"Du bist ein schlauer Mann, mich aber betrügst du nicht! Wer mitten im Wege an der Pest liegen bleibt, der wird nie wieder gesund."
"Blicke mich an!" sagte ich einfach.
"Dein Anblick ist wie das Angesicht des Todes, aber du hast nicht die Pest, sondern das Fieber. Wo befindet sich dein Gefährte?"
"Er liegt am - - - - horch, da kommt er!"
Ich hörte nämlich von weitem eine Stimme, welche stark sein wollte, aber nur in schrillen, sich überschnappenden Fisteltönen immer nur das Wort "Rih, Rih, Rih!" vernehmen ließ. Darauf ertönte der rasende Galopp eines Pferdes, und einen Augenblick später sah ich meinen Hengst über Schutt, Geröll und Trümmern heranstürmen. Auf ihm aber lag Halef, den linken Arm um den Hals des Pferdes geschlungen, und die rechte Hand zwischen den Ohren des Pferdes, wobei sie eine seiner Doppelpistolen hielt, während die Flinte ihm an der Schulter hing.
Die Araber alle wandten sich dem Schauspiele zu. Wie war der todesmatte Hadschi auf das Pferd gekommen! Er hatte nicht die Kraft, es zum Stehen zu bringen, und sauste vorüber.
"Dur kawi, Rih - halt, Rih!" rief ich, so laut ich vermochte.
Sofort lenkte das kluge Pferd zurück.
"Die Hand weg von den Ohren, Halef!"
Er tat es, und nun blieb das Tier grad vor mir halten. Halef fiel zu Boden. Er konnte sich kaum zum Sitzen aufrichten, sagte aber doch mit zorniger Stimme:
"Ich hörte schießen. Sihdi, wen soll ich töten?"
Der Anblick dieses Kranken mußte den Arabern sofort beweisen, daß ich vorhin die Wahrheit gesagt hatte.
"Es ist die Pest! Allah schütze uns!" riefen sie.
"Ja, es ist die Pest!" rief auch der Anführer, indem er den Stutzen und das Messer von sich warf und auf sein Pferd sprang. "Flieht, ihr Männer! Ihr aber, ihr Hunde, die ihr uns angesteckt habt, fahrt zur Hölle!"
Er zielte auf mich, und ein anderer auf Halef. Beide drückten ab; aber die Hand des ersten lähmte der Biß des Hundes, und die des anderen bebte aus Furcht vor der Pest; die Kugeln trafen nicht. Auch Halef schoß sein Pistol ab, aber seine Hand zitterte wie ein Zweig im Winde; auch er traf nicht, und als er die Flinte erheben wollte, war er zu schwach dazu, und die Araber ritten bereits in sicherer Entfernung von dannen.
"Dort entkommen sie! Der Scheïtan hole sie ein!" rief er; aber es war kein Ruf, sondern mehr ein hastiges Murmeln, was er hervorbrachte. "Was taten sie dir, Sihdi?"
Ich erzählte es ihm und bat ihn dann, den Strick zu durchschneiden. Der Arme hatte kaum die Kraft, es zu tun.
"Aber, Halef, wie bist du auf das Pferd gekommen?" fragte ich.
"Sehr leicht, Sihdi," antwortete er. "Es lag am Boden, und ich legte mich auf seinen Rücken, nachdem ich den Riemen gelöst hatte. Ich wußte, wo du warst, und als ich Schüsse hörte, mußte ich dir zu Hilfe kommen. Der Knall deines Stutzens dringt sehr weit. Du hast mir das Geheimnis deines Pferdes offenbart, und darum hat es mich so rasch zu dir getragen."
"Dein bloßes Erscheinen genügte, mich zu befreien. Die Furcht vor der Pest ist stärker als alle Waffen. Diese Männer werden von dem Zusammentreffen erzählen, und darum glaube ich, daß wir nun vor weiteren Begegnungen sicher sind, so lange wir uns noch hier befinden."
"Und Dojan? Das dort sind die Stücke seines Körpers?"
"Ja."
"O jazik - o wehe! Herr, das ist genau so, als ob mir die Hälfte von dir selbst entrissen wäre! Ist er tapfer gefallen?"
"Ja. Er wäre Sieger geblieben, wenn man ihn nicht erschossen hätte. Aber wir haben einen noch viel schmerzlicheren Verlust zu beklagen. Der Engländer ist mit seinen Leuten ermordet worden."
"Der Engländer? Allah 'l Allah! Wer sagte es?"
