"Dies ist das Wort des Herrn wider Babel und das Land der Chaldäer: Es ziehet von Mitternacht ein Volk herauf, das ihr Land zur Wüste machen wird; es hat Bogen und Schild und ist grausam und unbarmherzig; sein Geschrei ist wie das Brausen des Meeres. Fliehet aus Babel, damit ein jeder seine Seele errette, denn es ist ein Kriegsgeschrei im Lande und großer Jammer. Es spricht der Herr Zebaoth: Siehe, ich will den König zu Babel heimsuchen; rüstet euch wider Babel; jauchzet über sie um und um; ihre Grundfesten sind gefallen, und ihre Mauern abgebrochen. Kommt her gegen sie; öffnet ihre Kornhäuser, erwürget alle ihre Rinder, belagert sie, und lasset keinen entfliehen. Sie hat wider den Herrn gehandelt, darum sollen ihre Männer fallen und ihre Krieger untergehen zu derselben Zeit. Schwert soll kommen über Babel und seine Fürsten, über die Weissager und Starken, über Rosse und Wagen und über den Pöbel, der darinnen ist. Gleich wie Gott Sodom und Gomorrha umgekehrt hat, so soll auch Babel zum Steinhaufen werden, und ihre Stätte zur Wüste!"
Und nun ich hier oben auf der Ruine stand, konnte ich sehen, in wie schrecklicher Weise sich das Wort des Herrn erfüllt hatte. Mit 600 000 Streitern zu Fuß, 120 000 Reitern und mit 1000 Sichelwagen, ungezählt noch Tausende von Kamelreitern, kam Cyrus und eroberte die Stadt trotz ihrer festen Lage und trotzdem sie auf 20 Jahre mit Lebensmitteln versehen war. Später ließ Darius Hystaspes die Mauern niederreißen, und Xerxes entblößte sie von allen ihren Schätzen. Als der große Alexander nach Babylon kam, wollte er den Turm wieder herstellen; er stellte allein zur Wegräumung der Trümmer und des Schuttes 10 000 Arbeiter an, doch mußte seines plötzlichen Todes wegen der Plan aufgegeben werden. Seit dieser Zeit verfiel die Riesenstadt immer mehr und mehr, so daß heut von ihr nichts mehr zu sehen ist, als ein verwittertes Backsteinchaos, in dem sich selbst das scharfe Auge des Forschers nicht zurechtfinden kann.
Rechts vom Turme sah ich die Straße, welche nach Kerbela, und links von ihm die, die nach Meschhed Ali führt. Grad im Norden lag Tahmasia und hinter den westlichen Wallruinen der Dschebel Menawieh. Ich wäre gern noch länger hier oben geblieben, aber die Sonne war jetzt verschwunden, und die Kürze der Dämmerung trieb mich hinab zu den Gefährten.
Das Frauenzelt war aufgeschlagen worden, und außer Lindsay und Halef hatten sich alle zur Ruhe gelegt. Der letztere hatte mich noch bedienen wollen, und der erstere hegte die Absicht, sich über die Disposition für die nächsten Tage mit mir zu verständigen. Ich vertröstete ihn auf den folgenden Morgen, wickelte mich in meine Decke und versuchte, einzuschlafen. Es ging nicht, denn eine fieberhafte Aufgeregtheit ließ mich höchstens zu einem durch öftere Pausen unterbrochenen Halbschlummer kommen, der mich nicht stärkte, sondern nur noch mehr ermüdete.
Gegen Morgen schüttelte mich ein starker Frost, der mit fliegender Hitze wechselte; ein eigentümlicher Schmerz zuckte mir durch die Glieder, und trotz der Dunkelheit war es mir, als wenn meine Umgebung sich wie ein Karussell rings um mich drehe. Noch dachte ich nur an ein Fieber, welches sich bald legen werde, und nahm eine weitere Dosis Chinoidin, worauf ich in einen dumpfen Zustand verfiel, der eher Betäubung als Schlaf zu nennen war.
