Als ich geendet hatte, faßte er meine Hände und betrachtete sie.
"O Herr, was hast du für Finger! Das ging ja wie in einem Karingdschalyk! (* Ameisenhaufen.) So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen!"
"Sihdi," meinte Halef, "solche Musik gibt es nur noch in El Dschennet, wo die Geister der Seligen wohnen. Allah il Allah!"
Die Frauen wagten es nicht, ihre Gefühle in Worten laut werden zu lassen; doch ihre lebhafte Bewegung und der anerkennende Ton ihres Geflüsters überzeugten mich, daß sie sich nichts weniger als gelangweilt hatten.
Ich spielte weiter, ein ganzes, stundenlanges Programm herunter, und mein Publikum wurde nicht müde, den noch nie gehörten Klängen zu lauschen.
"Herr, ich habe nie gewußt, daß in diesem Tschalghy solche Stücke stecken," meinte der Hausherr, als ich ausruhte.
"O, es stecken noch viel herrlichere darinnen," antwortete ich; "man muß es nur verstehen, sie hervorzulocken. Bei uns im Abendlande gibt es Tausende von Männern und Frauen, welche dies noch zehnmal besser können, als ich."
"Auch Frauen?" fragte er verwundert.
"Ja."
"So soll auch mein Weib lernen, auf dem Tschalghy Musik zu machen, und sie muß es dann den Töchtern zeigen."
Der gute Mann hatte keine Ahnung von den Schwierigkeiten, die sich diesem so rasch gefaßten Entschlusse hier in Damaskus entgegenstellten; ich hielt es nicht für notwendig, ihn aufzuklären, und fragte:
"Man kann zu dieser Musik auch tanzen; hast du einmal einen abendländischen Tanz gesehen?"
"Niemals."
"So schicke einmal nach unsern beiden Begleitern. Sie sollen sofort kommen."
"Diese! Sollen etwa sie tanzen?"
"Ja."
"Sie? Als Männer!"
"Die Sitte des Abendlandes erlaubt es, daß auch Männer tanzen, und du wirst sehen, wie hübsch das ist."
Ein allgemeines "Peh peh!" der Erwartung tönte durch das Zimmer, als einer der Knaben den Raum verließ, um die Irländer zu holen.
"Könnt ihr tanzen?" fragte ich sie, als sie eintraten.
Auch sie hatten bequeme Hauskleidung angelegt und sahen so neugewaschen aus, daß sie sicher auch im Bade gewesen waren. Sie stießen sich freundschaftlich mit den Ellbogen und machten die Augen weit auf, als sie das Instrument erblickten.
"Heigh-day, a music chest - heisa, ein Musikkasten!" lachte Bill mit breitem Gesichte. "Tanzen? Natürlich können wir tanzen! Sollen wir?"
"Ja."
"In diesen Kleidern?"
"Warum nicht?"
"Well, so ziehen wir die Pantoffel aus und tanzen barfuß."
"Welche Tänze könnt ihr?"
"Alle! Reel, Hornpipe, Hochländer, Stamp-man, Polka, Galopp, Walzer, kurz alles, was verlangt wird. Man hat das ganz gut gelernt!"
"Na, so schiebt die Teppiche zusammen und legt einmal los; einen Hochländer!"
Die beiden kräftigen Söhne Irlands zeigten sich unermüdlich, und das beifällige Lachen der Frauen ermunterte sie zu immer neuen Leistungen. Ich glaube, diese Damaskeserinnen hätten am liebsten sich mit beteiligt. Aber endlich glaubte ich, daß des Guten jetzt genug geschehen sei. Die Damen entfernten sich mit herzlichem Dank, und auch der Wirt erklärte, daß er nach so langer Abwesenheit sich nun in seinem Geschäfte umsehen müsse. Ich sagte ihm, daß ich unterdessen mit Halef ausgehen werde, um die Stadt einmal in Augenschein zu nehmen, und sofort befahl er, daß man zwei Esel für uns sattele und daß ein Diener uns begleiten solle. Zugleich bat er uns, nicht zu spät heimzukehren, weil uns am Abend einige seiner Freunde erwarten würden.
