"Das ist Abu Medschach, der Chabir (* Der Führer.), welcher den Inglis geleitet hat."
"Das bist du?" rief Jacub. "Wo hast du ihn gelassen?"
"In Sebdani, Herr."
"Wie viele Männer waren bei ihm?"
"Zwei, ein Dragoman und ein Diener."
"Wer ist der Dragoman?"
"Er sagt, daß er ein Mann aus Koniëh sei, aber das ist nicht wahr. Seine Sprache ist nicht die Sprache der Leute von Koniëh. Er ist ein Lügner und Betrüger."
"Woraus erkennst du dies?"
"Er betrügt den Engländer; ich habe das wohl gemerkt, obgleich ich mit dem Inglis nicht reden konnte."
"Hat er viel Gepäck bei sich?"
"Das Gepäck und die Packpferde gehören dem Engländer; der Dragoman hat nur einige große Schachteln dabei, die ihm sehr wert sein mögen."
"In welchem Hause sind sie geblieben?"
"In keinem. Ich wurde in Sebdani bezahlt und konnte umkehren; sie aber ritten weiter, obgleich ihre Pferde fast zusammenbrachen. Ich blieb bei einem Bekannten, um auszuruhen, und reite nun wieder nach Damaskus."
Es war mir darum zu tun, das Aeußere des Engländers kennen zu lernen, und da ich in dem Gesangszelte vor Damaskus eine darauf bezügliche Frage unbegreiflicherweise vergessen hatte, so holte ich sie jetzt nach:
"Hast du nicht den Namen des Engländers gehört?"
"Der Dragoman sagte immer das Wort »Sörr« zu ihm."
"Das ist kein Name, sondern das heißt »Herr«. Besinne dich!"
"Er sagte zuweilen zu diesem Sörr noch ein Wort, aber ich weiß nicht genau, wie es lautet, Liseh oder Linseh."
Ich horchte auf. Sollte es möglich sein! Nein, das war ja ganz und gar undenkbar, dennoch aber fragte ich:
"Lindsay vielleicht?"
"Ja, ja, so lautete das Wort, grad so."
"Beschreibe mir den Mann!"
"Er hatte ganz graue Kleider, welche neu waren, und sein Hut war auch grau und so hoch wie bis herauf zu meinem Knie. Er hatte blaue Gläser vor den Augen und eine Hacke immer in der Hand, auch wenn er zu Pferde saß."
"Ah! Und seine Nase?"
"Die war sehr groß und rot. Er hatte die Aleppo-Beule daran. Auch sein Mund war groß und breit."
"Hast du nichts an seinen Händen bemerkt?"
"Ja. An seiner linken Hand fehlten zwei Finger."
"Er ist's; Halef, hast du es gehört? Der Engländer lebt noch!"
"Hamdulillah!" rief der kleine Hadschi. "Allah ist groß und stark und ihm ist alles möglich. Er macht tot und lebendig, wie es ihm gefällt."
Jacub konnte sich unsere Freude nicht erklären; darum erzählte ich ihm das Nötige und bat dann, unsern Weg rasch fortzusetzen. Es war mir nicht beruhigend, den so unverhofft von dem Tode Erstandenen in der Gewalt eines Schurken zu wissen.
Der alte Führer ritt weiter, und wir passierten nun einige Dörfer, welche einen sehr freundlichen Anblick boten. Bald jedoch hörte das liebliche Grün der Gartenterrassen auf. Wir ritten über eine Brücke über den Barrada, auf das linke Ufer desselben, und gelangten in einen Engpaß, dessen Sohle nur Raum für unsern Weg und das Bett des Flusses hatte. Die Wände der engen, dunklen Schlucht stiegen steil auf, und besonders in die nördliche Wand derselben waren zahlreiche Felsengräber eingehauen, zu denen wohl früher Stiegen geführt hatten, die jetzt aber eingestürzt waren. Dieser Paß heißt Suk el Barrada und führt zur Ebene von Sebdani, auf welcher die gleichnamige Stadt liegt.
Nachdem wir den Paß hinter uns liegen und damit den südöstlichen Teil der genannten Ebene vor uns hatten, passierten wir noch einige Dörfer und erreichten nach einem beschwerlichen Ritte Sebdani in einem Zustande, welcher uns die Fortsetzung des Rittes unmöglich machte. Mein Rappe und auch Halefs Pferd waren ermüdet, aber die anderen Tiere brachen fast zusammen. Das war es, was ich mir vorher gedacht hatte.