Als ich aus demselben erwachte, herrschte bereits reges Leben um mich her. Es war zu meinem Erstaunen neun Uhr vormittags, und eben sah man die Leichenkarawane von Hilla her geteilt an uns vorüber ziehen, ein Teil davon nach Kerbela und der andere nach Meschhed Ali. Halef bot mir Wasser und Datteln an. Ich konnte einige Schlücke trinken, aber keinen Bissen essen. Ich befand mich in einem Zustande, welcher einem recht starken Katzenjammer glich, was ich sehr wohl zu beurteilen verstand, da ich während meiner Schülerzeit leider auch einige Male mich in jener hochelegischen Morgenstimmung befunden hatte, welche Viktor Scheffel, der Dichter des Gaudeamus, mit den Worten beschreibt:
"Ein mildes Kopfweh, erst der letzten Nacht entstammt,Durchsäuselte die Luft mit mattem Flügelschlag,Und ein Gefühl von Armut lag auf Berg und Tal."
Ich wandte alle Kraft auf, diesen Zustand zu bemeistern, was mir, wenigstens einstweilen, auch leidlich gelang, und ich konnte mich sogar mit Hassan Ardschir-Mirza besprechen, welcher aufbrechen wollte, sobald der größte Teil der Nachzügler vorüber sei. Ich bat ihn dringend, sehr vorsichtig zu sein und seine Waffen stets bereit zu halten. Er stimmte bei mit einem leisen Lächeln und versprach, am 15¨ oder 16¨ Muharrem wieder hier an derselben Stelle einzutreffen. Gegen Mittag brach er auf. Beim Abschiede winkte Benda, welche bereits auf dem Kamele saß, mich näher zu sich heran.
"Emir, ich weiß, daß wir uns wiedersehen," sagte sie, "obgleich du so große Besorgnis hegest. Aber um dich zu beruhigen, magst du mir eine Bitte erfüllen: - leihe mir deinen Dolch, bis ich wieder zurückkehre!"
"Du sollst ihn haben. Hier!"
Es war der Schambijah, den mir Eslah el Mahem gegen meinen Dolch geschenkt hatte, und auf dessen Klinge die Worte standen: "Nur nach dem Siege in die Scheide." Ich wußte, daß das tapfere Mädchen keineswegs anstehen werde, sich nötigenfalls mit demselben zu verteidigen.
Nachdem auch Selim Agha mir einige kurze, fast feindselig klingende Worte des Abschiedes zugerufen, ritt die kleine Kavalkade davon, und wir blickten ihr nach, solange sie zu sehen war. Dann aber war es auch mit meiner Kraft zu Ende. Halef schien dies eher als ich zu bemerken.
"Sihdi, du wankst ja!" rief er. "Dein Angesicht ist wie Scharlach. Zeige mir deine Zunge!"
Ich tat es.
"Sie ist ganz blau, Sihdi, du hast ein böses Isitma (* Fieber.). Nimm Medizin, und lege dich!"
Ich mußte mich allerdings setzen, denn es wurde mir abermals so schwindelig, daß ich mich nicht aufrecht erhalten konnte. Jetzt begann ich, ernstlich Sorge zu bekommen, trank Essigwasser und machte auch einen Essigumschlag um den Kopf.
"Master," meinte Lindsay, "Ihr könnt wohl nicht mit mir, um nach einem Platze zu suchen, wo ich graben kann."
"Nein; ich kann nicht."
"So werde ich hier bleiben."
"Das ist nicht nötig. Ich habe ein Fieber, wie es auf Reisen oft vorkommt; Halef ist bei mir; Ihr könnt immer gehen, doch entfernt Euch nicht gar weit von hier, denn wenn Ihr auf Schiiten stoßt, stehe ich für nichts."
Er ging mit seinen Leuten ab, und ich schloß die Augen. Halef saß besorgt bei mir, um immer neuen Essig auf den Umschlag zu tröpfeln. Ich weiß nicht, wie lange ich gelegen hatte, als ich Schritte vernahm und gleich darauf in unserer unmittelbaren Nähe die barsche Frage hörte:
"Wer seid ihr?"
Ich öffnete die Augen. Vor uns standen drei wohl bewaffete Araber zu Fuß, von deren Pferden nichts zu sehen war. Es waren wilde Gestalten und trotzige Gesichter, von denen man nichts Gutes zu erwarten hatte.
"Fremde," antwortete Halef.
"Ihr seid keine Männer der Schia; zu welchem Stamme gehört ihr?"
"Wir kommen von weit jenseits Egypt herüber und gehören zu den Stämmen der Mugharibeh (* Araber aus der westlichen Sahara.). Warum fragst du?"
"Du magst zu den Mugharibeh gehören; dieser Andere aber ist ein Franke. Warum steht er nicht auf?"
"Er ist krank; er hat das Fieber."
