Nachdem wir uns in Bagdad gehörig erholt und mit dem Nötigen versehen hatten, reisten wir ab und ließen nur für etwaige Anfragen die Nachricht zurück, wo wir zu finden seien. Wir ritten über Samara nach Tekrit und bogen dann nach West zum Thathar ab, um den Stämmen zu entgehen, mit denen wir früher im Tale der Stufen feindlich zusammengekommen waren, und trafen eine Tagreise vor den berühmten Ruinen von El Hather zwei Männer, welche uns sagten, daß die Schammar sich von ihren gewöhnlichen Weideplätzen nach Südwest gegen El Deïr am Euphrat gezogen hätten, um den fortgesetzten Feindseligkeiten des Gouverneurs von Mossul auszuweichen. Dort langten wir, ohne irgend eine Unterbrechung unserer Reise erlitten zu haben, glücklich an.
Unsere Ankunft erregte Trauer und Freude zugleich. Amad el Ghandur war nicht angekommen. Der ganze Stamm hatte sich in außerordentlicher Sorge um unser Schicksal befunden, aber noch stets hatte man gehofft, uns wohlbehalten zurückkehren zu sehen. Jetzt nun wurde diese Hoffnung zuschanden. Der Tod Mohammed Emins versetzte den ganzen Stamm in die tiefste Trauer, und es wurde eine große Feier veranstaltet, um sein Gedächtnis zu ehren.
Ganz anders aber war es bei Hanneh, welche sich bei unserm Erscheinen jubelnd in die Arme ihres Halef warf. Er war ganz entzückt von ihrem Anblick, und sein Entzücken verdoppelte sich, als sie ihn und mich in das Zelt führte, um ihm einen kleinen Hadschi zu zeigen, welcher während unserer Abwesenheit sich zur irdischen Pilgerreise eingefunden hatte.
"Und weißt du, Sihdi, welchen Namen ich ihm gegeben habe?" fragte sie mich.
"Nun?"
"Er heißt - nach dir und seinem Vater - Kara Ben Halef."
"Du hast wohl daran getan, du Krone der Weiber und du Blume der Frauen," rief Halef aus. "Mein Sohn wird ein Held werden, wie sein Vater ist, denn sein Name ist länger als der Speer eines Feindes. Alle Männer werden ihn ehren, alle Mädchen ihn lieben, und alle Feinde werden fliehen, wenn in dem Kampfe ertönt der Name Kara Ben Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah!"
Natürlich war auch Scheik Malek erfreut, uns wieder zu sehen. Er hatte einen bedeutenden Einfluß auf die Haddedihn gewonnen, und es war vorauszusehen, daß er, wie die Verhältnisse jetzt lagen, recht bald den Rang eines Anführers einnehmen werde. In diesem Falle konnte mein kleiner, treuer Hadschi darauf rechnen, einst zu den Scheiks der Schammar zu gehören.
Wir besuchten in zahlreicher Begleitung alle die Orte, welche wir bei unserem ersten Aufenthalte gesehen hatten, und des Abends saßen wir im Zelte oder vor demselben, um den neugierigen Arabern unsere Erlebnisse zu erzählen, wobei Halef niemals vergaß, ganz besonders seinen Schutz zu betonen, unter welchem ich mich während der langen Fahrt befunden hatte.
Die beiden Irländer waren noch vorhanden. Sie waren während unserer Abwesenheit halb wild geworden und hatten sich vom Arabischen so viel angeeignet, als nötig war, sich mit ihren Gastfreunden zu verständigen. Dennoch aber sehnten sie sich fort von hier, und als sie hörten, daß sie auf ihren verschollenen Herrn nicht rechnen könnten, baten sie mich, von jetzt an mich ihrer anzunehmen. Ich sagte zu, denn in dieser Absicht war ich ja hergekommen.
Mein Entschluß war, nach Palästina zu gehen, und von da zur See nach Konstantinopel. Doch wollte ich vorher erst Damaskus sehen, die Stadt der Ommijaden, und um allen für mich vielleicht unliebsamen Begegnungen von Mossul her aus dem Wege zu gehen, entschloß ich mich, südlich von El Deïr über den Euphrat zu setzen und eine so weit nach Mittag gelegene Richtung einzuschlagen, daß ich über das Haurangebirge nach Damaskus kam.
Aber die Haddedihn wollten mich sobald nicht von sich lassen. Halef bestand mit allem Nachdruck darauf, mich nach Damaskus zu begleiten; ich durfte ihm diesen Wunsch nicht abschlagen, und da ich ihm doch Zeit geben mußte, seinen glücklichen Familienverhältnissen gerecht zu werden, so dauerte mein Aufenthalt weit, weit länger, als ich vorher beabsichtigt hatte. Woche um Woche verging, die kurze, rauhe Jahreszeit war hereingebrochen und neigte sich bereits wieder zu Ende; nun aber ließ ich mich nicht länger halten. Wir reisten ab.
