!" grüßte ich bei meinem Eintritt.
Lindsay tat dasselbe, doch Selim antwortete nicht. Er nahm auf dem Polster Platz und klatschte in die Hände. Sofort erschien einer von den Männern, die ich in dem Hofe gesehen hatte, und erhielt den Wink, die Hukah in Brand zu stecken. Dies geschah mit echt orientalischer Langsamkeit und Gewissenhaftigkeit, und wir standen während des ganzen feierlichen Vorgangs wie dumme Jungen an der Tür. Endlich war das glorreiche Werk vollbracht, und der Diener entfernte sich, jedenfalls um gleich hinter der Tür stehen zu bleiben und zu hören, was gesprochen würde. Jetzt endlich sah der Agha die Zeit gekommen, uns wieder seiner hohen Beachtung zu würdigen. Er blies einige bedeutungsvolle Rauchwolken empor und fragte:
"Woher kommt ihr?"
Diese Frage war vollständig überflüssig, da er durch den Diener bereits erfahren hatte, was zu ihrer Beantwortung diente; doch beschloß ich, um Bendas, der Schwester des Mirza, willen jede weitere Reibung möglichst zu vermeiden, und antwortete daher:
"Wir sind Boten Hassan Ardschir-Mirzas."
"Wo befindet er sich?"
"In der Nähe der Stadt."
"Warum kommt er nicht selbst?"
"Aus Vorsicht."
"Wer seid ihr?"
"Wir sind zwei Franken."
"Giaurs? Ah! Was tut ihr in diesem Lande?"
"Wir reisen, um uns die Städte, Dörfer und Menschen anzusehen."
"Ihr seid sehr neugierig. So eine Ungezogenheit kann nur bei den Kaffirs (* Ungläubige.) vorkommen. Wie kamt ihr mit dem Mirza zusammen?"
"Wir trafen ihn."
"Das weiß ich selbst! Wo traft ihr ihn?"
"Droben in den kurdischen Bergen. Wir blieben in seiner Gesellschaft bis hierher. Ich habe einen Brief für dich."
"Es ist sehr leichtsinnig von Hassan Ardschir-Mirza, euch seinen Namen wissen zu lassen und solchen Leuten, wie ihr seid, einen Brief anzuvertrauen. Ich bin ein Gläubiger; ich darf ihn nicht aus euern Händen nehmen; gebt ihn dem Diener, den ich jetzt rufen werde!"
Das war mehr als unverschämt; dennoch sagte ich mit ruhiger Stimme:
"Ich halte den Mirza nicht für leichtsinnig und bitte dich, ihm dieses Wort selbst zu sagen. Uebrigens hat er nie einer dritten Person bedurft, um irgend etwas aus unserer Hand zu nehmen."
"Schweig, Kaffir! Ich bin Mirza Selim Agha und tue, was mir beliebt! Kennt ihr alle Personen, welche bei dem Mirza sind?"
Ich bejahte, und er examinierte weiter, ob Frauen dabei wären und wie viele.
"Zwei Herrinnen und eine Dienerin," antwortete ich.
"Habt ihr ihre Gestalten gesehen?"
"Mehr als einmal!"
"Das war sehr unvorsichtig von dem Mirza. Das Auge eines Ungläubigen darf niemals auch nur auf dem Gewande eines Weibes ruhen!"
"Sag dies dem Mirza selbst!"
"Schweig, Unverschämter! Ich brauche deinen guten Rat nicht! Habt ihr auch die Stimmen der Frauen gehört?"
Dieser Flegel stellte meine Geduld auf eine zu harte Probe.
"In unserem Lande fragt man nicht so auffällig nach den Frauen anderer. Ist dies hier nicht ebenso?" erwiderte ich ihm.
"Was wagst du?" fuhr er mich an. "Nimm dich in acht! Ich habe ja überdies noch wegen des Schlages mit dir zu rechten. Das werde ich nachher tun. Jetzt aber gebt den Brief ab!"
Er klatschte abermals in die Hände. Der Diener erschien, doch beachtete ich ihn nicht. Ich nahm den Brief aus dem Gürtel und hielt ihn dem Agha entgegen.
"Dorthin gibst du ihn!" befahl er, auf die dienstbare Seele deutend. "Hast du mich verstanden?"
"Gut, so gehe ich wieder! Lebe wohl, Mirza Selim Agha!"
Ich wandte mich um, und der Engländer ebenso.
"Halt, ihr bleibt!" rief der Agha, und seinem Diener befahl er: "Laß sie nicht hinaus!"
Ich hatte die Tür bereits erreicht, und der Mann faßte mich am Arme, um mich zurückzuhalten. Das war mir zu viel. Sir David Lindsay konnte zwar den Wortlaut unseres Gespräches nicht verstehen, aber er hörte an dem Tone desselben und sah an dem Mienenspiele unserer Gesichter, daß wir uns keine allzu großen Liebenswürdigkeiten sagten. Er faßte also den schmächtigen Perser bei den Hüften, hob ihn empor und warf ihn über den ganzen Raum hinweg, so daß er auf den Agha stürzte und diesen zu Boden riß.
"Recht gemacht, Master?" fragte er dann.
"Yes! Well!"
Der Agha sprang vom Boden auf und griff zum Säbel.
"Hunde! Ich schlage euch die Köpfe ab!"
Jetzt war es doch wohl an der Zeit, den Mann in die Kur zu nehmen. Ich trat auf ihn zu, gab ihm einen Schlag auf den Arm, daß er den Säbel fallen ließ, und faßte ihn rechts und links bei den Achseln.
"Selim Agha, unsere Köpfe sind nicht für dich gewachsen; setze dich und sei von jetzt an folgsam. Hier ist der Brief, und ich befehle dir, ihn sofort zu lesen!"
Ich drückte den Mann auf das Kissen nieder und steckte ihm dann den Brief zwischen die Finger. Er ließ sich das ganz verdutzt gefallen; er blickte mir ganz perplex in das Gesicht und wagte gar nicht, mir zu widerstreben. Als ich mich umdrehte, sah ich, daß der tapfere Diener es vorgezogen hatte, sich sehr mutig nach rückwärts zu konzentrieren. Er war verschwunden, und als ich jetzt klatschte, wagte er nur den Kopf durch die Türöffnung zu stecken.
"Komm herein!" gebot ich ihm.
Er gehorchte, blieb aber in sprungfertiger Stellung an der Tür stehen.
"Schaffe Pfeifen und Kaffee herbei! Sofort!"
Er sah erst mich erstaunt und dann den Agha fragend an, ich aber faßte ihn beim Arme und schlingerte ihn zu der Stelle, wo die Pfeifen an der Wand hingen. Das schien ihm zu imponieren, denn er ergriff sofort zwei der gestopften Tschibuks, steckte sie uns in den Mund und gab uns Feuer.