"Wo sind die andern, die bei euch waren?"
"Nach Kerbela."
"Auch der andere Franke, der bei euch war?"
"Der ist mit seinen Leuten in der Nähe."
"Wem gehört dieser Rappe?"
"Diesem Effendi."
"Gebt ihn her und auch eure Waffen!"
Er trat zu dem Pferde und faßte es am Zügel, aber das schien ein sehr gutes Mittel gegen das Fieber zu sein, denn im Nu war es verschwunden und ich stand auf den Füßen.
"Halt, sprecht zuvor erst auch ein Wort mit mir! Wer das Pferd anrührt, der bekommt eine Kugel!"
Der Mann trat hastig zurück und blickte ängstlich auf den Revolver, den ich ihm entgegenhielt. Hier, in der Nähe einer Stadt wie Bagdad, hatte er diese Art von Waffe wohl bereits kennen gelernt und fürchtete sie.
"Ich scherze nur," sagte er.
"Scherze, mit wem du willst, nur nicht mit uns! Was willst du hier?"
"Ich sah euch und glaubte, euch dienen zu können."
"Wo habt ihr eure Pferde?"
"Wir haben keine."
"Du lügst! Ich sehe an den Falten deines Gewandes, daß du reitest. Woher weißt du, daß sich hier zwei Franken befinden?"
"Ich hörte es von den Pilgern, die euch getroffen haben."
"Du lügst abermals. Wir haben keinem der Pilger gesagt, wer wir sind."
"Wenn du uns nicht glaubst, so werden wir gehen."
Sie zogen sich, allerdings mit lüsternen Blicken auf unsere Pferde und Waffen, zurück und verschwanden hinter dem Trümmerhaufen.
"Halef, du hast sehr unklug geantwortet," sagte ich. "Komm, wir wollen uns überzeugen, daß sie sich auch wirklich entfernen."
Wir folgten den Fremden, aber nur langsam, denn nun kehrte, nachdem sich mein Zorn gelegt hatte, auch die Schwäche zurück, und mir wurde so wirr vor den Augen, daß ich kaum die nächsten Gegenstände scharf zu unterscheiden vermochte.
"Siehst du sie?" fragte ich, als wir hinter die Trümmer gekommen waren.
"Ja; dort draußen laufen sie nach ihren Pferden."
"Wie viele Tiere sind es?"
"Drei. Aber siehst du sie denn nicht auch, Sihdi?"
"Nein; ich habe Schwindel."
"Jetzt sitzen sie auf und reiten fort, im Galopp. Halt! Allah 'l Allah, da draußen hält ein ganzer Trupp, der auf sie zu warten scheint."
"Araber?"
"Ich kann es nicht erkennen; es ist zu weit."
"So laufe und hole dir mein Fernrohr!"
Während er zum Pferde rannte, gab ich mir Mühe, zu erforschen, wo ich die Stimme des Arabers, der uns angeredet hatte, schon einmal gehört hatte. Dieser rauhe, heisere Ton war mir bekannt. Da kehrte Halef zurück und wollte mir das Rohr geben, aber ein blutroter, wirbelnder Nebel lag mir vor den Augen und so mußte er die Beobachtung übernehmen. Es dauerte einige Zeit, bis er sich zurechtgefunden hatte, dann aber rief er:
"Perser sind es!"
"Ah! Kannst du ein Gesicht erkennen?"
"Nein. Jetzt sind sie von den andern erreicht, und nun reiten sie fort."
"Sehr schnell und nach Westen. Nicht wahr?"
Halef bejahte, und ich nahm jetzt das Rohr. Der Schwindelanfall war vorüber.
"Halef," sagte ich, "diese Perser sind die Verfolger Hassan Ardschir-Mirzas. Selim Agha ist mit ihnen im Bunde. Gestern in der Nacht, als er fort war, hat er sie aufgesucht, um ihnen zu verraten, daß wir uns hier am Birs Nimrud trennen werden. Sie haben die drei abgesandt, um zu erfahren, ob Hassan Ardschir aufgebrochen ist, und nun werden sie eilen, um ihn zu überfallen, ehe er in die Nähe von Kerbela kommt."
"O, Sihdi, das ist schrecklich! Wir müssen ihnen nach!"
"Das versteht sich. Mache rasch die Pferde bereit!"
"Soll ich nicht den Engländer holen? Ich sah ihn die Richtung nach dem Orte einschlagen, den du Ibrahim Chalil nanntest."