Ein großer Teil der Stammesangehörigen begleitete uns bis an den Euphrat, an dessen linkem Ufer wir Abschied nahmen: Halef auf kurze Zeit, ich aber für lebenslang. Mit allem Nötigen reichlich versehen, setzten wir über den Fluß und hatten ihn bald aus den Augen verloren. Eine Woche später erblickten wir die Höhen des Hauran vor uns, hatten aber zwei Tage vorher eine Begegnung, welche von einigem Einflusse für spätere Begebenheiten war.
Wir sahen nämlich des Morgens vier Kamelreiter weit vor uns, welche die gleiche Richtung mit uns einzuhalten schienen. Da den Beduinen des Hauran nicht recht zu trauen ist, so wäre es uns lieb gewesen, Begleiter zu bekommen, und darum ritten wir schneller, um jene Reiter einzuholen. Als sie uns bemerkten, trieben auch sie ihre Tiere zu einem rascheren Gang an, doch kamen wir ihnen trotzdem immer näher. Als sie dies erkannten, hielten sie an und wichen seitwärts, um uns vorüber zu lassen. Es war ein älterer Mann mit drei jüngeren, rüstigen Begleitern; sie sahen nicht sehr kriegerisch aus, hatten aber die Hände an den Waffen, um uns Respekt einzuflößen.
"Sallam!" grüßte ich, mein Pferd anhaltend. "Laßt die Waffen in Ruhe; wir sind keine Räuber."
"Wer seid ihr?" fragte der Aeltere.
"Wir sind drei Franken aus dem Abendlande, und dieser mein Diener ist ein friedlicher Araber."
Da erheiterte sich das Gesicht des Mannes, und er fragte in gebrochenem Französisch, jedenfalls um sich von der Wahrheit meiner Behauptung zu überzeugen:
"Aus welchem Lande sind Sie, mein Herr?"
"Aus Deutschland."
"Ah," meinte er naiv, "das ist ein sehr friedliches Land, in welchem die Bewohner nichts tun, als Bücher lesen und viel Kaffee trinken. Woher kommen Sie? Sind Sie vielleicht auch ein Kaufmann wie ich?"
"Nein. Ich reise, um über die Länder, welche ich sehe, Bücher zu schreiben, die dann zum Kaffee gelesen werden. Ich komme von Bagdad und will nach Damaskus."
"Aber Sie tragen ja anstatt des Schreibzeuges so viele Waffen bei sich!"
"Weil ich mich mit dem Schreibzeuge wohl schwerlich gegen die Beduinen verteidigen könnte, welche den von mir eingeschlagenen Weg unsicher machen."
"Das ist wahr," nickte der Mann, der sich einen Schriftsteller nicht anders vorgestellt zu haben schien, als mit einer gigantischen Feder hinter dem Ohre, ein Sattelpult vor sich und zu jeder Seite des Pferdes ein riesiges Tintenfaß. "Jetzt haben sich die Anazeh nach dem Hauran gezogen, und gegen diese muß man vorsichtig sein. Wollen wir zusammenhalten?"
"Gern. Sie gehen auch nach Damaskus?"
"Ja. Ich wohne dort; ich bin Kaufmann und mache jährlich mit einer kleinen Karawane eine Handelsreise zu den Arabern des Südens. Von einer solchen kehre ich jetzt zurück."
"Gehen wir über den östlichen Hauran, oder halten wir uns links nach der Mekkastraße hinüber?"
"Welches wird das beste sein?"
"Das letztere jedenfalls."
"Ich stimme bei. Waren Sie schon einmal hier?"
"Nein."
"Dann werde ich Sie führen. Vorwärts!"
Das vorherige Mißtrauen des Kaufmanns war vollständig verschwunden. Er zeigte sich als ein offener, redseliger Charakter, und bald erfuhr ich, daß er eine nicht unbedeutende Summe bei sich trage, die er aus seinen Waren gelöst habe. Zwar war er von den Arabern meist mit Naturalien bezahlt worden, hatte diese aber vorteilhaft verkaufen können.
"Auch mit Stambul stehe ich in lebhafter Verbindung," meinte er. "Gehen Sie auch dorthin?"
"Ja."
"O, dann können Sie mir einen Brief an meinen dortigen Bruder besorgen, wofür ich Ihnen sehr dankbar sein würde!"
"Mit Vergnügen. Erlauben Sie also, daß ich Sie in Damaskus besuche, um den Brief abzuholen?"
