Mokaddy, ein arabischer Schriftsteller, erzählt, daß die Wände der Moschee bis zu einer Höhe von zwölf Fuß mit Marmor bekleidet und dann bis zur Decke mit Mosaiken von Glas in Gold und Farben geschmückt seien. Auch die Deckengewölbe der Seitenhallen, welche von schwarzen Säulen mit goldenen Kapitälen getragen wurden, und die Zinnen nach außen und über dem Hofe, die auf weißen Marmorsäulen ruhten, waren mit reicher Mosaik ausgestattet. Auf dem Kubbet en Nisr (* Kuppel des Geiers.) ruhte eine goldene Zitrone und auf ihr eine eben solche Granate. Die drei Minarehs der Moschee stammen aus verschiedenen Zeiten. Das "Brautminareh" im Norden wurde als einfacher Turm mit kegelartigem Aufsatze von Welid erbaut; El Gharbije aber zeigt ägyptisch-arabischen Stil, nämlich ein zierliches Achteck, welches von Galerie zu Galerie sich verjüngt und in einem Kugelknopfe endet. Das dritte oder Isa-Minareh hat neben seinem viereckigen Turme noch einen schlanken Turm im türkischen Stile mit Spitzdach und zwei Rundbalkonen für den Mueddin (** Ausrufer, welcher die Gebetzeit von den Minarehs herav verkündigt.). Auf dem höheren dieser Balkone wird Christus stehen, wenn er am Ende der Tage die Guten und die Bösen voneinander scheidet.
Ganz in der Nähe dieser Moschee, auf der "geraden Straße", lag die Wohnung meines Reisegefährten. Der Eingang zu derselben befand sich in einem engen Seitengäßchen, in welches ich mit ihm einbog, da es mir unmöglich war, seine Gastfreundlichkeit zurückzuweisen. Wir hielten vor einer hohen Backsteinmauer, in welcher sich außer dem nicht sehr hohen und breiten Tore keine einzige Oeffnung befand. Der Kaufmann stieg ab, hob einen Stein vom Boden auf und klopfte damit kräftig an die Tür. In kurzer Zeit wurde dieselbe von innen geöffnet, und ein wie Ebenholz glänzendes Mohrengesicht erschien in der Oeffnung.
"Allaha, der Herr!" rief der Neger und riß das Tor so weit wie möglich auf.
Der Kaufmann antwortete ihm gar nicht und winkte uns nur, ihm zu folgen. Ich tat es mit Halef, nachdem ich den Irländern bedeutet hatte, die Tiere hereinzuziehen und bei ihnen zu bleiben.
Wir befanden uns in einem langen, schmalen Hofraume und vor einer zweiten Mauer, deren Tür bereits offen stand. Als wir dieselbe hinter uns hatten, sah ich vor mir einen großen, quadratischen Platz, welcher durchgehends mit Marmor gepflastert war. Von drei Seiten öffneten sich auf ihn laubenartige Arkaden, deren Oeffnungen von den in Kübeln gezogenen Zitronen, Orangen, Granaten und Feigen maskiert wurden. Die vierte Seite, von der Mauer gebildet, durch welche wir soeben getreten waren, war ganz von Jasmin, Damaszenerrosen und rotweiß geflammten syrischen Hibisch überzogen. Die Mitte des Platzes nahm ein granitenes Bassin ein, in dessen Wasser sich gold- und silberglänzende Fische tummelten, und an jeder Ecke befand sich ein fließender Brunnen, um dieses Bassin zu speisen. Ueber den Arkaden zog sich ein bunt bemaltes Stockwerk hin, zu welchem eine breite, mit duftenden Blumen reich geschmückte Treppe emporführte; es enthielt viele Gemächer und andere Räume, deren Fensteröffnungen teils mit seidenen Vorhängen, teils durch ein kunstvolles, hölzernes Gitterwerk verschlossen waren.
Eine Gruppe von Frauen ruhte auf weichen Polstern am Bassin. Bei unserm Anblick erhoben sie ein angstvolles Gekreisch und eilten schleunigst der Treppe zu, um in den Gemächern zu verschwinden. Nur eine einzige Gestalt war nicht entflohen. Auch sie hatte sich erhoben, kam aber auf den Kaufmann zu und küßte ihm mit Ehrerbietung die Hand.
"Allah altunlama senin gelme, baba - Allah vergolde dein Kommen, mein Vater!" grüßte sie.
