Ich kehrte schnell hinter die Säule zurück, übergab den beiden Irländern mein Pferd und wies sie an, hier verborgen zu bleiben, bis ich rufen werde. Dann trat ich wieder vor und schritt auf den Liegenden zu. Er lag so, daß er mich nicht sehen konnte; sobald er aber meine Schritte hörte, sprang er auf und hielt mir seine Flinte entgegen. Er hatte Hose und Jacke an und einen Fez auf dem Kopfe, rief mich aber doch in englischer Sprache an:
"Stop! Hierher darf niemand!"
"Warum?" antwortete ich ihm englisch.
"Ah, Sie reden englisch! Sind Sie ein Dolmetscher?"
"Nein. Aber tun Sie die Flinte weg; ich bin Ihr Freund. Ist der Mann, der sich dort in der Grube befindet, Sir David Lindsay?"
"Yes!"
"Sie sind sein Diener?"
"Yes!"
"Gut! Ich bin ein Bekannter von ihm und möchte ihn gern überraschen."
"Welch ein Glück! Gehen Sie zu ihm! Zwar soll ich wachen und ihm das Nahen jedes Menschen melden, aber Ihnen will ich nicht hinderlich sein, ihn zu überraschen; denn ich denke, daß Sie die Wahrheit reden."
Ich ging, und je näher ich dem grauen Hute kam, desto leiser trat ich auf. Es gelang mir, bis an den Rand des Loches zu gelangen, ohne bemerkt zu werden, und eben, als der Engländer sich wieder aufrichtete, langte ich zu und nahm ihm den Hut vom Kopfe.
"'s death! Wer ist - - -"
Er wandte sich um, brachte aber nichts weiteres aus dem sperrangelweit sich aufsperrenden Munde, nichts, keine einzige Silbe. Ja, das war die alte, gute Nase mit dem bekannten Karfunkel, welcher sich jetzt sträubte, die herabgleitende Brille vollends zur Erde fallen zu lassen.
"Nun, Sir," fragte ich, "warum habt Ihr nicht am Kanale Anana auf mich gewartet?"
"Alle guten Geister!" rief er jetzt. "Wer ist denn das? Ihr seid ja tot!"
"Ja, aber ich erscheine Euch als Gespenst. Ihr fürchtet Euch doch nicht vor dem Geiste eines alten Bekannten?"
"Nein, nein!"
Mit diesen Worten sprang er aus der Grube. Er hatte sich gefaßt und warf die beiden Arme um mich.
"Ihr lebt, Master, Ihr lebt? Und Halef?"
"Ist auch hier. Und noch zwei andere Bekannte."
"Wer?"
"Bill und Fred, welche ich bei den Haddedihn geholt habe."
"Ah! Ah! Nicht möglich! Ihr wart bei den Haddedihn?"
"Ueber zwei Monate."
"Und ich - well, ich habe sie nicht gefunden!"
"Wer ist der Mann dort an der Mauer?"
"Mein Diener. Habe ihn in Damaskus engagiert. Kommt, Master; wir müssen erzählen!"
Er führte mich zurück zur Maueröffnung, trat hinein und kehrte mit einer Flasche und einem Glase zurück. Es war Sherry, echter, guter Sherry.
"Halt, da müssen die beiden auch mittrinken!"
Ich rief die Irländer und hatte nun eine Szene vor mir, die sich nicht beschreiben läßt. Die beiden Burschen weinten vor Entzücken, und Lindsay schnitt die unglaublichsten Pantomimen, um seine Freude und Rührung männlich zu verbergen.
"Und wo ist Euer Dolmetscher?" fragte ich endlich.
"Dolmetscher? Ah, Ihr wißt, daß ich einen habe?"
"Ja. Ihr habt ihn auf dem Feste Er Rimal in einer Sängerbude engagiert."
"Wunderbar! Unbegreiflich! Ihr seid allwissend! Trefft Ihr mich aus Zufall oder aus Absicht hier?"
"Aus Absicht. Wir sind Euch aus Damaskus auf dem Fuße gefolgt. Also Euer Dolmetscher?"
"Fort!"
"O weh! Mit seinen Sachen?"
"No! Die sind hier."
Er deutete dabei mit der Hand nach der Maueröffnung.
"Wirklich? O, das ist prächtig, das ist gut! Erzählt einmal!" "Was, wovon? Alles?"