Im Hofe fanden wir zwei weiße Bagdader Esel für uns und einen grauen für den Diener, welcher sich mit Tabak und Pfeifen reichlich versehen hatte. Wir brannten an, stiegen auf, verließen das Haus und lenkten durch die Seitengasse nach der "geraden Straße" ein. Mit bloßen Füßen in Pantoffeln, mit herabhängenden Turbantüchern und dampfenden Tschibuks ritten wir gravitätisch wie türkische Paschas die reich belebte Straße entlang, um in das Christenviertel zu gelangen. Wir durchschlenderten dieses Quartier gemächlich und bemerkten dabei, daß die meisten Passanten ihr Ziel gegen das Thomastor genommen zu haben schienen.
"Dort muß etwas zu sehen sein," wandte ich mich an den Diener.
"Ja, Effendi, sehr viel," antwortete er. "Es ist heut das Fest Er-Rimal (* Des Pfeilschießens.), wo man mit den Bogen schießt. Wer sich vergnügen will, geht vor die Stadt in die Zelte und Gärten, um zu sehen, welche Freude Allah ihm bereitet hat."
"Das können wir auch tun, denn es ist noch nicht spät am Tage. Kennst du den Ort?"
"Ja, Effendi."
"So führe uns!"
Wir ließen unsere Tiere schärfer traben und gelangten bald durch das Tor hinaus in die Ghuta, wo auf allen Wegen und Plätzen reges Leben herrschte. Ich sah bald, daß Er-Rimal ein Fest sei, an welchem sich die Anhänger aller Religionen beteiligen durften, ein Fest, unserem deutschen Vogelschießen ähnlich; doch konnte ich von unserm Begleiter nicht erfahren, welchen Ursprung es habe.
Auf freien Plätzen waren Zelte errichtet, in denen Blumen, Früchte und allerlei Eßwaren verkauft wurden. Seiltänzer, indische Gaukler, Feuerfresser, Schlangenbeschwörer trieben überall ihr Wesen; bettelnde Derwische machten die Passage unsicher; Kinder lärmten, Lastträger zankten, Kamele schrien, Pferde wieherten, Hunde bellten, und dazu in den Musikzelten ein Blasen, Kratzen, Schlagen und Zerren auf allen möglichen und unmöglichen Instrumenten - es war das wirkliche Vogelschießtreiben, nur auf anderem Schauplatz und mit anderen Gestalten. Von einem regelrechten Pfeilschießen nach dem Ziele sah ich nichts. Ich sah allerdings hier oder da einen Mann oder Knaben einen bunt befiederten Stab vom Bogen schnellen, aber das geschah nur so beliebig, so nebenbei, und wen oder was dieser Pfeil traf, das war sehr gleichgültig.
So ritten wir an einer langen Reihe von Scherbet- und Frucht-Verkäufern hinab, als ich plötzlich meinen Esel anhielt und lauschte. Was war denn das? Hatte ich recht gehört? Vor einem großen Zelte waren sehr viele Leute versammelt; aus demselben ertönten Violinen- und Harfenklänge, und jetzt, richtig, fiel nach beendetem Zwischenspiele eine abgejagte Sopranstimme in der reinsten erzgebirgischen Mundart ein:
"Zum heil'gen Ab'nd um MitternachtDa fließt statt Wasser Wein,Und wenn 'ch mich nur net färchten tätDa holt 'ch mir 'n Topp voll 'rein."
"Sihdi, was ist das!" rief Halef. "Hier singt ein Weib. Ist das möglich?"
Ich nickte bejahend und hörte noch die nächste Strophe:
"Mer hab'n aach neunerlei Gericht,Aach Wurscht und Sauerkraut;Das hat mei' Alte vorgericht't,Die alte, gute Haut."
Hier konnte ich unmöglich vorüberreiten; hier mußte ich einmal einkehren, um zu sehen, ob ich recht vermute. Ich stieg ab und winkte Halef, mir zu folgen, während der Diener bei den Tieren blieb. Wir drängten uns durch die Menge und traten ein. Vor der Tür saß ein grimmiger, schwarzbärtiger Türke und schnauzte uns entgegen:
"Her kischi bir Gurusch - pro Person einen Piaster!"
Ich zahlte das Entree und blickte mich dann im Zelte um. In die Erde geschlagene Pfähle und darauf genagelte Latten bildeten Bänke und Tische, ganz nach schöner, deutscher Vogelwiesensitte; auf diesen Bänken und an diesen Tischen hockten, eng aneinander gedrückt, weit mehr als hundert Araber, Türken, Armenier, Kurden, Juden, Christen, Drusen, Maroniten, Baschi-Bozuks, Arnauten und so weiter; sie tranken Scherbet oder Kaffee, rauchten oder kauten Gebäck und Früchte; im Hintergrunde war das "Büfett", und daneben saßen auf einem echten Podium zwei Violinisten, zwei Harfenistinnen und eine Gitarrespielerin, alle zusammen in Tiroler Tracht.