Sebdani ist ein schön gebautes Dorf mit stattlichen Häusern und fruchtbaren Gärten, trotzdem es in einer bedeutenden Höhe liegt. Seine Bewohner sind meist Maroniten. Die Khawassen hatten für sich und uns sehr schnell Quartier gemacht, und wir befanden uns wohl.
Hier erfuhren wir nur, daß der Führer da übernachtet hatte; aber der Vorsteher des Ortes sandte einen Boten nach dem nächsten Dorfe, Namens Schijit, um Erkundigung einzuziehen, und als dieser am Abend zurückkehrte, berichtete er, daß der Inglis in Schijit übernachtet habe und dann mit einem Manne von dort und mit dem Diener und Dolmetscher nach Sorheïr aufgebrochen sei. Ob er dann weiterreiten werde, das wußte niemand zu sagen.
Kaum graute der Morgen des nächsten Tages, so saßen wir wieder auf. Wir ließen die Weinstöcke und Maulbeerbäume Sebdanis hinter uns, um Schijit zu erreichen. Der Dolmetscher hatte, wie mir die Sängerin berichtete, von einem Olivenölgeschäfte nach Beirut gesprochen. Das Olivenölgeschäft war natürlich nur eine Lüge, aber Beirut mußte doch sein Ziel gewesen sein, da er ja in Beziehung auf das letztere dem Briten die Wahrheit sagen mußte. Warum er aber diesen Weg hier eingeschlagen und die eigentliche Straße von Damaskus nach Beirut vermieden hatte, das ließ sich leicht erklären. Seine Sicherheit erforderte es.
Mit dem Dorfe Schijit erreichten wir die Quellen des Barrada, welche sehr hoch liegen. In dem Orte fanden wir die Aussage des Sebdanianer Boten bestätigt und ritten Sorheïr entgegen. Der Weg führte abwärts, und dabei zeigte es sich, daß unsere Khawassen schlecht beritten waren. Ihre Pferde hatten zwar die Anstrengung des gestrigen Tages ausgehalten, wären aber zu einem zweiten solchen Ritt durchaus unfähig gewesen. Auch die Mietpferde Jacubs taugten nichts, und so wurde unser Ritt von Viertelstunde zu Viertelstunde langsamer. Das war keine Art und Weise, Leute einzuholen, welche acht bis neun Stunden Vorsprung hatten.
Ich machte Jacub den Vorschlag, mit Halef vorauszureiten, aber er gab dies nicht zu; er behauptete, uns ganz notwendig zu brauchen, da er sich trotz der Khawassen ohne uns verlassen fühle. Ich mußte also diesen jedenfalls vorteilhaften Gedanken aufgeben und tröstete mich schließlich mit der Ueberzeugung, daß Lindsay bei seiner Leidenschaft für Ausgrabungen sich nicht sehr schnell aus der Gegend Baalbecks fortlocken lassen werde.
Wie aber war der Engländer eigentlich nach Damaskus gekommen? Wie war es ihm geglückt, da unten am Euphrat dem Tode zu entgehen? Ich war wirklich begierig, dies zu erfahren, und darum ärgerte mich unser jetziges schneckenartiges Fortkommen doppelt.
Sorheïr liegt an einem Bergstrome, der sich in den Barrada ergießt, sehr hübsch unter Gruppen von Silber- und italienischen Pappeln und ist trotz seines Namens, welcher "die Kleine" bedeutet, ein ganz ansehnliches Dorf. Wir hielten Rast, und die Khawassen verteilten sich, um Erkundigungen einzuziehen. Wir hörten bald, daß die Gesuchten vorübergekommen seien und den Weg nach dem Uebergangspasse des Antilibanon eingehalten hätten. Nach nur kurzer Erholung folgten wir ihnen.
Es war zunächst eine weite Ebene zurückzulegen, und dann gelangten wir in ein Tal, in dem wir über eine Stunde lang zu dem erwähnten Passe emporzuklimmen hatten, links steile Felsen und rechts einen tiefen Abgrund, in welchem die Wasser eines Bergstromes brausten. Oben auf dem Passe angekommen, sahen wir, daß der westliche Abhang des Antilibanon, auf dem wir uns befanden, weit steiler abfiel, als der östliche. Unser Führer teilte uns mit, daß Baalbeck in gerader Linie fünf Stunden von hier liege, daß wir aber bei den Krümmungen des Weges und bei dem schlechten Zustande der Pferde bedeutend längere Zeit brauchen würden.