"Der Anführer dieser Araber. Er behauptete, davon gehört zu haben; aber vielleicht ist er selbst mit dabei gewesen."
"So müssen wir ihre Leichen finden. Wir werden suchen, sobald ich wieder gehen kann, um sie zu begraben. Dieser Engländer war ein Ungläubiger; aber er hatte dich lieb, und ich darum auch ihn. Herr, mache eine Grube für den Hund! Er soll hier in der Nähe der Perser ruhen; er hat ja auch zu ihrem Schutze gelebt. Es darf ihn kein Geier und kein Schakal fressen. Dann aber führe mich fort. Ich bin so matt, als ob auch mich eine Kugel getroffen hätte!"
Ich tat nach seinem Willen. Der treue Dojan kam vor das Grab zu liegen, als ob er selbst noch im Tode die Sicherheit der Abgeschiedenen verteidigen solle. Dann lud ich Halef auf das Pferd und kehrte mit ihm, nachdem ich auch die Waffen an mich genommen, langsam an den Bach zurück, nicht ahnend, daß die Erzählung von dem Tode des Engländers glücklicherweise nur die Folge eines Irrtums sei. Es drängte mich, so bald wie möglich die Gegend zu verlassen, wo im Angesichte dieses Trümmerreiches auch so vieles von uns zu den Toten gebettet worden war. An die einst beabsichtigte Reise nach dem Hadhramaut war nun nicht mehr zu denken.
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Sechstes Kapitel: In Damaskus
"Sei mir gegrüßt, Damask, du Blumenreiche, du Königin der Düfte, du Augenlicht des Weltantlitzes, du Jungfrau der Feigen, du Spenderin aller Freuden und du Feindin alles Kummers!" So begrüßt der Wanderer Damaskus, wenn er droben am Kubbet en Nassr steht, deren Moschee sich wie eine weit in das Land hinaus schauende Warte auf dem Dschebel Es Salehiëh erhebt.
Diese Kuppe Es Salehiëh bietet unbestreitbar einen der herrlichsten Aussichtspunkte der Erde. Im Rücken liegen die malerischen Berge des Antilibanon, deren Mauern sich hoch gen Himmel erheben, und vor dem Blicke breitet sich die von der Natur zum Paradies geschaffene und von dem Moslem hochgepriesene Ebene von Damaskus aus. Zunächst dem Gebirge liegt El Ghuta, die meilenweite, mit Fruchtbäumen und den herrlichsten Blumen dicht besetzte Ebene, bewässert und erquickt durch acht Flüßchen und Bäche, von denen sieben Zweige des Flusses Barrada sind. Und hinter diesem Gartenringe erglänzt die Stadt, von den Arabern "Schamm" genannt, wie eine Wahrheit gewordene Fata Morgana des sich nach Labung und Erquickung sehnenden Wüstenpilgers.
Hier steht der Wanderer auf einem geschichtlich hochwichtigen Boden, auf welchem auch die Sage ihre silberschimmernden Blüten getrieben hat. Gegen Norden liegt der Dschebel Kassium, auf welchem nach der morgenländischen Erzählung einst Kaïn seinen Bruder Abel erschlug. In El Ghuta stand nach der arabischen Legende der Baum des Erkenntnisses, unter welchem die erste Sünde geschah, und in Damask selbst erhebt sich die berühmte Moschee der Omajjaden, auf deren Minareh sich Christus am Tage des Gerichtes niederlassen wird, um zu richten die Lebendigen und die Toten. So also wird die Geschichte von Damaskus wie die keiner andern Stadt vom Anfange der Erde bis zu dem Ende derselben reichen, wie der stolze und fanatische Bewohner der "Stadt am Barrada" behauptet.
Allerdings ist Damaskus eine der ältesten Städte der Erde, aber die Zeit ihrer Gründung ist nicht genau zu bestimmen, da die moslemitische Geschichtsschreibung die Fäden der Tradition eher verwirrt als entwickelt hat. Die heilige Schrift erwähnt Damask zum öfteren. Zu jener Zeit wurde es auch Aram Damasek genannt. David eroberte es und zählte es zu den glänzendsten Perlen seiner Krone. Nachher herrschten hier Assyrer, Babylonier, Perser, die Seleuciden, Römer und Araber. Als Saulus zum Paulus wurde, stand sie unter dem Zepter der Araber. "Stehe auf, und gehe in die Gasse, welche die gerade heißt, und frage in dem Hause des Judas nach Einem Namens Saulus aus Tarsus; denn siehe, er betet!" So sprach der Herr im Gesichte zu Ananias (* Apostelgeschichte 9, 11.). Und noch heut steht jene Gasse. Sie geht vom Bab esch Scherki im Osten nach dem Bab el Yahya im Westen, bildet die große Verkehrsader der Stadt und wird noch immer Suk ed Dschamak, die gerade Straße, genannt.