"Nur von Eurem Dolmetscher, den wir verfolgen. Zu allem anderen ist später Zeit."
"Verfolgen? Ah! Warum?"
"Er ist ein Dieb und außerdem ein alter Feind von mir."
"Dieb? Hm! Wohl Juwelendieb?"
"Allerdings. Habt Ihr sie gesehen?"
"Yes! Werde es Euch sagen. Traf den Kerl in dem Zelte. Er hatte gesehen, daß ich Englishman bin, und sprach mich englisch an. Hatte einen Handel mit Olivenöl vor und wollte dann nach Beirut. Ich wollte nach Jerusalem und engagierte ihn. Er versprach mir, mit nach Jerusalem zu gehen und dann von Jaffa aus zur See nach Beirut zu fahren. Den Führer wollte er auch besorgen. Ich war fertig in Damaskus und wartete. Da kam er und holte mich ab. Einen Führer nahm er in Salehiëh - - -"
"Ich weiß es; ich habe mit ihm gesprochen."
"Well! Er muß Euch begegnet sein. Also wir ritten den Antilibanon empor; bereits am Abend wurde ich aufmerksam, und am Morgen bemerkte ich, daß wir nicht auf der Straße nach Jerusalem waren. Ich merkte weiter auf und zankte. Er leugnete erst und gab endlich zu, daß er zunächst nach Baalbeck wolle, um mir Fowling-bulls zu zeigen. Das war mir recht, aber ich hatte einmal Mißtrauen gefaßt. Er hatte solche Eile gehabt, Damaskus zu verlassen, und ritt so unsinnig, als sei er auf der Flucht. Hier schien er bekannt zu sein, denn wir ritten grad auf diese Mauer zu, und er sagte mir, daß das Loch ein sehr gutes Nachtquartier gebe. Wir schliefen; draußen standen die Pferde. Da hörte ich wie im Traume ein Pferd schnauben, und dann griff mir jemand in die Tasche. Ich wachte auf; es war Morgen, und mein Portefeuille fehlte. Rasch sprang ich auf und ergriff die Büchse. Draußen ritt der Dolmetscher davon. Ich legte an und schoß. Das Pferd stürzte. Der Mann wollte den Sattelpack fortnehmen, aber er war zu fest angebunden, und als ich dann kam, entfloh er. Den Pack nahm ich, und als ich ihn aufmachte, fand ich goldenes Geschmeide und Juwelen."
"Was war in Eurem Portefeuille?"
"Ah! Oh! Lauter Kostbarkeiten: Heftpflaster, Zwirn, Nähnadeln und solches Zeug. Mein Geld habe ich wo anders. Well!"
"Hört, Sir, das ist eine ebenso ungewöhnliche wie glückliche Fügung. Der Mann, dem diese Juwelen gestohlen sind, ist bei mir."
"Ruft ihn! Soll sie wieder haben!"
"Wo sind sie?"
"Da, hier."
Er ging in das Loch und kehrte mit einem Paket zurück, welches er öffnete. Es enthielt außer einem Hemd und einem Turbantuche nur Kartons und Etuis. Ich deckte die Sachen zu und drückte die Büchse zweimal ab. Gleich darauf antwortete ein Schuß, der aus nicht allzu großer Entfernung kam. Jetzt schob ich Lindsay und die drei andern in das Loch zurück, um mir die Ueberraschung nicht zu verderben. Bald kam Halef mit Jacub Afarah herbei. Beide erblickten nur mich mit dem Paket an der Erde.
"Hast du geschossen, Sihdi?" fragte Halef.
"Ja."
"So hast du etwas gefunden?"
"Allerdings. Jacub Afarah, willst du nicht das Turbantuch einmal von diesen Sachen wegnehmen?"
Er bückte sich, tat es und fuhr mit einem Schrei des freudigsten Schreckens empor.
"Allah ïa Allah, meine Sachen!"
"Ja, sie sind es. Zähle nach, ob vielleicht etwas fehlt!"
"O Herr, sage schnell, wo du sie gefunden hast!"
"Nicht mir hast du sie zu verdanken, sondern dem Manne, welcher sich hier in der Höhle befindet. Hole ihn heraus, Halef!"
Der kleine Hadschi trat hinein und stieß einen Ruf der Freude aus.
"Allah akbar, der Engländer!"