Er hatte recht. Wir mußten zahlreiche Quer- und Seitentäler durchreiten, und als wir endlich die gewaltigen Ruinen der Sonnenstadt zu uns emporschauen sahen, lag immer noch eine mehrere Stunden lange Strecke zwischen uns und ihnen. Einer der Khawassen erklärte sogar, daß sein Pferd nicht weiter könne, und ihr Anführer befahl, infolgedessen Halt zu machen. Keine Bitte und keine Versprechung half, und da Jacub erklärte, daß die Khawassen ihm anvertraut seien und er sich also nicht von ihnen trennen könne, so blieb uns nichts anderes übrig, als uns zu fügen.
Glücklicherweise gelang es mir, den Anführer zu bewegen, nach kurzer Rast wenigstens eines der kleinen, malerisch unter uns liegenden Dörfchen noch zu erreichen, wozu ihn aber auch nur ein Bakschisch bewegen konnte. Als wir dort anlangten, erfuhren wir, daß ein grauer Engländer durchgekommen sei, der sich mit dem Dragoman gezankt habe, und kurze Zeit später ritt ein Mann durch das Dorf, den ich sofort ansprach. Es war der Führer Lindsays; er kehrte nach Schijit zurück und erzählte, daß er gar nicht mit nach Baalbeck gekommen, sondern im letzten Dorfe verabschiedet und abgelohnt worden sei.
Seiner Meinung nach sei eine Art von Zwiespalt zwischen dem Inglis und seinem Dragoman eingetreten, und der Inglis sei ein sehr vorsichtiger Mann, welcher die Hände immer an seinen kleinen Pistolen liegen habe, die zwar nur einen Lauf besäßen, aus denen man aber öfters schießen könne, ohne zu laden.
Die Besorgnis um meinen alten Master Lindsay drängte sich mir immer mehr auf während der Nacht.
Ich hatte keine Ruhe, mich floh der Schlaf. Und als sich das erste Licht des Morgens zeigte, weckte ich die Begleiter und mahnte zum Aufbruche, eine Weisung, welcher sie sich nur nach einem abermaligen Bakschisch fügten. Ueberhaupt schien es mir, als ob die Khawassen die Absicht hegten, Jacub nur nach dem Maßstabe seiner Freigebigkeit behilflich zu sein; ich machte ihn darauf aufmerksam und bat ihn, diesen Leuten zu zeigen, daß sie wohl ihn zu unterstützen, nicht aber seine Kasse auszubeuten hätten.
Wir passierten zunächst abermals einige kleine Dörfchen, und als sich die Vorhöhen des Antilibanon, hinter denen wir ritten und welche uns immer wieder die Aussicht verdeckten, endlich öffneten, sahen wir das berühmte Tal von Baalbeck vor uns liegen. Die großartigen Massen dieser Ruinen nahmen einen weiten Flächenraum ein, und es gibt wohl kaum eine zweite Ruinenstadt, deren Ueberreste einen so gewaltigen Eindruck machen, wie diese Mauer- und Gebäudereste.
Gleich beim Eintritte in das Trümmerfeld erblickten wir seitwärts einen Steinbruch, in welchem ein Kalksteinblock von riesenhafter Größe lag. Er hatte gegen dreißig Ellen Länge, sieben Ellen Breite und eine gleiche Dicke. Solche Blöcke bildeten das Material zu den Riesenbauten von Baalbeck. Ein einziger von ihnen hat ein Gewicht von sicher dreißigtausend Zentnern. Wie konnten bei der Art der damaligen mechanischen und technischen Hilfsmittel solche Massen dirigiert und bewältigt werden? Das ist ein Rätsel.
Die hiesigen Tempelbauten waren einst dem Baal oder Moloch geweiht; diejenigen, deren Ueberreste heut noch vorhanden sind, haben ohne allen Zweifel einen römischen Ursprung. Man weiß ja, daß Antonius Pius dem Sonnengotte Zeus hier einen Tempel errichtet habe, der ein Weltwunder gewesen sei. Es scheint, als seien in dem größeren der beiden Tempel die syrischen Götter, in dem kleineren aber nur Baal-Jupiter verehrt worden.
Um diesen Tempel zu errichten, baute man zunächst ein Fundament, welches um fünfzehn Ellen die Erde überragte; darauf kamen drei Schichten jener Riesenblöcke, deren Gewicht soeben angegeben wurde, und dann erst auf ihnen ruhten die kolossalen Säulen, welche die mächtigen Architrave trugen. Die sechs übrig gebliebenen Säulen des einstigen Sonnentempels haben eine Höhe von siebenzig Fuß und am Piedestal einen Durchmesser von sechs Fuß. Der kleine Tempel war achthundert Fuß lang und vierhundert Fuß breit und zählte vierzig Säulen.
