"Nun Kaffee! Aber schnell und gut!"
Er verschwand schleunigst wieder.
Wir setzten uns auf das Kissen, rauchten und warteten, bis der Agha den Brief gelesen hatte. Es ging langsam genug; daran trug aber wohl nicht sein Mangel an Lesefertigkeit die Schuld, sondern der Inhalt der Zuschrift schien ihm so unbegreiflich zu sein, daß er sich die Sache gar nicht zurecht zu legen vermochte.
Er war ein schöner, ein sehr schöner Mann; das sah ich, als ich jetzt Zeit genug hatte, ihn zu betrachten. Aber um seine Augen lagen bereits jene tiefen Schatten, welche auf vergeudete Zeit und Kraft schließen lassen, und in seinen Zügen gab es ein undefinierbares Etwas, das nach einer genaueren Prüfung abstoßend wirkte. Dieser Selim Agha war nicht der Mann, Benda glücklich zu machen.
Da erschien der Diener mit den kleinen Kaffeetäßchen, welche in goldenen Filigranuntersetzern von der Gestalt unserer Eierbecher ruhten. Er hatte - anstatt zwei - gleich ein halbes Dutzend gebracht, um sich ja sogleich wieder zurückziehen zu können. Und nun schien auch der Agha mit sich im Reinen zu sein. Er richtete sein finsteres Auge auf mich und fragte:
"Wie war dein Name?"
"Man nennt mich Kara Ben Nemsi."
"Und wie heißt dieser andere?"
"David Lindsay-Bey."
"Ich soll dir alles übergeben?"
"So hat mir der Mirza gesagt."
"Ich werde es nicht tun."
"Tue, was dir beliebt; ich habe dir nichts zu befehlen."
"Du wirst sofort wieder zu dem Mirza reiten und ihm meine Antwort bringen."
"Das werde ich nicht tun."
"Warum nicht?"
"Weil du mir auch nichts zu befehlen hast; weil auch ich tun kann, was mir beliebt."
"Gut! So werde ich zwar einen Boten zu ihm senden, aber dieses Haus nicht eher verlassen, als bis ich wieder Antwort habe."
"Dein Bote wird den Mirza nicht treffen."
"Arab, der mit euch gekommen ist, muß doch den Ort kennen, an welchem sich sein Herr befindet!"
"Er kennt ihn."
"Ihn werde ich senden."
"Er wird nicht gehen."
"Warum nicht?"
"Weil es mir so beliebt. Hassan Ardschir-Mirza hat mich gebeten, sein Eigentum aus deiner Hand zu nehmen und dich mit Arab zu ihm zu senden. Das werde ich tun, aber nichts anderes. Arab wird nur an deiner Seite zu seinem Herrn zurückkehren."
"Wagst du, mich zwingen zu wollen?"
"Pah, wagen! Was wäre bei dir zu wagen! Wärst du mir gleich, so würde ich ganz anders mit dir sprechen; aber ich bin ein Emir aus Tschermanistan, und du bist nur ein kleiner Agha aus Fars. Uebrigens hast du nicht einmal gelernt, mit Männern zu verkehren. Auf der Straße verlangtest du Platz wie für einen Deftertar, hier in deiner Wohnung vergaßest du, unsern Gruß zu beantworten; du hießest uns nicht, niederzusitzen; du botest uns weder Pfeifen noch Tabak an; du nanntest uns Kaffirs, Schweine und Hunde. Und doch, was bist du für ein Wurm gegen uns und deinen Herrn, den Mirza! Mit einem Löwen kämpfe ich; einen Wurm aber störe ich nicht, wenn es ihm gefällt, im Kot herumzukriechen. Hassan Ardschir-Mirza hat mir sein Eigentum übergeben; ich bleibe also hier. Nun tue du, was du nicht lassen kannst!"
"Ich werde mich über dich beschweren," sagte er giftig.
"Ich habe nichts dagegen."
"Ich werde dir nichts übergeben!"
"Das ist auch gar nicht nötig, denn ich sitze ja bereits hier und habe alles übernommen."
"Du wirst nichts von allem, was mir anvertraut ward, anrühren!"
"Ich werde alles anrühren, was mir von jetzt an anvertraut ist. Solltest du mich dabei belästigen, so werde ich einfach den Mirza benachrichtigen. Jetzt aber gib Befehl, daß wir ein gutes Mahl erhalten, denn ich bin nicht nur ein Gast, sondern nun der Herr dieses Hauses."
