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作者:德- Karl May 当前章节:15435 字 更新时间:2026-6-23 07:58

"Sihdi, das geht nun nicht - - -"

"Vorwärts!"

Ich gab dem Rappen die Fersen, und Halef mußte mir wohl oder übel folgen. Bald aber mußte ich die Eile des Pferdes mäßigen; es wurde mir wieder dunkel vor den Augen, und ich mußte mich auf Halef verlassen, der, ohne ein Wort weiter zu verlieren, die Führung übernahm. Jeder Huftritt meines Pferdes wirkte wie ein Faustschlag auf meinen Kopf; ich sah nicht, wem wir begegneten, aber ich ließ dem Pferde die Zügel und hielt mich mit beiden Händen im Sattel fest.

Da, nach langer, langer Zeit endlich erreichten wir die Karawane, und ich strengte mich an, die einzelnen Gruppen derselben zu unterscheiden. Lautlos flogen wir an ihnen vorüber, durch höllische Dünste und Miasmen hindurch, aber ich bemerkte die Gesuchten nicht.

"Hast du sie nicht gesehen, Halef?" fragte ich, als wir die Spitze des Zuges erreicht hatten.

"Nein."

"Dann links hinüber, und in gleicher Richtung wieder zurück. Sie können nicht rechts abgewichen sein. Siehst du Vögel über der Todeskarawane?"

"Ja, Geier, Herr."

"Sie suchen Aas und riechen die Leichen. Passe auf, ob sich einer nach links in unsere Richtung zieht! Ich bin hilflos; ich muß mich auf dich verlassen."

"Aber wenn es zum Kampfe kommt, Herr?"

"In diesem Falle wird meine Seele kräftiger sein, als meine Krankheit. Vorwärts also!"

Der Leichenzug verschwand zu unserer Linken; wir ritten so schnell, als es Halefs Pferd vermochte, obgleich ich mich nur mit äußerster Anstrengung in den Bügeln erhielt. Da zeigte der treue Hadschi empor.

"El Büdsch, der Bartgeier, hier oben!"

"Zieht oder kreist er?"

"Er kreist."

"Reite so, daß wir grad unter ihn kommen. Er erblickt entweder einen Kampf oder eine Beute."

Zehn Minuten vergingen in lautloser Stille; es ahnte mir, daß wir uns vor der Entscheidung befanden, und da ich heut nicht aus größerer Entfernung mit Sicherheit zu treffen vermochte, so schob ich die Büchse zurück und nahm den Stutzen zur Hand. Dabei merkte ich, wie schwach ich geworden war: die schwere Doppelrifle, die ich sonst leicht mit einer Hand dirigiert hatte, schien mir heut das Gewicht von Zentnern zu haben.

"Sihdi, da liegen Leichen!" rief Halef, den Arm ausstreckend.

"Lebendige dabei?"

"Nein."

"Schnell hin!"

Wir gelangten an die Stelle, deren Anblick sich in unauslöschlichen Zügen meinem Gedächtnisse eingeprägt hat. Weit auseinander zerstreut, waren fünf Gestalten zu erkennen, welche bewegungslos am Boden lagen. In der größten Aufregung sprang ich ab und kniete bei der ersten nieder. Meine Pulse hämmerten, und meine Hand zitterte heftig, als ich den übergeworfenen Mantelzipfel vom Gesichte des Mannes nahm. Es war - - Saduk, der Stumme, welcher uns in den kurdischen Bergen entflohen war.

Ich eilte weiter. Da lag Alwah, die alte, treue Wärterin, von einer Kugel durch die Schläfe getroffen, und soeben schrie Halef entsetzt:

"Wai - o wehe, das ist des Persers Weib!"

Ich sprang hinzu. Ja, sie war es; Dschanah, Hassan Ardschirs Stolz und Glück! Auch sie war erschossen, und neben ihr lag mit ausgestrecktem Arme, als ob er sie noch im Tode halten und beschirmen wolle, Hassan selbst, mit Staub und Sand bedeckt. Seine Wunden ließen auf ein fürchterliches Ringen schließen; sogar seine Hände hatten Schnitte.

Von Schmerz übermannt rief ich:

"Mein Gott, warum hat er mir nicht geglaubt!"

"Ja," meinte Halef mit finsterer Miene, "er trägt an allem die Schuld. Er traute dem Verräter mehr als dir. Aber dort liegt noch eine. Komm!"