"So müssen wir auf ihn verzichten; wir würden zu viel Zeit verlieren. Mache schnell!"
Ich nahm das Rohr empor und sah sehr deutlich die Truppe nach Westen jagen. Dann riß ich ein Blatt aus meinem Merkbuche und schrieb einige Zeilen, um den Engländer von dem Geschehenen und meiner Absicht zu unterrichten. Ich riet ihm, den Birs Nimrud zu verlassen und unsere Rückkehr am Kanale Anana zu erwarten, da er hier am Turm einen Ueberfall zu erwarten gehabt hätte, wenn es mir nicht gelungen wäre, die Räuber davon abzubringen. Diesen Zettel steckte ich so in den Ziegelschutt, daß ihn Lindsay bei seiner Rückkehr sofort sehen mußte; dann saßen wir auf und jagten davon.
Es ist fast unglaublich, welche Macht der Geist über den Körper besitzt. Mein Unwohlsein war jetzt völlig verschwunden, mein Kopf war kalt und mein Blick ungetrübt. Wir erreichten den Pilgerweg; wir kamen an Nachzüglern vorüber, welche uns scheltend auswichen; wir flogen an Bettlern vorbei, deren flehende Gebärden wir gar nicht beachteten; wir kamen - ah, da lag ein gestürztes Maultier, welches verendet war, und dabei bemühten sich zwei Kerle, eine halb verfaulte Menschenleiche wieder in die aufgeplatzte Filzdecke zu wickeln. Das gab einen entsetzlichen Geruch; mich erfaßte ein unüberwindlicher Ekel, der mein Inneres wie eine Schraube packte und gegen den keine Beherrschung aufkommen konnte.
"Sihdi, wie siehst du aus!" schrie Halef und faßte nach dem Zügel meines Pferdes. "Halte an, du stürzest sonst herab!"
"Vorwärts!"
"Nein! Halt! Deine Augen sind stier, wie wahnsinnig; du wankst ja!"
"Nur vorwärts - -" ja, ich wollte diese beiden Worte rufen, aber ich hörte sie nicht, ich brachte sie nicht heraus, ich stammelte nur unverständliche Laute, trieb aber trotzdem mein Pferd zu größerer Eile an. Dies dauerte jedoch nicht lange, denn plötzlich wurde mir, als ob ich eines der drastischsten Brechmittel genommen; ich mußte diesem unwiderstehlichen Reize nachgeben und anhalten. Als ich die schleimig gallige Beschaffenheit der Ausscheidung bemerkte und dazu den Umstand in Erwägung zog, daß der Vorgang mir nicht den geringsten Schmerz im Epigastrium bereitet hatte, packte mich Todesangst.
"Halef, reite fort! Verlasse mich!"
"Verlassen? Warum?" fragte er erschrocken.
"Ich habe die - Pest!"
"Die Pest! Allah kerihm! Ist es wahr, Sihdi?"
"Ja. Ich dachte, es sei ein Fieber; jetzt aber sehe ich, daß es die Pest ist."
"El Taun, el Jumurdschak - die Pestilenz! Allah w' Allah, das ist fürchterlich, das ist entsetzlich!"
"Ja. Gehe fort; suche den Engländer auf! Er wird für dich sorgen; er ist entweder am Birs Nimrud oder am Kanale Anana zu finden."
Ich brachte diese Worte nur stammelnd hervor. Anstatt sich aber fortweisen zu lassen, faßte Halef meine glühende Hand.
"Sihdi," sagte er, "glaubst du, daß ich dich verlassen werde?"
"Gehe fort!"
"Nein! Der Fluch Allahs soll mich verzehren, wenn ich dich verlasse. Auf deinen Zähnen liegt dunkler Rost, und deine Zunge stammelt. Ja, es ist die Pest; aber ich fürchte sie nicht. Wer soll bei meinem Sihdi sein, wenn er leidet! Wer soll ihn segnen, wenn er stirbt! Effendi, o mein Effendi, meine Seele schluchzt, und mein Auge weint! Komm, halte dich im Sattel fest; wir wollen einen Ort suchen, wo ich dich pflegen kann."
"Willst du das wirklich tun, du treuer Halef?"
"Bei Allah, Herr! Ich weiche nicht von dir!"
"Ah, das vergesse ich dir nicht. Vielleicht halte ich mich noch. Komm, den Persern nach!"