Eine Viertelstunde von der Stadt entfernt sieht man in der Nähe des christlichen Friedhofes eine Felsenplatte an der Stelle, wo Saul von der Klarheit des Himmels umleuchtet wurde und eine Stimme ihm zurief: "Ich bin Jesus, den du verfolgest; hart wird es dir, wider den Stachel zu löcken!"(** Ebendaselbst 9, 5.)
An der Porta orientalis, einem schönen, altrömischen Tore mit drei Eingängen, steht das Haus des Ananias, durch den Paulus wieder sehend ward. Auch zeigt man neben einem vermauerten Tore das Fenster, aus welchem der Apostel in einem Korbe (* Apostelgeschichte Kap. 9, 25.) hinuntergelassen wurde.
Oft, sehr oft wurde Damaskus erobert und in Trümmer gelegt, aber immer erhob es sich wieder mit neuer Lebensfähigkeit. Am meisten litt es unter Tamarlan, welcher im Jahre 1400 seine wilden Scharen zehn Tage lang in den Straßen morden ließ; als darauf die Stille des Todes herrschte, hielt der Brand die Nachlese. Unter osmanischer Herrschaft hat die Stadt nach und nach immer mehr ihre Bedeutung verloren. Aus der ehemaligen Weltstadt wurde eine Provinzialstadt, der Sitz eines Gouverneur-Pascha, und jedermann weiß ja, daß diese Art von Administratoren nur geeignet ist, das reichste Land der Erde arm und durch endlosen Steuerdruck den ergiebigsten Volkswohlstand bankerott zu machen.
Heute spricht man von 200 000 Einwohnern, welche Damaskus besitzen soll; die Zahl 150 000 wird aber der Wahrheit näher liegen. Darunter sind etwas über 30 000 Christen und 3000 bis 5000 Juden. Kein Moslem, selbst der Mekkaner nicht, ist so fanatisch wie der Damaskese. Die Zeit ist noch nicht lange vorüber, in welcher ein Christ kein Kamel und kein Pferd besteigen durfte; er mußte zu Fuß gehen, wenn er nicht auf einem Esel reiten wollte. Dieser Fanatismus, welcher so leicht zu blutigen Ausschreitungen führt, ist selbst heute noch ganz derselbe wie im Jahre 1860, in welchem Tausende von Christen niedergemetzelt wurden.
Die fürchterlichen Vorspiele dazu begannen zu Hasbeya am Westabhange des Hermon, zu Deïr el Kamr, südlich von Beirut, und in der Küstenstadt Saïda. In Damaskus hatte am 9¨ Juli des genannten Jahres der Mueddin um die Mittagsstunde eben zum Gebete gerufen, als sich der bewaffnete Pöbel, von Baschi-Bozuks angeführt, auf das Christenviertel stürzte. Jeder Mann und Knabe wurde erschlagen; mit den Frauen und Mädchen geschah teils Schlimmeres, teils wurden sie nach dem Sklavenmarkte geführt. Der Gouverneur Achmet Pascha sah ruhig zu; aber ein Anderer nahm sich der Christen an, einer, welcher sein Leben lang gegen dieselben gekämpft hatte. Es war Abd el Kader, der algierische Beduinenheld, welcher sein Vaterland verlassen hatte, um in Damaskus Vergessenheit zu suchen. Er öffnete den Christen, welche bei ihm Schutz suchten, sein Haus und streifte mit seinen Algierern durch die Stadt, um die Flüchtenden in der alten Zitadelle unterzubringen. Als er ungefähr zehntausend Christen dorthin gerettet hatte, wollten die Mordbanden mit Gewalt eindringen; er aber sprengte in Helm und Küraß mitten unter sie hinein und gebot den Seinen, beim geringsten Zeichen eines Angriffes auf die Zitadelle ganz Damaskus an allen Ecken anzubrennen. Das half. Diesen Edelmut zeigte ein Mann, welcher nach dem Frieden von Kerbens volle fünf Jahre lang von den Franzosen widerrechtlicherweise gefangen gehalten worden war.