Ich schritt bis ganz nahe an sie heran, schob ganz einfach, ohne erst zu fragen, die elf Köpfe zählenden Inhaber einer Bank noch enger zusammen und setzte mich mit Halef nieder. Dieses summarische Verfahren mochte uns die Achtung des "Kellners" erworben haben, denn er eilte sofort herbei und forcierte eine tiefe Reverenz.
"Scherbet für zwei!" bestellte ich und hatte für die zwei Gläser fünf Piaster zu bezahlen. Das waren ja wirkliche Hotelpreise!
Unterdessen war das Lied, von welchem keiner der Anwesenden ein Wort verstand, von der Gitarristin zu Ende gesungen worden, und als sich trotzdem reicher Beifall vernehmen ließ, gab sie noch einen Dakapovers zum besten und ging dann mit dem bekannten Notenblatte einkassieren. Ich wurde dabei rücksichtsvoll übersehen, da wir eben erst gekommen waren.
Das nächste Musikstück war ein "Lied ohne Worte", nach welchem der eine Violinist hinter einem Vorhange verschwand. Nach kurzer Zeit begann ein Präludium, und der Violinist kehrte zurück als - deutscher Handwerksbursche mit Ziegenhainer, zerrissenen Stiefeln, eingetriebenem Hute und dem unvermeidlichen "Berliner" auf dem Rücken. Im rauhesten Bierbasse intonierte er:
"Wenn ich mich nach der Heimat sehn',Wenn mir im Aug' die Tränen stehn,Wenn's Herz mich drückt halt gar so sehr,Dann fühl ich's Alter um so mehr.Und's wird nur leichter mir ums Herz,Fühl' weniger den stillen Schmerz,Wenn ich so off der Straße stehUnd mir mein kleenes Geld beseh."
Das war der "Stoffel in der Fremde" wie er leibte und lebte. Und obgleich das Publikum weder einen Begriff von einem deutschen Handwerksburschen hatte, noch ein Wort des Vortrages verstand, wurde der Komiker doch mit einem sehr dankbaren Applaus belohnt.
Das waren jedenfalls Presnitzer Leute, und um die Universalität dieser Leute auf die Probe zu stellen, fragte ich die Sängerin:
"Türkü tschaghyr-sen ne schekel- in welcher Sprache singest du?"
"Türkü tschaghyr-im nemtschedsche - ich singe deutsch," antwortete sie.
"You are consequently a german Lady - Sie sind folglich eine deutsche Dame?"
"My native country is german Austria - meine Heimat ist Deutsch-Oesterreich."
"Et comme s'appelle votre ville natale - und wie heißt Ihre Vaterstadt?"
"Elle est nommée Presnitz, situé au nord de la Bohème - sie heißt Presnitz, welches in Nord-Böhmen liegt."
"Ah, nicht weit von der sächsischen Grenze, nahe von Jöhstadt und Annaberg?"
"Richtig!" rief sie. "Hurrjeh, Sie reden auch deutsch?"
"Wie Sie hören!"
"Hier in Damaskus?"
"Ueberall!"
Da nahmen auch ihre Kollegen teil; die Freude, hier einen Deutschen zu treffen, war allgemein, und die Folge davon waren einerseits von mir einige Gläser Scherbet und anderseits von ihnen die Bitte, mein Lieblingslied zu nennen; sie wollten es singen. Ich bezeichnete es ihnen, und sofort begannen sie:
"Wenn sich zwei Herzen scheiden,Die sich dereinst geliebt,Das ist ein großes Leiden,Wie's größer keines gibt."
Ich freute mich, wieder einmal dem Orgelklange dieser prächtigen Melodie lauschen zu können; da gab mir Halef einen Stoß und winkte nach dem Eingange hin. Mein Auge folgte der angegebenen Richtung und erblickte einen Mann, von dem wir während der letzten Tage so oft gesprochen hatten, und den ich hier wohl nicht zu finden geglaubt hätte. Diese schönen, feinen, aber in ihrer Disharmonie so unangenehmen Züge, dieses forschend scharfe, stechende Auge mit dem kalten, durchbohrenden Blick, diese dunklen Schatten, welche Haß, Liebe, Rache und unbefriedigter Ehrgeiz über das Gesicht geworfen hatten, sie waren mir zu bekannt, als daß mich der dichte Vollbart, welchen der Mann jetzt trug, hätte täuschen können. Es war Dawuhd Arafim, welcher sich in seinem Hause am Nile Abrahim Mamur hatte nennen lassen!