Weitab von den andern lag noch eine weibliche Gestalt in dem von Hufschlägen aufgewühlten Sande. Es war Benda.

"Allah inhal el Agha; katelahum - Allah verdamme den Agha; er hat sie getötet!"

"Nein, Halef. Kennst du den Dolch, der in ihrem Herzen steckt? Ich habe ihn ihr leihen müssen. Ihre Hand hält noch den Griff umschlungen. Er hat sie von den andern fortgerissen; hier sind die Spuren ihrer Füße, welche durch den Sand geschleift wurden. Vielleicht hat sie ihn verwundet; dann aber gab sie sich selbst den Tod, als sie sich nicht mehr zu wehren vermochte. Hadschi Halef Omar, ich bleibe auch hier liegen!"

"Sihdi, es ist kein Leben mehr in ihnen; sie sind tot; wir können sie nicht erwecken, aber wir können sie rächen!"

Ich antwortete nicht. Da lag sie, die "Siegerin", todesbleich, mit geschlossenen Augen und halb geöffneten Lippen, als ob sie im Traume flüstern wolle. Diese prächtigen Augensterne waren für immer erloschen; diesen Lippen konnte kein warmer Ton mehr entströmen, und der kalte Stahl hatte den Puls dieses reinen Herzens zerschneiden müssen. Sie lag vor mir, eine herrliche Menschenblume, die im ersten Augenblick ihres Blühens verwelken mußte. Mir brannte der Kopf; die blutgetränkte Ebene flog im Kreise um mich herum; ich selbst schien um meine eigene Achse zu wirbeln; meine Hände, auf welche ich mich im Knieen gestützt hatte, verloren den Halt, und ich sank langsam, langsam nieder. Es war mir, als ob ich allmählich tiefer und immer tiefer sinke, in einen nebligen und dann immer schwärzer werdenden Schlund hinab. Da gab es keinen Halt, kein Ende, keinen Boden; die Tiefe war unendlich, und aus der Entfernung von Millionen von Meilen hörte ich Halefs Stimme herabdringen:

"Sihdi, o Sihdi, erwache, damit wir sie rächen können!"

Da endlich, nach langer, langer Zeit, gewahrte ich, daß ich nicht weiter sank; ich hatte einen Ort erreicht, an dem ich fest und sicher liegen blieb, einen Ort, an dem ich von zwei starken Armen festgehalten wurde. Ich betastete diese Arme und blickte den Mann an, dem sie gehörten; dabei sah ich viele große, schwere Tropfen aus seinem Auge auf mich niederfallen. Ich wollte reden, brachte es aber nur mit großer Anstrengung fertig:

"Halef, weine nicht!"

"O Herr, ich hielt auch dich für tot, gestorben an der Krankheit und am Schmerze. Hamdulillah; du lebst! Raffe dich auf! Dort sind ihre Spuren. Wir werden den Mördern folgen und sie umbringen! Ja, umbringen, bei Allah, ich schwöre es!"

Ich schüttelte den Kopf.

"Ich bin müde. Gib mir die Decke unter den Kopf!"

"Kannst du nicht mehr reiten, Herr?"

"Nein."

"Ich bitte dich, versuche es!"

Der treue Mensch glaubte, durch den Gedanken der Rache meine Tatkraft gewaltsam aufrütteln zu müssen; es gelang ihm nicht. Und nun warf er sich selbst auf die Erde nieder und schlug sich mit den Fäusten vor die Stirn.

"Allah verderbe diesen Elenden, den ich nicht fangen darf! Allah verderbe auch die Pest, welche dem Sihdi die Kraft des Mannes nimmt! Allah verderbe - - ia Allah il Allah, ich bin ein Wurm, ein Elender, der nicht helfen kann! Es ist am besten, ich lege mich auch her, um zu sterben!"

Da raffte ich mich auf.

"Halef, soll der Bartgeier diese Toten fressen?"

"Willst du sie begraben?" entgegnete er.

"Ja."

"Wo und wie?"

"Können wir anders als hier im Sande?"

"Das ist eine schwere Arbeit, Herr. Ich werde sie tun; aber diesen Saduk, der sich dumm stellte, um seinen Herrn zu verderben, den sollen doch die Geier fressen. Zuvor aber will ich sehen, ob die Toten noch irgend etwas bei sich tragen."

