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作者:德- Karl May 当前章节:15806 字 更新时间:2026-6-23 07:58

"Hast du dich erwischen lassen, Sihdi?" fragte Halef.

"Allerdings. Ich bin unvorsichtig gewesen. Diese Araber waren klüger, als ich glaubte; sie hatten eine Wache ausgestellt, welche mich faßte."

"Allah kerihm! Es konnte dir schlimm ergehen, denn diese Männer haben sicher aus keinem ehrlichen Grunde den Friedhof aufgesucht. Aber es waren doch nur Araber, welche dich verfolgten?"

"Die Perser, welche du gesehen hast, befanden sich nicht mehr bei ihnen. Kam dir die Gestalt des Befehlshabers, welchen du sprechen hörtest, nicht bekannt vor?"

"Ich konnte sie nicht genau erkennen; es war nicht hell genug dazu, und er saß mitten unter den Uebrigen."

"So haben wir diesen Gang umsonst getan, obgleich ich beinahe den Verdacht hegen möchte, daß es die Verfolger Hassan Ardschir-Mirzas gewesen sind."

"Könnten diese sich hier befinden, Sihdi?"

"Ja. Sie haben sich nach dem Ueberfalle zwar westwärts gewendet, aber sie konnten sehr leicht annehmen, daß Hassan nach Bagdad gehen werde, und so läßt sich glauben, daß sie über Dschumeila, Kifri und Zengabad nach Süden geritten sind. Wir konnten der Frauen wegen nicht so schnell vorwärts kommen, wie sie." -

Wir gingen in unsere Wohnung zurück, und ich teilte Hassan Ardschir das Erlebnis und meine Befürchtungen mit, welche er sehr leichthin entgegennahm. Er konnte nicht denken, daß seine Verfolger nach Bagdad gekommen seien, und ebenso unwahrscheinlich war es ihm, daß die Worte, welche Halef belauscht hatte, auf ihn Bezug haben sollten. Ich bat ihn, vorsichtig zu sein und sich vom Pascha eine Bedeckung geben zu lassen; doch auch diesen Vorschlag wies er zurück.

"Ich fürchte mich nicht," meinte er. "Vor Schiiten brauche ich nicht bange zu sein, denn während des Festes ist jede Feindschaft aufgehoben, und ebenso sicher ist es, daß ich von den Arabern nicht angefallen werde. Bis Hilla bist du ja mit deinen Freunden bei mir, und dann ist es bis Kerbela nur noch eine Tagreise, und der Weg ist von Pilgern so besucht, daß sich wohl kein Räuber sehen lassen wird."

"Ich kann dich nicht zwingen, meinem Rate zu folgen. Du nimmst doch nur das mit, was du in Kerbela nötig hast, und lässest das Uebrige hier zurück?"

"Ich lasse nichts zurück. Soll ich das, was ich habe, fremden Händen anvertrauen?"

"Unser Wirt scheint mir ein ehrlicher und sicherer Mann zu sein."

"Aber er wohnt in einem einsamen Hause. Schlafe wohl, Emir!"

Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu schweigen. Ich legte mich wieder zur Ruhe und wachte erst spät am Morgen auf. Der Engländer war nicht anwesend; er war nach der Stadt gegangen, und als er zurückkehrte, brachte er vier Männer mit, von denen drei mit Hacke, Spaten und anderem Geräte versehen waren.

"Was sollen diese Leute?" fragte ich ihn.

"Hm, arbeiten!" antwortete er. "Drei sind abgelohnte Matrosen aus Old England, und der vierte ist ein Schotte, der ein wenig Arabisch versteht; er wird mein Dolmetscher sein. Ich brauche ihn ja, weil Ihr doch heimlich nach Kerbela wollt. Well."

"Wer hat Euch diese Leute besorgt, Sir?"

"Habe auf dem Konsulate angefragt."

"Ihr war't beim Residenten? Ohne mir etwas davon zu sagen?"

"Yes, Sir! Habe Briefe erhalten und abgegeben, mir auch Gelder verschafft. Habe Euch nichts davon gesagt, weil ich Euer Freund nunmehr gewesen bin!"

"Warum?"

"Wer nach Kerbela geht, ohne mich mitzunehmen, braucht sich auch um meine anderen Angelegenheiten nicht zu kümmern. Well!"

"Aber, Sir, was ist Euch denn so plötzlich in den Kopf gefahren? Eure Begleitung könnte doch mir und Euch nur Schaden bringen."

"Habe Euch soweit begleitet, ohne Schaden zu nehmen. Zwei Finger weg - zählt nichts; habe dafür die Nase doppelt."