"Kommen Sie! Mein Bruder Maflei ist gleichfalls Kaufmann und hat weitreichende Verbindungen. Vielleicht kann er Ihnen nützlich sein."
"Maflei? Hm! Diesen Namen habe ich bereits irgendwo gehört!"
"Wo?"
"Hm, lassen Sie mich nachsinnen - - - ja, jetzt habe ich es! Ich traf in Aegypten den Sohn eines Stambuler Kaufmannes; er hieß Isla Ben Maflei."
"Wirklich? O, das ist außerordentlich! Isla ist nämlich mein Neffe, der Sohn meines Bruders."
"Wenn es wirklich derselbe Isla gewesen ist!"
"Beschreiben Sie ihn mir!"
"Besser als eine jede Beschreibung wird wohl die Bemerkung sein, daß er dort am Nile ein Mädchen wiederfand, welches seinen Eltern geraubt worden war."
"Das stimmt; das stimmt! Wie hieß das Mädchen?"
"Senitza."
"Es ist alles richtig. Wo haben Sie ihn getroffen? Wo hat er es Ihnen erzählt? In Kairo vielleicht?"
"Nein, sondern an Ort und Stelle selbst. Kennen Sie diese interessante Begebenheit?"
"Ja. Er kam später in geschäftlicher Angelegenheit zu mir nach Damaskus und erzählte es mir. Er hätte seine Braut nie wieder gefunden, wenn er nicht mit einem gewissen Kara Ben Nemsi zusammengetroffen wäre, einem Effendi aus - - ah, Allah il Allah, dieser Effendi schrieb auch Sachen, welche gelesen werden! Wie ist Ihr Name, Herr?"
"In Aegypten und dann auch weiter nannte man mich allerdings Kara Ben Nemsi."
"Hamdulillah, quel miracle! Sie sind es, Sie selbst?"
"Fragen Sie hier meinen Diener Hadschi Halef, welcher geholfen hat, Senitza zu befreien!"
"Dann, Herr, haben Sie noch einmal meine Hand! Ich muß sie Ihnen drücken. Es geht nicht anders, Sie müssen in Damaskus bei mir wohnen, Sie und Ihre Leute. Mein Haus gehört Ihnen, nebst allem, was ich besitze!"
Vor herzlicher Freude schüttelte er auch Halef und den beiden Irländern die Hände. Die beiden letzteren wurden ganz verdutzt über die lebhafte Freundschaftsäußerung, deren Grund sie nicht begreifen konnten; meinem Halef aber mußte ich unsere französische Unterhaltung deutlich machen.
"Kannst du dich noch auf Isla Ben Maflei besinnen, Hadschi Halef Omar?"
"Ja," antwortete er. "Es war der Jüngling, dessen Braut wir aus dem Hause des Abrahim Mamur holten."
"Dieser Mann hier ist der Oheim Islas."
"Allah sei Dank! Jetzt habe ich jemand, dem ich alles erzählen kann, was damals geschehen ist. Eine gute Tat darf nicht sterben; sie muß erzählt werden, um lebendig zu bleiben."
"Ja, erzähle es!" bat der Damaskese.
Jetzt legte sich der kleine Hadschi ins Zeug, indem er die Begebenheit in den duftendsten Redeblumen des Orientes berichtete. Natürlich war ich damals der berühmteste Hekim-Baschi der Erde, Halef selbst der tapferste Held der ganzen Welt, Isla der beste Jüngling Stambuls und Senitza die herrlichste Houri des Paradieses gewesen. Abrahim Mamur aber wurde als ein wahrer Teufel geschildert, und in Summa hatten wir eine Tat verrichtet, welche bereits jetzt in dem Munde des ganzen Orients lebte. Und als ich es versuchte, seine Ueberschwenglichkeiten auf das richtige Maß zurückzuführen, da meinte er sehr entschieden:
"Sihdi, das verstehst du nicht! Ich muß es besser wissen, denn ich war ja damals dein Agha mit der Nilpeitsche und habe alles für dich zu besorgen gehabt."
Der Morgenländer ist in solchen Dingen unverbesserlich, und so mußte ich mich in das Unvermeidliche fügen. Dem Damaskesen aber schien grad diese Erzählungsweise recht sehr zu gefallen; Halef stieg in seiner Achtung außerordentlich, und die Folge zeigte, daß er ihn in sein Herz geschlossen hatte.