Dieses Nachsuchen war vergebens. Man hatte ihnen alles abgenommen. Welche Reichtümer waren dabei in die Hände dieser Teufel gekommen! Zu verwundern war es, daß man Bendas Leiche den Dolch gelassen hatte. Die Mörder hatten sich doch gescheut, die erstarrte Hand des Mädchens aufzubrechen. Auch ich bat Halef, den scharfen Stahl im Herzen der Toten stecken zu lassen. Ich hätte die Waffe nie wieder anzurühren vermocht.

Und nun begannen wir, den Boden aufzuwühlen. Wir hatten dazu nichts anderes als unsere Hände und die Messer. Das förderte höchst langsam, und in der Tiefe eines Fußes wurde das sandige Gefüge so hart, daß wir mit diesen Werkzeugen eine ganze Woche gebraucht hätten, um eine Grube von der nötigen Dimension fertig zu bringen.

"Es geht nicht, Herr," sagte Halef. "Was beschließest du?" "Wir kehren nach dem Turme zurück; er liegt kaum mehr als zwei Reitstunden von hier."

"Wallahi, daran habe ich nicht gedacht! Wir holen den Engländer mit seinen Werkzeugen herbei."

"Und bis dahin halten die Geier ihre Mahlzeit!"

"So reite ich allein, und du bleibst zurück."

"Du wirst dann den Räubern in die Hände fallen. Sie haben ihren nächsten Zweck erreicht, und ich vermute, daß sie nach dem Birs Nimrud gegangen sind, um sich unsere Pferde und Waffen zu holen, nach denen sie lüstern sein werden."

"Ich erwürge sie!"

"Du allein - so viele?"

"Du hast recht, Sihdi. Und ich darf dich ja auch nicht verlassen, weil du krank bist."

"Wir gehen alle beide."

"Und die Toten?"

"Wir legen sie auf die Pferde und gehen neben her."

"Dazu bist du zu schwach, Herr. Sieh, wie dich das Aufgraben des leichten Sandes angestrengt hat! Deine Beine zittern."

"Sie werden zittern und dennoch aushalten. Komm!"

Es war eine traurige und zugleich eine schwierige Arbeit, den beiden Pferden ihre Last zu geben. Da wir nicht genug Riemen und Schnüre hatten, mußte ich meinen Lasso zerschneiden, welcher mich so lange Zeit auf allen Reisen begleitet hatte. Aber ich tat es ohne Zaudern, denn es war ja ziemlich gewiß, daß die Hand, welche ihn bisher geschwungen hatte, in wenigen Stunden erstarren werde. Wir befestigten die Toten so, daß je zwei an den Seiten eines Pferdes zu hängen kamen; dann ergriffen wir die Zügel und schritten dem uns gesteckten Ziele zu.

Nie werde ich diesen Weg vergessen. Hätte ich den treuen Halef nicht bei mir gehabt, so wäre ich zehnmal liegen geblieben. Trotz aller Anstrengung knickte ich bei jedem Schritt in die Kniee; in kurzen Abständen mußte ich halten, um nicht neue Kräfte - denn das war unmöglich - sondern neue Energie zu sammeln. Aus den zwei Reitstunden wurden mehrere. Die Sonne sank. Statt das Pferd zu führen, hing ich ihm am Zügel, und so wurde ich endlich, von Halef unterstützt, halb von dem Rappen fortgezogen und halb von dem Hadschi weitergeschoben.

Wir waren auch aus dem Grunde aufgehalten worden, weil wir vorsichtig jede Begegnung vermeiden mußten, und langten endlich - endlich spät abends - an dem Turme an. Hätte ich jemals ahnen können, daß ich an diesem Orte meinen vielbewegten Lauf beschließen werde!

Wir hielten an derselben Stelle, an welcher wir am vorigen Abend gelagert hatten. Von dem Engländer war keine Spur zu finden. Der Zettel fehlte; jedenfalls hatte er ihn gelesen und war auf meine Weisung sofort nach dem Kanale aufgebrochen. Wir luden die Toten ab, hobbelten die Pferde lang und legten uns nieder, denn heute war nichts anderes mehr möglich.