Er wandte sich ab und machte sich mit seinen vier Leuten zu schaffen. Der gute David Lindsay war trotz seiner Leidenschaft für Fowling-bulls begierig, sich das Fest des zehnten Muharrem mit anzusehen; aber es war durchaus unmöglich, ihn mitzunehmen.

- - -

Fuenftes Kapitel: Die Todeskarawane

Nachmittags, als die größte Tageshitze vorüber war, brachen wir auf, um Bagdad zu verlassen. Voran ritt der Führer, welchen Hassan Ardschir nebst einigen Maultiertreibern gemietet hatte, deren Tiere sein Eigentum trugen. Letzteres war eine Unvorsichtigkeit, welche ich nicht begreifen konnte. Hinter diesen folgte Hassan mit Mirza Selim Agha bei dem Kamele, welches die beiden Frauen zu tragen hatte. Ich hielt mich zu Halef, und den Schluß bildete der Engländer, welcher mit stolzer, unternehmender Miene die Männer beaufsichtigte, mit deren Hilfe er die Trümmer Babylons zwingen wollte, ihm ihre verborgenen Schätze auszuliefern. Alwah saß auf einem Maultiere, und der arabische Diener war zurückgeblieben.

Ich hatte mir den jetzigen Ritt ganz anders gedacht. Das ganze Arrangement war ein verkehrtes. Vielleicht war ich selbst mit schuld daran, aber es war mir jetzt schwer geworden, eine Ansicht gehörig durchzusprechen. Meine Verwundung, die ich erst doch ganz gut überwunden zu haben schien, war nicht ohne Nachteil für mich geblieben, und zudem hatte ich mehr Sorge, Aufregung und Anstrengung gehabt, als einer meiner Begleiter. Ich fühlte mich körperlich sehr müde und geistig niedergeschlagen, ohne daß ich für dieses Akkablement eine Ursache hätte angeben können. Ich war ärgerlich über Hassan Ardschir und den Engländer, ohne zu bedenken, daß ich ihnen mit meiner eigenen Verdrießlichkeit vielleicht Ursache gegeben hatte, mich mit ihren Angelegenheiten weniger zu beschäftigen, als sie es vorher getan hatten. Dieser Zustand hatte, wie ich später erkennen mußte, seinen Grund in einer Inkubation, deren Ausbruch mir beinahe tödlich geworden wäre.

Wir zogen am Flusse hinauf, um über die obere Schiffbrücke zu reiten. Dort hielt ich an, um einen Blick auf die einstige Residenz Harun al Raschids zu werfen. Sie lag vor mir im Sonnenglanze, in all ihrer Pracht und Herrlichkeit, und doch auch wieder mit all den nicht zu verwischenden Spuren des Verfalles. Links vorn der Volksgarten, hinter welchem die Pferdebahn nach Norden geht, und weiter zurück die Quarantäneanstalt. Dann das hoch emporragende Kastell und das Gouvernementgebäude, welches seinen Fuß in die Fluten des Tigris taucht. Rechts die meist von Agil-Arabern bewohnte Vorstadt mit der Medresse Mostansir, dem einzigen Bauwerke, welches dieser älteste, vom Kalifen Manssur gegründete Stadtteil in die Gegenwart mit herübergenommen hat. Und hinter diesen Gebäuden dehnte sich eine unabsehbare Häusermasse, überragt von stilvollen Minarehs und den glasierten Kuppeln von wohl hundert Moscheen. Ueber diesem Häusermeere wallte hier und da die schön gezeichnete Krone einer Palme, deren Grün wohltuend den Staub- und Dunstschleier durchbricht, welcher stets über der Stadt der Kalifen lagert.

Hier an diesem Orte begrüßte Manssur jene Gesandtschaft des Frankenkönigs Pipin des Kleinen, welche kam, um mit ihm zu verhandeln gegen die in Spanien so gefürchteten Ommejaden. Hier lebte der berühmte Harun al Raschid an der Seite der schönen Zobeïde, welche mit ihm die gleiche Frömmigkeit und die gleiche verschwenderische Prachtliebe teilte. Sie pilgerten wiederholt nach Mekka und ließen den ganzen daselbst grad in dem Augenblick an, als Mutawakkil von seiner türkischen Leibwache ermordet wurde.