Wir erreichten unbelästigt die Karawanenstraße und zogen durch das "Himmelstor" in die Meidan-Vorstadt ein, in welcher sich zur Zeit der Hadsch die große, nach Mekka bestimmte Pilgerkarawane versammelt. Damaskus gewährt im Innern keineswegs den Anblick, welchen man von außen erwartet. Zwar fehlt es der Stadt nicht an ehrwürdigen Bauten, aber die Straßen selbst sind entsetzlich gepflastert, krumm und eng, und die meist fensterlosen, äußeren Lehmwände der Häuser sehen häßlich aus. Auch hier wird die Straßen- und Wohlfahrtspolizei, wie in den meisten orientalischen Städten, von Aasgeiern und räudigen, verkommenen Hunden besorgt. Die Wasserfülle der Stadtumgebung begünstigt die Entstehung schädlicher Miasmen, welche die Stadt der Ommijaden in einen bösen Ruf gebracht haben.
Das Quartier der Christen liegt im Osten der Stadt und beginnt beim Thomastore am Ausgangspunkte des Palmyraner Karawanenweges. Es ist ebensowenig schön wie die übrigen Stadtteile und enthält eine Menge von Ruinen, welche aufzuräumen der Moslem gar nicht für nötig hält. Hier steht in der Nähe des Lazaristenklosters das Gebäude, in dem im Jahre 1869 der Kronprinz von Preußen sein Quartier aufschlug.
Südlich davon, jenseits der "geraden Straße", befindet sich das Quartier der Juden, während die Westhälfte der Stadt den Moslemin gehört. Hier sieht man die schönsten Bauwerke der Stadt: die Citadelle, die prächtigen Bazarhallen, den großen Han Assad Pascha und vor allen Dingen die Moschee der Ommijaden, in welche leider kein Christ den Fuß setzen darf.
Sie ist 550 Fuß lang und 150 Fuß breit und steht an der Stelle eines heidnischen Tempels, welchen Kaiser Theodosius zerstörte. Arkadius erbaute an demselben Orte eine christliche, dem heiligen Johannes geweihte Kirche. In ihr befand sich der Schrein, in welchem das abgeschlagene Haupt Johannes des Täufers aufbewahrt wurde und das von Chalid, dem Eroberer von Damaskus, noch vorgefunden worden sein soll.
Dieser Chalid, welchen die Moslemin "das Schwert Gottes" nennen, machte die Hälfte der Johanneskirche zur Moschee, eine Seltsamkeit, welche ihren besonderen Grund hatte. Die Belagerungsarmee bildete nämlich zwei Heerhaufen; der eine lag unter Chalid selbst vor dem Osttore und der andere unter dem milden Abu Obeïda vor dem Westtore. Ueber die Länge der Belagerung von Zorn entbrannt, schwur Chalid, keinen einzigen Einwohner zu schonen. Er drang endlich siegreich durch das Osttor ein und ließ das Würgen beginnen. Da beeilte sich der westliche Stadtteil, einen Vertrag mit Abu Obeïda abzuschließen und ihm das Tor unter der Bedingung freiwillig zu öffnen, daß er die Menschen schonen werde. Er ging darauf ein. Beide Heerhaufen bewegten sich nun auf der "geraden Straße" von entgegengesetzten Richtungen aufeinander zu und stießen bei und in der Johanneskirche zusammen. Auf Abu Obeïdas Vorstellung hielt Chalid mit Morden ein und bewilligte, daß den Christen die eine Hälfte der Kirche verbleiben solle.
So beteten ungefähr 150 Jahre lang Christen und Mohammedaner in demselben Tempel, bis es Welid dem Ersten einfiel, das Bauwerk ganz für seine Glaubensgenossen in Anspruch zu nehmen. Er bot zwar anderweitigen Ersatz für den Verlust, welchen die Christen dadurch erlitten, aber diese trauten seinem Versprechen nicht und traten seinem Vorschlage entgegen. Es gab eine Weissagung, daß derjenige, welcher an diesen Tempel Gottes die Hand legen werde, unrettbar dem Wahnsinne verfallen sei, und man glaubte, daß der Kalif sich durch diese Prophezeiung abschrecken lassen würde. Dies geschah aber nicht; vielmehr war er der erste, welcher den Hammer ergriff, um das herrliche Altarbild zu zertrümmern. Dann wurde der Eingang der Christen vermauert. Die Kirche - nun völlig Moschee - erhielt geschlossene Hallen aus korinthischen Säulen und ward mit Mosaik und sechshundert massiv goldenen Ampeln ausgeschmückt. Zu ihrer Neugestaltung wurden gegen zwölfhundert griechische Baumeister und Künstler herbeigerufen; man schleppte die schönsten Säulen Syriens nach Damaskus, und die Ueberlieferung berichtet, daß achtzehn Lasttiere an den Rechnungen zu tragen hatten, als der Kalif dieselben berichtigen wollte. Welid bezahlte und ließ dann die Rechnungen verbrennen, um den Betrag der riesigen Kosten zu einem ewigen Geheimnisse zu machen.