Er drückte sie herzlich an sich und sagte:
"Geh zur Mutter und sage ihr, daß Gott mein Haus mit teuren Gästen segnet. Ich werde sie in das Selamlik führen und dann zu euch kommen."
Auch er sprach, wie seine Tochter, türkisch. Vielleicht war Stambul sein früherer Aufenthalt gewesen.
Die Tochter entfernte sich, und wir folgten ihr langsam die Treppe empor, wo wir in einen Gang kamen, der eine lange Reihe von Türen zeigte. Der Hausherr öffnete eine derselben, und wir traten in ein großes Zimmer, das durch ein durchbrochenes Kuppeldach, dessen Oeffnungen mit vielfarbigem Glase bedeckt waren, ein köstliches Licht empfing. Hohe, breite Sammetpolster zogen sich an den Wänden hin; in einer Nische tickte eine französische Pendule ihre monotonen Schläge; von der Kuppel hing ein vielarmiger, vergoldeter Leuchter herab, und zwischen den seidenen Draperien, welche die Wände verdeckten, blickten aus kostbaren Rahmen zahlreiche Bilder auf uns nieder. Es waren - man denke sich mein Erstaunen - die rohesten Farbenklexereien, mit denen leider noch heute eine schmutzige Kolportage-Spekulation die Welt beglückt: Napoleon im Kaiserornate, aber mit dicken, zinnoberrot gemalten Posaunenengelbacken; Friedrich der Große mit einem dünnen Henri-quatre; Washington in einer ungeheuren Allongeperücke; Lady Stanhope mit Schönpflästerchen; die Seeschlacht bei Tschesme mit holländischen Torfkähnen; ein Riesenbukett mit roten Helianthus, gelben Kornblumen und blauen Schneeglöckchen; ein Herkules Korynephoros, mit dem Lindwurm des heiligen Georg zwischen den Beinen, und endlich gar die Erstürmung von Sagunt, aus dessen Schießscharten Kanonenläufe schauten und über dessen eingeschossenen Mauern sich ein dichter, violetter Pulverdampf lagerte. Solche Kunstungeheuerlichkeiten können eben nur für den - - Orient bestimmt sein.
Vor den Polstern standen kleine niedere Tischchen mit Metallplatte, bereits mit gestopften Pfeifen und kleinen Kaffeetäßchen versehen; in der Mitte des Raumes aber stand - ich wagte es kaum zu glauben, aber meine Augen konnten mich doch unmöglich täuschen - ein Pianoforte, wirklich und wahrhaftig ein Pianoforte, mit vielfach abgesprungener Furnierung zwar, aber sonst in einem noch ganz leidlichen Zustande, wie es schien. Ich hätte es am liebsten sofort öffnen mögen, mußte jedoch die Würde bewahren, welche ich dem Emir Kara Ben Nemsi schuldete.
Wir waren kaum eingetreten und hatten uns gesetzt, so erschien ein hübscher Knabe mit einem Becken voll glühender Holzkohlen, um die Pfeifen in Brand zu stecken, und nur wenige Minuten darauf ein zweiter mit einem silbernen Kahwetest (* Kaffeekanne.), aus dem er uns die Tassen füllte. Bei dem ersten Zuge, den der Hausherr aus seiner Pfeife tat, hieß er uns von neuem willkommen, und als er den sehr kleinen Kopf nach wenigen Augenblicken ausgeraucht hatte, bat er uns um die Erlaubnis, sich für kurze Zeit entfernen zu dürfen, um die Seinen zu begrüßen.
Wir rauchten und tranken schweigend fort, bis er zurückkehrte und uns aufforderte, ihm zu folgen. Er führte uns in ein nach morgenländischen Begriffen sehr reich ausgestattetes Zimmer, das ich bewohnen sollte, während unmittelbar daneben dasjenige lag, das für Halef bestimmt war. Auch für die Irländer versprach er zu sorgen. Darauf mußten wir ihm die Treppe hinab in das Parterre folgen. Dort war uns bereits mit unbegreiflicher Schnelligkeit ein Bad bereitet worden, und da fanden wir auch zwei Anzüge liegen, vom roten Fez bis zum leichten Pabutsch herab, welche wir gegen unsere jetzigen vertauschen sollten. Zwei Diener erwarteten uns, um uns zu bedienen.