Mit ihm war der Glanz der Kalifen erblichen, und der Ruhm der "Stadt des Heiles" erlosch immer mehr. Bagdad soll damals 100 000 Moscheen, 80 000 Bazarhallen, 60 000 Bäder, 12 000 Mühlen, ebensoviele Karawanserais und zwei Millionen Einwohner besessen haben. Welch ein Unterschied gegen das heutige Bagdad! Schmutz, Staub, Trümmer und Lumpen überall. Sogar die Brücke, auf welcher ich hielt, war defekt, und ihr elendes Flechtwerkgeländer hing in Fetzen herab. Statt "Dar ul Kalifet" oder "Dar us Sallam" wäre die Stadt jetzt viel treffender "Dar et Taun" (* Haus der Pest.) zu nennen. Trotz des heute noch prächtigen Anblickes, den sie bietet, besteht der dritte Teil des innerhalb der Stadtumwallung liegenden Terrains aus Friedhöfen, Pestfeldern, Sumpflachen und modrigem Häuserschutt, wo der Aasgeier mit anderem Gelichter sein Wesen treibt. Die Pest stellt sich alle fünf oder sechs Jahre ein und fordert ihre Opfer stets nach Tausenden. Der Moslem zeigt auch solchen Fällen gegenüber seine unheilbringende Indolenz. "Allah sendet es; wir dürfen nichts dagegen tun," sagt er. Bei der so entsetzlichen Epidemie des Jahres 1831 gab sich der Vertreter Englands alle Mühe, zur Steuerung der Seuche umfassende Vorkehrungen zu treffen; da aber erhoben sich die Mullahs gegen ihn, und er wurde durch das Argument, daß sein Beginnen gegen den Koran sei, in die Flucht geschlagen. Die Folge davon war, daß jeder einzelne Tag bis an dreitausend Pestleichen forderte. Dazu kam der Verfall der Kanäle, infolgedessen in einer einzigen Nacht mehrere Tausend Häuser über ihren Bewohnern zusammenbrachen.

Bei diesen Gedanken war es mir, als ob auch mich das Kontagium ergriffen habe. Trotz der Hitze überlief es mich kalt. Ich schüttelte mich und ritt den Andern schnell nach, um aus der Stadt und meinen Gedanken fortzukommen.

Zwischen der Straße nach Basra links und derjenigen nach Deïr rechts kamen wir an Ziegeleien und an dem Grabmale der Zobeïde vorüber, passierten den Oschach-Kanal und befanden uns nun im freien Felde. Um Hilla zu erreichen, hatten wir den schmalen Isthmus zu durchschneiden, welcher den Euphrat von dem Tigris trennt. Hier stand noch zu Ende des Mittelalters Garten an Garten; da wehten die Palmen, da dufteten die Blumen, da glänzten die herrlichsten der Früchte am blätterreichen Geäst. Jetzt gilt hier Uhlands Wort: "Kein Baum verstreuet Schatten, kein Quell durchdringt den Sand." Die lebenspendenden Kanäle sind vertrocknet und scheinen nur vorhanden zu sein, um räuberischen Beduinen zum Schlupfwinkel zu dienen.

Die Sonne brannte noch immer heiß hernieder, und die Luft schien die Spuren der Todeskarawane zu tragen, welche gestern hier vorübergeschlichen war. Ich hatte die Empfindung, als befände ich mich in einem ungelüfteten Krankensaale, welcher von Pockenbehafteten angefüllt ist. Und das war nicht etwa Einbildung, sondern auch Halef machte diese Bemerkung, und der Engländer schnüffelte mit seiner Beulennase höchst übelwollend in der stagnierenden Atmosphäre umher.

Hier oder da überholten wir einen alten Pilger, welcher sich in Kerbela begraben lassen wollte und ermüdet zurückgeblieben war, oder eine Gruppe von Aliisten, welche einem armen Maultiere mehrere Tote aufgebürdet hatten; das Tier keuchte schwitzend vorwärts, die Männer schritten mit zugehaltenen Nasen zur Seite, und hinter ihnen strömte der Todeshauch der Verwesung auf uns ein.

Am Wege saß ein Bettler; er war vollständig nackt - bis auf einen schmalen Schurz, welcher um seine Lenden gegürtet war. Er hatte seinem Leide um den ermordeten Hosseïn in höchst widerlicher Weise Ausdruck gegeben: die Schenkel und Oberarme waren mit spitzigen Messern durchstochen, und in die Unterarme, Waden, in den Hals, durch Nase, Kinn und Lippen hatte er von Zoll zu Zoll lange Nägel getrieben; an den Hüften und im Unterleibe bis herauf zu den Hüften hingen, in das Fleisch eingebohrt, eiserne Haken, an denen schwere Gewichte befestigt waren; alle andern Teile seines Körpers waren mit Nadeln bespickt, und in die nackt rasierte Kopfhaut hatte er lange Streifen geschnitten; durch jede Zehe und jedes Fingerglied war ein Holzpflock getrieben, und es gab an seinem ganzen Körper keine pfenniggroße Stelle, welche nicht eine dieser schmerzhaften Verwundungen aufzuweisen hatte. Bei unserm Nahen erhob er sich und mit ihm ein ganzer Schwarm von Fliegen und Mücken, welche den über und über blutrünstigen Menschen bedeckten. Der Kerl war entsetzlich anzusehen.