Von Damaskus aus geht die große Karawanenstraße nach Mekka, welches man in 45 Tagen erreicht. Nach Bagdad gelangen Karawanen in 30 bis 40 Tagen, der Postkurier aber reitet per Dromedar nur 12 Tage. Doch ist die Benützung dieser Verbindung etwas teuer, denn man hat von Bagdad per Kurier nach Stambul für einen Brief 28 Mark, für ein rekommandiertes Schreiben aber sogar 50 Mark bezahlen müssen.
Auch ich war von Bagdad nach Damaskus gekommen, hatte aber nicht die Straße eingeschlagen, auf welcher der Kurier reitet. Und das hatte seine guten Gründe.
Nach den zuletzt erzählten Ereignissen hatten wir noch sechs Tage an dem Bache liegen müssen, bis Halef so weit gekräftigt war, daß wir nach Bagdad zurückkehren konnten. Vorher aber hatten wir nochmals mit allem Fleiße und der größten Sorgfalt am Kanal Anana nach Lindsay oder Spuren von ihm gesucht, ohne das mindeste gefunden zu haben. Nach Bagdad gekommen, erfuhren wir von unserm Wirte, daß er weder den Engländer gesehen noch etwas von ihm gehört habe, und so sah ich mich veranlaßt, bei der Vertretung Englands Anzeige zu erstatten. Es wurden mir die schleunigsten Recherchen versprochen, welche aber ohne alles Resultat zu bleiben schienen, so daß ich endlich aufzubrechen beschloß.
Pekuniäre Schwierigkeiten stellten sich diesem Entschlusse nicht entgegen, denn ich hatte in den Ruinen des Belusturmes - - ein sehr reichliches Reisegeld gefunden, allerdings nicht etwa durch Nachgrabungen in dem Trümmerschutte, sondern auf eine andere Weise und an einem Orte, wo ich mir nichts weniger als den bösen und doch so notwendigen Mammon anwesend gedacht hatte.
Als nämlich eines Tages mein Halef am Bache im tiefen Schlafe der Entkräftung lag und ich mir die Schwierigkeit unserer Lage recht eingehend überdachte, fielen mir die Worte Marah Durimehs ein, welche sie gesprochen hatte, als sie mir beim Abschiede das Amulett übergab: "Es hilft nichts, so lange es geschlossen ist; aber wenn du einmal eines Retters bedarfst, so öffne es; der Ruh 'i Kulyan wird dir dann beistehen, auch wenn er nicht an deiner Seite ist." Ich dachte natürlich gar nicht daran, von dem Amulette etwas Hilfespendendes zu erwarten; es hatte so lange Zeit an meinem Halse gehangen, ohne daß es weiter von mir beachtet worden war; jetzt aber verspürte ich aus Langeweile einige Neugierde, seinen Inhalt kennen zu lernen. Ich knüpfte es ab, zerschnitt seine äußere Hülle und kam nun an ein zusammengelegtes Pergament, welches - - zwei Noten der englischen Bank enthielt. Ich gestehe gern, daß mein Gesicht in diesem Augenblick einigermaßen einen fremdartigen, keineswegs aber unangenehmen Ausdruck angenommen haben mag. Bei einem solchen Inhalte hatte die alte Marah Durimeh allerdings recht gehabt: "Es hilft nicht, so lange es geschlossen ist." Wie aber war sie, die reiche Königstochter, zu englischem Gelde gekommen? Na, darüber wollte ich mir den Kopf nicht unnötig anstrengen; Pfundnoten jeder Höhe sind an allen Orten der Erde zu haben. Aber entweder war die Spenderin wirklich sehr reich, oder sie hatte eine ganz ungewöhnliche Teilnahme für mich empfunden. Ich hätte nach Lizan zurückreiten mögen, um ihr zu danken. Mit dem Verluste des Engländers hatte ich auch einen in Kassenbeziehungen hoch anständigen Gefährten eingebüßt; sein öfteres: "Zahle gut, well!" hatte viel für mich armen Teufel zu bedeuten gehabt; jetzt nun war dieser Ausfall für einige Zeit gedeckt, ein Umstand, welcher mich von einer nicht ganz geringen Sorge befreite.
Auch Halef war sehr erfreut, als ich ihn von der Bedeutung meines Fundes benachrichtigte, und ich beschloß, diese Freude durch die Mitteilung zu erhöhen, daß ich mit ihm zu den Haddedihn reiten werde, einmal um seiner selbst willen und dann auch wegen der beiden Diener des Engländers, die sich vielleicht noch immer dort befanden. Ich fühlte mich moralisch verpflichtet, dieses Erbteil des Engländers anzutreten.