"Es gehört weder dir noch mir!"
"Aber du hast es jedenfalls gemietet. Mache keine Umstände. Ich will dich schonen, indem ich dir erlaube, den Befehl zu erteilen; tust du es nicht, so sorge ich selbst für uns."
Er sah sich in die Enge getrieben und stand auf.
"Wohin?" fragte ich.
"Hinaus, um euch Speise zu bestellen."
"Das kannst du hier auch tun. Rufe den Diener!"
"Mann, bin ich etwa dein Gefangener?"
"So ziemlich! Du verweigerst mir meine Rechte; ich muß dich also verhindern, diesen Ort zu verlassen, um vielleicht etwas zu unternehmen, was ich nicht billigen darf."
"Herr, du weißt nicht, wer ich bin!"
Jetzt nannte er mich zum erstenmal Herr; er hatte seine Sicherheit verloren.
"Ich weiß es sehr genau," antwortete ich. "Du bist Mirza Selim Agha, weiter nichts!"
"Ich bin der Vertraute und Freund des Mirza. Ich habe alles geopfert, um ihm zu folgen und sein Vermögen zu retten."
"Das ist schön und lobenswert von dir; ein Diener soll seinem Herrn in Treue ergeben sein. Du wirst mich jetzt zu dem Mirza begleiten."
"Ja, das werde ich tun, sogleich!"
"Dieser mein Begleiter bleibt hier zurück, und du sorgst dafür, daß es ihm an nichts fehle. Das übrige wird Hassan Ardschir selbst bestimmen."
Ich erteilte dem Engländer seine Instruktion, die ihm sehr willkommen war, da er sich hier behaglich pflegen konnte, während ich mich wieder hinaus in die Sonnenglut begeben mußte. Nachdem der Agha die darauf bezüglichen Befehle erteilt hatte, traten wir in den Hof, wo er seinen kostbaren Schimmel, den er sich erst in Ghadhim vom Gelde des Mirza gekauft hatte, wieder besteigen wollte.
"Nimm ein anderes Tier," sagte ich.
Er sah mich erstaunt an und fragte:
"Warum?"
"Damit du kein Aufsehen erregst. Nimm also das Pferd eines Dieners!"
Er mußte mir wohl oder übel zu Willen sein. Der Diener Arab folgte uns. Um ein etwaiges Nachspüren irre zu leiten, ließ ich uns nach Madhim übersetzen, welches Ghadhim gegenüber liegt, und schlug dann auf einem Umwege die Richtung nach Norden ein.
Madhim ist ein ansehnlicher Flecken auf dem linken Ufer des Tigris, eine Stunde nördlich von Bagdad. Dort liegt der Imam Abu Hanife begraben, einer der Gründer der vier orthodoxen Schulen des Islam; nach ihm richtet sich das ganze Gesetzbuch und Ritual der Osmanen. Ursprünglich stand über seinem Grabe eine Moschee, die ihm der Seldschukide Malek Schah errichtet hatte; als aber der erste Osmanide, Suleiman der erste, das widerspenstige Bagdad bemeistert hatte baute er ein festes Schloß um die Ruhestätte. Abu Hanife wurde von dem Kalifen Manssur aus Haß vergiftet; jetzt strömen Tausende von Schiiten zu seinem Grabe.
Es vergingen zwei Stunden, bis wir den Ort erreichten, an dem sich der Mirza gelagert hatte. Er war sichtlich verwundert, mich wiederzusehen, empfing aber den Agha mit großer Freundlichkeit.
"Warum kommst du selbst zurück?" fragte er mich dann.
"Frage diesen Mann!" antwortete ich, auf Selim deutend.
"So rede du!" gebot er demselben.
Der Agha zog den Brief hervor und fragte:
"Herr, hast du dies geschrieben?"
"Ja; du kennst doch meine Schrift! Warum fragst du also?"
"Weil du mir etwas befiehlst, was ich weder erwartet noch verdient habe."
Die Frauen standen hinter den Zweigen, um Selim zu sehen und unser Gespräch mit anzuhören.
"Was hast du nicht erwartet?" fragte Hassan Ardschir.