Das war eine wirklich morgenländische Gastfreundlichkeit, deren Wert ich dankbar erkennen mußte. Als wir dem Bade entstiegen waren und uns umgekleidet hatten, kehrten wir als vollständig neue Menschen nach dem Selamlik zurück. Der aufmerksame Wirt hatte unsere Rückkehr jedenfalls beobachten lassen, denn kaum daß wir eingetreten waren, so stellte auch er sich wieder bei uns ein.
"Herr, du hast große Freude gebracht über die Meinen," sagte er, mich, da er arabisch sprach, wieder du nennend. "Als ich ihnen sagte, wer du bist, haben sie begehrt, heute vor dir erscheinen zu dürfen. Wirst du es ihnen erlauben?"
"Gern, denn es wird mich sehr beglücken, mit ihnen sprechen zu können."
"Sie werden erst am Nachmittag kommen, denn jetzt sind sie beschäftigt, das Mahl zu bereiten, dessen Zurichtung sie heut keiner Dienerin überlassen wollen. Hast du bereits solche Bilder gesehen?" fragte er dann, als er sah, daß mein Auge zufällig den Herkules musterte.
"Sie sind sehr selten," antwortete ich zweideutig.
"Ja. Ich habe sie in Stambul gekauft und einen sehr hohen Preis bezahlt. Kein Mann in Damaskus hat solche kostbare Gemälde. Weißt du auch, was sie vorstellen?"
"Ich möchte es beinahe bezweifeln!"
"Ich habe es mir erklären lassen. Das erste ist der Sultan el Kebir (* Napoleon.) und das zweite der kluge Emir der Nemsi; dann kommt die Königin von England (* Er meinte Lady Stanhope.) mit dem Schah der Amerikaner; neben den Blumen ist ein Held (** Herkules.) aus Diarbekir, der einen Seehund tötet, daneben die Schlacht bei Tschesme und dann die Erstürmung von Jerusalem (* Er meinte Sagunt.) durch die Christen. Ist das nicht schön?"
"Außerordentlich! Aber was steht hier in der Mitte dieses Zimmers?"
"O, das ist das Kostbarste, was ich besitze. Es ist ein Tschalghy († Wörtlich: Musik.), das ich von einem Engländer kaufte, der hier wohnte und dann weiter zog. Darf ich es dir zeigen?"
"Ich bitte dich darum!"
Wir traten hinzu und öffneten. Ueber den Tasten stand "Edward Southey, Leadenhallstreet, London" zu lesen, und ein Blick in das Innere des Instrumentes zeigte mir, daß zwar einige Saiten gesprungen seien, sonst aber alles sich noch in leidlichem Zustande befinde.
"Ich werde dir zeigen, wie man es macht."
Mit diesen Worten begann der Mann ein Faust-Attentat auf die Tasten, welches mir die Haare zu Berge trieb; ich aber zwang mich zu einer bewundernden Miene und erkundigte mich dann, ob sonst weiter nichts zu dem "Tschalghy" vorhanden sei.
"Der Engländer gab mir auch Demir iplik (†† Draht.) mit und einen Hammer zum Musikmachen, damit die Hände nicht schmerzen. Ich werde dir ihn zeigen."
Er ging und brachte bald ein Kästchen, welches Saitendraht verschiedener Stärke und einen Stimmschlüssel enthielt. Er nahm den letzteren und hämmerte damit auf den Tasten herum, daß es heulte und krachte. Der liebenswürdige Engländer hatte sich jedenfalls den Spaß gemacht, ihm den Gebrauch des Schlüssels in dieser Weise zu erklären. Uebrigens war das Piano schrecklich verstimmt und voller Staub und Schmutz.
"Willst du auch einmal Musik machen?" fragte er mich. "Es darf mir kein Mensch das Tschalghy öffnen, du aber bist mein Gast und sollst einmal klopfen dürfen!"
Er reichte mir den Stimmhammer mit einer wichtigen Gönnermiene entgegen.
"Du hast mir gezeigt, wie man in Damaskus Musik macht," meinte ich; "nun will ich dir auch zeigen, wie man auf diesem Instrumente im Abendlande spielt. Vorher aber erlaube mir, es auszubessern, da es sich nicht mehr in dem richtigen Zustande befindet!"
"Herr, du wirst es mir doch nicht ruinieren!"
"Nein; du kannst es mir ruhig anvertrauen."
Ich suchte mir den geeigneten Draht hervor und zog die Saiten auf; dann baute ich mir aus mehreren Polstern einen hohen Sitz und begann zu stimmen. Als der Wirt die Quinten und Oktaven hörte, rief er mit einer Gebärde des Entzückens:
"O, du kannst es ja noch viel besser als ich!"