Auch die Stadt Baalbeck an und für sich war im Altertum bedeutend, da sie auf dem Wege von Palmyra nach Sidon lag. Abu Abeïda, der gegen die Christen von Damaskus so menschlich gesinnte Mitkämpe Chalids, eroberte auch Baalbeck. Man machte aus der Akropolis eine Zitadelle, und aus dem Materiale der zerstörten Tempel errichtete man Befestigungsmauern. Später kamen die Mongolen, dann die Tataren, und was diese übrig ließen, wurde im Jahre 1170 durch ein Erdbeben verwüstet. Was noch vorhanden ist, gewährt eine sehr schwache Idee von der einstigen Pracht und Herrlichkeit.
Jetzt liegt auf der Stätte der alten Sonnenstadt ein elendes Dorf, welches von fanatischen und diebischen Mutawileh-Arabern bewohnt wird, und die Soldaten der Garnison, die hier liegt, tragen bestenfalls nur dazu bei, die Gegend noch unsicherer zu machen.
Ich setzte das Fernrohr an das Auge und überblickte die weite Stätte. Kein Mensch war zu sehen. Wie ich später hörte, waren die Soldaten der Garnison aus eigener Machtvollkommenheit auf beliebige Zeit auf Urlaub gegangen, und die Mutawileh hatten keine Zeit und Lust, uns en masse zu empfangen. Der einzelne Mensch verschwand in diesen kolossalen Trümmern wie eine Ameise, und um den Engländer leichter entdecken zu können, bat ich den Anführer der Khawassen, der den Rang eines Tschausch (* Sergeant.) bekleidete, die Ruinenstätte von seinen Leuten umreiten und nötigenfalls dann durchsuchen zu lassen, wobei wir ihm helfen wollten. Er weigerte sich indessen, das zu tun, da Menschen und Tiere erst ausruhen und essen müßten.
Dies geschah, aber noch immer machten dann die Herren keine Anstalt, an das Werk zu gehen. Jacub bat und wurde grob; auch ich bat und wurde grob, aber ohne Erfolg. Endlich erklärte der Tschausch ganz offen, daß er nur dann bereit sei, seine Leute auszusenden, wenn er ein angemessenes Bakschisch erhalte. Schon wollte Jacub abermals in die Tasche greifen, aber ich hielt seine Hand zurück.
"Nicht wahr, du hast diese Männer erhalten, daß sie dir helfen sollen?" fragte ich ihn.
"Ja," antwortete er.
"Was hast du ihnen dafür zu zahlen?"
"Proviant und Fourage und jedem drei, dem Tschausch aber fünf Piaster täglich."
"Schön. Das bekommen sie, weil sie dir dienen; tun sie das nicht, so erhalten sie nichts. Dabei bleibt es, sonst lasse ich dich sitzen und gehe meine Wege. Du aber wirst nach deiner Rückkehr in Damaskus dem Pascha erzählen, welche Faulenzer er dir mitgegeben hat!"
"Was geht denn dich diese Sache an?" fuhr der Tschausch auf.
"Rede manierlicher mit mir! Ich bin kein Nefer oder Khawaß," entgegnete ich ihm. "Willst du jetzt aufbrechen lassen oder nicht? Dort im Westen an der großen Mauer werden wir uns zusammenfinden."
Er erhob sich mürrisch und bestieg sein Pferd; die Andern taten das Gleiche, und als er mit leiser Stimme seine Befehle erteilt hatte, ritten sie in Streuung auseinander.
Ein Bach schlängelte sich durch das weite Feld. Ich sagte mir, daß ein Fremder, welcher Pferde bei sich hat, jedenfalls die Nähe des Wassers suchen werde. Darum teilten wir uns, um den Bach abzusuchen. Halef war bei Jacub, und ich nahm die beiden Irländer mit mir.
Wir ritten, nachdem wir ausgemacht hatten, uns durch Schüsse zu benachrichtigen, langsam am Ufer hinauf. Wir hatten Glück. Um einen abgebrochenen Säulenschaft biegend, gewahrte ich eine Mauer, in welcher sich ein Loch befand. Vor demselben lag ein Mann, der eine Flinte in der Hand hielt. Weiter aufwärts, vielleicht fünfhundert Schritte weit entfernt, erblickte ich einen hohen, grauen Zylinderhut, welcher, im Takte auf- und niedernickend, sich über einer aufgeworfenen Grube bewegte.