"Daß ich alles, was wir gerettet haben, diesem Fremdling übergeben soll."
"Dieser Emir ist kein Fremdling, sondern mein Freund und Bruder!"
"Herr, bin ich nicht auch dein Freund?"
Der Mirza stutzte; dann antwortete er kurz:
"Du warst mein Diener, dem ich vertraute; wann aber habe ich dir das Recht erteilt, dich meinen Freund zu nennen?"
"Herr, ich habe die Heimat verlassen; ich habe meine Zukunft geopfert; ich bin ein Flüchtling geworden; ich habe dir deine Reichtümer bewacht und beschützt: - habe ich als Freund gehandelt oder nicht?"
"Du hast so gehandelt, wie ich es von jedem treuen Diener erwarte, und wie auch diese andern Männer alle gehandelt haben. Deine Worte tun mir weh; denn ich habe nicht geglaubt, daß du mir deine Pflichten als Verdienste vorzählen würdest. Habe ich dir nicht geschrieben, diesem Emir so zu gehorchen, als ob ich es sei?"
Die Stimme des Mirza klang sehr ernst; der Agha befand sich in Verlegenheit, besonders als er die Frauen bemerkte, und suchte nun nach einem Entschuldigungsgrunde:
"Herr, dieser Mann schlug mich, als er mich traf!" sagte er.
Der Mirza sah mich an und lächelte.
"Selim Agha," meinte er, "warum hast du ihn nicht sofort getötet? Wie konntest du dich so beleidigen lassen! Warum schlug er dich?"
"Wir trafen uns auf der Straße, und ich gebot ihm, mir auszuweichen. Er tat es nicht, und er schlug mich so ins Gesicht, daß ich vom Pferde stürzte."
"Ist dies wahr, Emir?" fragte mich der Mirza.
"So ziemlich. Ich kannte ihn noch nicht, und dein Diener konnte ihn auch nicht erkennen, da er den Gesichtsschleier trug. Er kam auf einem prächtigen Schimmel geritten, welchem er dein Reschma angelegt hatte; darum hielt ich ihn für einen großen Herrn. Er befahl uns, ihm auszuweichen, trotzdem genügender Platz vorhanden war, und seine Stimme war dabei diejenige eines Padischah. Du kennst mich, Mirza; ich bin sehr gern höflich, aber ich will auch haben, daß Andere höflich sind; darum machte ich ihn darauf aufmerksam, daß Raum da sei; er aber griff zur Peitsche, nannte mich ein Schwein und wollte mich schlagen. Da lag er freilich im nächsten Augenblick auf dem Boden, und dann erfuhr ich leider zu spät, daß er der Mann sei, an den du mich gesandt hattest. Das ist alles, was ich zu sagen habe. Sprich mit ihm selbst, und wenn du mich brauchst, so rufe mich."
Ich ging hinaus zu den Pferden, um dort mit Halef zu plaudern.
Nach einer halben Stunde suchte mich Hassan Ardschir-Mirza auf. Sein Angesicht zeigte tiefe Falten des Unmutes.
"Emir," sagte er, "diese Stunde hat mich sehr betrübt. Willst du diesem unvorsichtigen Selim verzeihen?"
"Gern, wenn du es wünschest! Was hast du beschlossen?"
"Er kehrt nicht wieder mit dir zurück."
"Das erwartete ich."
"Hier ist ein Verzeichnis aller Dinge, die ich ihm übergeben habe; er trug es bei sich. Du wirst die Sachen schätzen und verkaufen; ich bin mit allem einverstanden, was du tust, denn ich weiß, daß es schwer ist, in so kurzer Zeit Käufer zu finden. Sodann wirst du meine Diener entlassen und ihnen so viel geben, als ich dir hier aufgezeichnet habe. Das Geld habe ich dir bereits in die Tasche deines Pferdes gesteckt. Wann muß ich nach Kerbela aufbrechen?"
"Heute ist der erste Moharrem, und am zehnten ist das Fest. Vier Tage muß man haben, um von Bagdad bis Kerbela zu gelangen, und einen Tag vorher möchte man dort sein, also ist der fünfte dieses Monats der geeignete Tag."
"So soll ich noch vier Tage hier verborgen bleiben!"
"Nein. Es wird sich in der Stadt ein Ort finden lassen, an dem du mit den Deinen sicher bist. Laß mich sorgen! Wirst du alles behalten, was du jetzt bei dir hast?"