Jetzt gab es zunächst das Allernotwendigste zu erklären, und dann ging ich in das Loch, um mir dessen Inneres anzusehen. Ich bemerkte einen mächtigen Bogengang, der nach innen zu verschüttet und dessen eine Seite auch so eingefallen war, daß man nach Forträumung der Trümmer einen ziemlich großen, zimmerartigen Raum erhalten hatte. Da standen die vier Pferde Lindsays, und da lagen auch seine Habseligkeiten. Das erschossene Pferd draußen war mit Schutt bedeckt worden, damit es nicht die ekelhaften Aasgeier in die Nähe locke; darum hatte ich es nicht gesehen.
Jacub war ganz glücklich, seine Sachen wieder zu haben; aber es ärgerte ihn gewaltig, daß der Dieb entkommen war.
"Ich gäbe viel darum, wenn ich ihn fangen könnte. Ist das nicht möglich, Herr?" fragte er mich.
"Ich an deiner Stelle würde sehr froh sein, die gestohlenen Gegenstände wieder zu besitzen."
"Aber ebenso froh wäre ich, wenn ich den Dieb hätte!"
"Hm! Möglich wäre es, seiner habhaft zu werden."
"Wie?"
"Glaubst du, daß er einen so reichen Raub im Stiche lassen wird, ohne wenigstens den Versuch zu machen, ihn wieder zu holen?"
"Er wird sich hüten, zu uns zu kommen!"
"Weiß er, daß wir anwesend sind? Er hat jedenfalls Baalbeck sofort verlassen und also nicht gesehen, daß wir uns hier befinden. Er wird wahrscheinlich zurückkehren, weil er glaubt, mit Sir David und dem Diener leicht fertig zu werden, falls er sie überraschen kann. Dabei nun könnte er festgehalten werden."
"Das wollen wir tun. Wir bleiben hier, bis wir ihn haben!"
"So dürfen wir uns und unsere Pferde nicht sehen lassen. Auch die Khawassen müssen verschwinden. Am besten ist es, sie gehen nach dem Dorfe in die Kaserne; es wird sie freuen, nichts zu tun zu brauchen. Auch unsere Pferde, welche uns hier im Wege sind, könnten wir in das Dorf geben und jemand dazu, der sie bewacht."
"Ich werde das besorgen. Ich gehe zum Vorsteher oder vielmehr zum Kodscha Pascha, denn Baalbeck ist kein Dorf, sondern eine Stadt, und werde das Nötige mit ihm verabreden."
Er stieg auf und ritt davon. Ich hätte das lieber selbst besorgt, aber Jacub befand sich ja im Besitze von Papieren, welche jeder Beamte respektieren mußte.
Als ich jetzt vor das Loch trat und nach der Mauer blickte, welche ich als Stelldichein bezeichnet hatte, war noch kein einziger der Khawassen dort zu sehen. Ich vermutete sehr richtig, wie sich später zeigte, daß sie gar nicht an das Suchen gedacht hatten, sondern in die Stadt geritten waren, um sich's im Kaffeehause bequem zu machen und dabei zu prahlen, daß sie ausgezogen seien, einen großen Spitzbuben zu fangen.
Jetzt erst war es möglich, über Früheres zu sprechen, und ich begann damit, Lindsay unsere Schicksale zu erzählen.
"Ich hielt Euch für tot," sagte er, als ich geendet hatte.
"Warum?" fragte ich.
"Die Kerls sagten es, welche mich fingen."
"Also gefangen seid Ihr gewesen, Sir?"
"Sehr, ganz sehr, well!"
"Von wem denn?"
"Ah! Ich ging mit den Arbeitern fort, um zu graben; den einen von ihnen konnte ich als Dragoman so leidlich benutzen. Wir fanden nichts, aber Euer Blatt fand ich, als wir zurückkehrten. Wir folgten Euch und suchten den Kanal Anana auf; eine Dummheit, eine sehr große, war das!"
"Weil ihr gefangen wurdet?"
"Yes! Wir lagen dort und schliefen - - -"
"Ah, es war am Abend?"
"Nein, es war noch am Tage, sonst hätte einer gewacht, und es wäre uns nicht passiert. Also, wir lagen da und schliefen; da fielen sie über uns her, ehe wir es dachten, ehe wir es wußten. Yes! Und ehe wir uns wehren konnten, waren wir gebunden und unsere Taschen leer."