"Ich weiß, daß wir uns wiedersehen," hatte Benda gesagt. Ja, ich war es allerdings, der sie wiedersah! Trotzdem ich sterbensmüde war und nur mit Anstrengung einen klaren Gedanken zu fassen vermochte, begann ich, mir selbst die bittersten Vorwürfe zu machen. Ich hätte meine Meinung kräftiger verteidigen und mich der Unvorsichtigkeit Hassan Ardschir-Mirzas nötigenfalls mit Gewalt entgegenstellen sollen. Hatte mir der Krankheitsanfall Kraft gelassen zu dem stürmischen Ritt und zu dem traurigen Heimwege, so wäre es mir auch möglich gewesen, diesen Mirza Selim Agha unschädlich zu machen. Ich kann mich diesem Vorwurfe noch heute nicht ganz entziehen, obgleich seitdem eine geraume Zeit vergangen ist.

Ich verbrachte eine schlimme Nacht. Bei fast normaler Hautwärme hatte ich einen schnellen, zusammengezogenen und ungleichen Puls; das Atmen ging kurz und hastig; die Zunge wurde heiß und trocken, und meine Phantasie wurde von ängstlichen Bildern und Vorstellungen eingenommen, die mich so quälten, daß ich öfters Halef rief, um mich zu überzeugen, was Einbildung und was Wirklichkeit sei. Oft auch weckte mich aus diesen Phantastereien ein Schmerz, den ich in den Achselhöhlen, am Halse und im Nacken fühlte. Infolge dieses Zustandes, den ich nur deshalb so ausführlich beschreibe, weil ein Pestfall bei uns eine so große Seltenheit ist, war ich bei Anbruch des Tages eher wach als Halef und bemerkte nun, daß sich bei mir Beulen unter den Achseln und am Halse, ein Karfunkel im Nacken und rote Petechien-Gruppen auf der Brust und an den innern Armflächen entwickelten. Jetzt hielt ich mein Schicksal für besiegelt und weckte den Hadschi.

Dieser erschrak über mein Aussehen. Ich bat ihn um Wasser und schickte ihn dann nach dem Kanale, um den Engländer aufzusuchen und herbeizuholen. Es vergingen drei Stunden, für mich drei Ewigkeiten, und als er dann zurückkehrte, kam er allein. Er hatte lange gesucht und nichts gefunden als eine Hacke, in deren Nähe viele Hufspuren in der Weise zu sehen gewesen waren, daß er auf einen dort stattgefundenen Kampf schließen mußte. Er brachte die Hacke mit; sie gehörte zu den Werkzeugen, welche Lindsay mitgebracht hatte. War dieser überfallen worden? Aber es war keine Spur einer Verwundung oder Tötung zu sehen gewesen! Ich konnte in dieser Angelegenheit nicht das Mindeste unternehmen, denn ich war unfähig zu einer mehr als nur sehr geringen Anstrengung.

Mein Aussehen mußte sich während der Abwesenheit Halefs verschlechtert haben, denn dieser verriet eine gesteigerte Angst um mich und bat mich dringend, Medizin zu nehmen. Ja, Medizin, aber welche! Chinin, Chloroform, Salmiakgeist, Arsen, Arnika, Opium und anderes, was ich mir in Bagdad angeschafft hatte, konnte nichts helfen. Was verstand ich als Laie von der Behandlung der Pest! Ich hielt frische Luft, gute Reinigung der Haut durch fleißiges Baden und einen Schnitt in den Karfunkel für das beste, und da die Vorsicht gebot, nicht an diesem Ort zu bleiben, so begann ich, mit dem Hadschi zu überlegen, soweit bei meinem Zustande von Ueberlegen die Rede sein konnte.

Es mußte doch irgendwo eine Quelle, einen noch so kleinen Wasserlauf geben, und wenn ich den Blick grad nach Osten richtete, so schien mir dort jenseits der südlichen Ruinengrenze am ehesten ein Wässerchen zu finden zu sein. Ich bat daher Halef, nach dieser Richtung zu reiten, um zu sehen, ob ich nicht falsch vermute.

Der dienstwillige Mann war sogleich bereit, ließ mich aber dennoch nicht ohne Besorgnis allein zurück. Diese sollte sich als ganz begründet erweisen. Er hatte mich ungefähr seit einer halben Stunde verlassen, als ich den nahenden Schritt mehrerer Pferde hörte. Ich wandte mich um und erblickte sieben Araber, von denen zwei verwundet zu sein schienen. Es befanden sich bei ihnen die drei, welche gestern hier mit mir gesprochen hatten. Beim Anblick der Leichen stutzten sie und hielten an, um sich leise zu beraten. Dann kamen sie näher und umringten mich.

"Nun, wirst du uns heut dein Pferd und deine Waffen geben?" redete mich der gestrige Sprecher an.

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