"Nein, es soll auch verkauft werden!"
"So gib mir lieber gleich jetzt alles mit, was du entbehren kannst, und sage mir den Preis. Es gibt sehr reiche Leute in Bagdad; vielleicht finde ich einen Parsi oder Armenier, der alles auf einmal kauft."
"Emir, der Preis wird ein Vermögen sein!"
"Laß mich nur sorgen! Ich werde so auf deinen Vorteil sehen, als ob es der meinige sei."
"Ich vertraue dir. Komm, wir wollen die Ladung untersuchen!"
Die Pakete wurden geöffnet, und da zeigten sich meinem erstaunten Blick allerdings Schätze und Kostbarkeiten, welche ich noch nie in dieser Auswahl und Fülle gesehen hatte. Es wurde ein Verzeichnis angefertigt, und dann bestimmte der Mirza den Preis. Dieser war ein sehr niedriger, wenn man den eigentlichen Wert der Sachen berücksichtigte, ergab aber doch eine Summe, die allerdings ein Vermögen repräsentierte.
"Und was wirst du nun mit deinen Begleitern machen, Mirza?" fragte ich.
"Ich werde sie beschenken und entlassen, sobald es dir gelungen ist, eine Wohnung für mich zu finden."
"Für wie viele Personen?"
"Für mich und den Agha, für die Frauen und ihre Dienerin. Dann werde ich mir noch einen Diener mieten, welcher mich nicht kennt."
"Ich hoffe, dir dies alles verschaffen zu können. Laß die Sachen aufladen!"
"Wie viele Kameltreiber nimmst du mit?" fragte er nun.
"Keinen. Ich und Halef genügen!"
"Emir, das geht nicht! Du selbst kannst doch nicht diesen Dienst verrichten!"
"Warum nicht? Soll ich Leute mitnehmen, die mir dann in Ghadhim oder Bagdad beschwerlich fallen?"
"Tue, was du denkst; ich muß dir deinen Willen lassen."
Die Kamele wurden bepackt und so aneinander gebunden, daß eins hinter dem andern schreiten mußte. Dann waren wir zum Aufbruche fertig.
"Nun gib mir noch eine Bescheinigung, welche mich bei deinen Leuten beglaubigt," bat ich den Mirza.
"Hier, nimm meinen Siegelring!"
Es war meinem Finger auch noch nicht passiert, den kostbaren Ring eines persischen Großen zu tragen; er fand sich aber sehr gut darein, und nun setzte sich die kleine Karawane in Bewegung. Der Agha ließ sich nicht sehen, und ich hatte auch nicht die mindeste Lust, mich von ihm zu verabschieden.
Wir brauchten diesmal mehr Zeit, um den Tigris zu erreichen und zu passieren; doch ging alles recht glücklich von statten.
Die Perser staunten, als wir mit unserer Ladung im Hofe anlangten. Ich rief sie sofort zusammen, zeigte ihnen den Ring ihres Herrn und sagte ihnen, daß sie nun mir an Stelle des Agha zu gehorchen hätten. Dieser Wechsel schien sie nicht sehr zu betrüben.
Ich erfuhr von ihnen, daß der Besitzer dieses Hauses ein reicher Großhändler sei, der jenseits Bagdad in der westlichen Vorstadt und zwar in der Nähe der Medresse Mostansirs wohne. In einem ebenerdigen Raume des Gebäudes lagen die Ladungen, welche der Agha beaufsichtigt hatte; ich ließ dahin auch die neu hinzugekommenen Sachen bringen und beschloß, erst morgen alles einer genauen Besichtigung zu unterwerfen, da ich schon zu sehr ermüdet war.
Als ich nun meine Satteltaschen untersuchte, fand ich die Summe, welche der Mirza mir hineingesteckt hatte. Sie bestand in lauter wohlgeprägten Tomans und war wenigstens viermal größer als das, was ich auszuzahlen hatte. Ich übergab Halef die Aufsicht über die Dienerschaft und ging nun, um den Engländer aufzusuchen.
Er lag im Sardaub lang ausgestreckt auf den weichen Polstern. Seine Nase bewegte sich taktmäßig nach den Atemzügen, und aus dem weit geöffneten Munde erscholl lang gezogenes Schnarchen.