"Dirigha Allah, waj Mohammed! Dirigha Hassan, Hosseïn!" kreischte er mit widerlicher Stimme und streckte bettelnd uns beide Hände entgegen.

Ich hatte in Indien Büßer gesehen, welche sich auf die fabelhaftesten Weisen Schmerzen verursachten, und mit ihnen immer Mitleid gefühlt; diesem fanatisch dummen Menschen aber hätte ich wahrhaftig lieber eine Ohrfeige als ein Almosen gegeben, denn neben dem Grauen, welches sein ekelhafter Anblick erweckte, konnte ich auch den Unverstand nicht ertragen, welcher so scheußliche Martern ersinnt, um den Todestag eines doch nur sündhaften Menschen zu begehen. Und dabei hält sich ein solcher Mensch für einen Heiligen, dem nach dem Tode der oberste Rang des Paradieses sicher ist, und der auch bereits hier auf der Erde neben reichlichen Almosen die demütigste Verehrung zu beanspruchen hat.

Hassan Ardschir-Mirza warf ihm einen goldenen Doman zu.

"Hasgadag Allah - Gott segne dich!" rief der Kerl, die Arme wie ein Priester erhebend.

Lindsay griff in die Tasche und gab ihm einen Gersch zu zehn Piaster.

"Subhalan Allah - gnädiger Gott!" sagte der Unhold schon weniger höflich, denn er stellte Allah und nicht Lindsay als Geber hin.

Ich zog einen Piaster hervor und warf ihm denselben vor die Füße. Der schiitische "Heilige" machte zuerst ein erstauntes Gesicht, dann aber ein sehr zorniges.

"Azdar - Geizhals!" rief er, und dann fügte er mit der Gebärde des Abscheues und mit außerordentlicher Schnelligkeit hinzu: "Azdari, pendsch Azdarani, deh Azdarani, hezar Azdarani, lek Azdarani - du bist ein Geizhals, du bist fünf Geizhälse, du bist zehn Geizhälse, du bist hundert Geizhälse, du bist tausend Geizhälse, du bist hunderttausend Geizhälse!"

Er trat meinen Piaster mit Füßen, spie darauf und zeigte eine Wut, vor welcher man sich unter andern Umständen hätte fürchten müssen.

"Sihdi, was heißt Azdar?" fragte mich Halef.

"Geizhals."

"Allah 'l Allah! Und wie heißt ein recht dummer, alberner Mensch?"

"Bisaman."

"Und ein recht grober Flegel?"

"Dschaf."

Da drehte sich der kleine Hadschi zu dem Perser hin, hielt ihm die flache Hand emporgerichtet entgegen, wischte sie am Beine ab, eine Gebärde, welche für die größte Beleidigung gilt, und rief:

"Bisaman, Dschaf, Dschaf!"

Auf diese Worte öffneten sich die rhetorischen Schleusen des Schiiten auf eine Art und Weise, daß wir alle Reißaus nahmen. Der "heilige Märtyrer" befand sich im Besitze von Schimpfwörtern und Drastika, welche man unmöglich wiedergeben kann. Wir beugten uns vor seiner Ueberlegenheit und ritten weiter.

Die Luft, in welcher wir uns bewegten, wurde nicht besser. Wir konnten ganz genau die Spuren der Todeskarawane erkennen, und weithin zur Seite zeigten zahlreiche Fuß- und Hufeindrücke, daß die militärische Eskorte, welche ihr von Bagdad aus zur Schutzwehr gegen Räuber mitgegeben wird, sich der Ausdünstung der Särge wegen in vorsichtiger Entfernung gehalten hatte.

Ich schlug Hassan Ardschir vor, den Karawanenweg zu verlassen und in genügender Entfernung parallel mit ihm zu reiten; aber er ging nicht darauf ein, da es ein großes Verdienst der Pilger sei, in dem "Odem der Abgeschiedenen" zu reisen. Zum Glück erreichte ich wenigstens so viel, daß wir, als wir abends an einen Khan gelangten, in welchem der Pilgerzug gerastet hatte, dort nicht übernachteten, sondern entfernt davon in einem breiten Kanale unser Lager aufschlugen.

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