Er musterte die Anwesenden, und ich konnte es nicht verhindern, daß sein Blick auch auf mich fiel. Ich sah ihn zusammenzucken, dann drehte er sich schnell um und verließ mit einigen hastigen Schritten das Zelt.
"Halef, ihm nach! Wir müssen wissen, wo er hier wohnt."
Ich sprang auf, und Halef folgte mir. Vor dem Zelte angekommen, sah ich ihn auf einem Esel fortgaloppieren, während der Treiber, sich am Schwanze des Tieres haltend, hinter ihm drein sprang; unser Diener war aber nirgends zu sehen, und als wir ihn nach hastigem Suchen bei einem Märchenerzähler fanden, war es zu spät, den Flüchtigen zu erreichen. Die Ghuta bot ihm mehr als genug Weg und Deckung, uns zu entgehen.
Das machte mich so mißmutig, daß ich heimzukehren beschloß. Ich hatte beim Erscheinen dieses Menschen sofort das Gefühl gehabt, daß ich auf irgend eine Weise wieder mit ihm zusammengeraten müsse, und nun war mir die Gelegenheit entgangen, etwas Näheres über seinen hiesigen Aufenthalt zu erfahren. Auch Halef murmelte verschiedene Kraftworte in seinen dünnen Bart hinein und meinte dann, daß es am besten sei, nach Hause zu gehen und noch ein wenig Musik zu machen.
Wir ritten denselben Weg zurück, welchen wir gekommen waren. Auf der "geraden Straße" wurden wir angerufen. Es war unser Wirt, welcher mit einem hübschen, jungen Manne am Eingange eines Schmuck- und Geschmeideladens stand. Auch er hatte einen Diener mit einem Reitesel bei sich.
"Willst du nicht hier eintreten, Herr?" fragte er. "Wir kehren dann miteinander nach Hause zurück."
Wir stiegen ab, traten in das Gewölbe und wurden von dem jungen Manne mit größter Herzlichkeit begrüßt.
"Dies ist mein Sohn Schafei Ibn Jacub Afarah."
Also erst jetzt erfuhr ich den Namen unsers Wirtes, Jacub Afarah. Es ist das im Oriente keine Seltenheit. Er nannte dem Sohne auch unsere Namen und fuhr dann fort:
"Dies ist mein Juwelenladen, welchen Schafei mit einem Gehilfen verwaltet. Verzeihe, daß er uns jetzt nicht begleiten kann! Er muß bleiben, weil der Gehilfe gegangen ist, um sich das Fest Er-Rimal anzusehen."
Ich blickte im Laden umher. Er war klein und ziemlich finster, barg aber eine solche Menge von Kostbarkeiten, daß mir armen Teufel angst und bange wurde. Ich ließ einige darauf bezügliche Worte fallen und bekam zu hören, daß Jacub auf anderen Bazars noch mehrere Gewölbe für Spezereisachen, Teppiche und kostbare Rauchutensilien besitze.
Nachdem wir auch hier eine Tasse Kaffee getrunken hatten, brachen wir auf. Die Zeit der Dämmerung nahte, und wir waren nicht lange zu Hause angekommen, so brach der Abend herein.
Man hatte mir während meiner Abwesenheit die Stube geschmückt. Von der Decke hingen Ampeln voll duftender Blumen herab, und auch in jeder Ecke stand eine hohe Vase, mit liebenswürdigen Kindern Floras angefüllt. Schade, daß ich mich so gar nicht auf die Blumensprache verstand, sonst hätte ich vielleicht eine rührende Dankadresse für das Piano-Konzert herauslesen können!
Ich legte mich lang auf das Polster, um ein wenig nichts zu tun, aber ich tat doch etwas, nämlich ich dachte an diesen Abrahim Mamur, der mir gar nicht wieder aus dem Sinne kommen wollte. Was wollte er hier in Damaskus? Hatte er wieder eine seiner Schändlichkeiten vor? Warum floh er vor mir, da ich doch eigentlich gar nichts mehr mit ihm zu tun hatte? Auf welche Weise war es wohl möglich, seine Wohnung kennen zu lernen?