"Das ist noch keine Musik; jetzt gebe ich dem Drahte nur erst den rechten Ton. Hat dir der Engländer denn nicht gezeigt, wie dieses Instrument gespielt werden muß?"
"Sein Weib hatte Musik gemacht, war aber gestorben. Er schlug es mit den Fäusten und das gefiel ihm sehr, denn er lachte dazu."
"So sollst du baldigst sehen, wie es richtig gemacht wird."
Ich hatte früher als armer Schüler oft Pianos gestimmt, um ein kleines Taschengeld zu erwerben; es fiel mir also nicht sehr schwer, das Klavier in einen spielbaren Zustand zu versetzen.
Während dieser Beschäftigung wurde die Tür geöffnet, und vor derselben erschienen alle die Frauengestalten, welche ich vorher im Hofe gesehen hatte. Ich vernahm ein Flüstern der Bewunderung, und zuweilen entschlüpfte sogar einem Munde ein lauter Ausruf des Entzückens. Wie anspruchslos waren diese Leute!
Endlich war ich fertig und schloß das Instrument, worauf die Lauschenden sofort verschwanden.
"Willst du nicht länger spielen?" fragte mich der Wirt. "Du bist ein großer Sanatdar (* Künstler.), und die Frauen sind so erfreut über diese Musik, daß sie uns das Mahl verderben lassen werden."
"Ich muß dem Tschalghy jetzt Ruhe gönnen; aber nach dem Mahle, wenn die Glieder deiner Familie kommen, werde ich ihnen eine Musik zeigen, wie sie noch keine gehört haben."
"Es sind einige Frauen in meinem Harem zu Besuch. Dürfen diese die Musik auch hören?"
"Allerdings."
Ich war sehr begierig, zu sehen, welche Wirkung ein flotter Walzer auf diese Damen machen werde, durfte sie aber um meines guten Appetites willen jetzt während ihrer kulinarischen Beschäftigung nicht zerstreuen. Diese Vorsicht trug sehr bald gute Früchte. Man hatte sich, wohl in Rücksicht auf den erwarteten Musikgenuß, jedenfalls etwas mehr als gewöhnlich gesputet, und es wurde uns ein reichhaltiges Mahl aufgetragen, welches dem Hause alle Ehre machte. Kaum aber war es vorüber, so erkundigte sich der Wirt, ob die Frauen nun erscheinen dürften. Ich gab meine Zustimmung, und der kleine Kaffeeeinschänker eilte fort, um sie zu holen.
Nun kam die Frau nebst zwei Töchtern und einem Sohne im Alter von vielleicht zwölf Jahren. Die Damen waren verschleiert und wurden mir nur mit dem Namen bezeichnet. Andere vier Frauen waren Freundinnen unserer Wirtin. Sie nahmen still und in bescheidener Stellung auf den Polstern Platz, gaben aber auch hier und da ein Wörtchen zu dem Gespräche, das sich entwickelte. Da ich nun bemerkte, wie oft sich die verhüllten Köpfe, aus denen nur die Augen und die Nasenspitzen blickten, nach dem Instrumente richteten, so erhob ich mich, um ihre Ungeduld zu befriedigen.
Es war interessant, den Eindruck des ersten, vollgriffigen Akkordes, dem ich einen kräftigen Läufer folgen ließ, zu beobachten.
"Maschallah!" rief Halef ganz erschrocken.
"Bana hak - hört, hört!" schrie der Wirt, indem er emporsprang und vor Verwunderung die Arme ausstreckte.
Die Frauen zuckten vor Ueberraschung zusammen, schrien vor Erstaunen laut auf und streckten unbedachter Weise die Hände aus, so daß sich die Schleier öffneten und ich für einen Augenblick sämtliche Gesichter zu sehen bekam.
Nach einem kurzen Präludieren ließ ich meinen "feschesten" Walzer los. Mein Publikum saß zunächst ganz starr; bald aber begann der Rhythmus seine unwiderstehliche Wirkung zu äußern. Es kam Bewegung in die steifen Gestalten: die Hände zuckten, die Beine empörten sich gegen ihre orientalisch eingebogene Lage, und die Körper begannen, sich nach dem Takte hin und her zu wiegen. Der Wirt aber erhob sich und trat hinter mich, um mit aufgerissenen Augen meine Finger zu beobachten.