"Hattet Ihr viel Geld bei Euch?"
"Nicht sehr, denn wir wollten ja nach Bagdad zurück."
"Wer waren die Kerls?"
"Araber. Sie sagten, daß sie zum Stamme der Schat gehörten."
"So waren es wohl dieselben, welche dann später vor unserer Krankheit flohen."
"Wird wohl so sein. Wir blieben einige Tage in den Ruinen versteckt und mußten hungern; dann schleppten sie uns fort."
"Wohin?"
"Weiß nicht. Es war lauter Sumpf und Schilf. Sie wollten uns nichts tun, sie wollten nur Geld, und dann sollte ich frei sein. Ich mußte einen Brief schreiben, den wollten sie nach Bagdad tragen und das Geld holen, zwanzigtausend Piaster. Ich schrieb an John Logman, aber so, daß die Kerls nichts bekamen. Er sagte, sie sollten in drei Wochen wieder kommen, denn er hätte nicht so viel Geld da."
"Aber das konnte Euch ja gefährlich werden!"
"Nein, es wurde gut, denn ich entfloh. Man schaffte uns näher an Bagdad, wo sie einem andern, feindlichen Stamm an die Grenze kamen. Ein Trupp derselben geriet in unsere Nähe, und es entspann sich ein Gefecht. Sie siegten zwar, wie ich denke, denn sie hatten die Uebermacht; aber unterdessen gelang es uns, fortzukommen und Bagdad zu erreichen. Werde Euch das einmal ausführlicher erzählen, wenn wir Zeit haben."
"Suchtet Ihr unser Logis auf?"
"Yes. Da hörte ich, daß Ihr zu den Haddedihn gegangen wäret. Was konnte ich tun? Ich mußte zu Euch und zu den Irländern. Nun war es mit der Seefahrt nichts mehr; darum verkaufte ich die Jacht, die so lange untätig vor Anker gelegen hatte. Mit dem Hadramauter hatte ich nichts zu schaffen, da Ihr ihn bereits abgelohnt hattet. Ich nahm also einen Mann, der das Englische verstand, und schloß mich dem Kurier an. Das war ein schneller Ritt! Bei Selamija setzten wir über den Tigris, um Euch aufzusuchen; aber wir fanden keine Haddedihn. Sie waren fortgezogen, und Ihr waret tot."
"Wer sagte das?"
"Es waren von den Abu Salman fremde Reisende geplündert und getötet worden, und das paßte ganz auf Euch. Ich wollte mich nicht auch totschlagen lassen und ging nach Damaskus. Da schickte ich den Dolmetscher wieder zurück und blieb drei volle Wochen. Bin von früh bis abend auf den Straßen gewesen. Hättet Ihr im Christenviertel gewohnt bei Europäern, so hätten wir uns getroffen. Das andere habt Ihr bereits gehört. Wollt Ihr es ausführlicher, Master?"
"Ich danke; es genügt. Es war sehr gewagt von Euch, in dieser Weise den Ritt von Bagdad nach Damaskus zu unternehmen - - -"
"Pshaw! Habt Ihr es anders getan?"
In diesem Augenblick sahen wir durch den Eingang des Loches einen Trupp Männer weit drüben vorüberreiten. Sie hielten nach dem Wege zu, auf welchem wir gekommen waren, und als ich schärfer hinschaute, erkannte ich, daß es - die Khawassen waren.
Was hatten sie vor? Warum kamen sie nicht zu der Zyklopenmauer, an welche ich sie bestellt hatte? Diese Frage sollte mir in kurzer Zeit beantwortet werden, denn der Juwelier kehrte aus der Stadt zurück und brachte den Kodscha Pascha mit. Dieser war ein ehrwürdiger Mann, dessen Aeußeres Vertrauen erweckte.
"Sallam!" grüßte er, als er eintrat.
"Aaleïkum!" antworteten wir.
"Ich bin der Kodscha Pascha von Baalbek und komme, um euch zu sehen und eine Pfeife mit euch zu rauchen."
Er griff unter sein Gewand und zog den Tschibuk hervor. Lindsay schob ihm augenblicklich Tabak hin und gab ihm dann auch Feuer.
"Du bist uns willkommen, Effendi!" sagte ich. "Wirst du uns erlauben, eine kurze Zeit auf dem Gebiete zu verweilen, welches du regierst?"